[e-book-review] Das Leben der Anderen, nur ganz anders: Rayk Wielands Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“

rayk-wieland-schlage-vor-dass-wir-uns-kuessen-e-book-e-bestseller-textunes.gif„Die DDR hat es wirklich gegeben“, behauptet der Klappentext von Rayk Wielands neuem Roman. Doch nicht nur das Setting, auch die Story von „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Gibt es aber auch einen „Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands“? Herr W., der Held der Geschichte, ist sich nicht sicher. W.’s Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit können nun auch iPhone & iPod Touch-Nutzer folgen – denn bei textunes ist die E-Book-Version erschienen. Ralph Gerstenberg hat das Buch für E-Book-News rezensiert.

Mauerfall mit Zigarren & Cuba Libre

Der Mauerfall ist noch lange kein Grund, sein Glas nicht auszutrinken. So wie sich Sven Regeners Herr Lehmann auf der einen Seite der Mauer nicht von der schlichten Nachricht der Grenzöffnung vom Tresen vertreiben lässt, verzichtet auf der anderen Rayk Wielands Protagonist W. in dem autobiografischen Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ nicht auf Zigarre und Longdrink: „An den Nachbartischen brach Enthusiasmus aus, ein Grüppchen nach dem anderen zahlte und verließ den Laden, bis ich mit meiner angerauchten Cigarre und dem frisch eingeschenkten Cuba Libre allein blieb, eindrucksvoll umstanden von zwei Serviererinnen und ihrem mich konsterniert musternden Chef hinter der Bar.“

Das lyrische Frühwerk, überliefert in der Stasi-Akte

Der 1965 geborene Autor und Journalist Rayk Wieland, der für den Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet, musste sich – wie alle ostdeutschen Mitarbeiter des Senders – einer Stasi-Überprüfung unterziehen. Er staunte nicht schlecht, als er einen mehrere hundert Seiten starken Ordner in seinem Briefkasten fand, in dem neben zahlreichen Spitzelberichten der Briefwechsel mit seiner damaligen West-Geliebten sowie sein gesamtes lyrisches Frühwerk dokumentiert waren. In Wielands halbfiktivem Roman ist es der zum Lyrikspezialisten avancierende Oberleutnant Schnatz, der in jeder Zeile des liebestrunkenen W. staatsfeindliche Botschaften wittert.
Bald glaubt er, fündig geworden zu sein und veranstaltet mit dem Verfasser eine Art Lyriktribunal. Es geht um ein Gedicht, das an Eindeutigkeit scheinbar nichts zu wünschen übrig lässt: „Die dummen Schweine, die da thronen / In allerhöchsten Positionen / Und in den abgesperrten Zonen / Wo sie mit warmen Hintern wohnen / Und ihre Ärmelschoner schonen, / Nicht eine Zeile würde für sie lohnen.“ Doch W. weiß sich zu verteidigen. Das Gedicht bedeutete nicht das, was es bedeute. Schließlich – so W. – heiße sein Gedichtzyklus nicht umsonst: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“. Es gehe um die Möglichkeitsform, die schließlich alles Gesagte relativiere.

Witziger Gegenentwurf zum hochmoralischen „Leben der Anderen“

Diese schwejksche Haltung ist typisch für den Protagonisten in Rayk Wielands Roman. Er ist kein Opfer, kein politischer Aktivist, sondern jemand, der jung ist, seiner Westfreundin mit ebenso pointierten wie kühnen Versen imponieren will und dadurch ins Visier der Stasi gerät. Damit gelingt Wieland ein intelligenter und witziger Gegenentwurf zu dem hochmoralischen Stasidrama „Das Leben der anderen“. In Wielands Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“, der wie der Film in den achtziger Jahren spielt, ist die Stasi ein paranoider Apparat, der sich seine Feinde selbst erfindet. Der inoffizielle Mitarbeiter, der über W. berichtet, ist kein politischer Idealist, der aus Überzeugung handelt, sondern ein Glücksspieler, Zuhälter und Betreiber von lukrativen Toilettenhäusern in der Innenstadt. Ostalgiefrei und charmant erzählt Rayk Wieland vom Untergang einer Gesellschaft, die nicht nur Oppositionelle und Mitläufer hervorgebracht hat, sondern auch Typen wie W., die im DDR-Alltag hin und wieder kleine poetische Leuchtraketen zündeten und im Nachhinein manchmal sogar als unterdrückte Untergrunddichter verklärt wurden.

Autor: Ralph Gerstenberg

Rayk Wieland Schlage vor dass wir uns kuessen E-Book textunes E-Bestseller.jpgRayk Wieland,
„Ich schlage vor, dass wir uns küssen“,
Print: Antje Kunstmann Verlag, 16,90 Euro
E-Book/iPhone-App: textunes, 9,99 Euro

[e-comic-review] Nach der Sintflut: Josh Neufelds graphische Reportage über New Orleans & den Hurrikan Katrina

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„Alle meine Comics basieren auf der Wirklichkeit“, sagt der Cartoonist und Illustrator Josh Neufeld. Für „A.D. New Orleans after the Deluge“ gilt das aber ganz besonders – denn die Graphic Novel ist eine realitätsnahe Reportage über den Hurrikan Katrina, der 2005 die Stadt am Mississippi fast vollkommen zerstörte. Neufeld erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Augenzeugen, die er nach der Katastrophe interviewt hat. Einen Großteil der Story kann man als WebComic lesen, die Print-Version gibt esvia Amazon.

„Nach der Sintflut“: Katrina ist neben 9/11 das große amerikanische Trauma des 21. Jahrhunderts

Das Wort Comic hat etwas mit Komik zu tun – doch die Bildergeschichten sind längst in der rauen Wirklichkeit angekommen. Nicht nur das: erfolgreiche Graphic Novels wie Art Spiegelmans „In the Shadow of no Towers“ oder Marjane Satrapis „Persepolis“ sind auch deutlich autobiografisch geprägt. Josh Neufelds Webcomic „A.D. New Orleans after the Deluge“ zeigt noch eine weitere Möglichkeit: was der us-amerikanische Cartoonist und Illustrator in Text und Bild erzählt, ist eine realitätsnahe Reportage über die Auswirkungen des Hurrikans Katrina. “All my comics are reality based,” sagt zwar der in Brooklyn lebende Neufeld gegenüber der NYT zu seiner Arbeit. Trotzdem ist „After the Deluge“ ein ganz besonderes Werk. Der Titel – wörtlich: „Nach der Sintflut“ – ist kaum übetrieben. Neben dem 11. September bleibt Katrina das große amerikanische Trauma des frühen 21. Jahrhunderts. Bei der verheerendsten Naturkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten kamen im Jahr 2005 über 1800 Menschen ums Leben, mehr als zwei Drittel von New Orleans standen tagelang bis zu sieben Meter unter Wasser.

