[Indie-Lounge] „Ich treffe mit meinen Gedanken den Nerv der Menschen“ – Kirsten Wendt im Interview

kirsten-wendt-interview-indie-loungeHeute zu Gast in der Indie-Lounge: Kirsten Wendt.Die Bestseller-Autorin aus Niedersachsen liebt Glossen und Kurzgeschichten, schreibt aber auch Liebesromane und Psychothriller, letztere meistens unter Pseudonym. Unter ihrem richtigen Namen ist Kirsten dagegen vor allem bekannt als Sachbuchautorin, die über Migräne und Übergewicht berichtet – und ihren Lesern zeigt, wie man beides los wird. Das tut sie in seltener Offenheit und schreckt dabei auch nicht vor Vorher-nachher-Fotos zurück.


„Auf das Top-Ranking bin ich gar nicht stolz“


Klaus Seibel: Kirsten, Menschen lieben Medaillenspiegel, Bundesligatabellen, Bestsellerlisten. Was war bisher dein bestes Ranking? Worauf bist du besonders stolz?

Kirsten Wendt: Mit meinem besten Ranking kann ich nur für mich alleine angeben, weil es sich dabei um ein geheimes Pseudonym handelt. Mit diesem Titel stand ich lange in den Top 10 der Amazon Kindle Charts. Darauf bin ich aber nicht stolz; ich finde es einfach nur witzig. Ich mag den Gedanken, dass ich ohne Verlagsunterstützung genug Geld verdiene, obwohl ich trotzdem gerne bei bestimmten Buchprojekten einen großen Verlag im Rücken hätte. Stolz auf meine Leistung wäre ich erst, wenn ich wichtige Literaturpreise gewinnen würde. Auf solche Dinge stehe ich total.

Du schreibst Sachbücher über den Umgang mit Migräne und zu viel Gewicht. Wie bist du darauf gekommen?

Ich litt jahrzehntelang unter Migräne, die mein Leben stark beeinträchtigte. So ähnlich war es auch mit dem (Über-)Gewicht. Letzteres tut zwar nicht so weh wie Migräne, nervt aber trotzdem. Beide Themen gehören bei mir glücklicherweise der Vergangenheit an, betreffen aber viele Menschen. Darum habe ich darüber geschrieben. Und schön, dass ich diesen Talkshow-Klassiker gleich mal zu Beginn loswerden kann: Das steht alles in meinem neuen Buch!

kirsten-wendt-ich-kann-auch-schlank


„Die Low-Carb-Diät hat auch meine Migräne besiegt“


Wenn ich an einem Regal mit Frauenzeitschriften vorbeigehe, habe ich das Gefühl, es gibt jede Woche mindestens einhundert Diäten. Warum sollte jemand deine wählen?

Einen Diätratgeber im herkömmlichen Sinn habe ich nicht geschrieben. Vielmehr berichte ich in meinem ersten Dickerchenbuch, wie ich mit der Dukan-Diät innerhalb eines Dreivierteljahres 40 Kilo abgespeckt habe. Bei dieser Diät handelt es sich um eine Low-Carb-Variante, die speziell für starkes Übergewicht entwickelt wurde. Für mich war sie nicht nur wegen meiner Figurprobleme ein Segen, sondern ich verlor damit auch völlig unerwartet die Migräne.
Nach der Veröffentlichung von „Ich kann auch schlank“baten mich viele Leser um Informationen darüber, wie es mir weiterhin ergangen ist. Jeder Mensch im Kilokampf kennt den Jo-Jo-Effekt; darum wollten verständlicherweise alle wissen, ob ich mein neues Gewicht halten konnte. Davon berichte ich unter anderem in meinem neuen Buch „Nie mehr zu dick“.Inzwischen lebe ich nicht mehr streng nach Dukan, sondern bastle mir eine eigene Low-Carb-Welt zusammen, womit ich übrigens noch weiter abgenommen habe. Heute bin ich endlich zufrieden und bemühe mich, dass alles so bleibt, wie es ist. Trotzdem: Schlank zu bleiben, ist nicht immer toll und easy, sondern bedeutet auch den ständigen Konflikt mit dem inneren Schweinehund.
Nachmachen muss es mir niemand. Ich bin davon überzeugt, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, um abzunehmen. Meine Methode ist eine davon, und über die berichte ich.

