„Absolut Independent“: Alle Mikrotexte des Jahres 2017 jetzt vorab via Startnext abonnieren

mikrotext-aboDie E-Book-Flatrate der etwas anderen Art gibt’s auch 2017 wieder, made in Berlin: via Startnext kann man das diesjährige Verlagsprogramm von Mikrotext per Pre-Order abonnieren. „Abonnenten bekommen die E-Books bequem per E-Mail-Downloadlink geliefert, als ePub, mobi und PDF. Nur die Abonnenten erhalten das PDF, ein echtes Plus“, heißt es auf der Kampagnenseite.

Zielgruppe sind laut Mission Statement „neugierige digitale Leserinnen und Leser, die sich für politische-literarische Texte interessieren“ und „für neue Stimmen offen sind“, denn in dem von Nikola Richter vor vier Jahren gegründeten Digital-Verlag erscheinen oft auch literarische Debüts (mittlerweile übrigens auch im Print-Format). Das Abo via Startnext gibt’s ab 30 Euro.

In Frühjahr erscheint bei Mikrotext u.a.: Arunika Senaraths Erstlingswerk „Diese eine Nacht“, Jesper Clemmensens preisgekrönte Flucht-Reportage „Die Entscheidung der Familie Sender“, „Hoffnun'“, ein Sammelband mit Weltuntergangs-Kurzprosa von Puneh Ansari, sowie „Hacking Koyote“, ein transkultureller Hipster-Trickster-Essay zum Thema Digiale Souveränität. Siehe auch den Ankündigungs-Katalog.

Apropos Souveränität: Mit dem Mikrotext-Abo ist eben nicht nur für Lesefutter gesorgt, man unterstützt auf diese Weise ein von Amazon, anderen Shops oder Zwischenlieferern komplett unabhängiges Distributionssystem — die digitale Lektüre geht von Verlag & Autor direkt in Richtung Leser. Also „absolut independent“, wie Nikola Richter betont, auch in der Gegenrichtung: „So geht das Geld ohne Umwege an Autoren und Verlag“.

Erstmals gab es das Mikrotext-Abo im Jahr 2015, damals wurden knapp 200 Abos vorbestellt und auf diese Weise das ambitionierte Funding-Ziel von 10.000 Euro locker eingespielt. Im letzten Jahr ging’s dagegen mit einem Fundingziel von 1.000 deutlich bescheidener weiter, am Ende wurden mit 80 Abos 2.000 Euro erreicht. Die aktuelle Kampagne – diesmal mit einem Fundingziel von 2.000 Euro — läuft noch bis Mitte Januar.

Global & Beta mit spitzen Klammern: Die Macht ist stark im E-Book-Code

global-und-betaBerlin ist nicht nur Start-Up-Hub in Sachen E-Reading-Apps, auch viele E-Book-Autoren und E-Book-Verlage haben sich die Hauptstadt als Wahlheimat ausgesucht. Ihre gemeinsame Sprache ist der „E-Book-Code“ — was die elektronischen Bücher jenseits der Semantik zusammenhält, ist weltweit gültiger Markup-Code in spitzen Klammern. Wie stark ist die Macht im Code, was macht er mit uns, was wir mit ihm, wie international tickt das e-publizistische „Spree Valley“? Auf dem Berliner „Stadtsprachen Festival“ wird am 2. November 2016 darüber auf einem eigenen Panel („Global und Beta“) diskutiert — mit dabei: die Berliner Verlegerinnen-Autoren Kathrin Passig (Techniktagebuch u.a.), Nikola Richter (mikrotext), Gregor Weichbrodt (0x0a/Frohmann) sowie Ansgar Warner (E-Book-News=Icke).

Global & Beta – Die Anthologie: out now!

Bereits jetzt ist bei Mikrotext das kostenlose E-Book „Global und Beta“ erschienen (epub/mobi/PDF) — mit Beiträgen der obigen Teilnehmer, aber auch mit literarischen Interventionen von vier jungen AutorInnen mit Berlinbezug: Assaf Alassaf, ein syrischer Autor, erzählt von der Zwickmühle, frei in die Welt hinein auf Facebook zu schreiben, und zugleich die besten Ideen an Old School-Medien verkaufen zu wollen. Asal Dardan, iranisch-stämmig, Berlin-sozialisiert, in Schweden lebend, denkt über das Internationale am E-Book nach. Der aus Guatemala stammende Netzpoet Alan Mills (lebt in Berlin & Wien) betrachtet Facebook-Texte mit Kafkas Augen. Chloe Zeegen (Berlin/London) verbindet in ihrem assoziativ-philosophischen Text digitale Heilsversprechen mit biblischer Prophezeiung.