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Katrina came calling: „Mach einen Comic draus. Bitte!“

Josh Neufeld kam mit den Auswirkungen des Wirbelsturms direkt in Berührung. Kurz nach der Flut arbeitete er in Biloxi/Mississippi drei Wochen lang als freiwilliger Helfer für das Rote Kreuz. Die unmittelbaren Erfahrungen verarbeitete Neufeld in einem Blog, aus dem später ein selbstverlegtes Buch wurde – „Katrina Came Calling“. Wie es die Legende will, forderten bereits die Leser des Blogs den Autor auf: „Mach einen Comic draus. Bitte!“ Ungefähr zur selben Zeit war das SMITH Magazine – eine Storytelling-Website – auf der Suche nach Personen, die Katrina miterlebt hatten und bereit waren, darüber zu erzählen. SMITH-Herausgeber Larry Smith, der sowohl Neufelds Comics wie auch seinen Katrina-Blog kannte, nahm in dieser Sache Kontakt mit dem New Yorker Zeichner auf. Zusammen legten sie die Grundlage für das, was nun als Webcomic und gedruckte Graphic Novel vorliegt – sie machten sich in New Orleans auf die Suche nach authentischen Geschichten: „Das lief über Freunde und Freunde von Freunden, die jetzt oder damals in der Stadt leben bzw. lebten, wir redeten mit Leuten von Hilsorganisationen, hörten uns Berichte aus dem Radio und dem Internet an, wir haben viel herumgefragt und uns vor Ort umgeschaut.“ Nachdem sie eine Liste von in Frage kommenden Personen zusammengestellt hatten, setzten sich Neufeld und Smith mit jeder einzelnen potentiellen Figur in Verbindung. Schließlich kamen sechs „main characters“ heraus.

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Als der Hurrikan sich der Küste nähert, heißt die große Frage: „Should I stay… or should I go?“

Da ist etwa der Comicsammler Leo und seine Freundin Michelle. Da ist etwa der Supermarkt-Besitzer Hamid und sein Freund Manzell. Da ist aber auch Denise, die ihre alte Mutter pflegt. Als sich der Hurrikan durch den Golf von Mexiko auf die Küste zubewegt, werden sie alle vor die Entscheidung ihres Lebens gestellt: „Should I stay… or should I go?“. Neufeld nähert sich den Ereignissen in drei Schritten. Aus der Vogelperspektive zieht zunächst die ganze Geschichte am Betrachter vorbei, wie sie in den Medien zu sehen war: Satellitenfotos vom Hurrikan, Bilder von der Stadt und ihren Bewohnern vor und nach der Flut. Im zweiten Schritt geht es um die einzelnen Personen und ihre Schicksale. Der Comicsammler Leo etwa verlässt die Stadt noc rechtzeitig und bekommt die eigentliche Katastrophe nur im Fernsehen mit. Hamid und Manzell verbarrikadieren sich in ihrem Supermarkt und werden von den steigenden Wassermassen eingeschlossen. Denise und ihre alte Mutter fliehen in das bereits von tausenden Menschen belagerte „Convention Center“. Doch Neufeld verfolgt die dramatischen Ereignisse nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dann gibt es wieder einen Schnitt. Der abschließende Teil der Graphic Novel („Picking up the Pieces“) wird aus der Rückschau erzählt. “Das ist für mich der interessanteste Teil“, so Neufeld. „Haben die Leute sich wieder in ihrem Leben einrichten können? Wie denken sie jetzt über New Orleans?“

„A.D. New Orleans“ gehört eindeutig zu den wichtigsten Graphic Novels der „Nuller Jahre“

Graphisch orientiert sich Neufeld an der Ligne Claire, wie sie von Tim&Struppi-Zeichner Hervé erfunden wurde. Farbe wird allerdings nur sehr sparsam eingesetzt – die Dramaturgie setzt auf gezielte Effekte. Die Tage vor der Flut sind in einem Gelbton gehalten, die Goldene Zeit von New Orleans, dem Untergang geweiht. Der Anmarsch des Sturms ist in grünlicher Farbe gehalten, noch machen sich die Bewohner Hoffnung, Katrina würde vorbeiziehen. Als die Lage sich zuspitzt, Gewalt und Anarchie ausbricht, wechselt die Farbe in ein bedrohliches Rot. Das allerletzte Panel ist dreifarbig – man bekommt es allerdings nur in der gedruckten Fassung zu sehen, der Webcomic endet etwa nach der Hälfte des Epilogs. Auch wenn wir hier bei E-Book-News sind: Die Printversion ist tatsächlich ein Must-Have – neben Spiegelmans Nine-Eleven-Verarbeitung „In the Shadow of no Towers“ dürfte „A.D. New Orleans“ zu den wichtigsten Graphic Novels zur Geschichte der „Nuller Jahre“ sein. Eine deutsche Fassung gibt es noch nicht, doch auch die englische Version lässt sich mit durchschnittlichen Sprachkenntnissen leicht lesen. Die Taschenbuch-Ausgabe ist ab Sommer 2010 bei Amazon für 12,99 Euro lieferbar, die gebundene Ausgabe gibt’s aktuell für 17,99 Euro. Auf ähnliche Weise wurde beim SMITH Magazine übrigens auch schon eine andere Graphic Novel äußerst erfolgreich vermarktet: „Shooting War“ von Anthony Lappe und Dan Goldman.

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Josh Neufeld,A.D. New Orleans after the Deluge,
Pantheon Books New York (2009),
17,99 Euro (geb. Ausgabe)

[e-book-review] „Meconomy“ statt „Ich-AG“: E-Book-Ratgeber für Deutschlands kreative Klasse

meconomy-e-book-bestseller-markus-albersBestseller-Autor Markus Albers setzt auf Direkt-Publishing: sein neues Buch„Meconomy“ erscheint bei textunes exklusiv als E-Book. Wie passend – schließlich formuliert der ehemalige Vanity-Fair-Redakteur darin das Selbständigkeits-Credo der bundesdeutschen Creative Class. Beim Personal Branding macht ihm jedenfalls niemand was vor: Sony liefert den neuen E-Reader PRS 300 Pocket Edition mit „Meconomy“ als Give-Away aus.

