Pro App ein PaperTab: Flexible, vernetzte E-Ink-Tablets als Zukunft des Desktops?

Wie wird die Zukunft des Desktops aussehen? Die Forscher vom Human Media Lab der kanadischen Queen’s University haben da eine ganz spezielle These: vom virtuellen Schreibtisch werden die Anwendungs-Fenster wieder auf den realen Schreibtisch wandern, und zwar in Form von flexiblen E-Ink-Tablets. Die jetzt auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas vorgestellten „Paper Tab“-Gadgets sind etwa so groß wie ein normales Blatt Papier und sollen sich auch so anfühlen. Unter der Haube schlummert dank moderner Dünnschicht-Technologie ein flexibler 10,7-Zoll-Touchscreen von Plastic Logic, die Rechenleistung liefert Intels bewährter Core-i5-Prozessor. Genutzt werden die biegsamen Helfer nach dem Motto: Pro App ein PaperTab. „Statt mehreren Anwendungen in einzelnen Fenstern auf einem einzigen Display hat der User zehn oder mehr interaktive PaperTabs vor sich“, so Ryan Brotmann, Intel-Forscher.

Flexibler Tablet-Schwarm ersetzt Büro-PC

Der Dektop-PC würde sich damit in einen Rechnerschwarm auflösen, der auch in Sachen Funktionalität äußerst flexibel ist. Denn je nach der Position auf dem Schreibtisch können die cleveren PaperTabs gemeinsam einen großen Bildschirm simulieren, jeweils ein einzelnes Dokument anzeigen oder, wenn sie am Rande platziert sind, auch nur eine Thumbnail-Übersicht präsentieren. Maßgeblich ist dabei neben der Display-Anordnung auch die elektromagnetisch gemessene Entfernung zum Nutzer – der Schreibtisch wird in eine „heiße“, „warme“ und „kalte“ (d.h. außerhalb der Reichweite des Armes) Zone aufgeteilt. Symbolische Desktop-Gesten wandern zurück in den realen Raum: Um eine E-Mail abzuschicken, kann man etwa mit dem betreffenden PaperTab auf das als Postausgangskorb dienende Tab berühren. Es reicht jedoch auch aus, einfach eine Ecke umzuknicken. Seitliches Biegen wiederum simuliert das Blättern durch einen Papierstapel.

Realistische Vision oder Vaporware?

„Innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre werden die meisten Computer sich so anfühlen wie Blätter mit farbig bedrucktem Papier, egal ob es nun um Notebooks geht oder um Tablets“, prognostiziert Roel Vertegaal, Leiter des Human Media Lab. Gelangt die neue Technologie tatsächlich zur Serienreife, würde sich wohl die Utopie vom papierfreien Büro in einer ganz neuen Variante realisieren: der Schreibtisch würde im Alltag zwar noch immer etwas chaotisch aussehen, könnte dank einer begrenzten Zahl von PaperTabs aber zumindest nicht mehr überquellen. Allerdings hat PlasticLogic mittlerweile einen gewissen Ruf, Vaporware zu produzieren: mit dem 11-Zoll-Touchscreen-Reader QUE wollte das Dresdner Unternehmen vor zwei, drei Jahren schon mal das ultimative Bürogerät auf den Markt bringen. Doch nach dem iPad-Schock im Sommer 2010 wurde das HighEnd-Gadget dann sang- und klanglos beerdigt.

Abb.: humanmedialab.org

PlasticLogic punktet: Barnes&Noble liefert E-Books, AT&T das Funknetz

plasticlogic-e-readerEr ist nicht nur leicht und flexibel, sondern bietet ein riesiges Display: der neue E-Reader von PlasticLogic hat das Zeug zum nächsten große Ding der E-Book-Branche — allerdingst erst 2010. Für Nachrichten sorgt das Gerät schon jetzt. Zuletzt wurden zwei neue Details bekannt: AT&T stellt in den USA das Funknetz für das WiFi-fähige Gerät bereit, Barnes&Noble sorgt für den Content.

Dank Touchscreen lassen sich mit dem PlasticLogic-Reader Dokumente auch bearbeiten

Das Display des PlasticLogic-Reader ist sogar noch größer als das des Kindle DX: es misst 8.5 mal 11 Zoll (amerikanisches „letter-size“, entspricht in etwa dem Standard DINA4). Produziert wird es in einer Fabrik in Dresden. Der neue Reader zielt mit seinem Format auf Business-Kunden, die Dokumente in voller Größe lesen und bearbeiten wollen. Das Touchscreen macht nicht nur eine intuitive Bedienung möglich — ähnlich wie beim iPod Touch oder beim iRex E-Reader — sondern auch die Bearbeitung. Neben Markierungen lassen sich über eine eingeblendete Tastatur kleine Textnotizen in die Dokumente einfügen.

Das Letter-Size-Display eignet sich gut für die Darstellung von Zeitungsseiten

Erfreut über das große Display dürften auch viele Zeitungsverlage sein: sie können ihren Content zukünftig in einem Format darstellen, das einer normalen Zeitungsseite nahe kommt. Das bietet auch bessere Vermarktungschancen für Anzeigen. Last not least: Bücher lesen kann man mit dem PlasticLogic-Reader natürlich auch. Der Buchhandels-Multi Barnes&Noble hat vor kurzem angekündigt, in seinem jüngst eröffneten E-Book-Store ab 2010 E-Books speziell für den PlasticLogic-Reader anzubieten. Bis dahin werden von der neuen Barnes&Noble-E-Reader-Software lediglich iPhone, iPod Touch und diverse Smartphones als mobile Plattform unterstützt.

Kindle-Killer im A4-Format? Zeitungen setzen auf PlasticLogic-Reader

Financial Times, USA Today, aber auch El Pais, The Scotsman oder die Thüringer Landeszeitung: Viele große Blätter werden bereits ab 2010 als großformatiges erscheinen. Das Unternehmen Plastic Logic wurde letzte Woche bereits direkt mit zwei großen US-Zeitungen handelseinig. Noch bemerkenswerter ist allerdings die künftige Zusammenarbeit mit dem Global Player LibreDigital. Damit hat der Hersteller eines E-Readers im A4-Format nämlich einen Partner mit im Boot, (mehr …)