Lese-Studie der Uni Mainz: Senioren lesen mit Tablets besser als mit Print

E-Books haben es immer noch schwer in Deutschland – denn viele Leser halten sie gegenüber gedruckten Büchern für minderwertig. Doch der subjektive Eindruck täuscht, ergab eine empirische Lesestudie der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz: Texte auf E-Ink- oder LCD-Displays lassen sich genauso gut lesen wie solche auf Papier. Senioren fällt das Lesen auf hintergrundbeleuchteten LCD-Displays sogar leichter als die Lektüre von Print-Büchern. Zurückgeführt wird diese zunächst mal verblüffende Tatsache auf die im Alter wachsende Bedeutung von Helligkeit und Kontrast.

„Mit der Studie können wir die verbreitete Meinung, das Lesen am Bildschirm habe nachteilige Effekte, wissenschaftlich fundiert entkräften. Es gibt keinen Clash der (Lese-Kulturen)“, so der Mainzer Medienwissenshaftler Stephan Füssel. Zusammen mit dem Neurolinguisten Matthias Schlesewsky hat er die Untersuchung konzipiert. Erste Ergebnisse waren bereits 2011 veröffentlicht worden, nun folgte eine ausführliche Auswertung aller Messreihen in der renommierten Online-Fachzeitschrift PLOSone (Titel der Open-Access-Publikation: „Subjective Impressions Do Not Mirror Online Reading Effort“).

Insgesamt knapp 60 Probanden unterschiedlicher Altersstufen wurden identische Textsegemente in verschiedener medialer Form vorgelegt. Um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten, hatten die Texte dieselbe Fontart, Fontgröße sowie den selben Zeilenabstand. Die Forscher ermittelten während des Lesens sowohl die Gehirnaktivität via EEG wie auch mit Hilfe eines Eyetrackers die Intensität der Augenbewegungen. Dabei zeigte sich: Unabhängig von der subjektiven Einschätzung blieben die kognitiven Anstrengungen in den meisten Fällen gleich, egal ob man den Probanden nun E-Reader, Tablets oder Bücher vorlegte.

Abweichungen gab jedoch bei den Senioren: hier war bei der Lektüre auf dem LCD-Display nicht nur die Gehirnaktivität niedriger, ihre Augen brauchten auch deutlich weniger Zeit, die Buchstaben zu fixieren. Bei gedruckten Büchern wie auch E-Ink-Readern mussten sich Hirn und Auge der älteren Probanden dagegen im Vergleich deutlich mehr anstrengen. Im Alter sei das Auge eben empfindlicher in punkto Helligkeit und Kontrast, erklären die Mainzer Forscher dieses Phänomen. Finanziert wurde die Lesestudie u.a. von der MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH. Das Unternehmen versorgt über die E-Book-Plattform Libreka den deutschen Buchhandel mit elektronischer Lektüre, und bietet selbst auch Lese-Tablets wie das Liro Color an.

[Update: Über die Lesestudie hat mich am 9.2. das DLF-Magazin Computer & Kommunikation interviewt, siehe den Podcast der Sendung]

Abb.: Fotomontage auf Grundlage von flickr/zigazou76

Pew-Studie: Tablet & Laptop bei jüngeren Lesern beliebter als klassische E-Reader

Amerikanische Teens & Twens mögen zwar nicht mehr in der Lage sein, analoge Uhren abzulesen, doch Buchstaben können sie offenbar noch sehr gut entziffern. Denn wie das Pew Research Center berichtet, haben acht von zehn Personen zwischen 16 und 29 Jahren im letzten Jahr ein Buch gelesen, und mehr als die Hälfte hat die lokale Bibliothek genutzt. Wenn es dabei um elektronischen Lesestoff ging, bevorzugten dabei 40 Prozent ein Smartphone und 55 Prozent den Bildschirm eines PCs oder Laptops. Kindle oder Tablet kamen dagegen jeweils nur auf knapp 20 Prozent – bei älteren Leserinnen und Lesern liegt diese Quote dagegen fast bei 50 Prozent.

Dass man im Rahmen des Projekts „Internet & American Life“ vor allem an der Altersgruppe U-30 interessiert ist, hat natürlich einen guten Grund – denn schließlich handelt es sich um die Nachwuchsleser, deren Gewohnheiten und Vorlieben die Zukunft der Buchbranche bestimmen werden. Die Gesamtaussichten sind gar nicht mal so schlecht, vor allem für die Anbieter von E-Content. Denn dem Pew Research Center zufolge lesen insgesamt bereits 47 Prozent der jüngeren US-Amerikaner längere elektronische Texte vom E-Book über E-Magazine bis hin zu E-Newspaper. Zudem schätzen 40 Prozent der E-Leser, dass sie dank elektronischer Lektüre mehr lesen als zuvor. Bei den älteren US-Amerikanern sind dagegen nur 28 Prozent dieser Ansicht.