Der pragmatische Grund für die Variante E-Book-Only: Geschwindigkeit

Man könnte Markus Albers den deutschen Chris Anderson nennen. Ähnlich wie bei Andersons Bestseller „Free“ ist mit dem Erscheinen von„Meconomy“ die grundsätzliche These des Buches bereits bewiesen. Wenn auch mit etwas anderen Mitteln. Dem Chefredakteur des Wired-Magazins ging es darum, die Marketing-Möglichkeiten von zeitweise kostenlos angebotenen E-Books zu demonstrieren. Das Buch des ehemaligen Vanity-Fair-Redakteur Albers gibt es zwar nicht umsonst – doch dafür wohl als ersten Titel eines prominenten deutschen Autors nur in elektronischer Form. Lesen kann man „Meconomy“ im epub-Format oder via textunes-App auch auf iPhone und iPod Touch. Dieser Ansatz stützt auch ganz praktisch die These vom mobilen, flexiblen und selbstbestimmte Arbeiten der Digital Natives. In den Worten des Autors: „Das Buch erscheint als E-Book, gerade weil es davon handelt, dass wir heute viele klassische Institutionen nicht mehr brauchen, sondern Dinge heute selbst in die Hand nehmen können. Ich suche mir meine Leser selbst, ohne großen Verlag oder Buchhandlungen im Rücken“. Es gab jedoch noch einen pragmatischeren Grund für die Variante E-Book-Only: Geschwindigkeit. „Mein Verlag hätte bis zum kommenden Herbst gebraucht – also fast ein Jahr. Die Thesen sind aber jetzt aktuell.“ Eine Print-Ausgabe ist natürlich für später nicht ausgeschlossen. Vom Preis-Leistungsverhältnis her dürfte aber die E-Book-Ausgabe aus Autorensicht unübertroffen bleiben: „Mich hat das Buch bisher einen niedrigen vierstelligen Betrag gekostet. Dafür verdiene ich pro verkauftem Exemplar zwischen 4 und fast 10 Euro“, so Albers auf schreibermag.de. Um den „Break even-Point“ zu erreichen, müsse er etwa 300 bis 500 Exemplare verkaufen: „Danach ist alles Gewinn“.

Parallel zum E-Book wurde die Website Meconomy.me freigeschaltet

Doch was machen überhaupt Journalisten, die ein Sachbuch schreiben wollen? Ganz einfach – sie führen Interviews mit Leuten, die sich auskennen. Für Meconomy hat Albers insgesamt 20 Experten für die Arbeitswelt der Zukunft interviewt, darunter PR-Blogger und Unternehmensberater Klaus Eck, Glücksforscher Wolff Horbach und den Social-Media Experten Johannes Kleske. Und nicht zu vergessen natürlich: Wired-Chefredakteur Chris Anderson. Auf der parallel zum E-Book-Start freigeschalteten Webseite meconomy.me kann man diese Gespräche ausführlich nachlesen. Vorangestellt sind dem Buch zehn Thesen zur neuen Arbeitswelt. „Wir verbringen nicht mehr den Großteil unseres Lebens in Büros. Dieser veränderte Arbeitsalltag ergibt sich vor allem durch technologische Neuerungen und durch sie kristallisieren sich auch alternative Berufsfelder heraus. Weil Wissen, Fähigkeiten und Geschäftsmodelle immer schneller veralten, müssen wir uns permanent neu erfinden“, heißt es da etwa in These Nummer Drei.

Easy Economy, das hieß ganz einfach: weniger Zeit im Büro verbringen, bessere Work-Life-Balance

Wer Albers Bestseller „Morgen komm ich später rein“ schon kennt, dem wird das nicht wirklich neu vorkommen. Denn was dort mit dem Etikett „Easy Economy“ versehen wurde, ging schon in dieselbe Richtung: „Wir arbeiten hart. Wir arbeiten lang. Wir arbeiten im Büro. Freizeit ist ein exotisches Fremdwort. Dabei wissen wir ganz genau, dass uns jenseits des Alltagstrotts die besten Ideen kommen. Immer mehr Angestellte haben daher das Gefühl, außerhalb ihres Büros effizienter zu arbeiten“. Das war Mitte 2008 – Albers hatte da längst seinen Arbeitsplatz als Managing Editor der deutschen Ausgabe von Vanity Fair gegen das Leben als freier Autor eingetauscht. Den Lesern versprach er dagegen eher einen Mittelweg zwischen den Extremen: also weder jeden Tag Nine-to-Five-Job noch den Sprung in die komplette Unabhängigkeit. Easy Economy, das hieß ganz einfach: weniger Zeit im Büro verbringen, mehr Spaß, mehr Freizeit, eine bessere Work-Life-Balance. Doch dann kam die Finanz- und Wirtschaftskrise. Und plötzlich war alles gar nicht mehr easy…

Auch Meconomy wendet sich an die digitale Bohème

Ging es vorher um eine Option unter vielen, wird die Selbständigkeit nun zum Rettungsanker. „Meconomy“ ist eine trotzige Antwort auf die Krise: „Wir müssen nicht nur unser Leben stärker in die Hand nehmen, wir können es auch“. Allerdings können nicht alle Menschen „global mobil“ werden und dank „Personal Branding“ im weltweiten Wettbewerb um Arbeitskräfte mithalten. Man braucht eine „gute Ausbildung, Bereitschaft zu lebenslangem Lernen, kulturelle Offenheit, Neugier und Glauben an die eigenen Fähigkeiten“. Mit anderen Worten: „Meconomy“ wendet sich ähnlich wie Holm Friebes und Sascha Lobos Manifest „Wir nennen es Arbeit“ an die „digitale Bohème“.
Allerdings sind die Zwischentöne deutlich düsterer geworden – es geht nicht nur um Potentiale, sondern auch um ein potentielles Problem. Die neue Arbeitswelt, so prophezeit Albers wohl nicht ganz unberechtigt, wird die Gesellschaft in der Mitte spalten. Und bei allem Zweckoptimismus: selbst ob die Mehrheit der neuen Selbständigen rein ökonomisch am Ende wirklich besser dasteht als vorher, ist eher zweifelhaft. Übersetzt man ein hippes Wort wie „Meconomy“ mal wieder zurück ins Deutsche, kommt man der momentanen Realität für die Mehrheit der „Arbeitskraft-Unternehmer“ wohl etwas näher – und diese Realität heißt „Ich-AG“.

Ist Deutschland wirklich auf die Creative Class vorbereitet?

Doch das sieht Albers letzlich auch so – um die Chancen der „Meconomy“ zu nutzen, werden wir nicht nur hart arbeiten müssen, wir werden auch hart an unseren Fähigkeiten arbeiten müssen. Zum Glück gibt’s aber genügend technische Hilfmittel – fortbilden kann man sich mittlerweile auch per Youtube oder iTunes. Und wie gewohnt gibt Albers selbst auch einige Tipps zum Thema „Lifehacking“ und „GTD“ („Getting Things Done“). Eigentlich sollte man so etwas schon in der Schule lernen. Doch leider ist unser Bildungswesen ist mit dem Schritt zum Life long learning noch etwas überfordert. Deutschland scheint nicht wirklich darauf vorbereitet zu sein, dass bald mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer zur Kreativen Klasse gehören, wie es der US-Sozialwissenschaftler Richard Florida prognostiziert. Das zeigt sich auch beim Thema Absicherung: Nur mit der kleinen, feinen Künstlersozialkasse kommt man wohl nicht weiter. Der „Sozialstaat für die Generation Facebook“ braucht eine flächendeckende Lösung – Albers denkt da wie viele andere an das Modell des bedingungslosen Grundeinkommens. Doch was ist mit dem Versprechen, nicht nur machen zu können, was man will, sondern vor allem auch, wann und wo man will? Das gilt bis auf weiteres nur in den Ballungsgebieten. Bis auch das flache Land vom Breitband-Internet profitieren kann, werden noch ein paar Jahre ins Land ziehen. Die Unter-Dreißigjährigen müssen sich aber trotzdem keine Sorgen machen, den Zug zur Meconomy zu verpassen: „Interessanterweise scheint sich die etwas ältere Generation der zwischen 30- und 45-jährigen die neuen Arbeitsprinzipien schneller anzueignen“, schreibt Albers. Und bietet auch hier selbst das beste Beispiel – schließlich ist er Jahrgang 1969.

