Im Labyrinth der Psyche lauert der Dämon: Ilona Bulazel, Der Sündenfänger [Leseprobe]

suendenfaenger-intro-artikelseite„Und nehmt euch in Acht vor der Schlange, denn sie ist tückisch…“: Einem alten Mann wird die Zunge herausgerissen, eine junge Frau stirbt, weil man sie zu Tode gesteinigt hat. Doch diese beiden Opfer sind erst der Anfang einer grauenvollen Mordserie. Hauptkommissar Jens Stutter und seiner Kollegin Jasmin Nau wird rasch klar, dass der Täter mit seinen brutalen Inszenierungen biblische Szenen nachstellt. Doch wie kann man ihn aufhalten? Welche Rolle spielt die psychiatrische Klinik, in der auch die junge Erbin Bellinda Merlhof bis vor kurzem noch Patientin war und um deren Sicherheit die Beamten fürchten? Und was verheimlicht Stutters alter Freund, der in den Fokus der Ermittler gerät? Das Ermittlerteam trifft in Ilona Bulazels neuem Thriller „Der Sündenfänger“ auf einen gefährlichen Gegner, der jede Grenze überschreitet, um dem Dämon tief in seinem Inneren weitere Menschen zu opfern. Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Ilona Bulazel, Der Sündenfänger

Kapitel 1


Die gefesselte Gestalt betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen. Ihr dünner, ausgemergelter Körper war fast nackt. Lediglich ein zerrissenes T-Shirt hatte man ihr gelassen. Sie saß in einem Käfig und glich einem verängstigten Tier. Zusammengekauert, Hände und Füße fixiert und ein Knebel im Mund. Ihre weiße, zarte Haut war unter der Schicht von Staub und Dreck kaum zu erkennen. Wie viel mochte sie noch wiegen? Seit Tagen hatte man sie hungern lassen, ein Wunder, dass sie überhaupt noch bei Bewusstsein war.
Hauptkommissar Jens Stutter näherte sich dem Käfig. Vorsichtig leuchtete er mit seiner Taschenlampe über die Balken, unter ihm ging es circa zwanzig Meter in die Tiefe. Hier oben, im Gebälk des alten Tabakschopfes, roch es rauchig. Allerdings wurde der Speicher sicher schon eine ganze Weile nicht mehr zum Trocknen der Pflanzenblätter benutzt. Das Holz war morsch und ächzte bei jedem Schritt, den Stutter machte.
Die magere Gestalt im Käfig wimmerte, und er bedeutete ihr, indem er seinen Zeigefinger auf die Lippen legte, still zu sein. Schließlich konnte er nicht wissen, ob sich noch jemand hier befand. Prüfend leuchtete er in alle Winkel, mehr Vorsicht konnte er sich nicht leisten. Die junge Frau musste schnellstmöglich in ein Krankenhaus, sonst wäre sie das Opfer Nummer sieben eines brutalen Serienmörders.
»Stutter hier, ich habe sie gefunden«, flüsterte er ungeduldig in sein Handy, immer noch auf der Hut. Er gab seinen Standort durch, forderte einen Krankenwagen und Verstärkung an und ließ keine Gegenfragen zu.
Als das Gespräch beendet war, wandte er sich an die Gefangene. »Lina«, sagte er fast zärtlich, »alles wird gut.«
Natürlich kannte er ihren Namen. Er wusste alles über sie, ihre Vorlieben, ihren Tagesablauf, selbst ihre geheimsten Träume, denn die hatte ihm das Tagebuch verraten. Als die Vermisstenmeldung der jungen Frau eingegangen war, hatten die Beamten alles auf den Kopf gestellt. Es gab kaum Zweifel daran, dass sie ins Opferprofil passte. Die Eltern hatten ihn angefleht zu helfen. Sie kannten die Bilder der Frauenleichen, die im digitalen Zeitalter auch ihren Weg ins Netz gefunden hatten. Dürre Körper mit fleckiger Haut, vom Leid gezeichnete Gesichter, entstellt und selbst den nächsten Angehörigen fremd.
Stutter sah sich um, fand ein Stück Eisenrohr und machte sich damit am Schloss des fast mannshohen Käfigs zu schaffen, der an eine Vogelvoliere erinnerte und zwischen das Holz geklemmt worden war.
Unbändige Wut überkam ihn, als er Linas hervorstehende Knochen sah. Der, den sie jagten, hatte es auf junge Frauen abgesehen. Seit Monaten suchten sie einen brutalen Mörder, der seine Opfer entführte und dann verhungern ließ. Vermutlich sah er ihnen dabei zu und weidete sich daran, wie sie jeden Tag Gewicht verloren, in sich zusammenfielen und schließlich der Organismus seine Arbeit einstellte. Dann waren sie nutzlos für ihn, und er entsorgte ihre Überreste wie lästigen Hausmüll an irgendeiner abgelegenen Bushaltestelle.
Endlich sprang das Schloss auf, und Stutter schob seinen Arm in den Käfig. Die Taschenlampe, die er vorsichtig zwischen zwei Balken geklemmt hatte, strahlte ihn jetzt an. Die junge Frau blickte in das angespannte Gesicht des Polizisten. Seit den ersten Leichenfunden hatte er kaum noch geschlafen. Dunkle Ringe unter den Augen und die fahle graue Haut zeugten von den Wochen, in denen er sich keine Ruhe gegönnt hatte. Unermüdlich suchte er nach dem »Skelettmörder«, wie dieser von der Presse mittlerweile genannt wurde.
»Sie sind besessen« waren die Worte seines Vorgesetzten gewesen. Es gab Streit, böses Blut und einige Zerwürfnisse mit Kollegen, die sich wohl auch im Nachhinein nicht mehr kitten ließen. Stutter wusste, dass er, wenn es um seine Arbeit ging, kompromisslos war. Zu Problemen kam es immer dann, wenn er den gleichen Einsatz auch von anderen forderte.
»Ich werde dir jetzt den Knebel entfernen und bitte dich, ruhig zu bleiben«, wandte er sich erneut an Lina, in deren Blick nun ein Funke Hoffnung lag.
Noch während Stutter das erleichtert zur Kenntnis nahm, änderte sich jedoch der Gesichtsausdruck der jungen Frau. Der Knebel hinderte sie daran, ihm ein lautes »Vorsicht!« zuzurufen, stattdessen stieß sie einen verzweifelten gedämpften Laut aus, aber es war zu spät.
Stutter wurde von hinten gepackt. Sein Gegner war stark, schien zuerst im Vorteil, allerdings war der Polizist besser ausgebildet. Der Kampf war gefährlich, vor allem, weil die Kontrahenten auf den Holzbalken wenig Halt fanden.
Stutter war sich dessen bewusst, aber sein Angreifer schien keine Gedanken an die eigene Sicherheit zu verschwenden. Er konzentrierte sich ganz auf den Polizisten, der ihm seine kranke, bizarre Welt zu zerstören drohte, in der er bis eben noch so grausam über Leben und Tod geherrscht hatte.
Die Gefangene im Käfig stöhnte, und obwohl sie seit Tagen nicht mehr imstande gewesen war zu weinen, liefen ihr in diesem Moment Tränen über das Gesicht. Nach all den unendlichen Stunden der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit war da plötzlich dieser Mann aufgetaucht, um sie zu retten. Wie bei einer ausgehenden Kerze, die gerade noch rechtzeitig durch ein wenig Sauerstoff daran gehindert wurde zu erlöschen, war mit dem Erscheinen von Stutter ihr Lebenswille wieder aufgeflammt. Doch schon kehrte die Mutlosigkeit zurück.
Die Schreie der Männer ließen sie die Augen schließen.
Der nächste Schlag von Stutter saß. Der Mörder kam ins Wanken, verlor das Gleichgewicht und stürzte nach hinten. Mit einem diabolischen Grinsen streckte er die Arme aus und griff nach Stutters Jacke. Schraubstöcken nicht unähnlich umklammerten seine Finger den Stoff und rissen den Polizisten mit in die Tiefe.
Der Aufprall war hart, Stutters Sturz wurde vom Körper des Mörders kaum abgefangen. Er lag jetzt auf dem Monster, das er so lange gejagt hatte, und konnte dessen Gesicht sehen.
Kalte Augen starrten Stutter an, und ein Röcheln entschlüpfte der Kehle des Mörders: »Du bist gekommen«, keuchte er mit seinem letzten Atemzug, dann trübte sich sein Blick, und er war tot.
Ab diesem Zeitpunkt vermischte sich für den Polizisten die Realität mit schrecklichen Albträumen. Die Gesichter von toten Mädchen mit weit aufgerissenen Mündern, die riefen »Du bist gekommen«, wechselten sich ab mit Bildern von weiß gekachelten Krankenhauswänden, bunten Lichtern und schemenhaften Gestalten, die ihm die Augenlider anhoben, mit einer Schere seine Kleidung zerschnitten und ihn an Maschinen anschlossen. Jemand rief seinen Namen, er stöhnte, versuchte den unbekannten Gestalten mitzuteilen, dass da noch jemand war, dass Lina in einem Käfig gefangen gehalten wurde, aber irgendetwas hinderte ihn am Sprechen. Er wollte sich bewegen, spürte seinen Körper nicht mehr, und dann war da nur noch ein durchdringender Ton.
Ein Assistenzarzt rief »Nulllinie«, Hände berührten Stutters Brust, pressten kräftig dagegen, Elektroden wurden angelegt und Strom durch den Körper des Polizisten gejagt. Eine junge Krankenschwester in Nonnentracht bekreuzigte sich und sprach ein leises Gebet, während der Arzt alles tat, was er konnte, um den Mann auf dem Operationstisch zu retten.

