Silicon Valley liegt in Ostfriesland: Christiane Meyer-Ricks, Die Moorheiligen (Krimi)

wirtschaftskrimi-die-moorheiligenAnfang der 1970er Jahr, als in den Büros noch mit Schreibmaschine getippt und mit Tischrechner addiert wurde, zählte die Olympia Werke AG im ostfriesischen Wilhelmshaven zu den drei größten Büromaschinen-Herstellern der Welt — fast so bedeutend wie IBM. Dann kam der PC, der bekanntlich nicht in Ostfriesland erfunden wurde, sondern im kalifornischen Silicon Valley. Die Schreibmaschine, genauso wie die Schreibmaschinen-Hersteller, landeten auf der Müllhalde der Geschichte. Doch wie wäre es, wenn alles ganz anders gewesen wäre — und die Mikrocomputer-Revolution um ein Haar in der norddeutschen Tiefebene passiert wäre?

Ein Manager verschwindet im Moor

Genau das ist der Kern von Christiane Meyer-Ricks Wirtschaftskrimi „Die Moorheiligen“ — der mit der Entdeckung einer mumifizierten Moorleiche in der Nähe von Greveshaven beginnt, offenbar das Opfer eines Mordfalls. Schnell findet der ermittelnde Staatsanwalt Jorik Hein heraus: bei dem Toten handelt es sich um Erich Gabert, Top-Manager der Greveshavener Schreibmaschinen-Fabrik Viktoria. Mitte der 1970er Jahre verschwand er spurlos — doch kaum ist er wieder aufgetaucht, geschehen weitere mysteriöse Dinge. Der ehemalige Viktoria-Chef Hans Bauer fällt einem Giftmord zum Opfer. Und plötzlich wird ein weiterer ehemaliger Viktoria-Manager vermisst: Karl Kruse.

Propheten einer Wachstumsreligion

Seine Enkelin, die Berliner Journalistin Mirjam Kruse, beginnt zu recherchieren, und stößt auf das geheimnisumwobene Trio der „Moorheiligen“, drei führenden Viktoria-Managern, die den Aufstieg des Unternehmens seit den 1960er Jahren begleitet hatten. Auf dem Weg zum Erfolg war den Vermarktungs-Genies Erich Gabert, Karl Kruse und Adrian Kiss jedes Mittel recht, aber auch: Mord? Von der Belegschaft wurden sie verehrt wie die Propheten einer Wachstumsreligion. „Sie waren die Moorheiligen, und an ihnen zu zweifeln, war, wie an der Existenz Gottes zu zweifeln — gefährlich“, erzählt ein Zeitzeuge.

Mikrochip-Patent made in Friesland

Mirjam Kruse hatte ihren Großvater geradezu vergöttert. Nun beginnt sie, an ihren Erinnerungen zu (ver-)zweifeln. Immer mehr verstörende Fakten tauchen auf. Was wurde aus dem Patent für einem neuartigen Mikrochip, den ein Viktoria-Manager 1975 erfunden hatte? Hat Gaberts Ermordung damit zu tun? Stecken die Moorheiligen am Ende auch hinter großangelegten Wirtschaftsverbrechen im Zuge globaler Expansionspläne? Alle Wege scheinen zurückzuführen auf das ehemalige Werksgelände der Viktoria AG — und zugleich in Mirjam Kruses eigene Familiengeschichte…

Ein spannend erzählter Krimi mit viel Lokalkolorit, im Kern ein schöner Verschwörungs-Plot — wenn auch komplett fiktiv. Die tatsächlichen Gründe für den Absturz der Olympia-Werke waren schließlich weitaus trivialer: der friesische Büromaschinen-Riese war seit den 1970er Jahren gegenüber der internationalen Konkurrenz technologisch ganz einfach viel zu weit im Rückstand.

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Christiane Meyer-Ricks,
Die Moorheiligen. Krimi
Taschenbuch 10,90 Euro
E-Book (Kindle) 8,99 Euro

Nachrichten über den Tod der Schreibmaschinen-Industrie sind stark übertrieben

Als die „allerletzte“ Schreibmaschinen-Fabrik Godrej & Boyce in Mumbai ihre Pforten schloss, schien das Ende einer Ära erreicht. Kaum dreißig Jahre nach Erfindung des PCs hatten Word & Co. dem mechanischen Schreiben den Garaus gemacht. Bald gab es jedoch Entwarnung: ähnlich wie das Vinyl haben auch elektrisch oder mit Muskelkraft betriebenen Büromaschinen ein Nachleben. Verantwortlich ist dafür nicht nur die Kundschaft von Manufactum oder die eine oder andere Verwaltung eines Schwellenlandes, sondern auch das Gefängnis-System der USA.

