„Free in/free out“: Schulbuch-o-mat will freie Schul-E-Books schaffen

„Freies Netzwissen rein – offenes eSchulbuch raus“ – nach diesem Motto möchte das Projekt Schulbuch-o-mat das erste freie elektronische Schulbuch Deutschlands publizieren: „ohne Verlage, ohne Urheberrecht, alles frei zu verwenden und zu kopieren“, versprechen die Macher Heiko Przyhodnik und Hans Hellfried Wedenig – und setzen zu diesem Zweck einerseits auf die Creative Commons-Lizenz (CC-BY), andererseits auf Crowdfunding via Startnext. Als Pilotphase ist dort gerade eine Spendenkampagne angelaufen, mit der ein Biologiebuch für die Klassenstufe 7/8 realisiert werden soll, und zwar „lehrplankonform“. Das heißt: die meisten Inhalte könnten bundesweit im Biologieunterricht der Sekundarstufe I verwendet werden. Zentraler Dreh- und Angelpunkt des Projekts wird die Online-Plattform Schulbuch-o-mat, um die einzelnen Inhalte zu sammeln und den Publikationsprozess zu koordinieren.

„Das Schulbuch ist in die Jahre gekommen“, wissen die beiden Schulbuch-o-mat-Erfinder aus eigener Erfahrung. Biologielehrer Heiko Przyhodnik etwa ärgerte sich immer wieder darüber, „dass vorhandenes Lehrmaterial oft veraltet ist und somit der aktuelle Stand der Biologie nur mit viel eigenem Engagement und enormen Zeitaufwand verbunden ist.“ Sobald Pädagogen statt mit Schere und Papier mit Copy-Paste arbeiten, lauern zudem juristische Fallstricke – nicht umsonst wollten Fachverlage sogar einen „Schultrojaner“ in Umlauf bringen, um digitalen Coypright-Verletzungen auf die Spur zu kommen. Der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften Hans Hellfried Wedenig vergleicht für seine Doktorarbeit momentan die Einführung von digitalen Schulbüchern in Deutschland, Südkorea und den USA. Seine Forderung: das „öffentlich verfügbare Wissen gerade den jungen Menschen altersgerecht, verantwortungsvoll, interessant, frei und vor allem zeitgemäß zu servieren“.

Das ebenso crowdfinanzierte wie crowdgesourcte Bio-Buch soll modular aufgebaut sein, verschiedene Aufgaben für verschiedene Lernniveaus enthalten, Tests, multimediale Grafiken und Filme. „Zehntausende freie Schulmaterialien stehen auf Hunderten Webseiten verstreut im Netz“, so Przyhodnik und Wedenig. „Diese Materialien möchten wir nutzen.“ Dabei hoffen sie nicht nur auf die Mitarbeit von LehrerInnen und Fachleuten: „Alle, Lehrer, Schüler, Eltern, partizipieren bei der Entstehung und Weiterentwicklung des Buches und bestimmen somit letztlich auch über die Art, wie sie lernen wollen.“ Als Systembasis wäre neben Open-Source-Plattformen wie Booktype oder booki dabei auch ein auf Schulbücher spezialisiertes Framework wie „eLesson Markup Language“ denkbar – bei der Auswahl soll wiederum die Crowd mitentscheiden.

Der Kostenrahmen ist vergleichsweise bescheiden – 10.000 Euro haben die Schulbuch-o-mateure für das freie eBiobuch veranschlagt. Der Löwenanteil (6000 Euro) soll als Spende an das Wiki-Fachportal „Biologie“ gehen, betrieben vom Verein „Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet“ (ZUM), sowie an den am Ende ausgewählten gemeinnützigen Systempartner (Booktype/Sourcefabric, FLOSS Manuals Foundation/Booki oder eLML/Uni Zürich). Für Honorare und Betriebskosten sind 4000 Euro eingeplant. Während des Startjahres will man sich zudem auch aktiv nach öffentlichen und privaten Förderungsmöglichkeiten umsehen, um eine langfristige Finanzierung von Schulbuch-o-mat zu garantieren. Da das Endprodukt kostenlos erhältlich sein wird, beschränken sich die „Incentives“ der aktuellen Crowdfunding-Kampagne auf symbolische Dankeschöns.