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Markus Albers,
Meconomy. Wie wir in Zukunft arbeiten werden,
und warum wir uns jetzt neu erfinden müssen.

textunes (2010), Preis: 9,90 Euro (epub)

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Markus Albers,
Morgen komm ich später rein. Für mehr Freiheit in der Festanstellung.
Campus Verlag (2008), Preis: 16,10 Euro (epub)

[e-book-review] Yohoho! „Treasure Island“ wird zum Vook – inklusive N.C. Wyeths legendärer Illustrationen

vook-treasure-island-e-bookYohoho! Mit Treasure Island hebt Vook einen bibliophilen Schatz im digitalen Ozean. Natürlich ist Robert Louis Stevensons Schatzinsel längst Public Domain. Doch in dieser liebevoll edierten Version für iPhone und iPod Touch sind die Abenteuer um Jim Hawkins und Long John Silver ergänzt mit N.C. Wyeths legendären Illustrationen. Auch Stevensons berühmte Schatzkarte fehlt natürlich nicht… P-(

“Fifteen men on the dead men’s chest – yo-ho-ho and a bottle of rum“

„Fünfzehn Mann auf des toten Seemanns Kasten, yohoho, und ne Buddel voll Rum“ – was klingt wie ein uraltes Seemannslied, ist in Wirklichkeit eine Erfindung von Robert Louis Stevenson, aufgeschrieben für den Roman „,Treasure Island“ – und der kam erstmals 1881 unter die Leute, als Fortsetzunggeschichte für die Jugendzeitschrift „Young Folks“. treasure_island-wyeth-vook-e-book-wikipediaAuch die prototypische Piratenfigur mit Holzbein und sprechendem Papagei auf der Schulter hat sich erst durch die „Schatzinsel“ ins kollektive Bewusstsein eingebrannt – nach dem Vorbild von Long John Silver und dem gefiederten Kumpan „Käpt’n Flint“. Doch der langfristige Erfolg war auch an die Illustrationen gekoppelt – in Europa vor allem durch Georges Roux, populär auch für seine Jules Vernes-Bebilderung, in den USA dagegen N.C. Wyeth, dessen Zeichnungen auch Ausgaben von Robinson Crusoe oder Lederstrumpf begleiteten. Insofern liegt es nahe, dass auch die Macher von Vook sich für Wyeth entschieden haben. Der alte Seebär Billy Bones, wie er mit seinem Teleskop Ausschau hält, Long John Silver mit seiner Krücke und die Meuterei auf der Hispaniola – das alles wikt in Wyeths realistischen, farbigen Illustrationen so lebendig, als hätte man ein Szenenbild aus „Fluch der Karibik“ vor sich.

Vook steht eigentlich für die Kombination von E-Book & Video…

Vook steht eigentlich für die Kombination von E-Book und Video – seit Anfang 2009 macht der Silicon-Valley-Unternehmer Bradley Inman mit seinem ambitionierten Startup von sich reden. Normalerweise werden „Vooks“ in Zusammenarbeit mit der Produktionfirma TurnHere mit einem Dutzend kurzer Videos ergänzt, die in einem Roman oder Thriller einzelne Handlungsstränge illustrieren, oder in einem Ratgeber praktische Hinweise geben, sei es für’s ayurvedische Kochen, sei es für Fitness-Gymnastik. Mit der Kombination Text-Film soll es gelingen, besser mit den Online-Medien zu konkurrieren – ohne die Balance zwischen Buch und Bewegtbildern zu verlieren: „Wenn man Videos in ein Buch integriert, müssen die Bilder sich so nahtlos in den Erzählfluss einfügen, dass die Leser den Medienwechsel gar nicht bemerken“, so Inmans Devise. Mittlerweile geht Inmans Team aber auch die Klassiker an – zuletzt etwa Conan Doyle. In „The Sherlock Holmes Experience“ werden zwei klassische Detektivgeschichten mit kurzen Docu-Fiction-Clips begleitet, die einem die Original-Schauplätze, kulturelle Details wie „Opium-Smoking“ und Wissenswertes zu Doyles Biografie näherbringen. Die aufwändig gestaltete iPhone-Version von Treasure Island zeigt nun, dass Vook auch ohne Videos ein ganz besonderes Leseerlebnis inszenieren kann. Wichtige Clues geben statt Videoclips hier Hyperlinks im Text – wer etwa wissen will, was der Ausdruck „captan bars“ bedeutet, was ein „buccanner“ ist oder eine „fourpenny“-Münze, wird zu Wikipedia oder anderen Online-Enzyklopädien weitegeleitet.

Am Anfang der Geschichte steht eine längst verschollene Schatzkarte

vook-e-book-treasure-island-map-wikipediaDas Vook zur Schatzinsel setzt auf Nostalgie – das fängt bereits an beim beigen Texthintergrund, der vergilbtes Pergamentpapier nachahmt. Auch die eingestreuten Illustrationen – die trotz Verkleinerung auf dem Farbdisplay hervorragend wirken – tragen natürlich zum besonderen Leseerlebnis bei. Manche führen bereits den ursprünglichen Erfolg des Romans auf den Nostalgie-Faktor zurück – in Form eines Kinderbuchs für Erwachsene: „My impression is that Treasure Island is still appreciated less by boys than by grown-up readers“, schrieb bereits ein Zeitgenosse Stevensons. Ein Nachteil ist allerdings, dass die Illustrationen nicht zoombar sind. So muss man auf die Details von Stevenson berühmter Schatzkarte leider verzichten – das ist doppelt schade. Denn sie war sogar der Ursprung der ganzen Geschichte: Lloyd Osborne, Stevenson Stiefsohn, hatte einmal zum Zeitvertreib mit Wasserfarben eine Phantasie-Insel gemalt. Daran entzündete sich die Phantasie des Schriftstellers: „das zukünftige Romanpersonal tauchte aus seinen Verstecken in den imaginären Wäldern auf, mit gebräunten Gesichtern, blitzenden Waffen, auf der Jagd nach dem Schatz, alles projiziert ein paar Quadratzentimetern Papier… Die Karte war der wichtigste Teil des Plots.“ Die Originalkarte mit dem „x“ ist übrigens seit mehr als hundert Jahren verschollen, was wir heute auf dem Display des iPhones zu sehen bekommen, ist aber immerhin Stevensons eigenhändige Rekonstruktion. In der Erstausgabe des Buches war sie übrigens die einzige Illustration. Ach ja – das Buch! Manche Leser werden am Ende vielleicht so nostalgisch, dass sie die Schatzinsel in Papierform haben möchten – für diesen Fall hat das Vook eine kleine Hintertür parat: ein direkter Link in Richtung Amazon. Die iPhone-Version gibt’s im App-Store für umgerechnet knapp 1,50 Euro.