Live-Panel, oder: Pong is not dead

Das E-Book ist zwar schon da, bleibt aber Work in Progress: nach dem „Global & Beta“-Panel wird nämlich noch das Gesprächsprotokoll hinzugefügt. Live mitverfolgen kann man das Panel am 2. November 2016 ab 19.30 in der Blogfabrik (Oranienstraße 185, 10999 Berlin). Der Eintritt ist frei, die Veranstalter bitten aber um vorherige Anmeldung via Eventbrite. Das Besondere an der Diskussion ist übrigens: Sie wird keinen Moderator haben, jeder Teilnehmer bereitet für jeden Fragen vor, die dann im Pong-Style hin und her erörtert werden.

e-rstausgabe #1: Berliner Phonoclub ab jetzt auch E-Book-Release-Location

e-rstausgabe-phonoclub-berlinMan nennt sie auch E-Reginals: Bücher, die das Licht der Welt zuerst als E-Book erblicken. Im Web sind sie schnell gelauncht, in der Offline-Welt haben die Digitalen Ersties bisher allerdings im Vergleich zu Print gewisse Anlaufschwierigkeiten. Doch das muss ja nicht sein: mit „e-rstausgabe“ startet jetzt ein neues Publishing- und Veranstaltungsformat von Orbanism (siehe das gleichnamige Festival) – speziell für elektronische Erstausgaben.

Die erste Ausgabe von „e-rstausgabe“ findet heute abend ab 20 Uhr im Prenzlberger Phonoclub statt (Adresse & Programm siehe unten), weitere sollen dann 2016 im dreimonatigen Rhythmus folgen. Neben Initiatorin Christiane Frohmann (Orbanism & Frohmann Verlag) wirken bisher mit: Zoë Beck (CulturBooks), Nikola Richter (mikrotext), Frank Maleu (minimore) und Andreas Schwarz/Thomas Götz von Aust (PhonoClub).

Auf einer Facebookseite sollen zudem am laufenden Band interessante e-Book-Erstausgaben vorgestellt werden, vor allem aus unabhängigen kleinen Verlagen, aber auch spannende Titel aus den digitalen Reihen klassischer Verlage sind willkommen (Vorschläge kann man mailen an cf(at)orbanism(dot)com).

e-rstausgabe #1

  • Wo: PhonoClub, Pappelallee 65, 10437 Berlin
  • Wann: Mittwoch, 16. Dezember, 20 Uhr (ab 23 Uhr Disco)
  • Eintritt: 5 EUR

Abgesandte der Verlage CulturBooks, Frohmann, Mikrotext und der E-Book-Boutique Minimore lesen gemeinsam mit Autorinnen und Autoren aus aktuellen und kommenden E-Book-Erstausgaben.

Programm

Für CulturBooks:

Kevin Junk liest aus „Berliner Befindlichkeiten“.
Sophie Sumburane stellt das eBook „Die Bauchtänzerin“ von Safeta Obhodjas vor.

Für den Frohmann Verlag:

Steffi Roßdeutscher aka @diewucht ist Mitwirkende „Tausend Tode schreiben“ und liest ihren in der kommenden Version zu findenden Text. Über das E-Book sagte Monika Hebbinghaus im Deutschlandfunk: „ein beeindruckendes Kaleidoskop an Erfahrungen und Gedanken zum Tod, das den Leser berührt und herausfordert.“

Michaela Maria Müller liest aus ihrem bewegenden Essay „Vor Lampedusa“ und dem daraus erwachsenen 2016 bei Frohmann erscheinenden Roman. Sie erklärt, warum sie sich trotz der schwierigen Vermarktung semifiktionaler Literatur für die hybride Form entschieden hat.

Sylvia Lundschien liest ihrem in der Generator-Reihe erscheinenden E-Book „Killing Me Softly. ASMR-Videos auf YouTube“ und sorgt mit besonders betörenden Beispielvideos für wohlige Gänsehaut.

Christiane Frohmann liest aus „Frau Frohmann und andere Geschichten“, einem E-Book, von dem noch niemand etwas weiß…

Für mikrotext:

Assaf Alassaf, Ruth Herzberg und eine noch nicht bekannte/r Blogger/in.

Ein episodischer Facebook-Roman, in dem ein syrischer Flüchtling eine imaginäre Freundschaft mit einem deutschen Botschafter anfängt: Das ist „Abu Jürgen“ (Oktober 2015) von Assaf Alassaf, ein E-Book-only, das seit Erscheinen die Kritiker begeistert.

Ruth Herzberg zeichnet und schreibt Alltagsskizzen, voller Witz und Verve und großer Gefühle. Sie liest aus ihren gesammelten Blogtexten zu Paarproblemen aus „Wie man mit einem Mann glücklich wird“ (September 2015).

