[e-book-review] Midlife-Crisis am Rand der Endmoräne (Karsten Krampitz, Wasserstand und Tauchtiefe)

Ach ja, die Midlife-Crisis! Dieser legendäre Lebensabschnitt mitten zwischen Quarterlife- und Lebensendkrise ist wohl immer noch der beste biographische Plotpoint, um einen Roman zu starten – auch Mark Labitzke, Protagonist in Karsten Krampitz‘ neuem Roman „Wasserstand und Tauchtiefe“ surft auf dieser dissonanten Welle. „Mitte vierzig bin ich und wohne von heute auf morgen in einer WG mit Leuten, die mir fremd sind und fremd bleiben“ erzählt der Sohn des ehemaligen Bürgermeisters von Schehrsdorf, Kreis Märkisch-Oderland, gefühlt ein in den Kreis eingetretener „Dorn am Rande der Endmoräne“.

Ausgerechnet dorthin kehrt Labitzke nämlich eines Tages zurück, um übergangsweise seinen alternden Vater zu pflegen, solange, bis die Familie ein neues Pflegeheim gefunden hat. Dem in Berlin ohnehin nicht wirklich sesshaften Sohn kommt das gut zupass: „Der Kühlschrank ist immer gefüllt, die Rechnungen sind bezahlt. Es geht uns gut – solange nur deine Organe funktionieren. Wir haben Zeit und deine Rente“, sagt er zu seinem Vater. Eigentlich aber eher zu sich selbst. Denn der demente Labitzke Senior ist „nur noch Körper, nur noch ein Zitat“. So dass der Leser ihn nur über den Bewusstseinstrom von Labitzke junior wahrnehen kann. „Ich führe ständig Selbstgespräche mit meinem Vater“, so fasst der Sohn die absurde Situation zusammen.

Eigentlich enthält ohnehin jeder Roman im Kern eine erzählerisch inszenierte Biografie – hier sind es aber gleich zwei auf einmal, eine Parallelbiographie, die sowohl über die Jugend eines „Bonzenkindes“ in der DDR-Provinz berichtet wie auch über das Leben des im Dorf omnipräsenten Übervaters. „Ich habe keine gespaltene Persönlichkeit, ich habe eine fusionierte: Ich bin gleichzeitig ich und du“, so Labitzke Junior, der vielleicht nicht ganz zufällig seit seiner Pubertät ein schweres Alkoholproblem hat. Zugleich ist der Monolog der Gegenwart auch eine Fortsetzung eines Monologs, der vor der Wende aus einer anderen Richtung kam: so wie der linientreue SED-Bürgermeister an seinen Sohn vorbeigeredet hat, redet der Sohn nun an seine Vater vorbei.

So erklärt sich auch der Titel: Wasserstandsmeldungen und Tauchtiefen waren in der DDR fester Bestandteil der Rundfunknachrichten, Frankfurt/Oder 112 plus 5, Glugow 275 plus drei, Eisenhüttenstatt 237 plus drei, etc. O-Ton Labitzke: „Die haben auch keinen interessiert, wurden aber gesendet. Das war so ein geflügeltes Wort: Hey, Kollege, dein Gerede interessiert mich so wie die Wasserstandsmeldungen“

Für den Leser ist das natürlich ganz anders: Krampitz übermittelt uns aus dem Mund von Mark Labitzke Wasserstandsmeldungen aus einem untergegangenen Land, das eben nicht nur die absurde Provinz der eigenen Jugend repräsentiert, sondern auch einen Teil Deutschlands, dem man früher im Westen nie wirklich zugehört hat. Und jetzt auch meistens nur mit einem Ohr lauscht. Höchste Zeit, das zu ändern, selbst wenn dem 1989/1990 aus der Taufe gehobenen Staatsgebilde zwischen Rhein und Oder rein rechnerisch noch ein paar Jahre bis zur Midlife-Crisis bleiben…


Karsten Krampitz,
Wasserstand und Tauchtiefe
E-Book (epub/Kindle) 12,99 Euro

Abb. oben: Becks-Werbung am ehemaligen Kulturhaus Bandelin, Mecklenburg-Vorpommern, onnola/Flickr (cc-by-sa-2.0)