[e-book-review] „Marke Eigenbau“, made in USA – Cory Doctorows „Makers“ ist Open Source-Sci-Fi

Makers Doctorow E-Book Bestseller Machine to build everthing.gif„Makers“ heißt der neue Sci-Fi-Roman von Boing-Boing-Blogger Cory Doctorow. Die Cyberpunk-Story über das Amerika der nahen Zukunft liest sich fast wie die Romanform von „Marke Eigenbau“. Wie es sich für einen Digital-Rights-Aktivist gehört, gibt es die E-Book-Version von Doctorows Roman als kostenlosen Download im Netz. „Makers“ macht seinem Namen alle Ehre: Die Creative Commons-Lizenz erlaubt nämlich sogar die Veränderung der Story.

Geld verdienen mit „abstrusen Fantasien von Web-Kommunisten“?

Aus der Sicht des Springer-Vorstandschefs Döpfner wäre so jemand wie Cory Doctorow wohl einer jener „verirrten Web-Kommunisten mit abstrusen Fantasien„. Einer von jenen, die nicht einsehen wollen, das Qualität auch im Netz immer etwas kosten muss. Muss es? Der kanadische Star-Blogger hat einen Weg gefunden, gegen DRM-Beschränkungen bei E-Books zu protestieren und gleichzeitig noch Geld damit zu verdienen. Der Mitgründer von BoingBoing.net ist nämlich ganz einfach selbst zum Romanautor geworden – und nutzt für seine Sci-Fi-Geschichten den Gratis-Download als Marketing-Instrument. Bereits das 2003 veröffentlichte „Down and out in the Magic Kingdom“ stellte der Digital Rights-Aktivist unter einer Creative Commons-Lizenz, die in diesem Fall nicht nur die Weitergabe, sondern auch die Veränderung ermöglichte: „The license agreement
gives you even more rights than you get to a regular book. Every word of it is a gift, not a confiscation. Enjoy“, fordert Doctorow seine Leser auf. Die haben sich daran gehalten und produzierten nicht nur verschiedene Übersetzungen und eine Audio-Version, sondern spannen die Story sogar in einer Art Fan-Fiction weiter. Im Gegenzug verlangte Doctorow von den Nutzern: „Read the book. Tell your friends. Review it on Amazon or at your local bookseller“. Auch diese Rechnung scheint aufzugehen – mit der Hardcover- und Paperpackausgabe konnte er erstaunlich hohe Umsätze erzielen.

„It will make dotcom look like a warmup for the main show“

Vor allem die Kombination Blogger & Autor scheint sich zu lohnen: Mit dem Roman „Little Brother“ schaffte Doctorow es im letzten Jahr sogar bis auf Platz acht der NYT-Bestsellerliste. Ging es bei „Little Brother“ um das Thema Terrorismus und Einschränkung der Bürgerrechte, so steht im aktuellen Roman „Makers“ ein neues Wirtschaftsmodell im Vordergrund – eine industrielle Revolution, die sozusagen in einer Bastler-Garage ihren Anfang nimmt. Gleich nach der nächsten US-Finanzkrise kauft ein britischer Investor namens Kettlewell die Reste von Kodak und Duracell auf. Mit Gadgets wie einem 3-D-Druckers, einer Art „Machine to build everything“, entwickelt von den Tüftler-Nerds Lester & Perry, soll das gesamte Wirtschaftsleben umgekrempelt werden. Wenn man so will, ist „Makers“ die Romanversion von Holm Friebes „Marke Eigenbau“ – schließlich kann mit dieser Maschine jeder Konsument zum Produzenten werden. „It will make dotcom look like a warm up for the main show“, verspricht Investor Kettlewell nicht umsonst – und plant, beim Startup KodaCell überhaupt nur noch Bastler-Genies einzustellen. Schließlich gibt es noch genug andere Ideen, die man nur umsetzen müsste:

„Jeder mäßig begabte Profi kann heutzutage alles mögliche zusammenbauen, ohne große Kosten. Nur hat niemand darüber nachgedacht, alle Konstrukteure zu einem Netzwerk zusammenzufassen, und ihnen ein ganz bestimmtes Ziel zu geben“.

Die eigentliche Heldin der Geschichte ist aber (wen wundert’s) eine Bloggerin namens Suzanne Church, die von Anfang an für die Netz-Community über das „KodaCell“-Projekt berichtet.

Kann der 3-D-Drucker auch eine Kalaschnikow ausdrucken?

Wie (fast) jede Revolution wird auch die Verwirklichung der schönen neuen Arbeitswelt bald von den Kräften der Reaktion gehörig ausgebremst – im zweiten Teil des Romans tritt nämlich der scheinbar übermächtigen Disney-Konzerns als böser Business-Troll auf. Neben Hollywood spielt Disney auch sonst eine wichtige Rolle in den Doctorowschen Zukunftswelten. In „Makers“ kann die Corporation die Gerichte davon überzeugen, dass mit dem 3-D-Drucker auch AK-47-Sturmgewehre für die Urban Guerilla in den amerikanischen Vorstädten produziert werden können – ein echtes Killer-Argument. Wer wissen will, ob die Garagen-Hacker es im dritten und letzten Teil von „Makers“ doch noch schaffen, den kulturindustriellen Komplex zu besiegen, dem bleiben verschiedene Alternativen: Doctorow selbst bietet Plaintext, PDF- und HTML-Versionen zum kostenlosen Download an. Weitere Links auf der Download-Seite verweisen auf „Fan-Conversions“, darunter epub-, Mobi-, Kindle- und weitere Formate. In die Audio-Book-Version, gelesen von Bernadette Dunne, kann man bei Random House hineinhören. Die Paperback-Version kostet bei Amazon 15,95 Euro.

[e-book-review] Unterm King-Dome – „Die Arena“ von Stephen King startet parallel als E-Book & Print

stephen king under the dome simon&schuscher e-book bestseller.gif„Eine Menge Bäume werden durch meine Hand sterben“ – so kündigte Stephen King Ende 2008 seinen neuen Roman an. Tatsächlich ist „Under the Dome“, zu deutsch „Die Arena“ mit mehr als 1000 Seiten sein bisher zweitlängstes Buch. In dem Sci-Fi-Thriller schließt eine mysteriöse Energiekuppel die amerikanische Kleinstadt Chester’s Mill hermetisch von der Außenwelt ab – in kurzer Zeit brechen Chaos und Anarchie aus. Wer erfahren möchte, wie die Einwohner die Krise bewältigen, muss allerdings kein schlechtes Umweltgewissen haben. Denn „Arena“ ist auch in Deutschland parallel als Print-Version und als E-Book erschienen.