* * *

Kapitel 2

Fünf Jahre später, Ende Oktober

Das Bersten der Fensterscheibe hallte laut durch die Nacht. Es war kalt, die Erde gefroren, und der Wind trieb jedem, der sich hinauswagte, Tränen in die Augen. Das Gebäude lag im Dunkeln, und der Krach, den die niederprasselnden Scherben verursacht hatten, blieb ungehört. Niemand störte sich an dem Eindringling, der sich mit einem ausgesprochenen Hochgefühl von außen durch das Fenster stemmte und völlig lautlos auf der anderen Seite landete.
Der Raum war dunkel und ungemütlich, aber was erwartete man auch von einem Krematorium? Der nächtliche Besucher jedenfalls wusste, dass er nicht mit leeren Händen gehen würde. Aber das, was er suchte, befand sich nicht hier. Sein Weg führte ihn, gelenkt vom Strahl der Taschenlampe, zu den Kühlräumen.
Er hat euch für eure Sünden bestraft, wie ihr es verdient habt, dachte der Mann, während er auf die fünf schmucklosen Holzsärge starrte, die für die Kremation am nächsten Morgen vorbereitet waren.
Er würde sie alle nacheinander öffnen müssen, denn es standen nur Nummern und keine Namen darauf. Der Erste war die letzte Ruhestätte einer alten Frau. Ihr Gesicht von Krankheit gezeichnet, ausgemergelt, mit eingefallenen Wangen und zugebundenem Kiefer, glich sie unter dem weißen Lichtstrahl einer verdorrten Frucht. Man hatte sich keine Mühe mit ihr gegeben.
»Armes Mütterchen«, flüsterte der Fremde, »dir war wohl kein offener Sarg zur Erbauung deiner Lieben vergönnt.«
Er verschloss sorgsam den Deckel und widmete sich dem zweiten Kasten.
»Hier war aber jemand fleißig«, entfuhr es ihm spöttisch.
Im Sarg aufgebahrt lag ein junger Mann, an dem der Leichenbestatter ganze Arbeit geleistet hatte. Die Folgen des Unfalls waren kaum noch zu sehen, doch mussten sie schwerwiegend gewesen sein. Wenn man den Leichnam ganz genau betrachtete, konnte man seitlich am Hals das Flickwerk der Totengräber erkennen.
Es folgte ein leises Seufzen: »Wieder der Falsche.«
Beim Abheben des dritten Deckels konnte man jedoch einen erfreuten Laut vernehmen. Der Eindringling hatte den richtigen Leichnam gefunden.
»So kann es gehen, alter Mann«, sagte er ruhig und strich dem Toten im Sarg wohlwollend über die Stirn. »Jetzt gibst du mir noch, was du mir schuldest, und dann überlasse ich dich dem Höllenfeuer.«
Ein unförmiges Werkzeug mit scharfen Kanten wurde angesetzt, um dem habhaft zu werden, was so dringend benötigt wurde. Niemand würde es bemerken, und wenn doch, dann war nicht davon auszugehen, dass es irgendwen kümmerte. Aber auch das war egal. Es folgte ein letzter Blick in das Gesicht des dicken Mannes, der zu Lebzeiten Spaß an der Sünde gehabt hatte und sich dafür nun vor seinem Schöpfer verantworten musste. Allerdings interessierte das den nächtlichen Besucher nicht mehr, denn er hatte, was er wollte. Ein wenig gönnerhaft rückte er den Schamottstein, den man allen Toten beilegte, bevor sie verbrannt wurden, auf dem Bauch des Alten zurecht. Zusammen mit der Asche würde der am Ende übrig bleiben. Ein feuerfester Stein mit einer Nummer, um den Staub zu identifizieren, der von den Leichen nach dem Aufenthalt in dem etwa 900 Grad heißen Krematoriumsofen übrig blieb. Damit war die Aufgabe des Fremden erledigt.
Der Sargdeckel wurde geschlossen, und der nächtliche Besucher verließ das Gebäude auf demselben Weg, auf dem er auch gekommen war. Dabei betastete er seine Beute, die jetzt in einer kleinen Plastiktüte steckte. Er drehte sie sanft zwischen den Fingern und sprach vor Dankbarkeit ein stilles Gebet.