Etwas Nachholbedarf haben die Nachwuchsleser jedoch noch bei der allgemeinen Medienkompetenz: Denn nur die wenigsten von ihnen wussten, dass sie E-Books tatsächlich schon in ihrer Bibliothek ausleihen können. Serviceorientiert sind die jungen E-Leser obendrein. Denn mit E-Book-Downloads möchten sie sich nicht herumplagen, eine Mehrheit bevorzugt es, gleich E-Reader mit vorinstallierten Titeln auszuleihen. Die wichtigste Form der Ausleihe macht übrigens immer noch das Weitergeben von Büchern innerhalb von Familie und Peer-Group aus – das informelle Leihen und Tauschen liegt weit vor der Bibliotheksbenutzung und dem Kauf. Grundsätzlich entscheiden sich die meisten Befragten lieber für den direkten Kauf, wenn sie die Wahl zwischen schnellem Bezahlen und langsamer Ausleih-Prozedur haben, egal ob es um gedruckte Bücher oder E-Books geht.

Abb.: Pew Research Center

Augenstress bei E-Lektüre: Neue Studie sieht LCD und E-Ink gleichauf

Zu den zentralen Verkaufsargumenten für elektronisches Papier gehört neben dem geringen Stromverbrauch vor allem der Komfort-Faktor: die Augen sollen bei der Lektüre nicht so schnell ermüden wie bei hintergrundbeleuchteten LCD-Displays. Doch der traditionelle „Eye-Strain“ scheint bei modernen Displays kaum noch ins Gewicht zu fallen: als US-Wissenschaftler kürzlich eine Gruppe von zehn Versuchsteilnehmern längere Zeit mit einem iPad sowie einem Sony-Reader schmökern ließen, konnten sie dabei keine maßgeblichen Unterschiede messen. Einem in der Zeitschrift „Ophthalmic and Physiological Optics“ veröffentlichten Artikel zufolge gehörten zu den Beobachtungskategorien neben subjektivem Ermüdungsgefühl auch die Erkennung einzelner Buchstaben, Lesegeschwindigkeit, Augenbewegungen sowie der Pupillenreflex.

Dass E-Ink und LCD in punkto Augenstress gleichauf liegen, lässt die Wissenschaftler folgenden Schluss ziehen: „Es ist nicht die Technologie an sich, auf die es beim Lesen ankommt, sondern viel eher die Bildqualität. Im Vergleich zu Bildschirmen aus vorhergehenden Jahrzehnten scheinen aktuelle elektronische Displays gute und angenehme Lektüre auch für ausgedehnte Zeiträume zu erlauben.“ Mit anderen Worten, die Auflösung bzw. Pixeldichte scheint eine ganz besondere Rolle zu spielen. Gerade ein im Vergleich zu Papier unscharfes bzw. verwaschenes Bild zwingt die Augenmuskeln zu unzähligen Anpassungsleistungen, um einzelne Buchstaben zu fokussieren. Ein Grund, warum die neueste Generation von E-Ink-Displays mit höherer Auflösung (768x1024Pixel statt 600×800 Pixel) noch augenfreundlicher sein dürfte als die Vorgängerversionen. Gleiches gilt natürlich für das hochauflösende Retina-Display aktueller iPads oder iPhones.

Einen wichtigen Vorteil gegenüber LCD-Displays dürften E-Ink-Reader allerdings behalten: sie reflektieren passiv bei Tageslicht bzw. normaler künstlicher Beleuchtung in Innenräumen genau wie Papier deutlich weniger Licht als hintergrundbeleuchte Bildschirme aktiv ausstrahlen. Um Augenstress bei Smartphones oder Tablets zu vermeiden, sollte man also die Helligkeit beim Lesen so weit wie möglich herunterregulieren. Außerdem gilt natürlich: je aktueller das Lesegerät, desto besser die Lesequalität. Die Geräteauswahl der amerikanischen Wissenschaftler stimmt da dann doch nachdenklich: zur Verfügung standen den Probanden iPads der ersten Generation (Baujahr 2010) sowie der Sony PRS-600, also ein technisch veralteter E-Ink-Reader von 2009. Ein aktuelleres Reader-Modell mit konstraststärkerem Pearl-E-Ink hätte da vielleicht zu etwas anderen Ergebnissen geführt.