Sechs Herausgeber und über 50 Online-Berichte, Reportagen, Kommentare und Interviews, u. a. von Sarah Connor, Stefanie Sargnagel, Jaafar Abdul Karim: „Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge“ (November 2015), alle Erlöse kommen der Flüchtlingshilfe zu Gute. Das erste E-Book zur neuen Willkommenskultur in Europa.

Chat-Protokoll einer Flucht nach Europa: „Mein Akku ist gleich leer“ [Leseprobe]

akku-gleich-leer-introSie flüchten übers Meer, sie flüchten übers Land, Meile für für Meile, Schritt für Schritt in unsere Richtung. Virtuell sind sie jedoch längst da: Europa mag sich gegen Flüchtlinge abschotten, das Internet aber kennt keine Grenzen. Zum Glück. Mit „Mein Akku ist gleich leer“ dokumentiert der Berliner Digital-Verlag Mikrotext jetzt ein Flüchtlingsgespräch des 21. Jahrhunderts. Der syrische Medienaktivist Faiz chattet auf seinem langen Marsch nach Deutschland mit der deutschen Kulturwissenschaftlerin Julia Tieke. Beide haben sich bei einem Radioprojekt im Nahen Osten kennengelernt. Der Terror der IS-Milizen zwingt Faiz dann nach Beginn des Bürgerkriegs, seine Heimatstadt Manbidsch zu verlassen. Via SMS hält er Kontakt nach Deutschland, Tieke versucht ihn nach Kräften zu unterstützen: sie ruft lokale Behörden an, recherchiert Informationen, setzt sich für ihren Freund ein, wenn er im Gefängnis landet. Ein Mikrotext, der an einem kritischen Punkt der Gegenwart interveniert: die Politik scheint grenzenlos überfordert, viele Bürger jedoch beweisen Mut und leisten aktive Hilfe. Eine Ausrede gibt es eigentlich nicht: Manchmal, das zeigt „Mein Akku ist gleich leer“, reichen sogar 140 Zeichen aus.

Julia Tieke / Faiz,
Mein Akku ist gleich leer. Ein Chat von der Flucht

Im Wald

3. Oktober 2014

Julia: Salam, Faiz. Wo bist du? Ich hab von unserem Freund Hozan gehört, dass du unterwegs bist.

4. Oktober 2014

Faiz: Ich bin in Mazedonien, im Dschungel. Vielleicht gehe ich zurück nach Griechenland.

Julia: Kann ich dich irgendwie unterstützen?

Faiz: Ich weiß nicht. Wir leben wie Affen, zwischen den Bäumen.

Es ist unmöglich, nach Serbien zu gelangen. 14 Tage, inmitten von Bäumen.

Julia: Ich habe eine gute Freundin mit Freunden in Mazedonien. Ich ruf sie noch heute an. Wahrscheinlich leben die in Skopje.

Später am Tag

Julia: Es tut mir leid, dass du das alles durchmachen musst.

Skopje ist etwa 140 Kilometer weit weg von dort, wo du jetzt laut Facebook bist.

Faiz: Mein Akku ist gleich leer. Vielleicht gehe ich zur Polizei. Um diese furchtbare Reise zu beenden und nach Athen zurückzugehen.

Julia: Oh. Sie würden dich einfach zurück nach Athen schicken?

Faiz: Ja. Nachdem sie uns geschlagen haben.

Julia: Kannst du dein Handy aufladen?

Ich kann versuchen, über diese Freunde Geld zu schicken.

Faiz: Neiiiiin! Ich brauche kein Geld.

Julia: Ok.

Faiz: Wir müssen Menschen bleiben. Nur das.

Julia: Ja.

Faiz: In dieser schrecklichen Welt.

Julia: Du bist ganz sicher ein Mensch!

Faiz: Ja.

Julia: Du wirst also nach heute erstmal nicht mehr schreiben können?

Faiz: Ich werde probieren, das Handy in irgendeinem Dorf aufzuladen.

Julia: Versucht jemand aus Deutschland, dich hierherzuholen?

Faiz: Ist das möglich?

Julia: Ich bin mir nicht sicher. Ich werde es herausfinden.

Faiz: Ich schicke dir Fotos.

Julia: Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Faiz:Mach dir keine Sorgen.

Julia: Frohes Fest euch allen.

Faiz: Frohes Fest dir. Und vielen Dank.

Julia: Ich werde mich über die Leute in Mazedonien schlau machen.

Sind die anderen dort, bei dir, Syrer?

Faiz: Alles Syrer.

Julia: Ich schreibe, wenn ich mehr weiß. Halt mich auf dem Laufenden.

Faiz: Sag das nicht, also das mit der Unterstützung.

Julia: Ok. Warum nicht?

Faiz: Neiiiiin! Auf keinen Fall!

