Geplantes Frühableben? Macmillan killt Self-Publishing-Plattform Pronoun – 18 Monate nach Übernahme

pronoun-aka-vook-gibt-auf„Verlag essen Self-Publishing auf“, schrieb ich vor knapp anderthalb Jahren, als die Übernahme von Pronoun durch Macmillan uns eine weitere Self-Publishing-Plattform in prominenter Verlagshand bescherte. Damals hatte Pronoun schon einiges hinter sich, ursprünglich war das Startup mal unter dem Namen Vook als Spezialist für multimediale E-Books angetreten (Video plus E-Book = Vook), dann folgte der Schwenk in Richtung Self-Publishing mit ganz speziellen Features, welche wiederum von Vook geschluckte Startups wie booklr (Kauf- und Nutzungsdaten-Analyse) oder Coliloquy (Reader Engagement & Choose your own Adventure) beisteuerten.

Data- & Analytics-Sparte besteht fort

Heute muss man wohl schreiben: „Verlag spucken Self-Publishing aus“. Denn auf der Pronoun-Landingpage ist nur noch ein „Epilog“ zu lesen: „Unfortunately, Pronoun’s story ends here“. Es habe trotz großartigen Feedbacks aus der Nutzer-Community letztlich keine Aussicht auf Profitabilität gegeben, beteuert das Macmillan-Management gegenüber Publishers Weekly. Die „Data- & Analytics“-Sparte von Prounoun allerdings soll fortbestehen — und fortan offenbar für die Zwecke des zur Holtzbrinck-Gruppe gehörenden Verlages genutzt werden.

Ein Fall von „Verlag verdauen Startup-Knowhow“

Pronoun-CEO Josh Brody und sein Chief Product Officer Ben Zhuk wurden übrigens schon zu Beginn des Jahres vor die Tür gesetzt, was die Vermutung nahe legt, dass es der Chefetage von Macmillan von Anfang an eher um das von Pronoun durch Zukäufe angehäufte Anwendungswissen ging, nicht um ein langfristiges Engagement in Sachen Self-Publishing. Noch exakter sollte man über den ganzen Vorgang also besser schreiben: „Verlag verdauen Start-Up-Knowhow“.

(via Publishers Weekly)

Verlag essen Selfpublishing auf, neue Folge: Macmillan schluckt Pronoun (Ex-Vook)

pronoun-von-macmillan-geschlucktKaum ein echtes Start-Up kommt ohne „Pivots“ aus, also mehr oder weniger heftige Kurswechsel, um den Wind der Investoren im Nacken zu behalten. Das gilt auch für Vook (aus: „Video“ plus „E-Book“), einen Pionier im Bereich E-Publishing und Enhanced E-Books: 2015 wurde aus Vook die Self-Publishing-Plattform Pronoun, zuvor hatte Vook noch drei andere Start-Ups namens booklr, Byliner sowie Coliloquy geschluckt.

Pronoun-Team macht weiter

Nun wurde Pronoun selbst geschluckt, und zwar von Macmillan (Holtzbrinck Verlagsgruppe). Also ein weiterer Fall von „Verlag essen Self-Publishing auf“. Oder auch nicht (ganz). Denn die 20 Mitarbeiter und Chef & Gründer Josh Brody arbeiten weiter, sie ziehen lediglich um ins Macmillan-Headquarter im New Yorker Flatiron Building. Auch der Name Pronoun und die Plattform als separates Angebot bleibt erhalten, wie Publishers Weekly berichtet.

Know-How in Sachen E-Book-Marketing

Damit kann Macmillan jetzt nicht nur das Self-Publishing-Portal als Talentschuppen für zukünftige Bestseller-Autoren nutzen, sondern bekommt auch eine große Portion Know-How in Sachen E-Book-Marketing frei Haus geliefert, von der ausführlichen Kauf- und Nutzungsdaten-Analyse (siehe booklr) bis hin zum Thema Reader Engagement & Choose-Your-Own-Adventure (siehe Coliloquy).

Neue Services für Indie-Autoren

Das Angebotspektrum von Pronoun wird zugleich weiterentwickelt: neben dem normalen, kostenlosen Self-Publishing, das erhalten bleibt, sollen verschiedene kostenpflichtige Varianten mit ergänzenden Dienstleistungen für Autoren hinzukommen.

(via buchreport & publishersweekly)

Liefersperre im Provisionskampf mit Verlagen: Amazon als Gazprom der Buchbranche?

J K Rowling hat’s erwischt, den Kinderbuch-Autor James Patterson, aber auch Jeff Bezos‘ inoffiziellen Biografen Brad Stone: die Printversionen ihre Bücher sind im Amazon-Store plötzlich nur mit langen Verzögerungen lieferbar bzw. nicht vorbestellbar, was sich natürlich auch auf das Bestseller-Ranking auswirkt. Doch persönlich nehmen (außer vielleicht Brad Stone) sollten sie und viele andere Betroffene das nicht – denn Hintergrund ist „nur“ ein Machtkampf zwischen dem weltgrößten „Everything Store“ und einigen großen Verlagen, insbesondere Hachette und Bonnier. Zu letzterer Gruppe gehören auch Piper, Ullstein und Carlsen, so dass auch deutsche Titel betroffen sind. Strategisches Ziel: von bisher 30 Prozent will Amazon die Verkaufprovision für E-Books auf 40 bis 50 Prozent erhöhen.

