Amazon pusht Hörbuch-Downloads: Neue Bestseller-Liste inklusive MP3

Ohne großes Tamtam hat Amazon eine strategische Entscheidung zugunsten von Hörbuch-Downloads getroffen: die entsprechende Bestseller-Listeenthält jetzt nicht nur CDs, sondern auch MP3-Versionen. Das hat Folgen: In den Top 20 findet man plötzlich nur noch eine einzige CD-Version – „Er ist wieder da“ von Timur Vermes ist immer noch da, und hält sich wacker auf Platz drei. Der Mann mit Bart hat aber auch Platz zwei inne – als MP3. Warum das so ist, liegt auf der Hand. Schließlich besitzt Amazon seit 2009 mit Audible ein eigenes Download-Portal für Audiobooks. Ruft man einen der aktuellen Bestseller-Titel auf, wirbt die Artikel-Seite gleich für ein Probeabo – für 9,95 Euro kann man monatlich ein Hörbuch herunterladen. Angesichts extrem hoher Preise im Audiobook-Einzelverkauf sind solche Flatrates ein echtes Schnäppchen. So kann es auch nicht überraschen, dass mittlerweile zwei Drittel der Hörbuch-Downloads im Rahmen solcher Abo-Modelle erfolgen.

Die Konkurrenz setzt noch auf traditionelle CDs

Für Amazon bedeutet diese Entwicklung ein sehr gutes Geschäft, fallen doch – genau wie im E-Book-Bereich – keine Kosten für Lagerung, Verpackung und Versand mehr an. Die Konkurrenz ist noch nicht so weit, die entsprechenden Bestseller-Listen von Weltbild und Thalia beziehen sich bis auf weiteres auf CDs. Auch die offizielle Spiegel-Bestseller-Liste baut noch ausschließlich auf die langsam aus der Mode kommenden Silberscheiben. Wie lange das noch Sinn macht, scheint allerdings fraglich. In den letzten Jahren wurden bei Hörbuch-Downloads in Deutschland zweistellige Wachstumsraten verzeichnet. Kein Wunder: mit Smartphones und Tablets stehen perfekte Plattformen zur Verfügung, um Audiobooks mobil zu shoppen und mobil zu lauschen.

E-Books & MP3s verdrängen physische Medien

Wie erfolgreich E-Books und Hörbücher bei Amazon gegenüber physischen Medien sind, zeigt übrigens auch ein Blick in die allgemeine Bestseller-Liste in Bereichen wie Fantasy/Sci-Fi, Krimi/Thrilleroder Horror:die Top 20 bestehen fast ausschließlich aus Kindle-Books und Hörbuch-Downloads, Print-Büchern sind fast komplett verdrängt, Hörbuch-CDs völlig weg vom Fenster. Ein Trend, der sich fortsetzen dürfte – verstärkt durch neue Marketing-Strategien. In den USA experimentiert Amazon beispielsweise bereits mit dem Bundling von E-Book & Hörbuch zu Niedrig-Preisen.

Abb.: Screenshot

Kostenlose Cloud-Kopie: Was die Buchbranche von Amazons Auto-Rip für CD’s lernen kann

„Was sagen Sie dazu: Sie haben vor 15 Jahren ein Buch gekauft, und 15 Jahre später erwirbt der Buchhändler die Lizenz für diesen Titel, und stellt Ihnen eine kostenlose E-Book-Version zur Verfügung, und das auch noch ganz automatisch und für umsonst?“ So ähnlich könnte man Amazons neues Auto-Rip-Feature in die Sprache der Gutenberg-Galaxis übersetzen. Klingt wie ein Märchen? Ist im Musik-Sektor aber seit heute Realität – zumindest in den USA. Amazon.com kopiert in Zukunft nicht nur bei jedem Neukauf einer CD die kompletten Tracks in den persönlichen Cloud-Player. Das Unternehmen wertet zudem die Kundendaten von vergangenen Einkäufen bis zurück ins Jahr 1998 aus, um die Musikbox mit MP3-Kopien aufzufüllen. Amazon hat zu diesem Zweck die entsprechenden Lizenzen für knapp 50.000 Alben erworben, weitere sollen folgen. Besonderer Anreiz für den Käufer: viele der neu angebotenen CDs mit Auto-Rip-Feature sind günstiger als das enstprechende MP3-Album.