* * *

Anfang Dezember, psychiatrische Klinik »Zum grünen Park«

Bellinda starrte in den Garten. Aber ihre Aufmerksamkeit galt nicht den kahlen Bäumen oder den niedlichen Meisen, die sich am Vogelhäuschen um einen Fettknödel balgten, sondern voll und ganz dem Krankenpfleger Patrick, der sich gerade fürsorglich um Mildred kümmerte, die leider schon vor Jahren völlig den Verstand verloren hatte. Seit dem Tod ihrer Kinder hielt sich Mildred nämlich für einen von Gott gesandten Engel, dessen oberstes Ziel es war, die Menschen vor drohendem Unheil zu warnen.
Ja, Schicksalsschläge konnten einem übel mitspielen, das wusste Bellinda aus eigener Erfahrung. Sie verfolgte die Szene weiter. Patrick bemühte sich, der nur mit einem dünnen Nachthemd bekleideten Mildred einen Mantel umzulegen und sie ins Haus zurückzuführen. Immerhin war es Anfang Dezember und damit empfindlich kalt.
Die junge Frau am Fenster war zufrieden. Ihr würde es nicht wie Mildred ergehen, die vermutlich nie wieder in die Welt da draußen zurückkehren konnte. Für Bellinda lag die Zukunft nämlich außerhalb der Nervenklinik – und mit Patrick war ihr Leben perfekt. Natürlich durfte momentan noch niemand etwas von ihrer Beziehung erfahren. Patrick gehörte zum Pflegepersonal, deshalb könnte die Bekanntmachung ihrer Verbindung für ihn Ärger bedeuten.
Außerdem wollte sie unter keinen Umständen riskieren, dass sich in letzter Minute noch jemand gegen ihre Entlassung aussprach. Sie vertraute da ganz Patricks Einschätzung der Lage. Vermutlich verzichtete die Klinikleitung nur ungern auf die monatlichen Raten für den Aufenthalt, die erst Bellindas Eltern und nach deren Ableben vor zwei Jahren der Familienanwalt überwiesen hatte. Aber langsam war es an der Zeit, dass sich Bellinda selbst um ihre Angelegenheiten kümmerte. Da der neue Arzt, der nach dem Tod des alten Doktor Esser kurzfristig ihre Behandlung übernommen hatte, ihr eine gute Genesung bescheinigte, konnte sie bald schon selbst über das große Vermögen verfügen, das ihr hinterlassen worden war. Und mit Patrick an ihrer Seite würde sie das Leben künftig in vollen Zügen genießen. Ende des Monats konnte sie die Klinik verlassen, sich ein schönes Haus mit Garten kaufen und dann tun und lassen, was sie wollte.
Als hätte Patrick gespürt, dass ihre Blicke auf ihm ruhten, sah er zum Fenster und hob die Hand zum Gruß.
Mildred folgte seinem Blick und gab ein ungehaltenes Grunzen von sich: »Sie wissen, was der Herr über die Schlange sagt?«, begann sie und wollte ein Bibelzitat vortragen, aber Patrick unterbrach die Frau.
»Ja, und ich weiß auch, was er vom Falschen-Zeugnis-Ablegen hält.«
Während er ihr antwortete, zwinkerte er Mildred zu, was diese unwirsch schnauben ließ. »Ich möchte auf mein Zimmer! Sofort!«, schnauzte sie empört, riss sich los und stapfte Richtung Eingang.
Patrick blickte noch einmal zu Bellinda und hob übertrieben die Schultern, so als wollte er sagen: »Was soll man da machen?«
Die junge Frau winkte ihm zu und lächelte. Vermutlich hatte sich Mildred, im Glauben, eine Gesandte Gottes zu sein, wieder einmal auf einen Wortwechsel mit Patrick eingelassen. Wie gewöhnlich hatte sie dabei vergessen, dass der Pfleger genug Kenntnisse der Bibel hatte, um seine Patientin notfalls zu widerlegen; etwas, das Mildred gar nicht schätzte.
Bellinda wurde aus ihren Gedanken gerissen, denn es klopfte an der Tür.
Eine Schwester öffnete und sagte: »Zeit für die Tanztherapie.«
»Bin schon unterwegs«, antwortete ihr die junge Frau und warf noch einmal einen Blick in den Garten, aber da war Patrick bereits verschwunden.