Julia: Wir brauchen alle manchmal Unterstützung.

Faiz: Ja, manchmal. In etwa fünf Minuten ist mein Akku leer.

Copyright Cover & Leseprobe: Mikrotext.
Publikation mit frdl. Genehmigung des Verlags.

Cover - Faiz, Julia Tieke - Mein Akku ist gleich leer
Faiz & Julia Tieke:
Mein Akku ist gleich leer. Ein Chat von der Flucht
E-Book (epub/mobi/PDF) 1,99 Euro

Pokerfaces in der Projekt-Metropole – „Bluffen“ von Stefan Adrian (Leseprobe)

Das moderne Ich ist unrettbar zersplittert, da hilft auch ne Magnumflasche Uhu nicht. Doch warum das „Nihil firmum“ gleich auf Basecaps drucken? In der projektbasierten Metropolis braucht man zum Überleben vor allem ein Pokerface. Stefan Adrians Berlin-Roman „Bluffen“ – erschienen bei mikrotext – führt uns folgerichtig hinter die Fassade eines kernlosen Charakters der Nuller Jahre, irgendwo im Bermuda-Dreieck von geplatzter Dotcom-Bubble, Nine Eleven und Early Gentrifizierung. Als einen „Menschen mit digitalem Glaskinn“ bezeichnet sich der Protagonist, als einen von denen, „die glauben, eine moderne Gesellschaft zu bilden, während sie der nackte Egoismus treibt.“ Die Frage „Was bin ich?“ erschöpft sich im Namedropping: Anzeigenverkäufer, Barmann, Blogger, Botenfahrer, Crossmarketing-Manager, Online-Journalist, schließlich auch: Hijacker. Mit Politik hat das nichts zu tun, in den Zeiten des großen Bluffs geht’s eher um den Traffic der eigenen Website. Wo wir gerade dabei sind: Ins erste Kapitel dieses 650 Smartphone-Screens langen „Mikrotextes von großem Format“ (Kevin Junk) entführt die folgende Leseprobe – das komplette E-Book & weitere Infos gibt’s z.B. bei Minimore.

Stefan Adrian: Bluffen. Ein Roman

Kapitel 1

Der Abend der Entführung war einer dieser Tage im Herbst, an dem die untergehende Sonne breit über dem Horizont zerfloss wie ein zerschlagenes Ei. Wir saßen im Wagen und warteten. Rene hatte einen Flachmann dabei, aus dem er gelegentlich ansetzte. Ich achtete darauf, dass er nicht mehr trank als die Menge, die zur Beruhigung notwendig war. Er trommelte mit den Fingern seiner rechten Hand gegen seinen Oberschenkel, und als ich ihn betrachtete, wurde mir klar, dass es kein Zufall war, dass wir beide hier saßen. Wir hatten uns an einem bestimmten Punkt unseres Lebens stets für etwas anderes entschieden oder vielmehr gegen etwas; gegen etwas, von dem wir angenommen hatten, es sei zu gewöhnlich und unter unserer Würde, auch wenn wir uns nie im Klaren darüber waren, worauf diese sich stützte. Wir waren wie von einem Schiff gefallenes Ladegut, das gemeinsam in eine Strömung gezogen worden war und nicht mehr aus ihr hinauskam, je stärker es sich ineinander verhakte.
Zwei Verweigerer mit falschen Waffen, dachte ich, zwei Männer, die an Frauen vor allem körperlich interessiert waren und mit einer Feministin eine Entführung durchführten. Aber ich sah darin keinen Widerspruch, ich sah überhaupt keine Widersprüche mehr. Wenn man die Dinge durchschaut hatte, blieb einem nur übrig, sich außerhalb dessen zu bewegen, was als legale Norm abgesteckt war, deswegen fand ich die Tatsache, an diesem Punkt angekommen zu sein, sehr logisch. Wir waren Typen, denen Streben nach Anerkennung stets als falscher Stolz und ein gesunder Selbsterhaltungstrieb stets als übertriebener Egoismus verkauft worden war. Man hatte uns moralischen Mantel um moralischen Mantel umgeworfen, mit denen wir gehen lernen sollten, obwohl wir uns kaum bewegen konnten. Auf diese Weise hatte man uns von Anfang an unserer Wut beraubt und uns gelehrt, dass sie etwas Schlechtes war, etwas, das man sich wegtrainieren musste, um es mit der Mentalität des Verstehens zu ersetzen.
Aber in diesem Moment im Bus fühlte ich mich wie ein Gefangener, der aus einem Lager ausbrach, wie ein Häftling, der der Gehirnwäsche entflohen war. Ich fühlte mich jedoch nicht als Opfer des Systems, das zurückschlug, es gab kein System, das die Bahnen lenkte wie ein Kranführer die Hebel seiner Maschine. Es gab nur eine Verkettung und Verzahnung unterschiedlicher Machtverhältnisse und Weltanschauuungen, und in diesem Gestrüpp musste man seinen Platz finden. Erst dann war man in der Lage, diesen bewusst nicht zu akzeptieren. Ich hatte mein Leben immer als Einzelschicksal wahrgenommen, selbst wenn es nicht schwierig war, sich auszumalen, wie wir in den Schlagzeilen als Beispiele einer „aus den Fugen geratenen Spaßguerilla oder einer desillusionierten Generation zwischen Facebook und HartzIV“ bezeichnet werden würden, sollte die Sache schief gehen.
Würde die Sache schief gehen, würde sich ohnehin alles in sein Gegenteil verkehren. Reporter würden in mein altes Heimatdorf fahren und Nachbarn befragen, die längst keine Ahnung mehr von mir hatten, für die ich als Person in der Zeit eingefroren war, so wie sie für mich. Wenn wir scheiterten, würden wir verurteilt und, was noch schlimmer war: Wir würden dann von dem Spiel vereinnahmt werden, das wir mit dieser Aktion bekämpfen wollten. Unsere Absicht würde auffliegen, unsere Namen würden auf Suchmaschinen im Netz ganz oben stehen, und alles wäre vergebens gewesen. Mich würde weniger eine Haftstrafe treffen oder die Tatsache, dass mein Name für immer damit in Verbindung gebracht werden würde. Mich würde treffen, dass die Sache überhaupt einen Namen bekommen würde. Sie würde dann dastehen, schön ausdefiniert und stramm gestriegelt wie ein virtuelles Rennpferd, das man bis auf die kleinste Sehne bewundern konnte. Seine digitalen Fußspuren würden sich nicht mehr rückgängig machen lassen.
Es wurde stickig im Wagen. Die Scheiben beschlugen. Ich erinnerte Rene an den Tag meiner gescheiterten Intervention beim Deutschen Fußballbund und sagte, dass der Grund, weswegen ich die Sache damals nicht durchgezogen hatte, auch der gewesen sei, dass ich zu lange alleine gewesen sei. Die stundenlangen Selbstgespräche hätten mich aus der Situation hinauskatapultiert, und ich sagte, dass ich froh war, dass er dabei war. Dann betrachteten wir uns wie an jenem Abend in der Bar am Darß und warteten darauf, dass der andere sagte, es wäre klüger, die Aktion abzublasen. Ich nahm den Flachmann und sah aus dem Fenster.