Vor dem Siegeszug von iTunes gehörten Compact Disks neben gedruckten Büchern zu Amazons wichtigsten Versandartikeln. Dann kam das MP3-Format, und vor allem iTunes plus iPod – mit der Kombination aus Download-Portal und mobilen Playern krempelte Apple die Musikbranche mindestens so stark um wie Amazon später die Buchbranche mit dem Kindle-Reader. In den USA wurden 2011 erstmals physische Datenträger von MP3-Downloads und Streaming überholt, mittlerweile sank der Marktanteil von CDs, Vinyl & Co. bereits in die Nähe von 40 Prozent. Nicht nur Amazon stemmt sich gegen den Niedergang des vor kurzem noch äußerst lukrativen Geschäftsmodells: die Filmbranche hat mit der „UltraViolet“-Initiative ihr eigenes Auto-Rip gestartet. Beim Kauf vieler DVDs und Blueray-Discs erhalten Kunden mittlerweile einen kostenlosen Streaming- und Downloadgutschein.

Gerade eine erfolgreiche Multimedia-Plattform wie das Kindle Fire beschleunigt natürlich zugleich den Trend zum rein virtuellen Konsum, insofern pflegt Amazon mit Auto-Rip eine Art pragmatische Schizophrenie. Doch im Kampf gegen Apple ist letzlich jedes Mittel recht – solange es funktioniert. Auf iPhone und iPad konkurriert Amazon nicht nur über die Kindle-App mit iBooks, dem iTunes für Bücher. Auch das eigentliche iTunes wird attackiert, nämlich über die im Sommer 2012 gestartete Cloudplayer-App. Ein Abgleich mit der iTunes-Medienbibliothek bringt die Amazon-Versionen der entsprechenden Titel kostenlos in den Cloudplayer, inklusive eines Qualitäts-Upgrades auf 256 Kbps, egal ob es sich um online gekaufte oder von Datenträgern gerippte Dateien handelt.

Die Logik dieser Strategie liegt auf der Hand – wenn ohnehin CDs im Handumdrehen ausgelesen und kopiert werden können, sollte man den Kunden dort abholen, wo er ist. Der Verzicht auf einen wirksamen Kopierschutz war dabei nur der erste Schritt, Amazon geht mit seinem erweiterten Cloud-Service jetzt ganz einfach den nächsten. Für die Musik- wie auch die Buchbranche könnte sich das als ein äußerst lehrreiches Exempel erweisen: stellt man Komfort und Kundenzufriedenheit an die erste Stelle, und bietet man den Kunden einen deutlichen Mehrwert, lassen sich durchaus noch gepresste Silberscheiben oder gedrucktes Papier zwischen Buchdeckeln verkaufen. CDs oder Bücher machen aber in Zukunft nur noch dann Sinn, wenn man MP3s oder E-Books nicht als die Chance missversteht, den Konsumenten für identische Inhalte doppelt abzukassieren.

Abb.: Flickr/Ex und Hop (by-nc-2.0)

Krautfunding jetzt auch als Hörbuch – bezahl’s mit nem Tweet

Die letzte Woche habe ich erst vor dem Mikrofon verbracht, dann mit dem Schneideprogramm am Mac Mini. Jetzt ist alles fertig – Vorhang auf für die Hörbuch-Version von „Krautfunding – Deutschland entdeckt die Dankeschön-Ökonomie“. Die leicht gekürzte MP3-Version des E-Books kommt auf knapp 80 Minuten Spieldauer. Auf krautfunding.net kann man in ausführliche Testkapitel reinhören, Teil 1 (Vorwort) und Teil 2 (Crowd als Produktiv- und Kreativkraft) lassen sich komplett downloaden. Die übrigen Kapitel gibt’s für 0,99 Cent, die Gesamtfassung für 3,99 Euro.

Bezahlt wird via PayPal, am Ende der Transaktion wird ein Download-Link an die bei PayPal hinterlegte E-Mail-Adresse geschickt. Ich weiß aber auch aus den bisherigen Reaktionen der Leser: PayPal finden nicht alle so toll. Deswegen biete ich zusätzlich die Möglichkeit an, das Hörbuch via E-Mail zu bestellen, als Rückantwort kommt dann stante pede die Datei inkl. Rechnung mit Überweisungdaten.