Abb.: Screenshot

Self-Publishing mit iBooks author: Apples neues Tool für multimediale E-Books

Apple attackiert Amazon: mit der kostenlosen „iBooks Author“-App gibt es jetzt ein komfortables Self-Publishing-Tool, mit dem multimediale E-Books erstellt und direkt im iBookstore angeboten werden können. Gleichzeitig wird Apples E-Reader App iBooks ein Update verpasst – iBooks Version 2 eignet sich nun auch für interaktive 3-D-Objekte, großformatige Bilderstrecken und Video-Animationen. Vorgestellt wurden die Neuerungen bei einem großen Apple-Event im New Yorker Guggenheim-Museum. Hauptziel der Offensive ist der Schulbuch-Sektor. Bereits Steve Jobs hatte sich gegenüber seinem Biografen Walter Isaacson geäußert, dies sei „ein 8-Milliarden-Dollar-Markt reif für die digitale Zerstörung“. Auf dem Apple-Event verkündete nun der stellvertretende Marketing-Chef Philip Schiller: „Der Bildungsbereich ist tief in Apples DNA verankert“. Produziert wird die interaktive Lektüre am Mac, gelesen wird in Zukunft vor allem auf dem Tablet. Denn während Apples intuitiv zu bedienendes Autoren-Werkzeug „iBooks Author“ nur auf dem Desktop oder Laptop läuft, will das Unternehmen nun offenbar das iPad zum wichtigsten Lern- und Lesemedium machen. „Das iPad ist unser bisher aufregendstes Bildungs-Produkt“, so Schiller. Weltweit würden bereits mehr als 1,5 Millionen Geräte an Schulen genutzt.

Preise für Schulbücher sinken auf unter 15 Dollar

Schon alleine Apples Schulbuch-Coup könnte die Branche kräftig durcheinander wirbeln. Denn Bildungsverlage wie McGraw-Hill, Pearson oder Houghton Mifflin Harcourt wollen ihre Unterrichtslektüre jetzt via iBooks für 15 Dollar und weniger pro Exemplar anbieten. Die Papierversionen kosten oft das fünffache. Dafür konnten die gebrauchten Schmöker allerdings auch nach dem Ende des Schuljahrs weiterverkauft werden, oft bis zu fünfmal. Einen Second-Hand-E-Book-Markt wird es dagegen dank DRM nicht geben. Somit dürfte sich der neue Vertriebsweg trotz niedrigerer Preise lohnen. Für die Verlage, und natürlich auch für Apple – die „Fruit Company“ hat via iBooks 2 nun ebenfalls einen Logenplatz in der Oase der Bildung. Voraussetzung ist natürlich, dass genügend iPads im Umlauf sind. Deswegen hagelte es parallel zum New Yorker „Education Event“ harsche Kritik. Denn wie sollen sich Schüler in ärmeren Stadtbezirken ein Luxus-Tablet für (mindestens) 500 Dollar leisten? Sie sind eigentlich eher Zielgruppe für das „One Laptop per Child“-Programm, das kürzlich mit dem X0-3 ein 100-Dollar-Tablet vorgestellt hat.

iBooks Author als neuer Standard im Self-Publishing

Weitaus größere Beachtung dürften normale Publikumsverlage wie auch Autoren aber wohl Apples Offensive im Bereich des Self-Publishing schenken. „Building a book is as easy as dragging and dropping“, verspricht das Unternehmen. Und tatsächlich könnte iBook Author im „enhanced“-Bereich das Zeug zum neuen Standard im E-Book-Publishing haben. Texte aus der Word-Anwendung, Bilder und Videos, ja sogar Elemente aus Präsentationen lassen sich mit Apple-üblichem Komfort zu einem neuen Dokument zusammenstellen. Widgets, Multi-Touch-Felder und Animationen können einfach konfiguriert werden. Inhaltsverzeichnisse und Glossare werden automatisch angelegt. Geschickt spielt Apple hier den strategischen Vorteil der eigenen Geräteplattform aus: zwar mögen bereits Millionen Menschen Kindle-Geräte für die Lektüre nutzen. Doch die meisten Autoren schreiben ihre Texte immer noch auf dem Mac. In Zukunft reichen ihnen ein paar Mausklicks, um den Content in den iBookStore zu bringen. Verkauft werden darf die multimediale Version nur dort, möglich ist zudem der Export von PDFs. Um überhaupt in den Genuss des neuen Tools zu kommen, werden einige der Skribenten wohl auch erstmal aufrüsten müssen. Denn wer iBooks Author zum Laufen bringen möchte, muss mindestens Mac OS X 10.7 (Lion) installiert haben.