Unterm King-Dome bricht das Chaos aus

Jeder Autor erschafft seine eigene Welt, mit eigenen Gesetzen, und betrachtet sie wie durch eine Käseglocke. Stephen King geht in „Die Arena“ aber einen Schritt weiter – denn die Bedingungen des Experiments sind selbst den Figuren deutlich. Eine Energiekuppel schließt plötzlich eine amerikanische Kleinstadt von der Außenwelt ab. Sie erweist sich als undurchdringlich. Selbst das von Barack Obama herbeigerufene US-Militär schafft es nicht, die Menschen im King-Dome zu befreien. Schnell bricht das Chaos aus, die Guten und die Bösen stehen sich gegenüber, wie man es schon aus älteren Texten des Horror- und Sci-Fi-Meisters gewöhnt ist, etwa „The Stand – Das letzte Gefecht“. In „Under the Dome“ ist die Ursache der Katastrophe allerdings nicht menschengemacht – es steckt eine außerirdische Intelligenz dahinter. Was die Menschen unter der Kuppel tun, hat jedoch viel mit ihnen selbst zu tun. Der korrupte Stadtrat Jim Rennie sieht seine Chance gekommen, zusammen mit dem maliziösen Polizeichef Peter Randolphs greift er nach der Macht. Auf der Seite mit den weißen Hüten schart man sich um den Irak-Veteran Dale Barbara und die Journalistin Julia Shumway.

Bush&Cheney im Reagenzglas: Ein literarisches Post-Nine-Eleven-Experiment

Schon zweimal hatte King das „Projekt Käseglocke“ erfolglos abgebrochen, das erste Mal in den Siebzigern als reißerisches Fragment „The Cannibals“, später mit dem schließlich beibehaltenen Titel „Under the Dome“. Erst nach 2001, in der Welt des „War on Terror“, wagte er einen dritten Versuch. „Die Arena“ als psychologisches Experiment hat tatsächlich sehr viel mit der staatlich verordneten Schock-Therapie nach dem 11. September zu tun: „Manchmal sind genau die falschen Leute in dem Moment an der Macht, wenn man eigentlich genau die richtigen Leute brauchen würde“, so King zu seiner Inspiration. Die bösen Gegenspieler im Roman formte er bewusst nach äußerst realen Vorbildern: „Ich habe die Bush-Cheney-Dynamik genommen und sie auf die Verhältnisse einer Kleinstadt eingedampft“, so King zur Figurenkonstallation. Die ganze Welt unter einer Glasglocke, das hat allerdings für King zugleich auch einen ökologischen Aspekt: „Es ist doch so: letztlich leben wir alle unter der Kuppel. Wir haben nur diesen einen blauen Planeten, mehr nicht.“ Die Überlebenschancen des American Way of Life sind allerdings gemessen am Roman auch in dieser Hinsicht nicht groß. Nur eine kleine Minderheit überlebt das Experiment – am Ende wird „under the dome“ schlicht die Luft knapp.

Rabattschlacht in den USA: den neuen Stephen King als Hardcover gibt’s für 9 Dollar

Erfreulicherweise ist Kings neuer Roman nicht nur auf englisch und deutsch zum selben Zeitpunkt gestartet, sondern auch in Deutschland vom ersten Tag an als E-Book lieferbar. Das hat aber seinen Preis – das E-Book kostet 24,99 Euro, gegenüber der Hardcover-Ausgabe spart man knapp knapp zwei Euro. In den USA haben die Leser dagegen vom Preiskampf zwischen Amazon, Wal-Mart und anderen Playern profitiert – kostet ein Hardcover normaler um die 25 Dollar, endete die Rabattschlacht für King (und andere Autoren) bei knapp 9 Dollar, und das bei einigen Anbietern sogar versandkostenfrei. Auf die E-Book-Ausgabe müssen die amerikanischen Leser sogar noch bis Weihnachten warten – Simon&Schuster hat den Start der Kindle-Ausgabe (Preis: 7,99 Dollar9 bis auf den 24. Dezember verschoben.

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Stephen King, Die Arena,
(Engl.: „Under the Dome“; Heyne Verlag, November 2009)
Preis: 24,99 Euro (epub)

[e-book-review] Von Männern, die Frauen hassen & umgekehrt (Stieg Larsson, Verblendung)

millenium-trilogie-stieg-larsson-verblendung-e-book-bestseller-lisbeth-salander-bild_flickr_benoitpWie populär der „Schwedenkrimi“ momentan in Deutschland ist, zeigt ein Blick auf Spiegel Bestseller-Listen Taschenbuch: auf den erste Plätzen stehen „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ – also die komplette „Millenium“-Trilogie von Stieg Larsson. Auch bei den E-Book-Charts von libri rangieren die Krimis des bereits 2004 verstorbenen Schriftstellers ganz oben. Ursprünglich plante Larsson sogar eine zehn Bände umfassende Serie – wie würden die Bestseller-Listen dann wohl aussehen?

„Ich schreibe ein paar Bücher und werde Millionär“

„Ich schreibe ein paar Bücher und werde Millionär“, sagte Stieg Larsson einmal über seine Zukunft. Fast hätte das auch geklappt. Als der gelernte Journalist zum Krimi-Fach wechselte, plante er einen richtigen „Dekalog“ – über zehn Bände hinweg könnte man dann heute das unkonventionelle Ermittler-Duos aus Hackerin Lisbeth Salander und Reporter Michael Blomkvist verfolgen. Doch bevor die Arbeit am vierten Band so richtig begonnen hatte, starb Workoholic Larsson stilecht wie eine seiner Romanfiguren. Mitten bei der Arbeit bekam er einen Herzinfarkt, und das im Alter von gerade mal 50 Jahren. Vielleicht eine déformation professionelle? Wie seine Figur Blomkvist hatte Larsson lange Zeit einen stressigen Beruf – er arbeitete nämlich ursprünglich für die Presse. Im wirklichen Leben war er allerdings nicht korrupten Industriellen auf der Spur, sondern galt als Experte zum Thema Rechtsextremismus.

„Verblendung“, oder: „Männer, die Frauen hassen“

Als Skandinavien Mitte der neunziger Jahre von einer Welle rechter Gewalt erschüttert wurde, gründete Larsson das antifaschistische Magazin Expo. Mittlerweile ist bekannt, dass jedoch noch eine ganz andere Gewalterfahrung das Leben des posthum zum Bestseller-Autor avancierten Schweden prägte. Wie der Journalist Kurdo Baksi vor kurzem offenbarte, wurde Larsson als Student stummer Zeuge einer Vergewaltigung – und machte sich sein Leben lang Vorwürfe, nicht eingegriffen zu haben. „Män som hatar kvinner“, also „Männer, die Frauen hassen“ ist wohl nicht ganz zufällig der Originaltitel von „Verblendung“. Die Psychologie von Lisbeth Salander hat damit viel zu tun – ein jugendliches Opfer männlicher Gewalt, das als Erwachsene selbst kräftig austeilt. Doch das ist natürlich nur ein Element. Wie üblich im Schwedenkrimi bekommen in den drei Bänden der Millenium-Trilogie auch staatliche Institutionen ihr Fett weg – von der Sozialfürsorge über die Polizei bis zum Geheimdienst.