Du schreibst nicht distanziert oder wissenschaftlich über Diät und Migräne, sondern ehrlich und persönlich. Ist das dein Rezept, das deine Sachbücher erfolgreich gemacht hat? Was sagen deine Leserinnen dazu? Und – hast du auch Leser?

Der Identifikationsfaktor ist ein großer Pluspunkt. Ich scheine mit meinen persönlichen Berichterstattungen den Nerv vieler Menschen zu treffen, die mir erzählen, dass ihnen meine Gedanken im Buch wie ihre eigenen vorkommen. „Endlich sagt mal jemand, wie es wirklich ist.“ So klingen typische Leserinnenbriefe – aber auch die der männlichen Leser. Ich habe nämlich zwar überwiegend weibliche Leser, aber es gibt durchaus auch Männer.
Ob ich mit einer weniger ehrlichen Erzählweise genauso erfolgreich wäre, weiß ich nicht. Am liebsten wäre ich natürlich noch viel erfolgreicher, aber dafür müsste ich vermutlich besonders beim Diätthema lügen, dass sich die Balken biegen. Mich nerven durchtrainierte Promis, die mir weismachen wollen, dass es ein Klacks ist, schlank und sportlich zu sein. Darum habe ich mich für die edle Seite entschieden und riskiere mit den ungemütlichen Aspekten einer Diät den Verlust von Leserzahlen. Über Verdauungsprobleme und Selbstzweifel spricht man halt nicht so gerne. Ich auch nicht, aber es gehört nun mal dazu.


„Liebesromane schreiben macht gute Laune“


Was ist dir dabei besonders schwer und was besonders leicht gefallen?

Besonders schwer ist mir die Veröffentlichung von Vorher-nachher-Fotos gefallen. Ständig wurde ich danach gefragt; da musste ich jetzt mal Butter bei die Fische geben. Die Nachher-Bilder sind nicht das Problem, aber Vorher … Das stellt schon ein echtes Problem für mich dar. Leicht hingegen fällt mir die heitere Sichtweise. Ich mag es, wenn man einfach mal über etwas lachen kann. Mir ist es allerdings unheimlich wichtig, dass sich niemand verletzt fühlt. Insgesamt ist die Kernaussage des Buchs – nämlich dass es immer nur darum geht, sich selbst wohlzufühlen – trotz des humorvollen Grundtons eher ernst und vor allem ehrlich.

Neben Sachbüchern schreibst du auch Liebesromane. Ist das für dich die Entspannung von der „Sache“?

Liebesromane zu schreiben macht einfach gute Laune. Wenn ich mich dabei in meinen Hauptprotagonisten verlieben kann, ist alles in Butter. Nur dieses ewige Hin und Her zwischen den Liebenden stört mich entsetzlich. Ich neige zur überstürzten Erzählweise und muss mich beherrschen, dass die Herrschaften nicht zu schnell miteinander im Bett landen.

Was fällt dir leichter, die „Sache“ oder die „Liebe“?

Die „Sache“ fällt mir leichter. Ich glaube, ich bin ganz gut im Formulieren und Sätze feilen, während manch anderer vor Fantasien strotzt. Das ist bei mir leider nicht so. Mein fantastischer Horizont ist begrenzt, und ich muss oft scharf nachdenken, um mir Fallhöhen und Irrwege auszudenken.

Du bist seit Anfang 2012 freiberufliche Autorin. Was hast du vorher gemacht?

Ich war als Vertrieblerin im Innen- und Außendienst beschäftigt. Gelernt habe ich ursprünglich den Beruf der Rechtsanwaltsgehilfin, bin später ins Sekretariat gerutscht und erst dann Salesmanager geworden. Man kann aber auch einfach Verkäufer dazu sagen, ist nämlich das Gleiche.


„Der Austausch mit Autoren-Kollegen ist wichtig“


Du hast dir den Schritt in die Selbstständigkeit als Schriftstellerin gründlich überlegt. Was waren für dich die wichtigsten Erfahrungen auf diesem Weg?