„Reif für die digitale Zerstörung“: Was bringt Apples großer Schulbuch-Coup?

Aller Augen warten auf Apple – wird am 19. Januar im New Yorker Guggenheim-Museum das nächste große Ding präsentiert? Soviel scheint klar: im Mittelpunkt des Events steht Technologie für den Bildungssektor, genauer gesagt, für elektronische Schulbücher. Dabei handele es sich um eine „acht Milliarden-Dollar-Industrie, reif für die digitale Zerstörung“, hatte der späte Steve Jobs seinem Biografen Walter Isaacson noch in die Kladde diktiert. Glaubt man dem Alpha-Geek-Blog Ars Technica, kündigt Apple nichts weniger als das „Garage Band“ für interaktive E-Books an. Verlage wie auch Autoren wünschen sich schon lange ein einfach zu bedienendes Tool, um aus verschiedenen medialen Elementen E-Books mit enhanced-Charakter zusammenzusetzen. Nicht nur die Tablet-Klassen an us-amerikanischen Schulen könnten von Apples Vorstoß profitieren.

Dem Vernehmen nach soll die neue App das bisherige iBooks zu einer Self-Publishing-Plattform erweitern. Ähnlich wie bei Amazons Kindle Direkt Publishing-Programm könnte damit also neu geschaffener Content reibungslos auf iPad und iPhone gebracht werden. Dabei wird Apple wohl auf den neuen E-Book-Standard epub 3 setzen, der die Einbindung von Multimedia-Inhalten ermöglicht. Wie schon bisher dürfte Apple dabei nicht als Content-Produzent auftreten, sondern nur als Vermittler. „Practically speaking, Apple does not want to get into the content publishing business,“ zitiert Ars Technica den Brancheninsider Matt MacInnis. „Like the music and movie industries, Apple has instead built a distribution platform as well as hardware to consume it—but Apple isn’t a record label or production studio.“

Viele Beobachter erwarten zudem, dass Apple ein besonderes Gewicht auf die soziale Interaktion im Klassenzimmer legen wird. Von der Laptopklasse direkt zur Tablet- und Smartphone-Klasse, in der Social Media-Streams das Oktavheft ersetzen? Die Zeit für das gedruckte Schulbuch des Gutenberg-Zeitalters scheint jedenfalls unweigerlich abzulaufen. „Die Google-Galaxis schreddert alle starrten Textblöcke“, glaubt auch der deutsche Literaturwissenschaftler und IT-Experte Martin Lindner. „Ein Buch ist in der Google-Ära nichts Festes mehr: eher so etwas wie eine vorübergehende Ballung von flüssigem Wissenstoff.“ Als Grundausrüstung für die Schule von heute empfiehlt der Unternehmensberater neben iPad und iPhone digitale Stifte wie den Life-Scribe sowie E-Book-Reader. „Zusammen kostet das noch rund 400 Euro pro SchülerIn und Jahr. Dafür spart man sich: Fotokopien, Bücher, Beamer, Computerräume“.

Die Schulbuchverlage werden wohl oder übel auf diesen Trend aufspringen müssen. Denn wenn sie nichts zu bieten haben außer digitalen Kopien ihrer bisherigen Schmöker (und Schultrojanern, die den Schulserver danach durchstöbern), ist ihre bisherige Marktposition kaum zu halten. Zu den Hauptkonkurrenten dürften in Zukunft ausgerechnet die Kunden selbst werden – wird nämlich das „Garage Band“ für E-Books zum neuen Standard, können Schüler, Eltern und Lehrer die Produktion der Unterrichtsmaterialien am Ende notfalls auch selbst in die Hand nehmen.

Abb.: flickr / =_RoBeR_=