[e-book-review] Restrisiko des Schweigens – Nicol Ljubićs „Meeresstille“ & das verdrängte Erbe des Jugoslawienkriegs

meeresstille-ljubic-deutscher-buchpreis-longlist-e-book Mit „Meeresstille“ erzählt Nicol Ljubić die Geschichte von Robert und Ana. Eine Boy-meets-Girl-Geschichte im Berlin der Neunziger Jahre. Doch das Girl ist ein serbisches Mädchen, und ihr Vater der Kriegsverbrecher Zlatko Simic, angeklagt in Den Haag. Die Beziehung zerbricht an der unbewältigten Vergangenheit, an der Unfähigkeit, das Schweigen zu durchbrechen. „Meeresstille“ schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises – ob sich der Download der E-Book-Version lohnt, verrät unsere Rezensentin Heide Reinhäckel.

Meeresstille und Familiengeheimnis

Mit romantischer Naturbetrachtung hat „Meeresstille“ nichts zu tun. Eher mit der alten Volksweisheit „Stille Wasser sind tief“. Ein Familiengeheimnis steht zwischen Robert und seiner serbischen Freundin. „Ana, warum hast du mir nicht erzählt, was dich bedrückt?“ Diese Frage steht ganz am Anfang. Denn in Nicol Ljubićs zweitem Roman geht es um die oft verdrängte Erinnerung an den jugoslawischen Bürgerkrieg. In wenigen Jahren kamen auf dem Balkan mehr als 100.000 Menschen ums Leben, die meisten davon Zivilisten. Die traumatischen Erfahrungen der Opfer wie auch die Schuld der Täter verschonen auch die nächste Generation nicht. Ana bringt Robert das serbische Wort für Meeresstille bei, kann aber nicht über ihre Vergangenheit und die ihrer Familie sprechen.

Grenzgänge zwischen Journalismus und Literatur

Nicol Ljubić selbst ist Kroate und wurde 1971 in Zagreb geboren. Weil sein Vater als Flugzeugmechaniker im Außendienst tätig war, wuchs er in Griechenland, Schweden und Russland auf. Dann zog die Familie nach Deutschland. Ljubic studierte Politikwissenschaften und absolvierte schließlich die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Als freier Autor schreibt er u.a. für den Tagesspiegel, Geo, Spiegel und Brigitte und ist spätestens seit als 2005 Theodor-Wolff-Preisträger kein Unbekannter mehr. Auch nicht beim Thema Jugoslawien: Bereits mit dem 2006 erschienenen Buch „Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde“ näherte sich dem Land seiner Eltern an.

Ein Shakespeare-Experte als tragische Figur

„Meeresstille“ nimmt einige Elemente der eigenen Biographie auf: Auch Roberts Eltern stammen aus Kroation, er ist in Berlin geboren und interessiert sich kaum für das Heimatland seiner Eltern, bis er die serbische Studentin Ana trift. Ihren Berlin-Aufenthalt finanziert sie bezeichnenderweise über ein Stipendium für Nachkommen von SS-Opfern. Aus den ehemaligen Opfern sind in der nächsten Generation Täter geworden. Eines Tages entdeckt Robert, dass Anas Vater, der serbische Shakesspeareexperte Zlatko Šimić, in Den Haag vor dem Menschenrechts-Gerichtshof als Kriegsverbrecher angeklagt ist. Robert reist nach Den Haag, um Anas Schweigen zu verstehen und wird mit der juristischen Aufarbeitung eines Krieges konfrontiert, den er selbst nur aus der Ferne wahrgenommen hat. Für Robert beginnt eine doppelte Form der Vergangenheitsbewältigung. Die Beobachtungen des Haager Prozeßalltags überschneiden sich mit Rückblenden auf eine gescheiterte Beziehung.