* * *

(Weiterlesen)

Autorin & Copyright: Ilona Bulazel

suendenfaenger-coverbild
Ilona Bulazel,
Der Sündenfänger. Psychothriller
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 9,99 Euro

Zahn um Zahn in Baden-Baden: Ilona Bulazel, Sepsis – Das Schandmaul [Leseprobe]

sepsis-das-schandmaul-introBöses Erwachen in Baden-Baden: Als Kommissar Rolf Heerse zu einer grausam entstellten Leiche gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass bald weitere Morde folgen werden. Doch bald wird klar: Ein mysteriöser Serienmörder hinterlässt auf seinem Streifzug durch das beschauliche Städtchen eine blutige Spur des Hasses. Warum verstümmelt er auf so brutale Weise den Mund seiner Opfer? Während die Ermittler bald in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, holt den Hauptkommissar ein dunkles Kapitel der eigenen Vergangenheit ein. Mit „Sepsis – Das Schandmaul“ legt Thriller-Autorin Ilona Bulazel nach »Sepsis – Verkommenes Blut« den zweiten Krimi mit Hauptkommissar Rolf Heerse vor. Neben Psychothrillern schreibt die in Baden-Baden lebende Self-Publisherin auch SciFi-Krimis, zuletzt erschien „Projekt Todlicht“. Unsere Leseprobe zu „Sepsis“ führt direkt zum Fundort der ersten Leiche…

Ilona Bulazel: Sepsis – Das Schandmaul

Kapitel 1

»Das Schandmaul steht im weitesten Sinne für ein freches Mundwerk, wird aber oft auch als Bezeichnung für jemanden verwendet, der abwertend oder boshaft über andere Personen spricht.«

Liane Ohwaldt fühlte sich alleingelassen und hilflos. Während ihr dicke Tränen über die Wangen liefen, dachte sie an die Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war und der Vater ihr jeden Abend vorgelesen hatte. Die Märchen ihrer Kindheit – alles Lügen! Die Geschichten über die dunklen Wälder und bösen Hexen stimmten genauso wenig wie die Legenden von gütigen, alten Weibern und edlen Rittern. Die Welt war vollkommen anders, die Welt war grausam. Liane schluchzte, aber das, was geschehen sollte, ließ sich nicht mehr aufhalten.
Grob wurde sie auf die Knie gestoßen. Der feuchte Boden roch vertraut, wieder eine Kindheitserinnerung. Dieses Mal an Pilzesammeln und Versteckspielen. Verzweifelt bettelte sie um Gnade, das qualvolle »Bitte nicht« war das Letzte, was sie sagen konnte. Das Metallrohr traf sie mitten ins Gesicht, Knochen und Zähne splitterten und plötzlich war da nur noch Schmerz. Der zweite Schlag verletzte sie schwer am Hinterkopf. Liane hörte das Brechen des eigenen Schädels und verlor das Bewusstsein. Wenige Minuten später war sie tot.

Mitte Juni

Die Hitze war beinahe unerträglich. Lydia kniff die Augen zusammen. Auch wenn sie gerade ihren eigenen Gedanken nachhing, beäugte sie wachsam die Kinder. Die dritte Klasse Grundschule war kein Zuckerschlecken. Sollte Lydia jemals wieder eine Jobentscheidung treffen müssen, dann würde sie sich mit Sicherheit für die Erwachsenenbildung entscheiden.
Mit einer scharfen Ermahnung pfiff sie einen der Jungen zurück, der gerade den höchsten Baum auf der Lichtung erklimmen wollte, und hoffte, dass dieser Wandertag bald zu Ende sein würde. Dann versank sie wieder in Grübeleien über das eigene Schicksal. Die Vorstellung, mit ihrem neuen Freund den ersten gemeinsamen Urlaub am Meer zu verbringen, konnte sie nicht wirklich fröhlich stimmen. Die acht Kilo, die zwischen ihr und der perfekten Bikini-Figur standen, hatten sich seit Weihnachten erfolgreich behauptet. Zu allem Übel war die Ex ihres neuen Partners gertenschlank gewesen. Doch noch bevor sich Lydia ihrem Frust hingeben konnte, hörte sie einen lauten Schrei.
Die Lehrerin wusste sofort, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Auch ihre Kollegin und zwei der Mütter, die sich als Begleitpersonen angeboten hatten, erhoben sich von den Picknick-Decken. Schon folgte das aufgeregte Rufen der Kinder.
»Till! Es war Till! Er hat es gefunden!«, schrie der kleine Johann, einer der sommersprossigen Zwillinge.
Natürlich!, dachte Lydia, wer sonst! Es war immer Till. Der Junge schien ihr ganz persönlicher Sargnagel zu sein. Hyperaktiv, schlau und ohne den Hauch von Verantwortungsgefühl.
»Mara weint«, erreichte sie das dünne Stimmchen von Susanne, die mit verzweifelter Miene zu ihrer Lehrerin aufsah.
Lydia legte einen Zahn zu. Außer Atem stapfte sie in Richtung der Kinder, die trotz des ausdrücklichen Verbots den Waldweg verlassen hatten und nun im Dickicht standen.
Sie zerkratzte sich die Waden an einem Dornengestrüpp. Mit strengem Gesichtsausdruck stürmte sie zu der Gruppe. Zwei Mädchen hielten sich an den Händen. Die eine wurde, den Kopf gesenkt, von Weinkrämpfen geschüttelt, die andere starrte mit ihren großen blauen Kulleraugen stur geradeaus, so als würde sie unter Schock stehen.
Till, der vermeintliche Übeltäter, kam ihr erleichtert entgegen – ein Umstand, der die Lehrerin zusätzlich beunruhigte.
»Schnell, dort vorne!«, keuchte der Junge aufgeregt.
Als sich Lydia schließlich dem aufgewühlten Blätterhaufen näherte, traf sie der Anblick völlig unvorbereitet. Die Leiche war fast vollständig von Erde und Laub bedeckt. Nur das bleiche, marmorierte Gesicht lag frei und bildete einen merkwürdig grellen Kontrast zu den dunklen Farben des Waldes. Eine seltsame Stille schien plötzlich um sie herum zu herrschen und Lydia spürte eine unangenehme Kälte. Der fremdartige süßlich-faulige Geruch verursachte ihr Übelkeit. Der Lehrerin wurde schwindelig. Sie hörte ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen. Unfähig den Blick abzuwenden, betrachtete sie jedoch weiter das entstellte Gesicht. Tiere mussten sich bereits über das Fleisch hergemacht haben. Kleine Nager mit winzigen, scharfen Zähnchen hatten den rechten Wangenknochen bearbeitet. Die Augäpfel fehlten. Vielleicht war hier einer der großen Rabenvögel auf eine willkommene Mahlzeit gestoßen. Anklagend stierten die leeren Augenhöhlen in Lydias Richtung, die erschrocken erkannte, dass die weißen Stückchen, die am Kinn der Leiche klebten, keine Kiesel, sondern ausgeschlagene Zähne waren. Als im nächsten Moment ein dicker schwarzer Käfer aus einem der Nasenlöcher krabbelte, verlor sie die Kontrolle und musste sich übergeben.
Niemand lachte oder sagte etwas. Mittlerweile hatten auch die anderen Erwachsenen begriffen, was vor sich ging. Mit brüchigen Stimmen gaben sie den Kindern Anweisungen. Folgsam sammelten die sich auf der kleinen Lichtung, suchten die Nähe zueinander und lauschten schweigsam dem Gespräch, das Lydia wenig später per Handy mit dem Notruf der Polizei führte.