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Stefan Adrian, Bluffen. Ein Roman
Mikrotext 2014
E-Book (epub/mobi/PDF) 4,99 Euro

Copyright Cover & Leseprobe: Mikrotext.de
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung des Verlags

Mikrotext goes Krautpublishing: 2015er Programm jetzt via Abo vorbestellbar

Mikrotext trifft Startnext – Freunde neuer digitaler Literatur können auf der Crowdfunding-Plattform ab sofort das komplette Programm des Berliner E-Book-Labels für 2015 im Paket vorbestellen. Klingt ein bisschen nach Flatrate-Klimbim, ist aber deutlich exklusiver: Wer mindestens 15 Euro in den Topf wirft, erhält ein Jahr lang die aktuellen E-Books zum Erscheinungstermin direkt per E-Mail (pro Quartal erscheinen in der Regel ein bis zwei Titel). Man kann sich aber auch für das „Abo plus“ entscheiden, und dafür ausgesuchte Dankeschöns ergattern, von Chloe Zeegens unveröffentlichtem Manuskript „Conservative Alternative“ über Sarah Khans Frühwerk bis hin zum Wüstenralley-Daumenkino von Sebastian Christ.

10.000 Euro soll die Crowd zusammentragen

„Das mikrotext-Abo richtet sich an alle neugierigen, vorwärtsdenkenden Leserinnen und Leser, die daran glauben, dass Literatur und das Digitale ausgezeichnet zusammenpassen. Und dass das E-Book kein Hardcover-Doppelgänger sein muss“, schreibt Verlagsgründerin Nikola Richter auf der Kampagnen-Seite. Die Mindestschwelle für die Kampagne liegt bei recht realistischen 10.000 Euro: „Wir brauchen nur 400 Leute, die 25 Euro zahlen, dann sind wir am Ziel“, so Richter gegenüber E-Book-News. Tatsächlich haben in der Vergangenheit bereits Pre-Order-Kampagnen für einzelne Titel von Self-Publishern oder Indie-Verlagen auf Startnext deutlich mehr erreicht – etwa das „Drachenväter“-Buch von Tom Hillenbrand und Konrad Litschko oder der Facebook-Roman „Zwirbler“.

