„Bibliotheken sind ein wichtiger Ort, um Bücher & Autoren zu entdecken“: OverDrive-CEO Steve Potash im Interview

Ob Video- und Audio-Streaming, E-Book-Lektüre im Browser und via Kindle-Reader oder direkte Kauf-Option („Buy it now“): in vielen Punkten machen Bibliotheken in den USA und anderen englischsprachigen Ländern ihren Lesern deutlich mehr digitale Angebote als bei uns, wovon auch die Verlage profitieren. Dahinter steckt vor allem ein Unternehmen mit Hauptquartier in Cleveland/Ohio: OverDrive. Dass die Ausleihzahlen bei E-Books überm großen Teich mittlerweile erstaunlich hoch sind, liegt dabei auch am vielfältigen Angebot. Mehr als 2 Mio. elektronische Titel hat der Bibliotheksdienstleister im Programm, darunter auch solche von großen Publishern wie Penguin Random House oder Harper Collins. Anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse – auf der das Unternehmen präsent sein wird – sprach E-Book-News mit CEO Steve Potash über die europäischen Perspektiven von OverDrive.

E-Book-News: E-Books sind in Bibliotheken auch in Deutschland längst alltäglich, die „Onleihe“ ist Stadtgespräch. Was „Overdrive“ ist, werden hierzulande aber wohl die wenigsten wissen. Was ist Ihre Perspektive auf dem (kontinentalen) europäischen Markt – wie wichtig ist Europa zur Zeit, wie wichtig wird es in der Zukunft sein?

Steve Potash: Lifestyle und Leser-Präferenzen ändern sich in der digitalen Ära, und wie überall sonst in der Welt erwarten die Leser in Europa von ihren Bibliotheken vermehrt elektronische Angebote, vor allem eine breitere Auswahl an Titeln. OverDrive hat seit mehr als zehn Jahren Erfahrung als Dienstleister für Bibliotheken, und stellt eine enorme Menge an Titeln in englischer Sprache zur Verfügung, darüber hinaus auch in 50 anderen Sprachen. Außerdem bietet OverDrive europäischen Verlagen verschiedene Lizensierungs-Optionen, um ihre Inhalte den Nutzern zugänglich zu machen. Europa ist für uns sehr wichtig, denn es ist ein Ort für Bücher, es gibt eine hohe Zahl von Lesern, eine große Zahl an Neuerscheinungen, und eine Lesekultur, in der Literatur hoch geschätzt wird.

Viele Verlage waren bisher sehr zurückhaltend, wenn es darum ging, ihre Inhalte für die Nutzung in öffentlichen Bibliotheken zu lizensieren. Das scheint sich nun rapide zu ändern. Da fragt man sich natürlich: warum? Wo liegen die Vorteile, die sie vorher offenbar übersehen hatten?

Es gab eine Fucht vor E-Book-Piraterie und vor negativen Auswirkungen auf die Buchverkäufe, doch inzwischen haben die Verlage gemerkt, dass es für Piraterie keine Belege gibt, und der Einfluss auf den Umsatz sogar sehr positiv ist. Bibliotheken sind für die Leser eben ein wichtiger Ort, um Bücher und Autoren zu entdecken! Unternehmen wie OverDrive haben passende Wege zur Belieferung und Konzepte für die Lizensierung entwickelt, sie bieten flexible Modelle an, mit denen sich auch konservative Verleger gewinnen lassen. Das ist gar nicht so plötzlich passiert, sondern das Ergebnis vieler Jahre, es mussten Beziehungen geknüpft und Techniken entwickelt werden, es fanden Weiterbildungen statt, Metadaten mussten aufbereitet werden. So etwas funktioniert nicht über Nacht, das war ein langer Prozess.
 
Tablets und Smartphones sind mittlerweile offenbar zur wichtigsten Leseplattform avanciert, auch bei der Lektüre von ausgeliehenen E-Books. Was wird denn nun aus dem klassischen E-Reader, der ja beim OverDrive-Konzept eine wichtige Rolle spielt?
 

E-Reader werden derzeit durch Smartphones und Tablets ersetzt, aber rund um die Welt nutzen unsere Leser auch immer noch eine Menge E-Reader, etwa Geräte von Nook, Kobo und Kindle (letztere nur in den USA). Und bei aller Beliebtheit von Multifunktionsgeräten wie Smartphones oder Tablets: wir beobachten, dass viele Nutzer auch auf Laptops oder Chromebooks lesen.