(Weiterlesen)

Copyright Cover & Leseprobe: Ilona Bulazel
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung der Autorin

sepsis-das-schandmaul-thriller
Ilona Bulazel, Sepsis – Das Schandmaul
E-Book (Kindle) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 9,99 Euro

Schlagschatten der Vergangenheit – Lena Sander, Memory Effekt [Leseprobe]

lena-saner-memory-effekt-kurz

Aus der langjährigen Ehehölle entkommt die psychisch labile Mia Kronen in die Ruhe eines Sanatoriums. Doch als sie in der Zeitung ihre eigene Todesanzeige entdeckt, gerät ihr Leben erneut aus den Fugen. Verbirgt sich dahinter eine weitere Intrige ihres ebenso genialen wie brutalen Ehemannes, oder steckt etwas anderes dahinter? Je näher sie der Wahrheit kommt, desto grausamer wird sie von der Vergangenheit eingeholt. Ganz ähnlich geht es Psychologin Dr. Linda Schwarz – nach einem Unfall ist ihr Ehemann ins Koma gefallen, und hat in seinen traumlosen Schlaf ein schreckliches Geheimnis mitgenommen. Im Sanatorium treffen beide Frauen aufeinander, und müssen erfahren: ihre Schicksale sind eng miteinander verknüpft. Doch was ist es, das beide Frauen gemeinsam haben? Auch in ihrem neuesten Psycho-Thriller „Memory Effekt“ schont Bestseller-Autorin Lena Sander unsere Nerven nicht. Unter anderem Namen hat die Freiburgerin schon mehrere humorvolle Bücher veröffentlicht, seit ihrem Debüt „Zersetzt“ erweist sie sich auch als Meisterin der Spannung, die unter die Haut geht. Unsere Leseprobe führt direkt ins zweite Kapitel, in dem Mia Kronen die eigene Todesanzeige entdeckt. Was davor (und danach) geschieht, verrät die Blick ins Buch-Option im Kindle Store.

Lena Sander, Memory Effekt

2. Kapitel
Februar 2015 – Das Sanatorium

Die Erinnerungen verfolgten sie und wollten sich auch nicht abschütteln lassen. Was sagte die Therapeutin? Es braucht Zeit, viel Zeit …
Sie öffnete den Mund, in dem sich noch der letzte Bissen ihres Frühstücksbrötchens befand, um ihrer Tischnachbarin die Antwort auf deren Frage: »Und warum sind Sie hier, im Sanatorium?« zu geben. Dazu kam sie nicht mehr. Der Bissen blieb ihr im Hals stecken. Auch die nächste Frage: »Ist Ihnen nicht gut?«, konnte sie nicht einmal mit einer Geste beantworten. Sie hustete und rang nach Luft. Mit zittriger Hand versuchte sie, ihre Kaffeetasse zurück auf den Unterteller zu stellen. Die Tasse entglitt und zersprang auf dem Boden in unzählige Scherben.
»Kein Problem«, sagte James, ein Mitarbeiter des Sanatoriums, beruhigend. »Ich hole etwas zum Aufwischen.« Er, der gute Geist des Hauses, James, wie er sich selbst zu nennen pflegte. Keiner kannte seinen richtigen Namen. Wenn er danach gefragt wurde, winkte er ab, zwinkerte und sagte: »Der beste Butler heißt immer James.« Der groß gewachsene, schlaksige Kerl kümmerte sich um viele Belange der Kurgäste. Tatsächlich wie ein guter Butler, der wusste, was seine Gäste gerade benötigten. Sie hatte sich schon oft gefragt, ob James kein Zuhause hatte. Sie hatte den Eindruck, dass er immer gerade dann anzutreffen war, wenn man ihn brauchte, nicht nur in dem barocken Speisesaal, dessen Spiegelwände jedem vorgaukelten, dass der Raum um ein Vielfaches größer sei.
»Haben Sie sich verbrüht, gnäʼ Frau, kann ich Ihnen behilflich sein?« Sie fuhr auf ihrem Stuhl herum. James schüttelte eine gefaltete Serviette auf und legte sie ihr auf die durchnässte Hose.
»Danke.« Aus dieser Nähe waren seine tiefen Pockennarben gut erkennbar und die frische Schnittwunde, die er sich bei seiner morgendlichen Nassrasur zugezogen haben musste.
»Benötigen Sie die noch?«, war die nächste Frage von James. Er zeigte auf die Tageszeitung ihres Tischnachbarn, die mit Kaffee befleckt war. Ein Schwall seines Rasierwassers zog in ihre Nase – Tabac. Sie hustete erneut, konnte nicht antworten und klatschte ihre Hand mitten auf das nasse Papier.