Abohonorare gehen direkt an AutorInnen

Auch bei Mikrotext profitieren an erster Stelle die Autoren selbst: „Alle Abohonorare werden an die Autoren des vierteljährlichen Hauptprogramms ausgeschüttet, so als wären sie klassische Verkaufshonorare“, so Nikola Richter. Der über die Dankeschöns hinaus erzielte Erlös wird in die allgemeine Verlagsarbeit gesteckt. Für diese Art des Verlags-Krautpublishings gibt es in Deutschland bereits Vorbilder: so kooperiert der Kladdebuch-Verlag seit 2014 mit der Crowdfunding-Plattform Visionbakery, hier wurden knapp 40.000 Euro gesammelt und ein halbes Dutzend Projekte realisiert. Gleich eine eigene Krautpublishing-Plattform betreibt mit „100fans.de“ die Münchner Verlagsgruppe.

„Abonnement spart Geld und Zeit“

Besonders spannend beim Ansatz von Mikrotext: viele E-Books des 2013 gegründeten Digital-Only-Verlags reflektieren ohnehin das Potential von Internet und neuen Medien ästhetisch und inhaltlich mit. In Zukunft wird dank Crowdfunding nun auch wirtschaftlich und marketing-technisch das Netz eine noch zentralere Rolle für die Mikrotexte spielen. Die Crowd dürfte dabei nicht nur rein mäzenatische Interessen antreiben. Nikola Richter betont schließlich: „Mit dem Abonnement spart man einige Euro gegenüber dem klassischen Kauf per Webshop und man spart Zeit: Anmeldung und Download per Webshop fallen weg, denn alle Titel landen codefrisch (druckfrisch können wir ja nicht sagen) im Mailpostfach“.

Abb.: Screenshot Mikrotext-Kampagne auf Startnext

Weniger ist mehr: E-Book-Boutique Minimore setzt auf handverlesene Titelauswahl

„Thrilling, handpicked, no drm“ – unter diesem Motto ging Mitte März ein E-Store der besonderen Art an den Start: Minimore versteht sich als Online-Boutique für schöne elektronische Literatur, etwa von kleinen, geilen Berliner Verlagen wie Mikrotext, Frohmann oder SuKuLTuR. Unter letzterer Adresse firmieren nicht zufällig auch die Minimore-Macher Marc Degens, Torsten Franz und Frank Maleu. „Seit vier Jahren veröffentlichen wir im SuKultuR Verlag schon E-Books“, so Maleu. Mittlerweile würden überhaupt immer mehr innovative E-Book-Verlage entstehen, doch für alle bestehe das Problem der Sichtbarkeit: „Auf den großen Verkaufsplattformen gehen diese E-Books in der Masse oft unter“.

Jenseits von Bestsellern & Buchsupermärkten

Ähnlich wie Indie-Bookstores à la Ocelot bewegt sich Minimore deswegen bewusst jenseits der Bestseller-Hysterie, und setzt statt dessen auf gut gemachtes Design und individuelle, handverlesene Titelauswahl. Schon alleine der Blick auf einige Cover der bisher knapp hundert Titel hebt sich angenehm vom Einerlei der großen E-Book-Supermärkte ab: da ist z.B. „Strobo“ von Techno-Blogger Airen (Sukultur), der Erzählband „Wir schießen Gummibänder zu den Sternen“ von Stefan Beuse (CulturBooks) oder „Bescheiden aber auch ein bisschen göttlich“, eine Sammlung goldener Tweets von @Anousch (Frohmann Verlag). Überhaupt sind mehr als ein Dutzend Titel bei Minimore Twitteratur-Sampler, siehe die Programm-Kategorie „Tweets“

SuKultur setzt auf clevere Distributions-Alternativen

Auch wenn es im Minimore-Programm durchaus längere Texte gibt (beim Durchscrollen entdeckte ich etwa die E-Book-Neuauflage von Albert Vigoleis Thelens wunderbarem Roman „Der Magische Rand“), so sind literarische Kurzstrecken doch das eigentliche Spezialgebiet von Degens, Franz und Maleu, ebenso das Aufspüren neuer Wege zur cleveren Distribution: die schmalen gelben Leseheftchen von SuKultur begegnen dem Bahnhofsbesucher auch mitten in Berlin, Köln oder Leipzig als kulturelle Konterbande in Süßwarenautomaten. Für ein Euro pro Stück wurden auf diese Weise seit 2003 schon mehr als 80.000 Bände der Reihe „Schöner Lesen“ verkauft – ganz ohne Amazon, aber auch ganz ohne Weltbild oder Thalia. Das klassische DIN A 6 – Reclam-Format entspricht ja ungefähr der Displaygröße von Smartphones, auch deshalb wohl kein Wunder, dass der Vertrieb der su(b)kulturellen Variante elektronisch genauso gut klappt…