Man weiß nie, was die Leser wollen – und was sie nicht wollen. Die Bücher, die mir selbst am besten gefallen und für die ich am härtesten gearbeitet habe, werden verschmäht. Und wenn ich denke: Diesen Mist liest kein Mensch, wird es gekauft. Leider habe ich die Formel noch nicht gefunden, auf Knopfdruck wahlweise Mist oder Qualität zu produzieren. Ich finde es schwierig, als selbstständiger Autor zu planen, denn dabei gerät der kreative Aspekt in den Hintergrund. Außerdem betrachte ich mich als Neuling. Mir fehlt noch die Routine, mit der ich andere Arbeiten durchgeführt habe. Da arbeite ich hart an mir.
Undenkbar wäre für mich, keinen Kontakt zu Kollegen zu haben. Dieser Austausch ist immens wichtig und besonders im Selfpublishing wertvoll. Die Erfahrungen mit Menschen, die ich fast ausnahmslos im Internet kennenlerne und erst zu einem späteren Zeitpunkt im realen Leben treffe, sind fast immer positiv. Eine der wichtigsten Erfahrungen ist somit das Vertrauen in andere Menschen und mich selbst.

Woran hast du erkannt, wann es der richtige Zeitpunkt war, diesen Schritt zu tun?

Das habe ich sofort gemerkt. Ich arbeite gerne zu den unmöglichsten Uhrzeiten, was in meinem alten Job nicht ging. Nachts, am Wochenende oder im Urlaub. Dafür bin ich jetzt als Privatperson und Mutter flexibler und muss mich nicht um Urlaubsanträge und Krankmeldungen kümmern. Ich liebe diese Flexibilität, obwohl ich als Selbstständige viel mehr arbeite als zu Angestelltenzeiten. Keinem Chef mehr unterstellt zu sein, habe ich von der ersten Sekunde an genossen.

Hand auf’s Herz: Würdest du ihn wieder gehen? Gab es auch Zeiten, in denen du diesen Schritt bereut hast?

Ich würde es immer wieder so machen, auch wenn man deutlich mehr Kompromisse eingehen muss, als ich es mir vorgestellt habe. Immer nur Herzensbücher zu schreiben, funktioniert bei mir leider nicht. Bereut habe ich den Schritt noch nie, weil es viele Wege gibt, die man beschreiten kann.

Dein wichtigster Tipp für Autorenkollegen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen:

Bleib offen für Kritik und Anregungen – aber sei trotzdem selbstbewusst genug, um deiner Linie treu zu bleiben. Klingt schlau, nicht? Ich wäre froh, wenn ich mich in puncto Selbstbewusstsein immer daran halten würde.
In deinem neuesten Buch „Nie mehr zu dick“ geht es wieder ums Gewicht.

Warum sollten die Leserinnen von „Ich kann auch schlank“ dieses neue Buch lesen?

In meinem neuen Buch geht es nicht nur ums Hier und Jetzt, sondern auch um Erlebnisse in Kindheit, Jugend und danach. Ich fühlte mich einfach immer zu dick, obwohl ich es früher gar nicht war. Vielen Frauen geht es ähnlich. Die ständige Angst, aus der Form zu geraten oder es bereits zu sein, kann einem dauerhaft die Laune verderben. Es kommen im Buch auch zwei nette Kolleginnen zu Wort. Wiebke Lorenz, die mit ihrem aktuellen Thriller „Bald ruhest du auch“ die Bestsellerlisten anführt, hat einen lesenswerten Artikel beigesteuert. Und Bettina Meiselbach, deren Blog „Happy Carb – Mein Low-Carb-Weg zum Glück“ im Netz Furore macht, schenkte mir ebenfalls ein schönes Kapitel und sensationelle Low-Carb-Rezepte. Es kommt selten bei meinen eigenen Büchern vor, aber ich mag „Nie mehr zu dick“ richtig gerne. Es ist ein gutes und rundes Buch geworden.

Was wird nach diesen Büchern kommen? Was ist dein nächstes Projekt?

Mein nächstes Projekt ist eine Serie mit dem Titel „Liebe rückwärts“. Der Liebesroman spielt in den Neunzigerjahren, und ich bringe mich mit Musik von Snap! und Kool & The Gang in die richtige Stimmung.

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Ach, da würde ich gerne Dinge sagen, die mir wirklich wichtig sind – dafür brauche ich weniger als 100 Worte: Seid nett und friedlich zueinander. Achtet auf euch, eure Kinder und die Umwelt. Und kauft bitte meine Bücher.

Kirsten, ganz herzlichen Dank für deine offenen und ehrlichen Antworten. Ich wünsche dir noch viele gute Ideen, mit denen du das Leben deiner Leserinnen und Leser bereichern kannst.

