Trotz Paywall: New York Times schreibt weiter Verluste

Die gute Nachricht für die New York Times klingt so: mehr als 325.000 regelmäßige Leser zahlen bereits für den Zugang zur Online-Ausgabe, die sich seit 2011 hinter einer Paywall verschanzt. Der Umsatz durch Verkauf am Kiosk und Abonnements der New York Times-Mediengruppe, zu der auch Blätter wie Boston Globe und International Herald Tribune gehören, wurde damit im letzten Quartal insgesamt um 5 Prozent gesteigert. Doch jetzt die schlechte Nachricht: die erneuten Einbrüche bei den Anzeigenerlösen der Printausgabe konnten damit bei weitem nicht kompensiert werden. Rückgänge von zuletzt 8 Prozent ließen den Jahresverlust 2011 auf 40 Millionen Dollar wachsen.

Bezahlschranke bestraft treue Leser

Die Zeitungskrise schwelt also weiter. Werbeeinnahmen der Zeitungsverlage in den USA erreichten im letzten Jahr sogar den tiefsten Stand seit 1984. Das hat Qualitätseinbußen zur Folge. Neben der NYT musste etwa auch die Washington Post im letzen Jahr erneut zahlreiche Redakteure entlassen. Um wirklich wieder profitabel zu werden, bleibt den großen Blätter auf Dauer wohl nichts anderes übrige als ihre Newsrooms um die Hälfte reduzieren. Ob gerade Paywalls dabei helfen, den Abwärtstrend zu stoppen, bleibt dabei auch weiterhin umstritten. Zwar nutzt etwa die NYT einen „metered Paywall“-Ansatz, der gelegentlichen Lesern bis zu 20 kostenlose Zugriffe pro Monat erlaubt. Doch bleibt der Widerspruch, dass man mit der Bezahlschranke gerade die treuesten und aktivsten Leser verprellt. Beobachter wie Mathew Ingram von GigaOM oder Anthony Ha von TechCrunch fordern deshalb, spezielle Premium-Angebote für die Heavy User zu schaffen.

Konversionsrate für Freemium-Modell zu niedrig

Crowdfunding-Unternehmerin Cynthia Typaldos stellt dagegen in einem Kommentar auf GigaOM grundsätzlich den Sinn der Paywall in Frage. Die Anzahl der neu hinzugekommenen Online-Abos sei beispielsweise von Anfangs 224.000 auf nur noch 43.000 im vierten Quartal 2011 gesunken. Kritisch beurteilt die Kachingle-Gründerin auch die Konversionsrate. Bei 44,8 Millionen Besuchern der NYT-Website und 325.000 Abonnenten insgesamt komme man auf eine Conversion von lediglich 0,7 Prozent. „Freemium-Anbieter wie die NYT brauchen im allgemeinen aber eine Konversionrate von 2 bis 5 Prozent, um finanziell erfolgreich zu sein“. Zum Problem werden könne letztlich aber auch die Zunahme von Paywall-Ansätzen ingesamt: „Leser werden sicherlich nicht für jedes besuchte News-Portal zahlen, schließlich ist ihr verfügbares Budget begrenzt.“

Abb.: flickr/Dom Dada

Nur Info-Häppchen für das Tablet: iPad-App der New York Times verärgert die Leser – und Steve Jobs

apple-ipad-app-new-york-tim.gif„Editor’s Choice“ heißt die iPad-App der New York Times – das klingt exklusiv. Ist es leider auch. Denn die „Graue Lady“ bringt ihren Premium-Content nur häppchenweise auf Apples Tablet. Das ärgert viele Leser – und vor allem Steve Jobs. Denn die multimediale iPad-Version der „Times“ war von Anfang an wichtiger Teil der Werbestrategie für das neue Gadget. Noch ärgerlicher: Auf Amazons Kindle ist die New York Times vollständig lesbar – wenn auch nur in Schwarz-Weiß.