Abb.: Raymond Bryson/Flickr (cc-by-2.0)

Onleihe: „Zehn Prozent sind zu wenig“ – Bitkom sieht Nachholbedarf bei Bibliotheken

In den USA ist das Ausleihen von E-Books bereits alltäglich geworden – im Leseland Deutschland bleibt die „Onleihe“ jedoch noch ein zartes Pflänzchen. „Das Angebot elektronischer Medien und insbesondere von E-Books in öffentlichen Bibliotheken ist noch zu gering“, attestiert im Vorfeld der Leipziger Buchmesse nun auch BITKOM-Präsident Dieter Kempf. Erst zehn Prozent der öffentlichen Bibliotheken bieten hierzulande die Ausleihe von E-Books, Hörbüchern oder Zeitschriften per Internet an, berichtet der IT-Branchenverband unter Berufung auf Daten des Deutschen Bibliotheksverbandes. Zudem sei der Bestand verfügbarer Titel in den 350 öffentlichen Büchereien mit Online-Ausleihe eher bescheiden. So sind etwa in den Bibliotheken Berlins rund 600 Sachbücher, aber nur knapp 100 Titel in der Rubrik Belletristik für E-Reader und Tablet verfügbar. Bei knappen finanziellen Ressourcen stehen viele Bibliotheken aber offenbar immer wieder vor der Entscheidung: E-Book oder Print-Buch?

„Lesegewohneiten der jungen Generation beachten“

Doch auch E-Book ist nicht gleich E-Book. Deutlich mehr Titel gibt es in den Bibliotheken zur Zeit noch in Form von PDF-Dateien, die sich vor allem für das Lesen am PC-Bildschirm eignen. „PDF-Dokumente sind im Belletristik-Bereich allerdings weniger lesefreundlich als Formate für Tablets und E-Reader“, so Kempf. Mit der steigenden Verbreitung von Tablets und E-Readern würden sich die Lesegewohnheiten der Menschen rapide verändern. „Darauf müssen die öffentlichen Bibliotheken schnell reagieren, wenn sie die junge Generation nicht verlieren wollen.“ Rein technisch zumindest funktioniert die Onleihe reibungslos, und das nicht nur via PC. Die Onleihe-App der öffentlichen Bibliotheken macht das Auschecken von elektronischer Lektüre auch via Smartphone oder Tablet möglich. Die Leihfrist wird dabei durch Digital Rights Management simuliert – E-Books können in der Regel nur zwei Wochen lang gelesen werden, bei Zeitungen und Zeitschriften beträgt die Lesedauer nur wenige Tage.

USA: Overdrive-App zeigt, was möglich ist

Wie gut Onleihe funktionieren kann, zeigt in vielen englischsprachigen Ländern der Content-Dienstleister Overdrive, der eine eigene E-Reader-App anbietet. Da in den USA mittlerweile auch Amazon zu den Kooperationspartnern gehört, können ausgeliehene Titel nicht nur auf dem Kindle-Reader selbst, sondern via Kindle-App etwa auch auf iPad/iPhone, Android-Geräten, Blackberry- oder Windows-Handys gelesen werden. Als besonderes Feature bietet Amazon die Nutzung des Highlighting- und Anmerkungsfunktion an. Wird ein Buch vom selben Nutzer erneut ausgeliehen – oder anschließend gekauft – stehen die individuell hinzugefügten Informationen weiter zur Verfügung. Die Onleihe-Erfolgsstory schürt bei manchen Verlagen trotzdem die Angst vor Kannibalisierungs-Effekten. So stoppte etwa Penguin Ende 2011 die Auslieferung neuer Titel an Overdrive, was bei Bibliotheksverbänden auf Proteste stieß. Doch auch manche Marktbeobachter wunderten sich – schließlich ist die Ausleihe in der Bibliothek vergleichbar mit der Rolle, die Radiosender für die Popularisierung von Musiktiteln spielen.

Abb.: Regal-Installation mit 19 iPads & der BigWords-App (Nate Bolt/flickr)

Kindle mit Overdrive: Amazon ermöglicht Onleihe in Bibliotheken

kindle-onleiheGute Nachrichten für Kindle-Nutzer: Kindle-E-Books wird man demnächst auch in Bibliotheken ausleihen können – zumindest in den USA. Bisher funktionierte das Lending-Feature nur innerhalb der Leser-Community, und auch das nur eingeschränkt. Der neue Ausleihservice soll im Verlaufe des Jahres flächendeckend in mehr als 11.000 amerikanischen Büchereien angeboten werden. Die technische Realisierung übernimmt der Content-Dienstleister Overdrive. Für viele elektronische Bücher im PDF- und epub-Format macht Overdrive schon seit längerem die Onleihe möglich – nicht nur auf E-Readern, sondern via Overdrive-App auch auf Tablets und Smartphones. Ähnlich breit aufgestellt ist die neue Onleihe-Funktion nun auch in Amazons Kindle-Ökosystem, denn gelesen werden können die ausgeliehenen Titel nicht nur auf dem Kindle-Reader selbst, sondern via Kindle-App etwa auch auf iPad/iPhone, Android-Geräten, Blackberry- oder Windows-Handys. Als besonderes Feature bietet Amazon die Nutzung des Highlighting- und Anmerkungsfunktion an. Wird ein Buch vom selben Nutzer erneut ausgeliehen – oder anschließend gekauft – stehen die individuell hinzugefügten Informationen weiter zur Verfügung.