Wer mehr über Kirsten und ihre Bücher erfahren möchte, kann sie gerne auf ihrer Homepage kirstenwendt.de besuchen.

[e-book-review] Schön Hühnchen, schön Hähnchen, oder: Warum man keine Tiere essen sollte

duve-anstandig-essenGehören Tiere auf den Teller? Und wenn nicht, was dann? Die Schriftsteller Jonathan Safran Foer und Karen Duve wollten es wissen, sie wagten den Selbstversuch. Vegetarisch, vegan, frutarisch. Und warfen einen Blick hinter die Kulissen der Nahrungsmittelindustrie, wo die Grenzen zwischen Lebewesen und Lebensmittel verschwinden. Das Ergebnis sind zwei Bücher: „Tiere essen“ und „Anständig essen“. Als Dreamteam des Ess-Sachbuchs begaben sich beide Autoren im Januar auf eine Lesereise durch Deutschland. Gerade rechtzeitig zur Dioxin-Affäre. Doch beim Essen nur an unsere Gesundheit zu denken, wäre ein Kurzschluss – unsere Mitgeschöpfe haben mehr Mitgefühl verdient. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel zeigt, welche Rolle dabei die Bücher von Foer und Duve spielen könnten.

Zwischen Königsschloss und Kellerverlies

„Duks“ sagen die drei Tiere im Grimmschen Märchen Das Waldhaus. Die Tochter des Holzfällers hat sich im Wald verlaufen und findet abends einen Schlafplatz in einer kleinen Hütte. Dort leben ein alter Mann, ein Hühnchen, ein Hähnchen und eine Kuh. Das Mädchen füttert die Tiere, und die danken es ihr: „Duks, du hast mit uns gegessen, / du hast mit uns getrunken, / du hast uns alle wohl bedacht, / wir wünschen dir eine gute Nacht.“ Das Versorgen der Tiere beschert dem Mädchen am Ende ein Erwachen im Königsschloß, erlöst ihre Tierliebe doch einen verzauberten Prinzen. Die bösen Schwestern dagegen landen im dunklen Kellerverlies – ihnen waren die Bedürfnisse von Hühnchen, Hähnchen und Kuh nämlich egal. Die hier märchenhaft beschriebene Verantwortung des Menschens für das Tier ist im Industriezeitalter längst in Schieflage geraten. Tiere sind keine Gefährten an der Esstafel mehr, sie landen auf ihr als möglichst billige Produkte der hochgerüsteten Massentierhaltung. Die Tiere haben auch keine Stimme mehr – so lange man ihnen keine gibt. Höchste Zeit also, dass die Schriftsteller mal wieder das Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Essen in den Blick nahmen.

Von der Hähnchen-Grillpfanne zum Huhn Rudi

„Anständig essen“ heißt Karen Duves Sachbuch, und es beginnt mit einer „Hähnchen-Grillpfanne“. Diese will die Autorin für 2,99 Euro in einem Supermarkt kaufen, wird aber von ihrer Öko-Mitbewohnerin daran gehindert. Das verschmähte Grill-Hähnchen wird zusammen mit der Frage, wie Fleisch so billig produziert werden kann, zum Auslöser eines „Selbstversuchs“, so der Untertitel von „Anständig essen“. Duve beginnt für ein Jahr, sich ethisch korrekt zu ernähren. Sie erprobt biologische, vegetarische, vegane und fruktarische Essweisen, recherchiert und nimmt an einer illegalen Tierbefreiung teil. Dabei rettet sie ein verletztes Hühnchen. So wird die „Hähnchen-Grillpfanne“ durch das Huhn Rudi ersetzt, das fortan auf ihrem Hof im brandenburgischen Ringenwalde lebt. Rudi wird der heimliche Star bei zahlreichen Fotoshootings, so zum Beispiel auf dem Cover des Berliner Stadtmagazins Tip. Mit dem geretteten Hühnchen findet Duves Buch ein gelungenes Bild für eine zurück erkämpfte Mensch-Tier-Beziehung. „Anständig essen“ besticht durch den vertrauten lakonischen Duve-Sound, die Informationsfülle und die subjektive Sichtweise der Autorin.