Es gab viele Gründe, warum sie sich in diesem Sanatorium befand. Hier, in diesem alten Haus, dessen Innenarchitekt ein Verwandter König Ludwigs des Sechzehnten gewesen sein musste. War sie doch heute Morgen von ihrem Tischnachbarn, Herrn Silberkron, der sie gerade schockiert ansah, auf Mitte dreißig geschätzt worden. So rechtfertigte anscheinend allein schon ihr Aussehen diese Kur.
»Ich hätte Ihnen die Zeitung auch so gegeben, junge Frau. Die ist eh schon einige Tage alt. Sie hätten sie nicht extra mit Kaffee tränken müssen.« Herr Silberkron lächelte, schüttelte die letzten Tropfen ab und reichte ihr das nasse Papier.

Ein Trugbild. Das, was sie zuvor nur aus dem Augenwinkel hatte erkennen können, war bestimmt eine Täuschung – ganz sicher. Sie nahm die Zeitung in die Hand, schlug sie auf und starrte wie paralysiert auf die Anzeige:

mia-kronen-ist-tot

Plötzlich wurde die Welt um sie herum aus den Angeln gehoben. Es fühlte sich an, als stünde sie auf einer Hängebrücke. Den tiefen Abgrund vor Augen, dünne Seile, die kaum einen Halt boten, und morsche Holzplanken, die beim nächsten Schritt nachgeben und ihr den Weg in die Tiefe eröffnen würden. Die Kaffeeflecken flossen vor ihren Augen ineinander und bildeten abstruse Formen. Der ausgestreckte Zeigefinger, den sie jetzt sah, deutete auf ein Wort. Dieses eine Wort sprang aus der Zeitung direkt auf ihre Stirn, fraß sich durch die Haut, suchte sich den Weg über ihre Gehirnwindungen und brannte sich tief in ihr Gedächtnis.
»Verstorben.« Wie auf einer großen Leuchtreklametafel blinkten die Buchstaben. Sie, Mia Kronen, sie, die gerade mit achtundzwanzig Jahren einen Kuraufenthalt angetreten hatte, war tot.

(Weiterlesen)

Copyright Cover & Leseprobe: Lena Sander
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung der Autorin.

lena-sander-memory-effekt
Lena Sander, Memory Effekt – Psychothriller
E-Book (Kindle) 0,99 Euro

Wenn alle sagen, es ist vorbei… : Leonie Haubrich, „Auf manche Nacht folgt kein Tag“ [Leseprobe]

haubrich-manche-nachtWenn alle sagen, es ist längst vorbei, fängt es gerade erst an, denkt Walter, als er in der Lokalzeitung das Bild eines entführten Mädchens erblickt: denn das Mädchen sieht seiner verstorbenen Frau als Kind unglaublich ähnlich. Wie kann das sein? Hat Walter Halluzinationen? Immerhin ist er gerade mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Doch eins steht schon mal fest: das Mädchen ist verschwunden, und die Polizei tappt im Dunkeln. Und dann ist da diese Ähnlichkeit. Erinnerungen überfluten Walters Gegenwart, alte Wunden werden aufgerissen. Obwohl seine Umgebung sich gegen ihn stellt und ihn an seiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt: Walter ist sich sicher, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem Mädchen, seiner Frau und ihm selbst. Er beginnt zu recherchieren, sucht nach Spuren… und geleitet den Leser mitten hinein in die seelischen Abgründe gleich mehrerer Familiengeschichten. Mit „Auf manche Nacht folgt kein Tag“ legt Leonie Haubrich nach „Am Anfang war die Stille“ bereits ihren zweiten Self-Publishing-Thriller vor. Schon etwas länger ist die Wiesbadenerin unter ihrem „bürgerlichen“ Namen Heike Fröhling auch als Journalistin und Verlagsautorin unterwegs. Das Indie-Experiment hat sich gelohnt, nicht nur für die LeserInnen: nach dem Debut bewegt sich nun auch der neue Titel auf die Top 100 im Kindle Store zu. Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel, mehr verrät die „Blick ins Buch-Option“ bei Amazon.