Der Rest darf kein Schweigen sein

Man könnte „Meeresstille“ auch als eine Fortsetzung des Journalismus mit literarischen Mitteln bezeichnen. Ljubić hat für das Buch ausgiebig recherchiert. Mit einem Grenzgänger-Stipendium der Bosch-Stiftung bereist er Bosnien, er interviewte serbische Studentinnen in Berlin und besuchte den Schauplatz Den Haag. Erzählerisch geht Meeresstille allerdings weit über jede Form von „Doku-Fiction“ hinaus. Ljubić findet eine leise, unaufgeregte Sprache für sein Sujet. Solchermaßen gelingt es ihm, am Beispiel der bei uns schon fast vergessenen Jugoslawien-Kriege eine allgemeingültige Botschaft zu platzieren: im Krieg werden am Ende alle zu Opfern. Auch der Shakespeare-Experte ist eine tragische Figur. Doch mit „Der Rest ist Schweigen“, das zeigt Ljubić mit „Meeresstille“ zugleich, kommt man im wahren Leben nicht weiter. Reden über die Schuld dagegen würde helfen.

Autorin&Copyright: Heide Reinhäckel

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Nicol Ljubić,
Meeresstille (Februar 2010)
E-Book (epub-Format), 9,99 Euro
Hardcover (Hoffmann & Campe), 17,00 Euro.

[e-book-review] Zwischen Frühlingserwachen & emotionalem Notprogramm: Michael Köhlmeiers „Madalyn“

madalyn-koehlmeier-e-book-bestseller Michael Köhlmeier ist ein Vielschreiber und altersmäßig längst jenseits der Midlife-Crisis. Neben zahlreichen Erzählungen und Romanen kennt man den österreichischen Autor (Jahrgang 1949) durch seine Nacherzählungen von klassischen Sagen des Altertums und biblischen Geschichten. In seinem neuen Roman Madalyn verschränkt Köhlmeier nun die Liebeswirren von Wiener Teenagern mit der Schreibkrise eines alternden Schriftstellers. Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 gehörte Madalyn zu den sechs auch als E-Book lieferbaren Romanen. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel verrät, was von Madalyn zu halten ist.

„Noch keine vierzehn Jahre alt“: Frühlingserwachen in den Nullerjahren

In Wien lebt eine Schriftsteller namens Sebastian Lukasser. Was denn, nie gehört? Kein Wunder: Lukasser ist der fiktive Ich-Erzähler in Michal Köhlmeiers neuem Roman. Köhlmeiers literarisches Alter ego residiert in einer Altbauwohnung im dritten Wiener Bezirk und quält sich mit einem neuen Buch ebenso ab wie mit einer ausklingenden Liebesbeziehung. Da kommt ihn eine Ablenkung ganz recht, die in Gestalt der minderjährigen Madalyn an seiner Tür klingelt. Damit sind Autor wie Erzähler beim Thema, nämlich: Frühlingserwachen in den Nuller Jahren. Eigentlich muss man schon sagen, das Thema fällt dem Erzähler mit der Tür ins Haus. Denn bereits der erste Satz des Romans lautet: „Im Frühling 09 war Madalyn noch keine vierzehn Jahre alt“.

Zwischen Liebeskrise und Schreibkrise

Doch Köhlmeier ist nicht Nabokov, und Madalyn keine Lolita. Wie man bald feststellt, verbindet den Autor und die Heranwachsende eher eine Art respektvoller Freundschaft, seit Lukasser Madalyn nach einem Unfall ins Krankenhaus gebracht hatte – sie ist eine Art selbstgewähltes Patenkind geworden. Madalyn, die mit ihrer Familie eine Etage unter Lukasser wohnt, hat ein Problem: sie ist zum ersten Mal in ihrem Leben verliebt. Doch Moritz, der Auserwählte, ist leider in jeder Beziehung das Gegenteil eines Musterschülers. Er schwänzt die Schule, raucht nicht nur Zigaretten, hat lose Vorstellungen von anderer Leute Eigentum und ist damit eigentlich nicht gerade der passende Umgang für das zarte Mädchen, das sich mit seinen Sorgen dem Schriftsteller anvertraut. Da Lukasser in einer Schreibkrise steckt, vertieft er sich mehr und mehr in den Stoff, den ihm das wirkliche Leben in Gestalt der Liebeskrise seiner jungen Nachbarin liefert.