„Amazon is holding books and authors hostage on two continents“, kommentierte der NYT-Bitsblog – und auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels spricht von „Erpressung auf dem Rücken von Kunden und Autoren“. Eigentlich sind natürlich vor allem die Verlage betroffen, denn Amazon besitzt ja kein Monopol auf den Verkauf gedruckter Bücher, und die Verlags-Autoren wiederum erhalten auch bei E-Books nur einen geringen Teil des Umsatzes. Falls der nun noch kleiner werden sollte, hätte Amazon aber doppelt gewonnen – denn dann würde für noch mehr Literaten der Anreiz steigen, ihre Bücher bei Amazon-Labels verlegen zu lassen oder das Kindle Direkt Publishing-Programm zu nutzen.

Die Lobbyisten der Gutenberg-Galaxis fordern zusätzlich zur Buchpreisbindung für E-Books nun ein „neues Kartellrecht im digitalen Markt“, also eine Art „Lex Amazon“. Der Online-Riese sieht die Sache naturgemäß deutlich sportlicher, der Konflikt wird in einem offiziellen Diskussionbeitrag im Kunden-Forum als alltäglicher Vorgang im marktwirtschaftlichen Wettbewerb bezeichnet (Diskutiert werden darf in diesem Thread aber nicht…). Letztlich gehe es darum, möglichst günstige Preise für die Kundschaft zu ermöglichen: „When we negotiate with suppliers, we are doing so on behalf of customers. Negotiating for acceptable terms is an essential business practice that is critical to keeping service and value high for customers in the medium and long term“.

Außerdem wird die Auswirkung der Liefersperre mit Gazprom-verdächtiger Jovialität kleingeredet: „If you order 1,000 items from Amazon, 989 will be unaffected by this interruption“. Und süffisant wird noch ergänzt, man könne ja im Amazon-Store in vielen Fällen auch eine gebrauchte Fassung von Drittanbietern erwerben, oder das jeweilige Buch gerne im Online-Shop eines Mitbewerbers kaufen. Schließlich schlägt Amazon sogar vor, gemeinsam mit Hachette einen Sonderfonds für darbende Autoren aufzulegen, deren Tantiemen von dem aktuellen Streit betroffen seien. So habe man das ja auch 2010 bei einer ähnlichen Auseinandersetzung mit Macmillan gemacht (es ging um E-Book-Pricing). Ein interessanter Hinweis: Damals dauerte es nämlich gerade mal eine knappe Woche, bis Amazon die Liefersperre wieder aufhob – und auf die Forderungen des Verlags einging.

Abb.: flickr/Kodomut (cc-by-2.0)

„Autoren & Leser wollen es so“: Weltgrößter Sci-Fi-Verlag Tor/Forge verzichtet auf DRM

Die englischsprachige Buchwelt erlebt gerade so etwas wie eine Zeitenwende – die Epoche von Digital Rights Management (DRM) scheint sich dem Ende zuzuneigen. In einem bisher beispiellosen Schritt entschied sich nun Tor, die weltweit wohl wichtigste Adresse für alle Science-Fiction-Fans, auf den lästigen Kopierschutz zu verzichten. Ab Juli 2012 wird das gesamte E-Book-Programm von Tor, Forge und weiteren beteiligten Labels DRM-frei sein. „Unsere Autoren und Leser haben das schon eine ganze Weile von uns verlangt“, so Verlagschef Tom Doherty. „Sie sind ja ohnehin besonders technikaffin, und DRM war für sie ein ständiges Ärgernis. Der Kopierschutz hindert sie daran, legal erworbene elektronische Bücher auf legalem Wege zu nutzen, also etwa von einem Lesegerät zum anderen zu übertragen.“

Eine gewisse Rolle dürfte dabei natürlich auch gespielt haben, dass die technisch versierten Sci-Fi-Leser ohnehin wissen, wie man den Kopierschutz umgehen kann. Die Entscheidung des zur Macmillan-Verlagsgruppe gehörenden Sci-Fi-Labels folgt aber zugleich auch einem neuen Branchentrend, ausgelöst durch die E-Book-Version von Harry Potter: „Es hat teilweise auch mit dem Start von Pottermore zu tun, bei dem J K Rowling komplett auf DRM verzichtet“, gab Jeremy Trevathan von Macmillan gegenüber dem Guardian zu. „So wie es aussieht, konnte die Zahl der Raubkopien dadurch spürbar verringert werden“. An den generellen Abschied von DRM jenseits der Sci-Fi und Fantasy-Sparte denkt man bei Macmillan allerdings bisher noch nicht.

Während viele Buchhändler der Anti-DRM-Politik von Tor eher skeptisch gegenüberstehen, gab es von vielen prominenten Autoren eine Menge Applaus. „DRM hat meine Bücher nicht davor bewahrt, auf der dunklen Seite des Internets aufzutauchen“, so etwa Sci-Fi-Autor John Scalzi auf seinem Blog. „Dagegen wurden meine Fans bestraft, die mich und mein Schreiben mit ihrem Geld unterstützen. Deswegen freue ich mich, dass für alle meine Leser ab Juli gilt: ‚Buy once, keep anywhere’“. Geradezu enthusiastisch äußerte sich Tor-Autor und Digital-Rights-Aktivist Cory Doctorow: „Das könnte die Wasserscheide für DRM bei E-Books sein, der Kippunkt, von dem ab schließlich alle E-Books frei von Kopierschutz sein werden. Es ist ein guter Tag.“