Radio zum Antippen, Radio zum Anfassen: Wie haptisch wird das Hörerlebnis der Zukunft sein?

radiohoeren-und-anfassen„Radio ist nichts für mich, da fehlt mir das haptische Erlebnis“ — selbst die meisten E-Book-Verächter würden soweit wohl nicht gehen. Und wären streng genommen heutzutage auch ziemlich im Unrecht. Die sehr handwerklichen Zeiten, in denen man erst aus diversen Bauteilen ein Detektor-Radio zusammenbasteln musste, um dann mit viel Handarbeit mit dem Abtaster auf dem dem Kristall einen Sender herbeizukratzen, den man per Kopfhörer konsumieren konnte, sind zwar vorbei.

Anfass-Radio für die Podcast-Generation

Doch gerade in Zeiten von Podcasts und Streaming ist der Rundfunk wieder zur Handarbeit geworden — vermittelt durch Interaktionen mit dem Touchscreen. Nicht nur, um einzelne Sendungen per Fingertipp auszuwählen, sondern auch, um hinterher Feedback zu geben über Social Media-Kanäle.

Genau in diese Richtung geht ein aktueller Forschungsbeitrag im „Journal of Radio & Audio Media“ — Angeliki Gazi und Tiziano Bonini untersuchen daran das Phänomen des „haptisch vermittelten Radiohörens“ („Haptically mediated radio listening and its Commodification: The remediation of radio through through digital mobile devices“, 2018).

Der Hörer als Datenproduzent

Die Fragen, die sich dabei stellen, sind aus anderen Bereichen bekannt, aber aus Radio-Perspektive erst mal ungewohnt: Plötzlich entstehen beim „interaktiven“ Radiohören viele Nutzerdaten, was soll damit geschehen? Wie können gerade öffentlich-rechtliche Sender verantwortlich damit umgehen? Nicht umsonst steht im Titel der Studie ja auch das Wort „Kommodifizierung“ — die historisch neue Form des Radiokonsums via Smartphone wird ja gerade zum Mainstream-Medium.

Und was kommt dann? Werden Radio, Augmented Reality und das Internet of Things am Ende zu einem ganz neuen Multimedium verschmelzen? Bekommt Radio z.B. durch Gestensteuerung und neue Formen haptischen Feedbacks eine noch konkretere, räumlichere Form? Rückt der Körper des Hörers durch die immer weiter ausufernde Sensorik smarter Geräte stärker in den Fokus der Sendeanstalten und privaten Broadcaster? Gute Idee, diese Fragen mal anzutippen.

Abb.: David Sarnoff, vice-president of the Radio Corporation of America, listens to a wireless radiotelephone (cc-0/gemeinfrei)

Binge Listening ad infinitum vorprogrammiert: Sheldon County, ein auto-generativer Storytelling-Podcast

sheldon-county-generativer-podcastPersönlicher gehts nicht: man tippt eine Zahl in ein Textfenster, ein Algorithmus errechnet daraus ein komplexes Netz aus Charakteren und deren Beziehungen, Verwandschaftsverhältnissen, Interaktionen, baut den einen oder anderen Mord ein, Eifersüchteleien, Verrat. Am Ende wird der an einem fiktiven Ort namens Sheldon County spielende Plot automatisch in ein grammatikalisch korrektes Narrativ verwandelt, von einer synthetischen Stimme in Sprache verwandelt und als Audio-Podcast zum Download bereitgestellt.

„Echtes“ Leben in einem simulierten Landkreis

Und so fängt alles an: „Your are listening to Sheldon County. A Podcast about Life in an simulated American County that inhabits your phone. Your county is number 1 515 459 055. This is your very own Sheldon County. It is yours and yours only. It is a universe that is accessible only to you.“

Allerdings ist das Beispiel nicht beliebig — denn bisher hat Sheldon County-Erfinder James Ryan nur ein paar kurze Beispiel-Sequenzen veröffentlicht. Doch „The Verge“ zufolge hat der Informatik-Student aus Santa Cruz/Kalifornien schon einen Großteil der Software-Module für seine Podcast-Storytelling-Maschine auf die Beine gestellt.

„Die größte Excel-Tabelle der Welt“

Das Weltenbauer-Programm im Zentrum, „Hennepin“ genannt, beschreibt Ryan als die „größte Excel-Tabelle der Welt“, mit endlosen Zeilen und Spalten die Personen, Verhaltensweisen, Beziehungen, Berufen etc. entsprechen. Im Erzähluniversum durchläuft jede Person immer wieder neue Tagesabläufe, in denen sich die Handlung — und auch die Beziehungen einzelner Personen untereinander — weiterentwickeln.

Vollmundig heißt es im Vorspann des Test-Podcasts: „They do not exist more perfectly in a mind of a human author. They literally exist. In this sense the events recounted in this series are actual, true events. This is non-fiction.“ Man darf also gespannt sein, was die „Little Computer People“ demnächst so alles anstellen werden, wenn das komplette Projekt auf die Hörer losgelassen wird.

(via The Verge)

Podcasts zum Anfassen, oder: erweitertes Hören auf Papierbasis

Podcast-als-Buch-Seung-Tae-OhMan soll ja ein Buch nie nach seinem Cover beurteilen. Beim aktuellen Projekt von Seung Tae Oh jedoch ist alles etwas anders — auch, weil die Objekte des britischen Produktdesigners zwar von außen wie Bücher aussehen, aber tatsächlich die haptische und optische Umsetzung von … Podcasts darstellen. Hier wurden also Audio-Serien „verpackt“ und materialisiert, die es normalerweise überhaupt nicht in physischer Form gibt.

„Hörerfahrung mit physischen Elementen erweitern“

„Wir können uns unsere Lieblings-Geschichten jederzeit und überall anhören. Aber man darf auch nicht vergessen, wie die Leute normalerweise ihre Lieblings-Objekte in Besitz nehmen, sammeln und mit Freunden teilen, also etwa Bücher oder CDs“, so Oh gegenüber Fast Co. Design. Deswegen habe er angefangen, mit den Möglichkeiten der physischen Form zu experimentieren. „Ich denke dass physische Elemente die Hörerfahrung erweitern können, weil sie zusätzliche Informationen enthalten“.

Anfassen statt Durchklicken oder Tippen

Dabei hat Oh weitaus mehr als nur hübsche Cover entworfen – im Fall des Thriller-Podcasts Serial etwa enthält die Verpackung Tatortfotos sowie einen im Vintage-Style aufgemachten Lautsprecher, mit dem man Episoden der ersten Serial-Staffel anhören kann. Um eine Folge zu starten, schiebt man einen der mitgelieferten, betitelten Umschläge in die Covertasche, dank RFID-Chip beginnt dann automatisch das Playback.

Für einzelne Folgen des Design-Podcast 99 Percent Invisible hat Oh individuell gestaltete Päckchen entworfen, die neben einem Booklet mit zusätzlichen Informationen auch einen QR-Code enthalten, den man mit dem Smartphone einscannen kann, um die betreffende Folge anzuhören.

via The Next Web