Lebenslügen alter Männer und Teenager-Schwindeleien

Köhlmeier-Leser kennen den Ich-Erzähler Sebastian Lukasser bereits aus Köhlmeiers Roman Abendland von 2007. Auch dort gab Lukasser ein fremdes Leben wieder und ließ sich von einem 95jährigen Moribunden dessen bewegtes Leben diktieren, das die Geschichte des 20. Jahrhunderts bilanzierte. Dagegen ist Madalyn eine leise Geschichte über die Anfänge der Empfindsamkeit, über die Pubertät und die verwirrenden Ambivalenzen der ersten Liebe. Der 16jährige Moritz erinnert nicht umsonst an Wilhelm Buschs berühmtes Bubenduo. Er stammt aus prekären Verhältnissen und entpuppt sich als routinierter Lügner. Dies verbindet ihn allerdings mit Lukasser, denn schließlich wissen wir schon seit Platons Zeiten, dass letztlich alle Dichter lügen. In einer der stärksten Passagen des Romans treffen Lukasser und Moritz aufeinander und liefern sich das „Duell zweier Lügner“, wie im FAZ-Feuilleton wahrheitsgetreu zu lesen war. Nur zeigt der schmale, aber sehr lesenswerte Roman, dass Lebenslügen älterer Männer deutlich schmerzhafter sind als Teenager-Schwindeleien. So schwant am Ende auch Lukasser, dass es mit seiner eigenen Beziehung, dem „emotionalen Notprogramm“, wohl nicht so weitergehen kann. Mal ganz zu schweigen vom Romanprojekt.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Michael Köhlmeier,
Madalyn (August 2010)
E-Book (epub-Format), 17,90 Euro
Hardcover (Hanser Verlag), 17,90 Euro.

[e-book-review] „Ich trage mein Thema wie einen Bombengürtel“: Auf den Spuren einer beschädigten DDR-Kindheit („Rabenliebe“)

rabenliebe-wawerzinek-e-book-buchpreis-shortlist-bestsellerEs gibt dunkle Wörter, die gerade für Kinder ein ungeheures Drohpotential besitzen: das Wort Kinderheim gehört dazu. Um das Heim als Ort einer verlorenen Kindheit kreist Peter Wawerzineks autobiographischer Roman „Rabenliebe“, der zu den drei auf auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangten E-Books gehört. Gelingt Wawerzinek die Verwandlung der beschädigten DDR-Kindheit in Literatur? Das verrät im folgenden unsere Rezensentin Heide Reinhäckel.

Peter Runkels unheimliche Reisen

Peter Wawerzinek, 1954 als Peter Runkel geboren, kam mit zwei Jahren in ein Kinderheim. Seine damals neunzehnjährige Mutter hatte ihn und eine Schwester 1956 in einer Rostocker Altbauwohnung zurückgelassen, um dem Vater der Kinder in den Westen zu folgen. Nachbarn entdecken die verwahrlosten Kinder Tage später, sie werden ins Krankenhaus gebracht, dann in unterschiedliche Heime. Wawerzinek verbringt seine Kindheit in verschiedenen Institutionen. Mit der Ablieferung im Heim beginnt auch der Roman. Bereits die Eingangsszene symbolisiert Verlorenheit und Isolation, die das Kind Peter bei der Odyssee durch die sozialisierenden Instanzen begleiten wird. Eingebrannt ins Gedächtnis hat sich ein Mann im schwarzem Ledermantel, ein dunkler Wagen, ein Schneegestöber. Die Sprache des Romans ist verdichtet, die Erinnerungen werden von Kinderreimen und Gedichten durchbrochen. Das Kind flüchtet sich in Phantasiewelten und bleibt bis zum Alter von vier Jahren stumm, spricht nur mit dem Meer und den Vögeln.