Bis einschließlich 18. März muss man aber erst mal gar nichts bezahlen. Denn als besondere Startaktion gibt’s ähnlich wie beim Krautfunding-E-Book ab heute eine „Pay-with-A-Tweet“-Option. Bezahlt wird mit einer Empfehlung des Hörbuchs an die Twitter-Follower, bzw. an die Facebook-Freunde. Danach wird im Browser automatisch der Download-Link eingeblendet. Wenn das Hörbuch Gefallen findet, darf man es natürlich hinterher trotzdem kaufen…



Krautfunding – Hörbuch (80 Min., 77 MB) jetzt gratis downloaden:

:-( Ups, die Aktion ist leider beendet. In der Rubrik „Hörprobe“ kann man auf krautfunding.net aber in alle Kapitel hineinhören und die ersten beiden Kapitel kostenlos downloaden…

(DRM-freies MP3, Copyright beim Autor)




Hörproben abspielen

Vorwort >>>

Listen to Krautfunding-Hörbuch Teil 1

Crowd als Kreativkraft >>>

Listen to Krautfunding-Hörbuch Teil 2

Weitere Hörproben gibt’s auf krautfunding.net



„Entscheidend ist die Backlist“: Fuego, ein Independent-Label (nicht nur) für E-Books

Vom Vinyl über MP3 bis zum E-Book: Fuego-Gründer Friedel Muders (Bild: fuego)

Wenn es so etwas gibt, dann ist „Fuego“ Deutschlands erstes echtes E-Book-Label. Musikaffin ist das elektronische Buchprogramm des Bremer Verlags ohnehin: da trifft man nicht nur auf „Zu Gast im eigenen Leben“ von Martell Beigang, Drummer bei M. Walking on the Water. Sondern auch auf Titel wie „Ausgerockt“ von Torsten Wohlleben oder Zepp Oberpichlers Rock’n’Roll-Roman „Gitarrenblut“. Doch bisher dürften die meisten Besucher der Website in der digitalen Musikbox blättern, denn Fuego hat sich vor allem als Musiklabel der deutschen Independent-Szene einen Namen gemacht. E-Book-News sprach mit Label-Chef und Gründer Friedel Muders.

Von der Musikindustrie lernen

Ob Abstürzende Brieftauben, Billy Moffett’s Playboy Club oder Throw that Beat in the Garbage Can: beim Browsen durch die beachtliche Backlist trifft man lauter alte Bekannte wieder. Manche sind auch immer noch voll dabei. So brachte Fuego vor wenigen Monaten das neue Album von M. Walking on the Water heraus („Flowers for the Departed“). Ursprünglich in den Achtziger Jahren als Schallplattenlabel gegründet, ist Fuego seit 2004 ein reines Online-Label. Auch damit bewegte sich Fuego-Betreiber Friedel Muders bereits in medialem Neuland. iTunes war zu diesem Zeitpunkt gerade erst in Deutschland eingeführt worden, eine CD-lose Zukunft klang noch unerhört: „Viele haben damals noch gesagt, ich will doch keine Musik auf dem Computer hören. Heute ist das überhaupt kein Problem mehr, nicht mal für die Generation 50 plus. Bei E-Books scheint sich das ja momentan zu wiederholen, jedenfalls erhalte ich im Moment überall ähnliche, ungläubige Reaktionen …“.

Ganz so komfortabel wie heute war das MP3-Hören anfangs aber nicht – denn Digital Rights Management machte dem Nutzer das Leben schwer, was auf Apple-Geräten lief, konnte man auf den Playern anderer Hersteller nicht nutzen, und vice versa. Ähnliche Probleme beobachtet Muders jetzt im E-Book-Sektor, dazu kommt noch das Formate-Wirrwarr. „Die Kinderkrankheiten der Musikindustrie werden absurderweise gerade im E-Book-Sektor noch einmal durchgespielt“, wundert er sich.

Dabei geht bei einem Ein-Mann-Betrieb wie Fuego ohnehin schon viel Zeit drauf für das ganze Drumherum von Verhandlungen mit Verlagen und Autoren bis hin zur Covergestaltung. „Sehr ärgerlich und zeitaufwendig ist die E-Book-Programmierung, da wir dem Layout und der Gestaltung doch sehr hohe Aufmerksamkeit schenken, aber bei den Readern und Formaten das Problem haben, dass unsere e-Books oft auf jedem Lesegerät anders aussehen“, so Muders. Das sei vergleichbar mit den Problemen, die man vor zehn Jahren mit den unterschiedlichen Web-Browsern gehabt hätte.

