Bücher, die man nicht besitzen darf, sind doof (manchmal auch tödlich)

Wer’s noch nicht wusste: der Digital Rights Aktivist & Sci-Fi-Autor Cory Doctorow bloggt nicht nur auf boingboing, sondern hat auch eine eigene Kolumne beim Guardian. Dort konnte man unlängst eine Eloge auf ein gedrucktes britisches Kulturgut lesen, sprich: das Oxford English Dictionary (OED) – und zugleich eine Kritik der elektronischen Version. Wer Doctorow kennt, kann sich schon denken, worum’s geht: um DRM. Doch im Fall des OED’s geht’s nicht darum, dass man etwas nicht kopieren darf – der Nutzer bekommt nämlich überhaupt keine Kopie mehr in die Hand. Früher mag’s noch CD-Roms gegeben haben, jetzt sieht das längst anders aus: „Diese Bücher werden Monat für Monat gemietet, sie sind nur via Internet für eingeloggte User zugänglich. Sobald man nicht mehr zahlt, verliert man den Zugang.“

Was vor allem daran liegt, so Doctorow, das Oxford University Press (OUP) eben kein normaler Publikumsverlag ist, sondern ein akademischer Verlag – und bei denen haben sich inzwischen Geschäftsmodelle eingebürgert, die für den normalen Nutzer sehr merkwürdig klingen: „OUP hat seit dem 19. Jahrhundert Wörterbücher und Thesauri verkauft – doch eine digitale Version des OED oder des Historical Thesaurus of the Oxford English Dictionary verkaufen sie dir nicht, zu keinem Preis der Welt“. Als Doctorow sich gegenüber Uni-Bibliothekaren über diese Praxis verwundert zeigt, erntete er nur Achselzucken: „Willkommen im Club. Damit müssen wir uns andauernd herumärgern müssen.“

Für Doctorow ist die Praxis der digitalen „Subscriptions“ doppelt ärgerlich. Zum einen, weil sie den Traditionen Oxfords eklatant widersprechen würde – schließlich sei die Bodleiana, Oxfords Hauptbibliothek, schon seit 400 Jahren eine „Pflichtexemplar“-Bibliothek. Doch wie soll eine Bibliothek die Aufgabe, Kultur zu konservieren, eigentlich einhalten, wenn der Zugang zum Verlagsserver jederzeit gekappt werden kann? Weitere Tücken, so Doctorow, würden im Kleingedruckten der Lizenzbedingungen lauern. Etwa das Recht des Anbieters, den Leser bei der Nutzung zu tracken und diese Daten zu speichern, auszuwerten und Dritten zur Verfügung zu stellen. Natürlich gebe es auch Argumente für das Online-Dictionary – etwa Kosteneffizienz oder zeitnahe Aktualisierung. „But the point is that we have sleepwalked into a new way of accessing some very ancient tools“.

Ohne dass es den meisten Menschen bewusst geworden wäre, habe sich das Verhältnis zwischen Nutzer und Verlag komplett umgedreht – „Früher bekam man unbegrenzten, dauerhaften, privaten Zugang zum [persönlichen Exemplar des] OED. Mit den neuen Regeln bekommt Oxford University Press unbegrenzten, privaten und dauerhaften Zugang zu unseren Nutzerdaten, und man selbst behält den Zugang zum OED nur, so lange man zahlt.“ Schöne neue Welt.

Bliebe noch anzumerken: Wer gegen solche Regeln verstößt und sich trotzdem private Kopien von „Subscription“-basierten akademischen Werken verschafft, riskiert zumindest in den USA härtere Strafen als mancher Whistleblower. Dem prominenten Hacktivisten Aaron Swartz drohten nach der Verhaftung durch die MIT-Campus-Polizei am Ende 35 Jahre Haft und eine Strafzahlung von 1 Mio. Dollar – obwohl er das in diesem Fall heruntergeladene Konvolut von Fachzeitschriften nicht einmal weitergegeben hatte. Da hängte der 26jährige sich lieber auf. Kurz zuvor hatte Swartz noch ein Nachwort für Cory Doctorows Roman „Homeland“ verfasst – darin finden sich die Worte: „It’s up to you to change the system“.

Abb.: flickr/e-codices (cc)