Mutterbilder zwischen Hoffnung und Horror

Die Köchin des Heims wird zu einer Art Ersatzmutter. Später wird Peter von einem Lehrereherpaar adoptiert. Doch nicht Mitgefühl und Liebe sind die Beweggründe, sondern Peters gute Schulzeugnisse, die in einem Schaukasten des Kinderheims ausgestellt sind. Die Erziehungsdressur misslingt, der jugendliche Peter zeigt keinen beruflichen Ehrgeiz. Die fehlende Mutter bestimmt als Motiv den ersten Teil des Romans, der „Mutterfindung“ lautet. Dass in dem Wort auch ‚Erfindung‘ steckt, verdeutlichen die Phantasien des Kindes über die gänzlich unbekannte Mutter. Sie wird zur Figur einer uneinlösbaren Sehnsucht, aus der das Kind seine Kraft schöpft. Im Gegensatz zu Wolfgang Koeppen oder Alfred Döblin, in deren Texten der abwesende Vater eingeschrieben ist, ist es bei Wawerzinek die Mutter, um die alle Erzählstränge kreisen. Dass die Mutterfigur durchaus ambivalent ist, wird bereits vom Anfang an durch montierte Zeitungsmeldungen über Fälle von Kindesmisshandlungen und Kindstötungen deutlich, durch die Auflistung von Taten ‚monströser‘ Mütter.

Da bist Du ja – Wiederbegegnung nach 50 Jahren

Der zweite Teil des Romans lautet „Da bist Du ja“. Genau das war auch die lapidare Begrüßung der Mutter, als Peter Wawerzinek nach über 50 Jahren vor ihrer Tür stand. Dem Wiedersehen stand eigentlich schon mit dem Mauerfall nichts mehr im Weg. Doch der Autor trägt die recherchierte Telefonnummer zunächst drei Jahre lang mit sich herum, ohne sie benutzen. Die Vergangenheit lässt den Autor allerdings nicht los. Noch mit über 50 quält es ihn, die eigene Mutter nicht zu kennen: „Ich trage mein Thema wie einen Bombengürtel“, schreibt Wawerzinek. Dann überwindet er sich und reist nach Eberbach am Neckar, wo die Mutter lebt. Das Zusammentreffen wird zur Enttäuschung. Wawerzinek erfährt, dass er noch acht Halbgeschwister hat. Auch deren Kindheit war keine glückliche. Nach dem ersten und einzigen Zusammentreffen ist für Wawerzinek klar: das Kind in ihm wird ein „ewiges Winterkind“ bleiben. Doch dem Autoren-Ich gelingt in dem furiosen sprach- und erinnerungsgewaltigen Buch die Umwandlung des beschädigten Lebens in Literatur. Die Homepage des Autors zeigt einen Videofilm, in dem Wawerzinek ein Kinderheim seiner Kindheit besucht, mittlerweile ein verlassenes, baufälliges Haus. Bedrückt schleicht der Autor mit einem kleinen braunen Lederschulranzen durch die Räume. In der anschließenden Einstellung spielt er am naheliegenden Ostseestrand auf einen Keyboard – ein gelungenes Bild für die Verwandlung der Erinnerungen in eine eigene Lebensmelodie.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Peter Wawerzinek,
Rabenliebe (August 2010)
E-Book (epub-Format), 22,99 Euro
Hardcover (Galiani Verlag) 22,95 Euro

Deutscher Buchpreis unter Strom: Hälfte der Shortlist-Titel ist elektronisch lieferbar

shortlist-buchpreis-e-book-bestsellerDie Shortlist ist da – damit gibt es noch sechs AnwärterInnen auf den deutschen Buchpreis. Die Liste birgt einige Überraschungen, so sind etwa Favoriten des Feuilletons wie Thomas Hettche („Die Liebe der Väter“) oder Kristof Magnusson („Das war ich nicht“) nicht in die engere Auswahl gekommen. Der E-Book-Anteil hat sich zudem deutlich erhöht. Mit den Romanen von Jan Faktor, Peter Wawerzinek und Thomas Lehr ist immerhin die Hälfte der nominierten Titel in elektronischer Form lieferbar. Der Name des endgültigen Preisträgers wird im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse verkündet.