“Wenn nichts mehr wichtig ist, gibt es nichts zu retten“

Ähnlich wie das Huhn Rudi in „Anständig essen“ gibt es auch in Jonathan Safran Foers Bestseller „Tiere essen“ ein Haustier, das unser ambivalentes Verhältnis zu den Mitgeschöpfen deutlich vor Augen führt. Foer kontrastiert Beschreibungen des unerzogenen Familienhundes mit Hunderezepten aus anderen Kulturkreisen. Primärer Anlass für das Sachbuch war die Geburt seines erstens Kindes und die Frage, wie die neue Familie sich ernähren soll. Das Resultat von Foers Recherchen und Selbstbefragungen ist ein fulminantes Sachbuch, das enzyklopäpedisches Wissen, Interviews, Reportagen und Journalismus brilliant mischt. Auch die Familiengeschichte spielt eine Rolle – Foers jüdische Großmutter überlebte halbverhungert in einem Versteck den Holocaust. Direkt nach der Befreiung schenkte ihr ein russischer Bauer ein großes Stück Fleisch. Doch es war Schweinefleisch, also nicht koscher. Die Großmutter nahm keinen Bissen davon. „Auch nicht, um dein Leben zu retten?“, fragt sie der Enkel ganz entgeistert. „Wenn nichts mehr wichtig ist, gibt es nichts zu retten“, lautet die simple Antwort. Ähnlich wie Karen Duve isst Jonathan Safran Foer selbst überhaupt kein Fleisch mehr.

Dreamteam des kritischen Ess-Sachbuchs

Die deutsche Ausgabe von „Eating Animals“ enthält ein gesondertes Vorwort des Autors und eine Übersicht des Deutschen Vegetarierbundes zur Massentierhaltung in Deutschland. „Tiere essen“ berichtet u.a. über Kühe, die in ihrem eigenen Dreck festgefroren sind und denen nicht aufgeholfen wird, von der Grausamkeit der Käfighühnerhaltung oder aufgerüsteten Fangschiffen der Industriefischerei. Dass beide Bücher, auch vor dem Hintergrund des Dioxinskandals, den Zeitnerv treffen, beweist nicht zuletzt die ausverkaufte Lesereise des Dreamteams der kritischen Ess-Sachbücher – Foer und Duve lasen gemeinsam in Berlin, Wien und Zürich. Deutschlandradio Kultur startete sogar eine eigene Reihe von Radiofeuilletons unter dem Motto „Tiere essen“, die Foers Buchtitel als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Massentierhaltung, Fleischkonsum und Vegetarismus nahm. „Duks“, sagen die Tiere. Sie könnten aber auch sagen: „I-Buks“. Denn Duve wie Foer kann man jetzt auch elektronisch lesen. Dafür mussten nicht einmal Bäume sterben.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

anstaendig-essen-karen-duve
Karen Duve: Anständig essen. Ein Selbstversuch
E-Book (epub) 16,99 Euro.
Hardcover (Galiani) 19,95 Euro
foer-tiere-essen-e-book Jonathan Safran Foer: Tiere essen. („Eating Animals“).
E-Book epub 16,99 Euro
Hardcover (Kiepenheuer) 19,95 Euro

[e-book-review] Klare Kante statt Kuscheln: Amy Chua predigt Amerika die Erziehung à la Chinoise

battle-hymn-tiger-motherSeitdem Amy Chua den Lesern des Wall Street Journals verriet, warum chinesische Mütter überlegen sind („Why Chinese Mothers are Superior“), gibt es nicht nur in den USA eine neue Erziehungsdebatte: sind die westlich erzogenen Kids zum Scheitern verurteilt, weil die Soccer Moms nicht hart genug durchgreifen? In kürzester Zeit bekam der Artikel mehr als 5000 Kommentare. PR-Aktion gelungen: Die Yale-Professorin promotet mit solchen Einwürfen schließlich ihr neues Buch „Battle Hymn of the Tiger Mother“ („Mutter des Erfolgs“). Die abstiegsbedrohte Middle Class in den USA scheint für solche Thesen ähnlich empfänglich zu sein wie Herr & Frau Mustermann für Thilo Sarrazins Untergangsvisionen. „Fordern & Fördern“ als Vorbereitung für die harte Berufswelt, wo es dann „Heuern & Feuern“ heißt. Doch brauchen Kinder wirklich eine Mischung aus Boot-Camp & Gorch Fock, um ihren Weg zu gehen? Wer’s genau wissen will: Die E-Book-Version von „Battle Hymn of the Tiger Mother“ gibt’s im Kindle-Store.

