Ausverkauf bei TeleRead: Größter E-Book-Blog im englischsprachigen Web geht an US-Verlag

TeleRead Blog zum Thema Elektronisches Lesen verkauft an NAPCO.gifDie Ausläufer der Finanzkrise haben auch die Blogosphäre erreicht: wie TeleRead-Herausgeber David H. Rothmann vor kurzem mitteilte, ist die wohl älteste Website zum Thema Elektronisches Lesen an ein privates Unternehmen verkauft worden. TeleRead gehört nun zu Gadgetell, einer Tochter der North American Publishing Company (NAPCO). Mit mehr als 100.000 Unique Visitors pro Monat gehört TeleRead zu den meistbesuchten Blogs rund um E-Books & E-Publishing.

TeleReads Devise: für epub, gegen DRM


„Bring the E-Books home“ ist TeleReads Motto. Und das ist gar nicht mal so übertrieben. Denn David H. Rothman, Paul Biba und zahlreiche „Senior Editors“ haben seit den Neunziger Jahren deutlichen Einfluss auf wirtschafts- und kulturpolitische Debatten genommen. So dürfen sie sich etwa die Einführung von epub als Branchenstandard durch das International Digital Publishing Forum (IDPF) mit auf die Fahne schreiben. Hinter TeleRead steht eine Vision: der freien Zugang zu elektronischen Informationen aller Art. Nicht zufällig waren die TeleRead-Blogger auch von Anfang an vehemente Verfechter von DRM-freien E-Books.

Das TeleRead-Projekt: „Zugang zu elektronischen Sachbüchern, Romanen und Artikeln für jedermann“


TeleRead war ursprünglich der Name eines Digitalisierungs-Projekts, entworfen im Jahr 1992 von David H. Rothman. Finanziert werden sollte der Einstieg in das Zeitalter des elektronischen Lesens durch eine Abgabe auf TV-Geräte – daher der Name Tele-Read. In den frühen Neunziger Jahren gab es weder World Wide Web noch E-Ink-Technologie. Umso visionärer klingt Rothmans damalige Idee vom „Informationszugang für alle“. Es ging nicht nur darum, mit einem riesigen, internetähnlichen Computernetzwerk die in Büchern gespeicherten Informationen für Millionen von Menschen zugänglich zu machen. Mit staatlichen Subventionen sollten auch die notwendigen E-Reader hergestellt werden:

„Wie wäre es, wenn Studenten ganz einfach an elektronische Versionen sämtlicher Titel in der Library of Congress kommen könnten? Wie wäre es, wenn jedermann Zugang zu Sachbüchern, Romanen, Artikeln, ja zu allem bekäme, was jemals publiziert worden ist? Wie wäre es, wenn man all das auf mobilen Computern lesen könnte, die nur 50 Dollar kosten, oder, besser noch, vom Staat kostenlos zur Verfügung gestellt werden?“

Rothmans Vision von 1992: Ein E-Reader mit 12-Zoll-Farbdisplay und Wireless-Zugang


Rothman hatte genaue Vorstellungen davon, wie der E-Reader der Zukunft aussehen sollte: „Das Gerät ist aus zwei Komponenten zusammengesetzt: einer abnehmbaren Tastatur mit Trackball, sowie einem dünnen, leichten Display, hinter dem sich CPU und Speicherchips verbergen, sowie ein kleiner Lautsprecher.“ Das Farb-Display sollte 12 Zoll haben, also etwa die Größe des Kindle DX. Auch der Datenzugang erinnert an Amazons Reader-Konzept: Über Telefonleitungen oder Mobilfunk würde sich der Reader in das „TRnet“ einklinken und mit einem „Macintosh-ähnlichen Menu“ den Zugang zu „Millionen von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften“ herstellen. Was ganz und gar nicht an Amazon denken lässt: über Speicherkarten sollten sich die heruntergeladenen elektronischen Bücher auch weitergeben und austauschen lassen, denn ein Kopierschutz war nicht vorgesehen. Völlig umsonst war der E-Book-Service allerdings nicht geplant – das TeleRead-Konzept sah eine Art Kultur-Flatrate vor.

Statt „Free Access for All“ gibt es heute „Adobe Digital Editions“ für alle


Nicht nur mit den technischen Details lag Rothman aus heutiger Sicht ziemlich nah an der Realität, auch mit der Entwicklungsdauer – er rechnete mit 20 Jahren, seine E-Reader-Vision war nämlich auf das Jahr 2012 datiert. Bedenkt man, dass E-Reader mit Farb-Display wohl bis spätestens 2011 auf dem Markt kommen werden, war das TeleRead-Konzept verblüffend exakt. Völlig anders entwickelt haben sich jedoch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Denn E-Reader von Amazon oder Sony weder weder vom Staat subventioniert, noch werden sie überhaupt – wie Rothmans Plan vorsah – in den USA gefertigt. Auch der freie und kostengünstige Zugang zur digitalen Universal-Bibliothek ist nur in Teilen realisiert worden – wichtige Teile der Informationsgesellschaft sind statt in öffentlicher längst in privater Hand gelandet. Es gibt nicht „Free Access for All“, sondern „Adobe Digital Editions“ für alle. Für Teleread.org bleibt also auch in Zukunft viel zu tun – auf die Mitarbeit von David Rothman wird die Redaktion allerdings verzichten müssen. Der gesundheitlich angeschlagene Herausgeber nahm den Verkauf des Blogs zum Anlass, sich zurückzuziehen und den Chef-Posten an Mitherausgeber Paul Biba zu übertragen. Schreiben wird Rothman allerdings auch weiterhin – „P-Books“ und „E-Books“ nämlich.