“Welthaltigkeit“ der Literatur – von 1968 bis Nine Eleven

„Poetisch, komisch und experimentell“ seien die Romane auf der Shortlist, so Jurysprecherin Julia Encke zur Auswahl der Finalisten. Das Gemeinsame an den sechs nominierten Titeln sei „in ihrer Welthaltigkeit zu finden“, fügte die FAS-Literaturkritikerin hinzu. In besonderem Maße dürfte das wohl für Thomas Lehrs Post-Nine-Eleven-Roman „September.Fata Morgana“ gelten (siehe unsere E-Book-Review). Skurrile Rückblicke in das Prag der Sechziger Jahre bietet dagegen Jan Faktors eigenwilliger Entwicklungsroman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“. „Ein Buch wie ein Erdbeben“ ist laut Verlagsprospekt Peter Wawerzineks „Rabenliebe“ – der autobiographische Roman kreist um das Kindheitstrauma des Autors, der bei der Republikflucht seiner Mutter als Waise in der DDR zurückblieb.

Wird der Buchpreis 2010 auch ein E-Book-Preis sein?

Die drei Romane von Lehr, Faktor und Wawerzinek bilden zugleich die elektronische Hälfte der Shortlist – sie sind sämtlich als E-Book im epub-Format lieferbar. Damit steigen zugleich die Chancen, dass der deutsche Buchpreis am Ende auch ein E-Book-Preis ist. Für die Popularisierung qualitativ hochwertiger Gegenwartsliteratur ist das eine wichtige Voraussetzung – gerade Nachwuchsleser nutzen E-Reader oder Smartphones für die Lektüre genauso selbstverständlich wie Hardcover oder Taschenbuch. Leider wurden sie bisher in den meisten Fällen von den Verlagen nicht einmal nachträglich bedient. Von den bisherigen Preisträgern der seit 2005 verliehenen Auszeichnung „Deutscher Buchpreis“ sind bisher nur zwei Titel auf dem E-Reader lesbar – Julia Francks „Mittagsfrau“ (2007) und Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“ (2009). Immerhin gibt es in diesem Jahr bei Libreka eine eigene Buchpreis-Seite mit elektronischen Leseproben aller Titel, die auf die Longlist gelangt sind. In Zukunft sollte sich elektronisches Lesen allerdings nicht nur auf kurze Appetizer beschränken – schließlich enden Taschenbücher ja auch nicht auf Seite 20.


Die Shortlist in alphabetischer Reihenfolge:

  • Jan Faktor,
    Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
  • Thomas Lehr,
    September. Fata Morgana
  • Melinda Nadj Abonji,
    Tauben fliegen auf
  • Doron Rabinovici,
    Andernorts
  • Peter Wawerzinek,
    Rabenliebe
  • Judith Zander,
    Dinge, die wir heute sagten

(Hier findet man zum Vergleich die E-Books auf der Longlist)

Longlist als Shortlist: Nur 6 Anwärter auf Deutschen Buchpreis als E-Book im epub-Format lieferbar

longlist-buchpreis-e-books-audiobooks-bestsellerDie Longlist ist da – zwanzig RomanautorInnen sind damit Anwärter auf den deutschen Buchpreis 2010. Darunter etwa Thomas Hettche (Die Liebe der Väter), Kristof Magnusson (Das war ich nicht) oder Alina Bronsky (Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche). Das Buchhandelsportal Libreka bietet aus diesem Anlass elektronische Leseproben zu allen 20 Longlist-Titeln an. Sechs Titel kommen im September in die Endauswahl (Shortlist), der Name des Preisträgers wird im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse verkündet. Als E-Book im epub-Format erschienen sind lediglich sechs der zwanzig nominierten Titel – Zufall oder Vorentscheidung?

Preisverleihung als Marketingaktion „bestsellersüchtiger Buchhandelsketten“?

