So hyperlokal wie möglich, so personalisiert wie nötig: digital gedruckte Regionalzeitungen auf Erfolgskurs

hyperlokal-und-digital-gedruckt-als-erfolgsmodellPersonalisierte Nachrichten, hyperlokal verteilt in Digitaldruck-Kleinauflage, da war doch mal was? Stimmt, unter dem Namen „Niiuu“ wurde so ein Konzept vor einigen Jahren zum Beispiel mal in einigen Berliner Bezirken getestet, unter dem Namen „MyNewspaper“ versuchte die Schweizer Post etwas ähnliches im größeren Stil — doch mangels Abonnenten wurden beide Projekte dann 2011/2012 wieder eingestellt.

Personalisierte Sonderseiten als Clou

Interessanterweise scheinen solche Konzepte aber doch zu funktionieren, wenn man nicht zuviel Personalisierung betreibt und zudem vor allem auf regionale Berichterstattung setzt: in Italien etwa mit „Il Piccolo“ — Abonnenten des Regionalblättchens mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren erhalten auf Wunsch ein paar zusätzliche Seiten geliefert, die mit einem personalisierten Mix aus Servicethemen wie Essen & Trinken, Bauen & Wohnen, Gesundheit & Wellness o.ä. bestückt werden. Diese Sonderseiten — gegenwärtig von etwa 1.000 Lesern genutzt — sind dann wiederum für Anzeigenkunden vor Ort interessant.

Es geht immer noch ein bisschen lokaler

Auch im französisch-belgischen Grenzgebiet scheint sich hyperlokaler Digitaldruck im Zeitungssektor schon zu rentieren — der Verlag Sogemedia hat sich auf solche Geschäftmodelle spezialisiert und kauft zu diesem Zweck vor Ort gezielt Wochenzeitungen auf, um diese noch weiter zu lokalisieren. Ein Dutzend Ausgaben bei einer Gesamtauflage von nur 8.000 Exemplaren ist — unterstützt von einer Kodak Prosper 6000 — offenbar kein Problem. Zudem können die Leser zwischen vier Content-Paketen mit unterschiedlichem Schwerpunkt wählen, also etwa Sport oder Kultur.

Sogar in Texas wird noch gedruckt

Und sogar im Land der totalen Zeitungskrise gibt es dank Hyperlokalisierung neue Erfolgsstories im Print-Sektor — siehe etwa das 2005 gegründete texanische Unternehmen „Community Impact Newspaper“ — rund um Austin, Houston und Dallas/Fort Worth werden mit 24 verschiedenen Lokalausgaben inzwischen mehr als 1,8 Millionen Haushalte erreicht, allerdings nur in monatlicher Erscheinungsweise, und wegen der hohen Auflage nicht digital gedruckt. „Nein, was Sie hier sehen ist nicht 1950, das ist die Zukunft“, so Verlagsgründer John Garrett in einem Promo-Video, das ihn vor einer laufenden Rollenoffset-Zeitungsdruckmaschine zeigt.

(via 4-c.at)

Abb.. James Cridland (cc-by-2.0)

Personalisiert, aber ohne „Ausblendle“-Effekt: Online-Kiosk Blendle will Filter-Bubble zum Platzen bringen

blendle-bringt-filter-bubble-zum-platzenGerade erst beklagte ZEIT Online-Chef Jochen Wegner: „Ein Platz 1 in den Blendle-Wochen-Charts bringt dreistellige Erlöse“. Doch für Blendle lohnt sich Blendle auf jeden Fall: kaum zwei Jahre nach dem Start habe man die Schwelle von einer Million Leser durchbrochen, hunderttausende davon seien auch aktive Nutzer, so Alexander Klöpping, der Mit-Gründer des journalistischen Häppchen-Portals, in einem Blog-Beitrag.

Kontra die „Klickdatur“ von Facebook & Co.

Klöpping klopfte sich dabei gleich auch mal branchenpolitisch kräftig auf die Schulter: Weil man den Lesern durch aufwändige Kuratierung des Artikel-Angebots helfe, die besten Stories zu finden, kämpfe man damit erfolgreich gegen die automatische „Klickdatur“ der großen Filterblase von Portalen wie Facebook, die auf immer stärkere Personalisierung setzen.

Die Blendle-Community sieht das ähnlich: „Viele unserer Leser fühlen sich unwohl, wenn’s um das Thema Personalisierung geht. Es gibt die Angst, nur noch Artikel präsentiert zu bekommen, denen man zustimmt, anstelle von Stories, die herausfordern“, schreibt Klöpping.

Neuer Premiums-Stream enthält „unerwartetes“

Einen Journalismus, der spaltet, statt zu informieren, das will man bei Blendle auf keine Fall. Mehr Personalsierung ist aber schon erwünscht. Deswegen hat man nun … einen Algorithmus entwickelt, der die „Filterblase zum Platzen“ bringen soll. Der neue „Blendle Premium Stream“ sei zwar extrem personalisiert, enthalte aber eben auch unerwartetes, so Klöpping.

Also mit dem Filter gegen die Filter-Bubble? Man darf gespannt sein. Den Blick über den digitalen Tellerrand erhalten bisher nur ausgewählte Test-Leser, demnächst soll das Roll-Out für die gesamte Blendle-Leserschaft beginnen. Ironischerweise setzen die großen Social Media-Portale selbst ja inzwischen nicht mehr nur auf Algorithmen, sondern bauen Teams aus menschlichen Kuratoren auf, um die Content-Auswahl im Nachrichten-Strom besser abzustimmen. Gute Personalisierung scheint also beides zu brauchen, händische Kuratierung und Filter-Algorithmen.