Leonie Haubrich: Auf manche Nacht folgt kein Tag

1. Kapitel
Sie verließ ihre Deckung im Gebüsch, spannte die Bogensehne, kniff das linke Auge zu, um ihr Ziel zu fixieren. Mia hielt die Luft an. Dann ließ sie die Sehne vorschnellen. Wie geplant flog der Pfeil über die Straße. Er berührte mit seiner Gummispitze punktgenau den roten Aufkleber auf dem zehn Meter entfernten Hoftor. Getroffen! Dass sie mit dem rechten Turnschuh in den Bach rutschte, störte sie nicht. Es war einer dieser Tage, an denen solche Kleinigkeiten keine Rolle spielten, an denen einfach alles stimmte. Nicht einmal die angekündigte Klassenarbeit konnte ihre Laune trüben. An diesem Tag durfte Mia Robin Hood sein, worauf sie eine Woche lang gewartet hatte. Aus der Nebenstraße drangen Kinderrufe herüber, die lauter wurden und sich näherten. Das war der Sheriff von Nottingham mit seinen Gehilfen, die sie nun jagten, aber kaum finden würden, weil das Gebiet, das sie an diesem Tag für das Spiel festgelegt hatten, zu groß war, um es zu kontrollieren.
Mia huschte auf die andere Straßenseite, um den Pfeil einzusammeln, der nach seinem Treffer abgeprallt und von einer Windböe weggeweht worden war. Sie musste sich beeilen. Vorsichtig drückte sie das Holztor auf, um zu sehen, wo genau der Pfeil liegen geblieben war. Durch das geöffnete Tor lugte sie in den Hinterhof.
Im ersten Moment war der Pfeil nicht zu entdecken. Es war einer der alten Höfe, die zwei Zugänge hatten, einen zur Straße hin und einen zur hinteren Gasse. Dieser Hof ging noch dazu über Eck, sodass Mia ihn nicht vollständig einsehen konnte. An der Hauswand parkte gerade ein alter, schwarzer Opel ein. Der Motor verstummte. Zwei Personen stiegen aus. Die Frau öffnete den Kofferraum und holte eine Reisetasche heraus. Der Mann zog sich eine schwarze Strumpfmaske vom Kopf. Als er Mia erblickte, stieß er einen unterdrückten Fluch aus. Mias Gedanken überschlugen sich. Sie wusste, dass hier etwas überhaupt nicht stimmte. Wer trug im Alltag eine Strumpfmaske? Das Erschrecken, das im Gesicht des Mannes lag, bestärkte ihre Sorge. Was gerade passierte, sollte von niemandem entdeckt werden.
Sie wollte laufen, so schnell wie möglich nach den anderen rufen, damit sie kamen und ihr jemand sagte, was das alles bedeutete.
Lauf, befahl sie sich, lauf. Doch ihre Beine widersetzten sich jedem Befehl. Mia zitterte. Regungslos blieb sie dort stehen, wo sie sich befand. Ihr Puls hämmerte hinter ihrer Stirn. Sie musste sich festhalten, damit ihre Beine sie weiterhin aufrecht hielten, die Knie nicht einknickten. Die Frau ließ die Tasche fallen, der Verschluss ging auf. Mehrere Geldbündel rutschten auf die Pflastersteine. Aus Mias Hals kam ein Röcheln, das klang, als käme es gar nicht aus ihrem Körper, sondern von ganz weit her, dumpf aus einer Tiefe, die gar nicht zu ihr gehörte.
Bevor sie genau verstand, was sie gesehen hatte, was in ihrem Körper passierte, spürte sie, wie sie gepackt wurde. Ein Arm legte sich um sie, jemand drückte ihren Mund und ihre Nase zu. Sie drehte ihren Kopf, um sich zu befreien, um atmen zu können. Mit jeder Sekunde, in der sie keine Luft bekam, stieg ihre Panik. Sie strampelte mit den Beinen, versuchte zu schlagen, zu beißen. Ihr Körper übernahm die Kontrolle über das Geschehen. Er wehrte sich mit allen Mitteln. Doch das Einzige, was sich löste, war ihr rosa Schmetterlingshaargummi von ihrem Zopf. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie das Haargummi mit dem Tüllschmetterling mit dem Wind aufwärts glitt, über die Mauer hinwegflog wie ein Vogel, der aus seinem Käfig entkommen war. Die große Hand, die nach Zigarettenrauch roch, rutschte einige Millimeter abwärts. Endlich konnte sie durch den Mund nach Luft schnappen. Der Mann schloss das Tor zur Straße. Mia registrierte, wie sie von der Frau in einen Keller geschleift wurde. Bei jeder Treppenstufe knallten ihre Füße von einer Stufe zur nächsten, jedes Mal fühlte sie einen kleinen Schlag an den Fersen. Von irgendwoher flackerte ein Licht, das nicht hell genug war, um sich orientieren zu können. Es stank nach Feuchtigkeit und Schimmel. Mia musste würgen. Es gelang ihr nicht, mit den Schuhen Halt auf dem Boden zu finden. Ihre Beine schlenkerten wie Puppenbeine von einer Seite zur anderen, als hätte jemand sie von ihr abgetrennt, als gehörten sie gar nicht mehr wirklich zu ihr selbst. Dicht an ihrem Ohr hörte sie einen Knall, der sie an ihren Vater erinnerte, wie er auf den Esstisch schlug, wenn sie eine Fünf oder Sechs von der Schule mit nach Hause brachte. Sie bemerkte, dass der Knall ein Hieb an ihren Kopf gewesen war, und wunderte sich, warum sie keinen Schmerz spürte. Blut tropfte auf den Steinboden. Sie wusste, dass es ihr eigenes Blut war. Sie hätte darum kämpfen können, die Augen geöffnet zu lassen, wahrzunehmen, was um sie herum geschah. Stattdessen entschied sie sich zu fallen, in die Schwärze hinein, dorthin, wo sie ihre Angst und Hilflosigkeit nicht mehr spüren musste.

Copyright Cover & Leseprobe: Leonie Haubrich
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autorin.

haubrich-manche-nacht
Leonie Haubrich, Auf manche Nacht folgt kein Tag
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 8,99 Euro

[Indie-Lounge] „Auf meine Leser kann ich mich verlassen“ – Mark Franley im Interview

Heute zu Gast: Mark Franley. Harry Potter ist Schuld daran, dass er schreibt, aber der Zweiundvierzigjährige aus Mittelfranken verfasst keine Zauberbücher, sondern bewegt sich im Bereich Thriller und Horror. Seit er vor etwa zwei Jahren ernsthaft mit dem Schreiben begonnen hat, sind zwei Horrorkurzgeschichten und vier Psycho-Thriller (zuletzt: „Nachtkalt“) entstanden, die es alle in die Top 10 bei Amazon geschafft haben, einmal sogar auf Platz 1. Ein Publikations-Erfolg, der Mark sehr überrascht hat, der aber ein tolles Gefühl schafft – und die Perspektive bietet, das Schreiben zum Hauptberuf zu machen.


„Jeder Mensch hat eine dunkle Seite“


Mark, warum ist Harry Potter Schuld, dass du schreibst?
Er hat mich verzaubert (lach). Aber im Ernst … Mich hat es damals beeindruckt, welchen Erfolg eine vorher völlig unbekannte Autorin erreicht hat, und da ich selbst immer auf der Suche nach einer kreativen Tätigkeit war, habe ich einfach versucht, selbst einmal eine Geschichte zu schreiben.
In den Jahren zuvor versuchte ich mich in der Malerei, stellte Holzschmuck her und landete, von Harry Potter inspiriert, beim Schreiben. Jetzt fühle ich mich angekommen und werde nervös, wenn ich keine Zeit habe, um mich an den Laptop zu setzten.

Dein bevorzugtes Genre sind Thriller. Was gefällt dir daran so gut?
Ich glaube, dass jeder Mensch auch eine dunkle Seite in sich trägt und dass es manchmal sogar seine Berechtigung hat, diese zu zeigen. Als Thrillerautor kann ich meine Protagonisten all das ausleben lassen, was man sich in der Realität besser nur denkt. Und natürlich macht es Spaß, Einfluss auf die Gefühle der Leser zu nehmen, sie mit leiden, lachen und lieben zu lassen.

Wie kommst du auf deine Ideen für deine Bücher?

Die Grundideen liefert unsere Gesellschaft. Eigentlich würde eine Ausgabe der Abendnachrichten genug Stoff für mehrere Bücher bieten. Was ich überhaupt nicht leiden kann sind Ungerechtigkeiten, daher suche ich mir meist Themen, in denen auch der Täter eine gewisse Berechtigung für seine Tat hat.