(Via The Digital Reader)

Abb.: foshydog/Flickr

E-Book versus Print: Beeinträchtigt elektronisches Lesen das Gedächtnis?

Wurde früher über die negativen Folgen des Fernsehkonsums diskutiert, so stehen mittlerweile ausgerechnet Bücher im Fokus. Besser gesagt, elektronische Bücher. Ein zentrales Argument gegenüber E-Books lautet: Worte auf dem Display lassen sich schlechter verstehen als gedruckte Worte. Ein weiteres, klassisches Argument: Das, was man versteht, kann man schlechter im Gedächtnis behalten. Zumindest für letztere Behauptung scheinen sich allerdings Belege zu finden. Als Psychologen der britischen Universität Leicester unlängst Testpersonen ihres eigenen Faches mit kryptischem BWL-Wissen bombardierten, stellten sie beim Vergleich zwischen den Lernmedien Buch und Bildschirm deutlich messbare Unterschiede fest: “Wer auf Papier las, verschaffte sich schneller einen Überblick des präsentierten Wissens“, so Versuchsleiterin Kate Garland. „Um bescheid zu wissen, brauchte man auf dem Computerbildschirm mehr Zeit und mehr Wiederholungen, allerdings konnte der Rückstand gegenüber den Papierlesern schließlich wieder aufgeholt werden.“

Gibt’s ihn wirklich, den „Clash der Lesekulturen“?

Eine besondere Rolle bei der Gedächtnisleistung schien dabei der feste Seitenaufbau von gedruckten Büchern zu spielen, die aufgenommen Inhalte konnten mit räumlichen Aspekten verknüpft werden – etwa: untere Hälfte der linken aufgeschlagenen Seite. Diese zusätzliche Kontextinformation half hinterher offenbar dabei, das abgelegte Wissen leichter wieder abrufen zu können. Doch darf man die Ergebnisse aus Leicester verallgemeinern? Eine größer angelegte Studie von Medien- und Neurowissenschaftlern der Universität Mainz kam vor kurzem zu einem genau gegenteiligen Ergebnis – ein „Clash der Lesekulturen“ konnte nicht festgestellt werden, ältere Probanden schnitten beim Lesetest auf dem Tablet sogar besser ab als auf Papier.

„Duch E-Books behalten wir weniger“

Allerdings glaubt selbst so jemand wie der Web-Usability-Experte Jakob Nielsen, das elektronisches Lesen zu einer anderen Form von Texterinnerung führt: „Ich denke wirklich, dass wir durch E-Books weniger behalten“. Eine besondere Rolle spiele dabei aber auch der Durchmesser des Displays: „Je größer der Bildschirm, desto mehr bleibt im Gedächtnis haften, je kleiner, desto weniger. Ein besonders dramatisches Beispiel ist das Lesen auf dem Mobiltelefon – da geht fast der gesamte Kontext verloren“. Ähnliche Vorwürfe mussten sich freilich schon alle neue Medien gefallen lassen, angefangen bei der Schrift selbst. Platon, sozusagen der Marshall McLuhan der griechischen Antike, stellte der brandneuen Aufschreibetechnik namens Alphabet noch das Auswendiglernen gesprochener Sprache gegenüber.

Interaktive Illustrationen als Gegenmittel?

Doch ist auch am Übergang der Gutenberg-Galaxis in das elektronische Zeitalter nicht jeder Skandal nur einer reflexhaften Rhetorik des Medienwandels geschuldet. Tatsächlich lagern wir ja Teile unseres Gedächtnisses an Google oder Wikipedia aus, und stehen recht hilflos da, wenn Smartphone oder Netbook offline sind und die Quelle des Wissens versiegt. Beim Lesen dürfte letztlich aber die Situation entscheiden – geht es um Belletristik oder ein Sachbuch, geht es um Unterhaltung oder Bildungszwecke? Vor allem für den schulischen Bereich könnten Erkenntnisse wie die der Universität Leicester tatsächlich eine Relevanz besitzen, zumal sich dank Apples iBooks 2 & Co. multimediale Fach- und Lehrbücher auf dem Touch-Screen von Tablets etablieren. Die spannende Frage dabei heißt: Können interaktive Illustrationen bzw. Animationen die Defizite ausgleichen? Das ist gar nicht so unwahrscheinlich. In der klassischen Gedächtniskunst („Ars Memoria“) spielte schon zu Platons Zeiten nicht nur die Verräumlichung des Wissens eine Rolle, sondern auch die Verküpfung mit – bewegten Bildern.

(via Time/Healthland)

Abb.: flickr/p!o