„Im Westen wird Gehorsamkeit eher mit Hunden assoziiert“

An einem kalten Wintertag entschied sich Amy Chua, nun sei es Zeit, der dreijährigen Louisa das Klavierspielen beizubringen. Doch die Tochter der erfolgreichen Yale-Professorin mit chinesischen Wurzeln war störrisch – Louisa hatte absolut keine Lust, das Anschlagen einzelnen Töne auf der Klaviatur zu lernen. Stattdessen hämmerte sie wild auf allen Tasten herum, und als Amy Chua sie davon abhalten wollte, endete die kleine Szene in einem Weinkrampf. Ein Fall für die „Tigermutter“:

„Der Wind wehte mit minus sieben Grad, mein Gesicht schmerzte nach wenigen Sekunden an der eiskalten Luft. Aber ich war entschlossen, ein ungehorsames chinesische Kind zu erziehen, und wenn es mich umbringen sollte. Im Westen wird Gehorsam eher mit Hunden assoziiert, aber in der chinesischen Kultur gehört Gehorsamkeit zu den höchsten Tugenden. ‚Du kannst nicht im Haus bleiben wenn du Mutti nicht zuhörst“, sagte ich streng. „’Also, bist du nun ein braves Mädchen oder willst du nach draußen?’“

Mittlerweile sind Amy Chuas Kinder längst zu Teenagern herangewachsen, die nicht nur gute Noten nach Hause bringen, sondern auch perfekt Klavier spielen können und virtuos mit der Geige umgehen. Mit den USA ging es derweil bergab: Ölpreis-Schock, Hypotheken-Crash und Finanzkrise lehrten der Mittelklasse das Fürchten. China dagegen steigt zur neuen Supermacht auf. Staatspräsident Hu Jintao wurde gerade von Barack Obama mit größtem Pomp im Weißen Haus empfangen. Doch auch im eigenen Land ist fühlt man die Konkurrenz aus dem Osten – der Schulerfolg von Kindern mit asiatischem Background ist deutlich höher als der von All-American Boys & Girls.

amy-chua-tigermutter

Kein Computer, kein TV, Klassenbester als Minimum

Da kam Amy Chuas Bestseller „Battle Hymn of the Tiger Mother“ gerade recht. Ein Vorabdruck im Wall Street Journal, begleitet vom Essay „Why Chinese Mothers are Superior“ eröffnete eine Erziehungsdebatte, wie sie polemischer kaum sein könnte. Was Amy Chua da an Rezepten preisgab, lässt liberalen Eltern tatsächlich die Haare zu Berge stehen:

„Hier sind ein paar Dinge, die meine Töchter niemals tun durften: bei Freunden übernachten, in der Theater-AG mitmachen, sich darüber beschweren, nicht in der Theater-AG mitzumachen, Freizeitaktivitäten selbst bestimmen, schlechtere Noten als eine „1“ mit nach Hause bringen, nicht die beste Schülerin in allen Fächern zu sein, ausgenommen Sport & Theater“

Bei akuten Fällen von Befehlsverweigerung konnte die Zahl der Sanktionen noch erhöht werden –
bis zum Verbot, noch auf die Toilette zu gehen. Beschimpfungen gehörten ebenfalls zum Repertoire („Du bist Müll!“). Die Affinität zum Bootcamp-Prinzip hat offenbar viel mit dem dahintersteckenden Menschenbild zu tun: „Eltern aus dem Westen machen sich Sorgen um die Psyche ihrer Kinder. Das tun chinesische Eltern nicht. Sie setzen auf Stärke, nicht auf Zerbrechlichkeit, und deswegen verhalten sie sich völlig unterschiedlich“, schreibt Chua in ihrem WSJ-Essay.

Erhöhen die Tigermütter am Ende nur die Selbstmordrate?