Anderswo haben Buchpreise klingende Namen: Prix Goncourt oder Booker Prize etwa. Für Deutschland fehlte so etwas nach Ansicht des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Deswegen wurde im Jahr 2005 der „Deutsche Buchpreis“ ins Leben gerufen. Zur Jury gehören vor allem hauptamtliche Literaturkritiker, diesmal etwa Ulrich Greiner (Die Zeit) oder Julia Encke (FAZ), aber mit Ulrike Sander von der Osianderschen Buchhandlung auch eine Vertreterin der Sortimenter. Die Vorschläge für Nominierungen selbst stammen von Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Von Schriftstellern und Journalisten gab es immer wieder mal Kritik an den „außerliterarischen“ Kriterien dieser Auswahl. Nach Ansicht der Kritiker handelt es sich um einen Marketingpreis, der „vor allem den bestsellersüchtigen Buchhandelsketten“ nütze. Mediale Aufmerksamkeit ist dem Auswahlverfahren gewiss, die Etappen zwischen Longlist, Shortlist und Siegerehrung während der Buchmesse liefern einen idealen Spannungsbogen. Doch wenn die Verlage wirklich an maximaler Reichweite ihrer Bestseller interessiert wären, hätte man wohl etwas mehr auf die elektronische Verfügbarkeit der Romane geachtet. Der Buchpreis ist aber offenbar kein E-Book-Preis. Denn nur sechs Titel aus der Longlist sind als E-Book im epub-Format lieferbar, zwei weitere lediglich als E-Book-App für iPhone und iPod Touch bei textunes. Ausschließlich als Hörbuch erhältlich sind zusätzlich zwei von zwanzig Longlist-Titeln. Nur bei Michael Köhlmeiers „Madalyn“ hat man die volle Auswahl: der Roman ist sowohl als epub wie auch auf Audio-CD zu haben.

Ohne E-Books wird die Popularisierung von Gegenwartsliteratur nicht gelingen

Die Einmauerung der Premium-Literatur im Bücherschrank der Gutenberg-Galaxis scheint Methode zu haben. Selbst von den bisherigen Preisträgern der seit 2005 verliehenen Auszeichnung „Deutscher Buchpreis“ sind nur zwei Titel auf dem E-Reader lesbar – Julia Francks „Mittagsfrau“ (2007) und Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“ (2009). Das ist nicht nur eine äußerst magere Ausbeute, sondern für die Popularisierung von qualitativ hochwertiger Gegenwartsliteratur eine regelrechte Katastrophe. Und fast schon so absurd, als würde man aus Gründen der kulturellen Distinktion absichtlich Paperback-Ausgaben von Literaturpreisträgern verhindern. Für den Mangel an Hörbuch-Versionen mag es bei brandneuen Romanen, die erst seit Wochen oder Monaten auf dem Markt sind, technische und finanzielle Gründe geben. Für parallele E-Book- und Print-Auflagen gibt es solche Gründe jedoch nicht. Außerdem sind manche Titel wie etwa Kristof Magnussons „Das war ich nicht“ oder Mariana Leky „Die Herrenausstatterin“ bereits seit Anfang 2010 in die Regale gelangt. Viele Verlage sehen offenbar digitale Vertriebskanäle nur als Werbe-Plattform für verstaubte Printauflagen. Leseproben dienen als Appetizer, so wie jetzt bei Libreka, doch die komplette Ware gibt’s nur auf Papier. Die eigentliche Rolle von Verlagen und Buchhändlern müsste allerdings im 21. Jahrhundert die Verbreitung von Literatur sein, nicht die Verbreitung von gedruckten Büchern. Aber bis diese Einsicht wirklich angekommen ist, sollte man vielleicht doch erst mal einen Deutschen E-Book-Preis ausloben.


Die Longlist in alphabetischer Reihenfolge:

  • Alina Bronsky,
    Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
  • Jan Faktor,
    Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
  • Nino Haratischwili,
    Juja
  • Thomas Hettche,
    Die Liebe der Väter
  • Michael Kleeberg, Das amerikanische Hospital
  • Michael Köhlmeier,
    Madalyn
  • Thomas Lehr,
    September. Fata Morgana
  • Mariana Leky,
    Die Herrenausstatterin
  • Nicol Ljubić,
    Meeresstille
  • Kristof Magnusson,
    Das war ich nicht
  • Andreas Maier,
    Das Zimmer
  • Olga Martynova,
    Sogar Papageien überleben uns
  • Martin Mosebach,
    Was davor geschah
  • Melinda Nadj Abonji,
    Tauben fliegen auf
  • Doron Rabinovici,
    Andernorts
  • Hans Joachim Schädlich,
    Kokoschkins Reise
  • Andreas Schäfer,
    Wir vier
  • Peter Wawerzinek,
    Rabenliebe
  • Judith Zander,
    Dinge, die wir heute sagten
  • Joachim Zelter,
    Der Ministerpräsident