Abb.: Screenshot

Electric Book Fair 2014: Erste deutsche E-Book-Messe startet im Juni in Berlin

Wo gehören sie wirklich hin, die E-Book-People mit ihren elektronischen Schmökern & Gadgets? So richtig gut aufgehoben waren sie bisher weder auf der Hannoveraner CEBIT oder den Großevents des konventionellen Literaturbetriebs in Frankfurt und Leipzig, nicht umsonst immer noch als „Buch“-messe vermarktet. Eine Handvoll von Startup-VerlagsgründerInnen & E-Book-ExpertInnen wagt nun einen kompletten Reset: am Standort Berlin soll sich mit der „Electric Book Fair“ die erste E-Book-Only-Messe etablieren. Zu den MacherInnen gehören wohl nicht ganz zufällig Christiane Frohmann (Frohmann Verlag), Nikola Richter (mikrotext) und Fabian Thomas (shelff): sie haben mit ihren E-Book-Only-Programmen bereits gezeigt, dass Berlin auch in Sachen elektronischer Literatur das perfekte Startup-Hub ist. Mit dabei im Kuratorenteam ist zudem Kommunikationsdesignerin Andrea Nienhaus, von der u.a. das ambitionierte Artwork der Mikrotext-Cover stammt.

Wenn am 21. Juni in der Berlin-Weddinger Coworking- und Eventzone „Supermarkt“ an der Brunnenstraße die erste Electric Book Fair ihre Pforten öffnet, werden auch viele andere Gründer aus den Bereichen elektronisches Lesen, Publizieren & Vermarkten keine weiten Wege gehen müssen. In einem Radius von wenigen Kilometern beherbergt das Stadtzentrum der Hauptstadt hochspannende Projekte wie Readmill, dotdotdot, lettra.tv, txtr, Xinxii & Co. Nicht zu vergessen die neue Buchhandlung Ocelot in der unteren Brunnenstraße, die schon zu Berlin-Mitte gehört.

Die E-Book-Fair-OrganisatorInnen verstehen ihr Veranstaltungskonzept sowohl als Ergänzung wie auch Infragestellung bisheriger Buchmesse-Ideen: es wird keine Stände und Hostessen geben, die Grenzen zwischen Ausstellern und Besuchern sollen vorsätzlich verwischt werden. Im „Electric Café“ will man Leser, Verleger und Autoren ins Gespräch bringen. Parallel kann man im Rahmen der „Electric Enquete“ Vorträgen lauschen und mit Experten über die Zukunft des E-Publishings diskutieren – und zwar uneingeschränkt und kostenfrei.

Die E-Book-Fair stellt sich bewusst quer, wenn es um gewohnte Abgrenzungen und Hierarchien der Gutenberg-Galaxis geht: „Ziel der Electric Book Fair ist es, E-Books als das sichtbar werden zu lassen, was sie sind: konkurrenzlos zugängliche Speichermeiden für Texte, Bilder und Videos“. Tatsächlich passt zu Offenheit, Schnelligkeit wie auch Hippness der elektronischen Bücher eine urbane Coworking- und Eventzone an der Spree deutlich besser als der performativ längst auserzählte Messehallen-Leviathan an Main oder Pleiße. Denn im Weddinger Supermarkt finden auch bisher schon Digital-Aktionen wie Hackathons, Entwicklertage, Buch- und Magazinsprints statt – insofern auch ein idealer Ort, um die Buchmesse zu hacken.

Hinweis: Als Aussteller bewerben können sich bis zum 15.04.2014 sowohl Verlage, die ausschließlich E-Books veröffentlichen wie auch klassische Verlage mit digitalem Programm. Weitere Infos & Anmeldung unter electricbookfair.de

Abb.: Supermarkt (Blick auf die Brunnenstraße)

Selfies im Angesicht des Bierpinsels [Chloe Zeegen, I love myself, ok?]

Mikrotext mal wieder. Okay, aber wo sonst wäre eine „Short-Story-Berlin-Trilogie“ wie Chloe Zeegens „I love myself ok?“ derzeit wohl besser aufgehoben als bei Nikola Richters ambitioniertem Verlags-Startup, das uns auch schon Kurzstreckentexte wie Sarah Khans „Horrorpilz“ beschert hat oder die Facebook-Protokolle von Aboud Saaed, des „klügsten Menschen auf Facebook“? Nicht zufällig stand das weltweit wabernde soziale Netzwerk auch bei „I love myself ok?“ Pate – die in Berlin mit Blick auf den Steglitzer Bierpinsel lebende Deutsch-Britin startete schon 2012 ihr Kunst-Projekt „Chloe Zeegen is a self-styled Facebook star“.