Nachrichten-Häppchen auf dem Tablet: „Wo ist der Content?“

Zum iPad-Hype hat die New York Times nicht wenig beigetragen – in Anzeigen und Promotion-Videos musste sie als prominentes Beispiel für das virtuelle Zeitungslesen auf Apples Tablet-PC herhalten. Der optische Eindruck ist tatsächlich atemberaubend – der Traum vom E-Newspaper scheint zum Greifen nahe. Die Wirklichkeit ist jedoch etwas prosaischer. Denn im Vergleich zur NYT-Website bietet die Anwendung namens „Editor’s Choice“ nur einen kleinen Teil des vielfältigen Angebots. Das macht nicht nur Steve Jobs wütend, sondern auch die normalen Leser. „Where’s the content???“ fragen viele von ihnen in den iTunes-Reviews der iPad-App, manche wollen auch ganz einfach wissen: „is an upgrade with full content planned?“

Amazon hat sich für den Kindle eine „Meistbegünstigten-Klausel“ gesichert

Doch auch wenn die iPad App „Editor’s Choice“ heißt, haben die Herausgeber eigentlich keine Wahl: sie können nicht so einfach den vollen Content aufs Tablet bringen. Das hat zum einen etwas mit den Bedingungen zu tun, unter denen die NYT schon seit längerem eine E-Paper-Version auf Amazons Kindle bringt. Im Februar konnte man auf dem bits-blog der Times lesen:

Seit Dezember hat Amazon die Verlage dazu gedrängt, neue Vereinbarungen zu unterzeichnen, die sicherstellen sollen, dass der Content auf Kindle immer zum selben Preis oder günstiger verbreitet wird als auf anderen elektronischen Lesegeräten, wie etwa dem iPad oder dem Sony Reader. Die Vereinbarung ähnelt dem im Außenhandel angewendeten Prinzip der „Meistbegünstigten-Klausel“ und soll garantieren, dass Amazon-Kunden immer von den besten Preisen für E-Mags, E-Newspaper oder E-Books profitieren können.

Preise rauf, oder Preise runter? Pricing-Modelle für den iPad-Content

Wie das Online-Magazin Gawker berichtet, gibt es aber noch einen anderen Grund für das iPad-Problem. Denn die NYT bastelt noch eifrig an der Preisgestaltung für das zukünftig Paid-Content-Modell. In der Chefetage der Grauen Lady gibt es eine starke Front von Hochpreis-Befürwortern, die sich eine vollständige iPad-Version für 20 bis 30 Dollar pro Monat wünschen. Damit würde man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: einerseits wäre die Gefahr des Kannibalisierungs-Effekts zuungunsten der Printausgabe nicht so groß. Zum anderen läge man damit auf jeden Fall über dem Preis der Kindle-Version (anfänglich 15 Dollar, jetzt 20 Dollar pro Monat). Nun sind 30 Dollar nicht gerade attraktiv für eine digitale Zeitung. Doch liegt der Preis zu nahe an der Kindle-Version, wäre das laut Gawker auch wiederum problematisch: wie soll man Amazon-Kunden gegenüber begründen, dass man für wenige Dollar mehr statt einer schwarz-weißen E-Ink-Ausgabe eine multimediale, bunte App bekommt? Allerdings gibt es bei der NYT auch eine Low-Price-Fraktion rund um Martin Nisenholtz, seines Zeichens „Senior Vice President for Digital Operations“. Dort denkt man eher an eine Marke von zehn Dollar. Dafür müsste man natürlich die Verträge mit Amazon nachverhandeln.

Noch ein Problem: Kostenlose Apps als gefährliche Konkurrenz

Am Ende könnte sich natürlich zeigen, dass beide Kalkulationen das eigentliche Problem der New York Times nicht lösen – denn um zurückgehende Print-Abonnements und schwindende Anzeigenerlöse zu kompensieren, müsste man eine große Zahl von neuen Lesern gewinnen, die überhaupt bereit sind, für die digitale Zeitungslektüre Geld zu zahlen. Doch kostenlose Alternativen gibt es schon jetzt genug. Besonders beliebt sind zur Zeit etwa die Apps von USA Today, BBC News oder Associated Press. Solange die Bezahlschranken und Paywalls bei der NYT noch nicht greifen, ist die direkteste Alternative zur iPad-App aber wohl die iPhone-App: denn auf das Display von Apples erfolgreichem Handy kommt „all the news that’s fit to print“ bisher nicht nur kostenlos, sondern auch komplett. Nur wer die NYT offline auf Laptop oder Netbook lesen will, musste bisher schon etwas blechen. Die „Times Reader„-Software gibt’s nur im Abo – für knapp 20 Dollar pro Monat.