An Widersprüchen gegen solche merkwürdigen Ansichten mangelt es jedenfalls nicht. So hielt etwa Ayelet Waldman (die New Yorkerin ist u.a. Autorin von „Bad Mother“) dagegen: „Man könnte Miss Chua z.B. entgegnen, dass Mädchen zwischen 15 und 24 mit asiatischem Hintergrund eine höhere Selbstmordrate haben, oder das es doch etwas von Hybris zeugt, sich den Bildungserfolg selbst zuzurechnen, wo es doch genauso wahrscheinlich ist, das Musikalität über die Gene vererbt wird. Aber ich denke sie weiß das selbst.“

Ironischerweise sind es ausgerechnet die Familienhunde, denen Chua mit einer Laissez-Faire-Attitüde begegnet. „Von ihnen fordere ich nichts, ich traue ihnen zu, dass sie selbst die richtige Wahl treffen. Ich freue mich immer darauf, sie zu sehen, auch wenn sie nur schlafen. Was für eine großartige Beziehung“.

Hundertprozentig erfolgreich war die Methode Tigermutter nicht immer – als Louisa dreizehn wurde, kam es zu einem so heftigen Streit mit ihren Eltern, dass die Zügel danach etwas lockerer gelassen wurden – der Geigenunterricht etwa wurde auf 30 Minuten pro Tag reduziert.

tiger-and-dragon

Schreibt Frau Sarrazin jetzt auch ein Buch über Erziehung?

Zum endgültigen Bruch zwischen Tochter und Mutter kam es nicht. Ganz im Gegenteil. Auf dem Höhepunkt der Debatte über den „Battle Hymn of the Tiger mother“ bekam die Tigermutter Schützenhilfe von unerwarteter Seite. In einem offenen Brief – veröffentlicht in der New York Times – schrieb Louisa: „Viele Leute haben dich beschuldigt, Roboterkinder zu produzieren, die nicht für sich selbst denken können. Ich habe darüber nachgedacht, und kam zu einem ganz anderen Ergebnis: ich glaube deine strikte Erziehung hat mich dazu gezwungen selbständiger zu werden.“

Ob „Battle Hymn of the Tiger Mother“ demnächst auch auf Deutsch erscheinen wird, ist noch nicht klar. Möglicherweise steht uns aber eine ganz ähnliche Debatte bevor. Die Mittelklasse verarmt schließlich auch bei uns, und schulischer wie beruflicher Mißerfolg wird im Agenda 2010-Denkschema gerne auf persönliches Fehlverhalten zurückgeführt – oder wie bei Thilo Sarrazin auch auf eine Mischung von Fehlverhalten und schlechten Genen. Da trift es sich übrigens, dass die Gattin des Bestseller-Autors Grundschullehrerin ist und die pädagogische Debatte im deutschen Blätterwald durch ihr zugeschriebene Beispiele besonders harten Durchgreifens belebt hat. Nun hat sie sich beurlauben lassen – unter anderem, um ein Buch zu schreiben. Einen denkbaren Titel hat die Berliner Boulevarzeitung B.Z. im Rahmen ihrer Sarrazin-Berichterstattung schon beigesteuert: „Kuscheln oder klare Kante?“

chua-battle-hymn-tiger-mother-e-book
Amy Chua, Battle Hymn of the Tiger Mother
Kindle-E–Book 18,71 Dollar
Hardcover 20,80 Euro (Penguin USA, via Libri)

amy-chua-mutter-des-erfolgs-e-book-epubAmy Chua, Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte.
E-Book (epub) 15,99 Euro
Hardcover (Nagel + Kimche Verlag) 19,90 Euro

[e-book-review] Impfung gegen den Dumpfsinn-Virus? Michael Jürgs & die medialen „Seichtgebiete“

jurgs-seichtgebiete-verbloden-e-book-bestseller_bild_pixelio_jenzig71Nach den „Feuchtgebieten“ nun die „Seichtgebiete“? Auch Sachbuchautor Michael Jürgs will offenbar einen Skandal anzetteln – mit einer ebenso schonungslosen wie unterhaltsamen Kritik der Unterhaltungsmedien. Gebasht werden nicht nur die „Blöden“, die durch Talkshows und Dschungelcamps stolpern, sondern auch die „Blödmacher“ in den Agenturen, Redaktionen und Sendeleitungen. Ganz so blöd kann das Buch nicht sein – es steht seit Wochen in den Bestseller-Listen.