Adieu Gabriele, Monika und Hermes Baby

Sie heißt Gabriele, Monika oder Hermes Baby, wiegt selten weniger als zwei bis drei Kilo, und war lange Zeit treue Begleiterin von Schriftstellern, Journalisten und einem Heer von Verwaltungsangestellten. Gegenüber der noch kurzen Geschichte von Laptop & PC hat die Schreibmaschine bereits mehr als hundert Jahre auf dem Buckel. Schon 1714 reichte der Amerikaner Henry Mill das erste Patent auf einen „Typewriter“ eine, doch erst in den 1870er Jahren begann die Serienfertigung der ersten echten Schreibmaschinen. Friedrich Nietzsche hämmerte auf einem der ersten Kugelkopf-Modelle herum, Mark Twain war von den neuen Aufschreibesystemen ebenso sehr angetan. Doch die Hochzeit des mechanischen oder elektrischen Tippens ist eindeutig vorbei. Selbst im Literaturarchiv Marbach werden schon die ersten Computertastaturen archiviert. So mochte man die Nachricht vom Schließen der letzten Schreibmaschinen-Fabrikgerne glauben: „Godrej and Boyce – the last company left in the world that was still manufacturing typewriters – has shut down its production plant in Mumbai, India with just a few hundred machines left in stock“ , schrieb Ende April die Daily Mail.

Letzte Refugien des mechanischen Schreibens

Zu den letzten lieferbaren Maschinen gehörten hauptsächlich solche mit arabischen Zeichen. „Although typewriters became obsolete years ago in the west, they were still common in India  – until recently“, hieß es weiter. Schließlich habe aber auch in Indien der Computer die alten Bürogeräte verdrängt. Habe man zehn, fünfzehn Jahre zuvor noch 50.000 Stück produziert, seien es zuletzt nur noch 800 Maschinen pro Jahr gewesen. Der Business Standard zitierte den Firmenchef Milind Dukle mit den Worten, dies sein nun wahrscheinlich die allerletzte Gelegenheit für Sammler, noch ein Exemplar der aussterbenden Art zu ergattern. Und Jacques Perrier, Direktor des Schreibmaschinen-Museums in Lausanne, bestätigte gegenüber der französischen Online-Zeitung rue89, Godrej & Boyce sei tatsächlich der letzte Hersteller weltweit gewesen, in Europa habe man die Produktion schon Ende der 1980er Jahre aufgegeben. Und merkte noch an, betroffen von der Schließung seien höchstens ein paar Verwaltungen afrikanischer Länder. Kenner des aktuellen Manfactum-Katalogs hätten schon zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass die Geschichte nicht ganz stimmen konnte.

Schreibmaschinen mit Plexiglasgehäuse haben Zukunft

Neben Emaille-Eimern, Bakelit-Telefonen und unkaputtbaren Glühbirnen gibt es beim legendären Retro-Versandhändler schließlich noch „gute Dinge“ wie die Olympia SG 3 N. Gewicht: 16 Kilogramm, Preis: 590 Euro. O-Ton Manufactum: „der Inbegriff der Behördenschreibmaschine und feinmechanisch so ausgereift, daß sie seit 1958 praktisch unverändert gebaut wird“. Neben gut betuchten Nostalgikern im alten Europa gibt es in den USA jedoch noch einen viel größeren Kundenstamm für Schreibmaschinen– nämlich Millionen von Gefängnisinsassen, denen der Besitz von Computern untersagt ist. Davon wiederum profitiert Swintec. Das US-Unternehmen hat sich auf den Bedarf von Bürotechnik „designed for correctional institutions“ spezialisiert. Mit dem Manufactum-Modell kann man diese Fabrikate jedoch kaum vergleichen. Erstens funktionieren die Swintec-Typewriter elektrisch. Zweitens sind sie durchsichtig – sie haben ein durchsichtiges Plexiglasgehäuse:. “We have contracts with correctional facilities in 43 states to supply clear typewriters for inmates so they can’t hide contraband inside them” , so Swintec-Mitarbeiter Ed Michael. Sogar die Gehäuse der Farbbänder sind durchsichtig. Im Prinzip mag die Nachricht vom Tod der Schreibmaschine also stimmen. Sie betrifft aber vor allem blickdichte Modelle.