Dem schwedischen Serienmörder auf der Spur

Das Grundgerüst für den ersten Band liefert ein waschechter Krimiplot: Zusammen mit Salander macht sich Blomkvist auf die Suche nach Harriet Vanger, die seit den fünfziger Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Ihr Leichnam wurde nie gefunden. Dafür bekommt Harriets Onkel, der Industrielle Henrik Vanger, jedes Jahr an seinen Geburtstag von einem (oder einer?) Unbekannten gepresste Blumen hinter Glas geschickt – so wie es vor ihrem Verschwinden auch Harriet zu tun pflegte. Getarnt als Henrik Vangers Biograf durchforstet Blomkvist die Familiengeschichte – und stößt auf Ungeheuerliches: offenbar treibt seit den Fünfziger Jahren unerkannt ein Serienmörder sein Unwesen in Schweden. Doch was hat der Serienmörder mit der Familie Vanger zu tun? War Harriet Vanger ihm etwa auf die Spur gekommen?

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Stieg Larsson, Verblendung ( Heyne Verlag 2009)
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Stieg Larsson, Verdammnis ( Heyne Verlag 2009)
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Stieg Larsson, Vergebung ( Heyne Verlag 2009)
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[e-book-review] Kommissar Barbarottis erster Fall (Hakan Nesser, Mensch ohne Hund)

nesser-e-book-mensch-ohne-hund-krimi-bestseller„Ich mag den Tod, er garantiert eine Geschichte“, fasst der schwedische Bestseller-Autor Hakan Nesser seine Leidenschaft für den Kriminalroman zusammen. Mit „Mensch ohne Hund“ ist nun der erste Band seiner neuen Kommissar Barbarotti-Reihe als E-Book erschienen. In der fiktiven Stadt Kymlinge im westlichen Schweden verschwinden über die Weihnachtsfeiertage zwei Mitglieder der Familie Hermansson – ein leicht autistischer, verwöhnter Junge und ein alkohlabhängiger Journalist, der an einem Romanmanuskript arbeitet: „Mensch ohne Hund“.

Kommissar Gunnar Barbarotti arbeit nicht in Venedig, sondern in Kymlinge

Romanfiguren sind meistens fiktiv, doch in Hakan Nessers Krimis sind es auch die Schauplätze. In der „Van Veeteren“-Reihe führte der neben Henning Mankell wohl populärste schwedische Autor seine Leser in eine Stadt namens Maardam, die einem so gar nicht schwedisch vorkam. Grachten, Hausboote, Spekulatius zum Kaffee – und der Name des Kommissars klang verdächtigerweise so ähnlich wie der des niederländischen Krimi-Autors Van de Wetering. Nach zehn Folgen, deren TV-Version vor zwei Jahren auch in der ARD zu sehen war, hat Nesser mit Gunnar Barbarotti nun einen neuen Kommissar eingeführt – einen Halbitaliener, mit leichtem Anklang an Donna Leons Inspektor Guido Brunetti. Gunnar Barbarotti arbeitet jedoch nicht in Venedig, sondern in Kymlinge. Das klingt nicht nur schwedisch, das ist es auch. Oder soll es jedenfalls sein. „Der Ort Kymlinge existiert nicht wirklich“, wird man gleich auf der ersten Seite von „Mensch ohne Hund“ vorgewarnt.

Rosemarie Wunderlich Hermansson hat einen merkwürdigen Traum…

Die Story beginnt mit einem seltsamen, comicartigen Traum: Die pensionierte Handarbeitslehrerein Rosemarie Wunderlich Hermansson sieht darin kurz vor Weihnachten zwei Vögel mit Sprechblasen – „Du musst Dich umbringen“, zwitschert der eine, „Du musst Karl-Erik umbringen“, zwitschert der andere. Jener Karl-Erik, Rosemaries Gatte, hat gerade ein Haus in Spanien gekauft. Er will weg aus Kymlinge. Ein Grund dafür ist der gemeinsame Sohn Walter. Nach drei gescheiterten Ehen, einem abgebrochenen Studium und wechselnden Jobs hat er in einer Reality-TV-Show mitgespielt. Dort wurde er vor laufenden Kameras beim Onanieren erwischt – und dank der Boulevardpresse in ganz Skandinavien zur Witzfigur. Zum Glück haben die Hermanssons noch zwei Töchter, deren Leben in geordneteren Bahnen verläuft. Oder gibt es da etwa doch ein Problem mit Ebba und Kristina?

Ist „Mensch ohne Hund“ überhaupt ein Krimi, oder eher ein düsterer Familienroman?

Die scheinbare Harmonie beim gemeinsamen verbrachten Weihnachtsfest erweist sich schnell als trügerisch. Nach einem Tag verschwindet erst Walter, dann fehlt auch von Ebbas Sohn Henrik jede Spur. Die Ermittlungen führen Kommissar Barbarotti zu ziemlich unschönen Familiengeheimnissen – schließlich aber auch zu einem ziemlich ungewöhnlichen Mörder. Ist „Mensch ohne Hund“ überhaupt ein Krimi, oder eher ein düsterer Familienroman? „Insgesamt verführt die Lektüre zu der Einsicht, dass die Familie Quell alles Unangenehmen ist“, schrieb ein Rezensent der Süddeutschen Zeitung über Gunnar Barbarottis ersten Fall. Für den Kommissar gilt diese Einsicht allerdings nicht. Der lebt zwar in Scheidung. Doch immerhin kümmert er sich aufopferungsvoll um seine 18jährige Tochter. Insofern können wir das E-Book „Mensch ohne Hund“ uneingeschränkt auch als Weihnachtslektüre empfehlen. Erfreulicherweise ist die elektronische Version übrigens zum selben Preis wie die Taschenbuchausgabe zu haben.

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Hakan Nesser, Mensch ohne Hund,
(Btb Verlag 2009)
Preis: 10,00 Euro (epub)

[e-book-review] Impfung gegen den Dumpfsinn-Virus? Michael Jürgs & die medialen „Seichtgebiete“

jurgs-seichtgebiete-verbloden-e-book-bestseller_bild_pixelio_jenzig71Nach den „Feuchtgebieten“ nun die „Seichtgebiete“? Auch Sachbuchautor Michael Jürgs will offenbar einen Skandal anzetteln – mit einer ebenso schonungslosen wie unterhaltsamen Kritik der Unterhaltungsmedien. Gebasht werden nicht nur die „Blöden“, die durch Talkshows und Dschungelcamps stolpern, sondern auch die „Blödmacher“ in den Agenturen, Redaktionen und Sendeleitungen. Ganz so blöd kann das Buch nicht sein – es steht seit Wochen in den Bestseller-Listen.

