ReadPetite: das Spotify für E-Book-Singles setzt auf kuratierte Inhalte

Trotz seiner bald 74 Jahre ist Tim Waterstone immer noch proaktiv, vor allem wenn’s darum geht, Literatur unters Volk zu bringen. Letzter Beweis dafür: das Projekt ReadPetite. Unter diesem Namen startet im Herbst 2013 eine neue E-Book-Plattform für Kurztexte bis 9.000 Zeichen. Vorstandchef wird nicht ganz zufällig ein gewisser Tim W., Gründer von Waterstones, Großbritanniens größter Buchhandelskette. Besonderer Clou bei ReadPetite ist das Spotify-ähnliche Flatratekonzept – für ein paar Pfund pro Monat bekommt der Leser unbegrenzten Zugang zu allen literarischen E-Singles. Neben klassischen Shortstories und Essays soll das Programm von ReadPetite auch journalistische Reportagen umfassen. Vorgestellt wird das Konzept erstmals auf der nächste Woche stattfindenden London Book Fair.

„Wir garantieren qualitativ hochwertige Texte“

In der Chefetage von ReadPetite werden neben Kapitalgeber Tim Waterstone weitere „Bookpeople“ sitzen: neben dem Literaturagenten Peter Cox und dem Berater Martyn Daniels, den beiden eigentlichen Gründern, ist mit Neill Denny auch der Ex-Herausgeber des Branchenmagazins „The Bookseller“ dabei. Besonderen Wert legt ReadPetite auf ein verlegerisches Konzept, es geht nicht um Masse, sondern um Klasse: „Die inviduelle Kurzgeschichte, oder um was immer es sich bei dem jeweiligen Text handelt, mag noch unveröffentlicht sein, aber der Autor muss etabliert sein und schon etwas publiziert haben“, so Waterstone in einem längeren Interview mit dem Guardian. Und fügt wohl mit Blick auf manche Self-Publishing-Plattformen hinzu: „Der Dreh- und Angelpunkt ist es, zu verhindern, dass sich ein Berg von minderwertigen Material anhäuft. Wir können qualitativ hochwertige Werke garantieren“.

Abo-Modelle für E-Book-Singles gibt’s schon

Ganz neu ist die Idee eines Abo-Modells für E-Book-Singles natürlich nicht, in den USA experimentieren bereits Plattformen wie Atavist oder Byliner mit Flatrates für Shorties, und mit Electric Literature existiert sogar ein angesehenes iPad-Magazin zum Abonnieren. Eine vergleichbare Plattform in Großbritannien fehlt bisher jedoch noch – obwohl das elektronische Lesen dort schon deutlich populärer ist als auf dem europäischen Kontinent: der Marktanteil von E-Books liegt im Vereinigten Königreich bereits bei knapp 10 Prozent, gegenüber knapp 3 Prozent etwa in Deutschland.

Das dürfte auch ReadPetite genügend Spielraum geben. „Im Bereich der Short Fiction wurde vieles bisher dem Publikum vorenthalten, denn für die Verleger lohnte sich der Aufwand nicht“, so Waterstone. Dank E-Books seien die Kosten für Produktion und Distribution nun aber deutlich gesunken. Genug Geld – und auch Zeit – hat der prominente ReadPetite-Investor aber ohnehin, denn seine Buchhandelskette wurde längst weiterverkauft. Inzwischen gehört Waterstones dem russischen Oligarchen Alexander Mamut, und paktiert sogar mit Amazon: in den Filialen werden seit 2012 sogar Kindle-Reader angeboten.

Abb.: Screenshot