„Entscheidend ist die Länge der Backlist“

Schon jetzt ist aber ein beachtliches Programm zusammengekommen. Neben den eher musikaffinen Titeln werden auch Kult-Autoren wie Wiglaf Droste, Christian Y. Schmidt oder Hans Zippert bei Fuego verlegt. Muders hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt – bis 2012 will er bereits knapp hundert Titel anbieten. Das Bremer Label setzt auf den Long Tail-Effekt: „Schon beim Einstieg in das Geschäft mit MP3 haben wir nämlich gemerkt, dass am Ende die Größe des Katalogs entscheidend zur Grundfinanzierung und zum Überleben ist. Auch bei den E-Books wird sich das erst lohnen, wenn die Backlist lang genug ist.“

In vielen Fällen werden die Verträge direkt mit den Autoren ausgehandelt. Der Independent-Tradition bleibt der Fuego-Gründer damit auch als Verleger treu. Als in den 70ern die ersten „Krautrock“-Platten gepresst wurden, schrieben sich frühe Labels wie etwa Schneeball (an dem auch Muders beteiligt war) nicht allein die Unabhängigkeit von den großen Labels auf die Fahnen, sondern auch die Ablehnung von Profitmaximierung und Wachstum um jeden Preis. Nicht nur die Autoren bekommen bei Fuego einen fairen Anteil an den Einnahmen, auch Covergestalter oder Übersetzer werden nicht einfach mit Pauschalen abgespeist. „Viele Verlage kalkulieren da sicherlich ganz anders, für mich ist das aber gelebte Solidarität“, so Muders.

Dazu kommt Fairness gegenüber dem Leser: „Alle unsere E-Books liefern wir ohne Kopierschutz aus, weil sich schon damals bei den Musikdaten gezeigt hat, dass DRM für den Verkauf letztendlich hinderlich war – und heutzutage ja auch komplett abgeschafft ist“, so der Fuego-Gründer. Nicht immer ist man damit allerdings erfolgreich. „Leider übernehmen viele Bookshops dies nicht wie von uns angeliefert, sondern versehen unsere Daten dann doch mit DRM.“ Frei von solchen Einschränkungen sind die über Beam vertriebenen epub-Versionen, die mit Preisen zwischen fünf und sechs Euro den Idealvorstellungen der Kunden sehr nahe kommen. Bei multimedialen E-Books via iBooks liegen die Preise um die zehn Euro. Der „enhanced“-Trend scheint sich besonders bei Titeln zu lohnen, die Musik zum Thema haben oder von Musikern geschrieben werden – wie etwa „Zu Gast im eigenen Leben“. Neben Fotos sind hier den Kapiteln auch Songs zugeordnet.

Notwendige Schritte im sich wandelnden Umfeld

Auch solche Titel entstehen sozusagen in Handarbeit direkt bei Fuego, denn Muders hat sich schon seit den Neunziger Jahren mit Web-Design und multimedialen Formaten beschäftigt. Und es geht immer weiter. Neuestes Produkt aus der Bremer Codeschmiede ist „Apperclass“ – eine Art Construction-Kit, mit der Independent-Bands aus Audio, Video- und Bildmaterial ihre eigene App zusamenstellen können. Ebenso würde sich Apperclass natürlich auch für Autoren lohnen, die ihre Texte mit Aufnahmen von Lesungen oder ähnlichen Goodies anreichern möchten. 

Bis das E-Book-Geschäft selbst für Fuego zum ernstzunehmenden „Revenue Stream“ wird, dürfte es noch ein bisschen dauern. Für Muders ist die Erweiterung des Musikregals durch das Bücherregal ganz einfach der nächste notwendige Schritt in einem sich ständig wandelnden Umfeld. Auch iTunes könnte da bald schon wieder zum alten Eisen gehören. „Im Musikgeschäft geht der Trend weg von Downloads zum Streaming“, beobachtet der Fuego-Chef. „Damit lässt sich aber noch weniger Geld verdienen als mit MP3-Downloads“. Doch nicht nur für Labels werde das Überleben immer schwieriger. Auch die meisten Newcomer-Bands würden einen gesunden Pessimismus pflegen: „Viele haben noch den Wunsch, aber längst nicht mehr die Illusion, ein Popstar zu werden.“ Vielleicht träumt die nächste Generation ja davon, ein E-Book-Star zu werden…