Das E-Book als Impfstoff? Der „Dumpfsinn“-Virus, so Jürgs, bedroht uns alle

Sind wir gerade dabei, hemmungslos zu verblöden? Michael Jürgs muss es wissen – er kommt vom Fach. Der ehemalige Tempo-Chefredakteur und Talkshow-Moderator ist aber zugleich ein medialer Renegat – vom leichten und seichten ist er längst in die Sparte der Hochkultur gewechselt. Der Grass-Biograf und seriös gewordene Sachbuchautor hat nun die „Seichtgebiete“ unserer Medienwelt besichtigt. Jene Orte, wo für das soziale und geistige Prekariat „gezotet und gequotet“ wird, „pralle Prolo-Möpse“ wackeln und „Bohlen unterm Teppich pupst“. Dank einem Berliner Historiker gibt es dafür mittlerweile ja einen Sammelbegriff – das „Unterschichtenfernsehen“. Doch der „Dumpfsinn-Virus“, so befürchtet Jürgs, bedroht uns alle – fast so wie die Schweinegrippe. Mit den „Seichtgebieten“ will er uns deswegen alle immunisieren – in dem er in seinem Buch die Blöden lächerlich macht. Mit einer klugen Taktik – denn denn um Gehör zu finden, darf man sich nicht als Oberlehrer der Nation aufführen. „Operation Klugscheißer“ ist abgeblasen. Stattdessen setzt Jürgs auf „sprachgewaltige, laufstarke Guerillataktik“. Wenn man die Blöden aus dem Dschungelcamp befreien will, muss man die Blödmacher eben auf unterhaltsame Weise lächerlich machen.

Jürgs ist nicht blöd – die angestrebte Quote hat das Buch zumindest erreicht

„Populäre Formate klauen und listig mit anderen Inhalten füllen“ – genau das ist Jürgs mit den „Seichtgebieten“ tatsächlich auch gelungen. Im ruppigen Stil einer nachmittäglichen Freak-TV-Show werden Formate und Institutionen vorgeführt: Privatsender & öffentlich rechtliche, der Dudelfunk, die Yellow Press sowie die globale Sudelmaschine namens Internet. Nicht zu vergessen die persönlich Veranwortlichen: Prominente, Politiker, Eliten, und natürlich auch: Journalisten. Alle bekommen ihr Fett weg. Die Sätze sind kurz wie in einem TV-Manuskript, die Begriffe mundgerecht, die Sprache schäumt über wie Brausepulver. Das mag alles Teil der Entlarvungs- Strategie sein, doch am Ende fragt man sich, ob das wirklich so aufgeht. Sind die „Seichtgebiete“ noch ein Teil der Lösung, oder selbst schon ein Teil des Problems? Immerhin nutzen sie ja genau das, was sie kritisieren, als wirkungsmächtiges Sprungbrett, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Jürgs ist nicht blöd, so viel steht fest. Die angestrebte Quote hat das Buch erreicht – es rangiert seit Wochen unter den Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste. Mit der E-Book-Version könnte man rein technisch ohne Probleme die ganze Nation gegen Verblödung impfen. Doch ob die Pandemie sich ausgerechnet mit diesem Cocktail aufhalten lässt!?

michael-juergs-seichtgebiete-e-book-bestseller-verbloeden
Michael Jürgs, Seichtgebiete. Warum wir hemmungslos verblöden,
(C. Bertelsmann 2009)
Preis: 12,95 Euro (epub)

Bild: Pixelio/Jenzig71

[e-book-review] Der Sinn des Lebens, und der Sinn von E-Books: Eine philosophische Reise

precht-e-book-wer-bin-ich-philosophische-reise-bild_pixelio_rikeWer bin ich, und wenn ja: wie viele? Mit dieser Frage hatRichard David Prechts philosophische Reise die Bestseller-Listen im Print-Bereich gestürmt. Nun ist im Goldmann Verlag nach der Taschenbuch- und Hörbuchversion auch eine E-Book-Fassung erschienen. Die Frage: wie viele? Ist damit also in medialer Hinsicht schon beantwortet. Nächste Frage: warum ist Philosophie plötzlich so hipp? Ganz einfach. Precht macht genau das Gegenteil von dem, was man von einem Philosophen erwarten würde. Er schreibt praktisch und nicht theoretisch, persönlich statt neutral, und er entfaltet auch nicht die Geschichte der Philosophie in tausend verschachtelten Kapiteln. Der Leitfaden sind drei einfache Fragen, die bei Kant ausgeliehen wurden: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?
(mehr …)