„Facebook ist für mich der wichtigste Werbe-Kanal“


Du hast hervorragende Amazon-Plazierungen erreicht. Wie machst du Werbung für deine Bücher? Was sind deine wichtigsten Kanäle?

Inzwischen sorgt meine Facebookseite bei neuen Büchern für einen guten Start. Auf meine Leser, die mir dort folgen, kann ich mich wirklich verlassen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für Eure Unterstützung. Was natürlich auch Nachfrage bringt, sind die sehr aussagekräftigen Rezensionen einiger bekannter Bloggerinnen, die kein Blatt vor den Mund nehmen und auch einmal konstruktive Kritik üben. Zusätzlich kaufe ich auch noch Werbeplätze bei den einschlägigen E-Book Magazinen, aber das wichtigste Werbemittel ist wohl die Mundpropaganda, und die kann man sich nur erarbeiten.

Wie viel Zeit investierst du etwa pro Woche in Schreiben, in Marketing, Pflege deines Netzwerks?

In Stunden kann ich das nicht sagen. Das Verhältnis ist ungefähr 80 Prozent Schreiben, 15 Prozent Netzwerk und 5 Prozent Marketing. Wobei das alles nicht starr ist, denn rund um die Veröffentlichung eines neuen Buches tritt das Schreiben natürlich erst einmal in den Hintergrund.

Folgst du mit deiner Tätigkeit als Autor einem großen Plan? Ist es „nur“ ein schönes Hobby? Hast du ein Ziel oder einen Traum?

Ganz klar … ich möchte das Schreiben früher oder später hauptberuflich machen, und dieses Ziel habe ich fest im Blick.

Was hat sich in deinem Leben durch das Schreiben/deinen Erfolg verändert?

Ich habe jetzt die Perspektive, irgendwann meinen Traumberuf ausüben zu können und nur noch das machen zu können, was ich wirklich möchte.


„Ich habe nie Ratgeber oder Kurse genutzt“


Für einen Erfolg spielen viele Faktoren eine Rolle. Welche zwei oder drei Faktoren siehst du als die wichtigsten an, die deinen Erfolg getragen haben?

Ganz vorne steht natürlich, dass die Leser meine Ausdrucksweise gut finden, und es kommt, glaube ich, ganz gut an, dass ich keine „Längen“ in meinen Büchern habe. Mein persönliche wichtigster Erfolgsfaktor war es, die ganz normalen Startschwierigkeiten zu ignorieren und immer weiterzumachen.

Dein wichtigster Tipp für Autorenkollegen:

Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Und immer daran denken, dass nur der Leser Recht hat. Wer mit seinen Lesern einen Streit bezüglich seiner Geschichte anfängt, hat irgendetwas nicht verstanden.

Was hat dir geholfen, im Schreiben besser zu werden?

Ich habe nie einen Kurs besucht und noch keinen Ratgeber in Händen gehalten. Wie mir gesagt wurdes ist jedes neue Buch ein wenig besser. Es wohl wie bei allem, nur die Übung macht den Meister.

Du bist unabhängiger Selfpublisher. Was findest du besonders gut dabei? Was stört dich?

Gut daran ist natürlich die besagte Unabhängigkeit. Ich kann schreiben, was ich will, und es veröffentlichen, wann ich will. Mir redet niemand hinein, und abgesehen von meinen Lesern steht keiner da und sagt: „Du musst fertig werden“.
Am Anfang war es ein Problem, meine Bücher noch einmal professionell überarbeiten zu lassen, da das wirklich viel Geld kostet. Dieses Problem hat sich inzwischen dank guter Verläufe erübrigt, und die Investition lohnt sich in jedem Fall.
Was mich stört, ist eigentlich nur, dass meine Bücher nicht bei den Buchhändlern liegen, aber wer weiß schon, wie Buchläden in zehn Jahren aussehen. Vielleicht erfolgt auch hier noch eine Öffnung für uns Selfpublisher.

Was könnte dir die Arbeit als Selfpublisher erleichtern?

Dazu fällt mir gerade nichts ein, ich bin zufrieden, so wie es ist.


„Die Vermarktung im Ausland ist verlockend“


Wenn jetzt ein großer Verlag käme, könnte der dich verführen, dein Self-Publisher-Dasein aufzugeben? Und was müsste er dafür tun?

Einmal abgesehen von der Million-Dollar-Frage könnte mich nur eine Vermarktung meiner Bücher im Ausland locken. Da ich aber gerade selbst dabei bin, meine Bücher übersetzen zu lassen, müsste sich ein Verlag beeilen :-)

Wenn dich ein neuer Leser kennen lernen möchte, welches deiner Bücher würdest du ihm als Start in deine Bücherwelt empfehlen.

Da meine Thriller schon so etwas wie eine Reihe sind, auch wenn man sie gut einzeln lesen kann, würde ich mit „Heuchler“ beginnen. Ich schreibe heute vielleicht etwas besser, aber für neue Leser ist sicher auch Kommissar Köstners Entwicklung ganz interessant.

Deine bisherigen Leser warten schon auf Nachschub. Worauf können sie sich freuen? Was ist dein nächstes Projekt?

Zwei meiner Hauptprotagonisten leben noch, und die Köstner-Reihe verdient einen würdigen Abschluss ;-)

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Dass ich es auch nach zwei Jahren noch immer unglaublich finde, wohin Ihr mich gebracht habt, und dass ihr mir als verlagsunabhängigem Autor überhaupt eine Chance gegeben habt. Ich weiß, unser Ruf ist nicht immer der Beste, daher zählt das für mich umso mehr.
Sagt und schreibt mir bitte auch weiterhin Eure Meinung zu meinen Geschichten, denn alles was mich weiterbringt, ist konstruktive Kritik, und natürlich freue ich mich immer über einen kleinen Plausch mit Euch.

Mark, einen ganz herzlichen Dank für deine Antworten. Ich wünsche dir weiterhin viele gute Ideen, die deine Leser zum Mitleiden und –lieben bringen.

Wer mehr über Mark und seine Bücher erfahren möchte, kann ihn gerne auf seiner Homepage www.mark-franley.de besuchen.