Das E-Book als Impfstoff? Der „Dumpfsinn“-Virus, so Jürgs, bedroht uns alle

Sind wir gerade dabei, hemmungslos zu verblöden? Michael Jürgs muss es wissen – er kommt vom Fach. Der ehemalige Tempo-Chefredakteur und Talkshow-Moderator ist aber zugleich ein medialer Renegat – vom leichten und seichten ist er längst in die Sparte der Hochkultur gewechselt. Der Grass-Biograf und seriös gewordene Sachbuchautor hat nun die „Seichtgebiete“ unserer Medienwelt besichtigt. Jene Orte, wo für das soziale und geistige Prekariat „gezotet und gequotet“ wird, „pralle Prolo-Möpse“ wackeln und „Bohlen unterm Teppich pupst“. Dank einem Berliner Historiker gibt es dafür mittlerweile ja einen Sammelbegriff – das „Unterschichtenfernsehen“. Doch der „Dumpfsinn-Virus“, so befürchtet Jürgs, bedroht uns alle – fast so wie die Schweinegrippe. Mit den „Seichtgebieten“ will er uns deswegen alle immunisieren – in dem er in seinem Buch die Blöden lächerlich macht. Mit einer klugen Taktik – denn denn um Gehör zu finden, darf man sich nicht als Oberlehrer der Nation aufführen. „Operation Klugscheißer“ ist abgeblasen. Stattdessen setzt Jürgs auf „sprachgewaltige, laufstarke Guerillataktik“. Wenn man die Blöden aus dem Dschungelcamp befreien will, muss man die Blödmacher eben auf unterhaltsame Weise lächerlich machen.

Jürgs ist nicht blöd – die angestrebte Quote hat das Buch zumindest erreicht

„Populäre Formate klauen und listig mit anderen Inhalten füllen“ – genau das ist Jürgs mit den „Seichtgebieten“ tatsächlich auch gelungen. Im ruppigen Stil einer nachmittäglichen Freak-TV-Show werden Formate und Institutionen vorgeführt: Privatsender & öffentlich rechtliche, der Dudelfunk, die Yellow Press sowie die globale Sudelmaschine namens Internet. Nicht zu vergessen die persönlich Veranwortlichen: Prominente, Politiker, Eliten, und natürlich auch: Journalisten. Alle bekommen ihr Fett weg. Die Sätze sind kurz wie in einem TV-Manuskript, die Begriffe mundgerecht, die Sprache schäumt über wie Brausepulver. Das mag alles Teil der Entlarvungs- Strategie sein, doch am Ende fragt man sich, ob das wirklich so aufgeht. Sind die „Seichtgebiete“ noch ein Teil der Lösung, oder selbst schon ein Teil des Problems? Immerhin nutzen sie ja genau das, was sie kritisieren, als wirkungsmächtiges Sprungbrett, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Jürgs ist nicht blöd, so viel steht fest. Die angestrebte Quote hat das Buch erreicht – es rangiert seit Wochen unter den Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste. Mit der E-Book-Version könnte man rein technisch ohne Probleme die ganze Nation gegen Verblödung impfen. Doch ob die Pandemie sich ausgerechnet mit diesem Cocktail aufhalten lässt!?

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Michael Jürgs, Seichtgebiete. Warum wir hemmungslos verblöden,
(C. Bertelsmann 2009)
Preis: 12,95 Euro (epub)

Bild: Pixelio/Jenzig71

[e-comic-review] Superhase auf dem iPhone: Mawils „Meister Lampe“ elektrisiert das Display

meister-lampe-mawil-e-comic-bestseller-textunesMit dem iPhone-Debüt „Meister Lampe“ aus der Feder des Berliner Zeichners Mawil ist der App Store in Sachen deutsche Independant-Comics kein unbeschriebenes Blatt mehr. Textunes, spezialisiert auf E-Books und E-Comics für Apples Edel-Handy, bringt den digitalen Comic für nur 2,99 Euro heraus (Printversion: 5 Euro). Das schwarz-weiß gezeichnete Mini-Album „Meister Lampe“ eignet sich für die Displays von iPhone und iPod ganz hervorragend. Eins dürfte klar sein: Die Hausmeister-Satire um den bebrillten Super-Hasen ist ein echter Geheimtipp für alle E-Comic-Fans.

Mawil wurde schon zum „Woody Allen der deutschen Comiclandschaft“ erklärt

Kenner der Independent-Szene wissen ja: viele Comics haben einen autobiografischen Hintergrund. Umso merkwürdiger mutete bereits Mawils (alisas Markus Witzels) erstes längeres Album „Strand Safari“ an. Hauptperson – neben vielen leicht bekleideten Teenagern – war ein kurzsichtiger, bebrillter Hase. Vielleicht nannte die Presse Mawil deshalb auch schon zum Woody Allen der hiesigen Comiclandschaft? Doch seit dem hat sich das kurzbeinige, aber langohrige Alter ego des Zeichners immer weiter emanzipiert – Super-Hasi war geboren. Erstmals durfte er in „Das große Supa-Hasi-Album“ zum verwandlungsfähigen Panel-Helden werden. Bei „Meister Lampe“ wird der Superhase endgültig zur Ausnahmepersönlichkeit: Als fest angestellter Elektriker dürfte er in einem kleinen Büro eigentlich nicht viel zu tun haben, würden nicht in seiner Gegenwart ständig technische Geräte den Geist aufgeben – und die Büromädels zu tuscheln beginnen…

Als „Sparky o’hare“ erobert der Superhase auch die englische Comic-Szene

Meister Lampe kommt durch seine unglaubliche Ausstrahlung nicht nur bei Frauen gut an, sondern brilliert auch schon auf internationalem Parkett. Gerade ist zum Beispiel eine britische Version unter dem Titel „Sparky o’hare“ gestartet. Die tragikkomische Aufarbeitung der eigenen Jugend setzt Mawil dagegen nun im hasenlosen Stil daher, ansonsten aber realistisch wie gewohnt, besonders in „Wir können ja Freunde bleiben“ und „Action Sorgenkind“. Noch mehr lesen von Mawil kann man in Comic-Magazinen wie „Stripburger“, „Renate“ oder „Moga Mobo“. Die Alben sind sämtlich beim Berliner Label „Reprodukt“ erschienen und können auch über deren Online-Shop gekauft werden – als Papierversion. „Meister Lampe“ bleibt bis auf weiteres der einzige E-Comic. Hoffentlich nicht allzu lange!

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Mawil, Meister Lampe (textunes/Reprodukt Verlag 2009)
Preis: 2,99 Euro (textunes-App für iPhone&iPod-Touch),
auch erhältlich alsPaperback-Version (Reprodukt-Verlag), Preis 5 Euro