So erklärt sich schnell der enorme Sog, den der Bewusstseinsstrom der Ich-Erzählerin von „I love myself ok“ erzeugt – es ist eine gar nicht mehr aufdröselbare Mélange aus Social-Media-Stream & dem literarischen Erbe des Stream of Consciousness. Molly Bloom oder Leutnant Gustl, den Bierpinsel im Blick, der Daumen auf dem Touch-Screen des Smartphones. Wer Chloe Zeegen online (ver-)folgt, ist somit ohnehin auf dem Laufenden, worum es in Teil 1 („Bierpinsel and Fuck Trauma“) geht, zugleich wäre „Coming-Out“ aber auch wieder zu einfach. Literatur, nur mal zur Info, ist ja nun mal weit mehr als nur eine Aneinandereihung von Untenrum-Selfies.

Letztlich oszilliert der gesamte Text zwischen den unterschiedlichsten Polen moderner Großstadt-Existenz: bin ich online, bin ich offline, straight oder queer, bin ich das, was ich war oder sein werde/will, sind wir zusammen oder getrennt, wollen wir vielleicht (Facebook-)Freunde bleiben? Wie es sich für einen zeitgemäßen Hauptstadtext gehört, werden Exkurse in die eigene Prä-Berlin-Biographie (Teil 2, „Shit and Corruption“, auch via Überlin zugänglich) wie auch Drogenrausch-Protokolle frei Haus mitgeliefert (Teil 3 – „Let me take you to the park“). Nach diesen Abstiegen ins vergangene Selbst wie auch dem Ausstieg aus dem gegenwärtigen Selbst kommt die trotzige Selbst-Bestätigung: „I fucking love myself ok“. Auch wenn das Selbst eben nur ein unsichtbarer Punkt ist, um den man kreist. Unbedingt lesen!

Chloe Zeegen,
I love myself ok?
Mikrotext (Oktober 2013), Kindle/ epub
Preis: 2,99 Euro

[E-Book-Review] Er hat uns vollgeschleimt (Sarah Khan, Der Horrorpilz)

Potz Rhizom & Mycel – Pilze sind doch immer für eine schöne Verschwörungstheorie gut. Das wissen die Conspiracy-Fans nicht erst seit der legendären X-Akten-Folge „Field Trip“. Tatsächlich diskutieren ja Wissenschaftler schon lange, wer bei der Symbiose zwischen den Reichen der Animalia, Fungi sowie Planten & Blomen eigentlich wen steuert – der Pils brauende Mensch den Schwammerl, oder der Pilz seinen durch festes Hefebrot, flüssiges Hefeweizen und eine Prise Aztekischen Kahlkopf angefixten Menschenpark. Der Gegner, das merkt rasch auch der Leser von Sarah Khans E-Book-Shortie „Der Horrorpilz“, ist im Zweifelsfall nicht Amazon (wo’s den Text als eins der ersten Kindle-Singles made in BRD gibt), nicht der Verfassungsschutz, und auch nicht die psychopathische Ex (by the way: warum heißen die eigentlich immer „Yvonne“?).

Ohnehin darf Khan ja als Expertin für Übersinnliches gelten, siehe den möglicherweise ernst gemeinten Reportageband „Die Gespenster von Berlin“, gerade in einer ergänzten Neuauflage erschienen. Im Horrorpilz ist möglicherweise alles nur Fiktion, selbst innerhalb der Fiktion. Das hat den Funghi-Flavor von Arjounis „Chez Max“, gemixt mit Georg Kleins „Barbar Rosa“ plus einer Prise von Kafkas „Landarzt“. Mit dem Horrorpilz-Helden Victor Gips fragt man sich schon nach wenigen Page-Refreshs: wenn Pilze zum König des Contents in Büchern, Mikrochips und Neocortex werden, Buchstaben im Auge wie modrige Pilze zerfallen, wem kann man dann eigentlich noch trauen? Just one hint: Vielleicht ja Lehgasthänickern…

Nicht umsonst ist dem Text eine Warnung vorangestellt: „Diese Geschichte muss mündlich weitergegeben werden, und bitte, sprechen Sie leise. Aber für den entsetzlichen Fall, dass Ihnen die Geschichte in gedruckter, handgeschriebener oder digitaler Form vorliegt, appelliere ich an Ihre Verantwortung: Bitte zerstören Sie das Dokument.“ Daran hat sich aber offenbar schon Khans Verlag nicht gehalten – das Berliner Kurzstrecken-Label Mikrotext bietet den Text sogar DRM-frei an. Nehmen die etwa auch Pilze?

Sarah Khan, Der Horrorpilz.
Eine unbefriedigte Geschichte.
Mikrotext (epub & Kindle, DRM-frei)
Preis: 1,99 Euro