Just call me Lucifer: „Teufel“ – diabolischer Fantasy-Thriller von Markus Tillmanns [Leseprobe]

Ein Komet auf Kollisionskurs? Ein Ufo mit Aliens an Bord? Nein, es ist … Luzifer! Das anfängliche Deep Impact Szenario dieses Fantasy-Thrillers wandelt sich zur Offenbarung mit Liveberichterstattung: in Markus Tillmanns „Teufel“ entpuppt sich das unbekannte Wesen aus dem All rasch als ein altbekanntes Unwesen. Der Flügelmann aus biblischen Zeiten landet nicht in der Wüste von Nevada, sondern vor dem Kölner Dom, und verkündet: „Ich bin das Ende. Ich bin Luzifer.“ Lokaljournalist Joschi Tabarie wittert den Scoop seines Lebens. Eilig werden Pressekonferenzen einberufen, Bundespräsident Gauck kündigt eine Rede an, Wladimir Putin zeigt sich Gesprächen gegenüber aufgeschlossen, im Vatikan hält man sich erstmal zurück. Auch Tabarie bleibt mißtrauisch: Was hat Luzifer vor? Wird die Welt wirklich zum Teufel gehen? Kann man den Plan des gefallenen Engels noch durchkreuzen? „Teufel“ ist Auftakt der Fantasy-Serie „Die Luzifer Chroniken“, und wurde kürzlich für die Nautilus-Shortlist nominiert. Unsere Leseprobe führt in das erste Kapitel, weitere Offenbarungen bietet die „Blick ins Buch“-Option im Kindle Shop…

Markus Tillmanns: Teufel – Fantasy-Thriller

1. Kapitel „Offenbarung“
(…)
Luzifer

»… konnten wir den Kardinal noch nicht zu einer Stellungnahme bewegen. Es scheint ganz so, als wäre die Kirche durch die unfassbaren Ereignisse dieses Tages in eine Schockstarre verfallen. Ich höre soeben, wir haben jetzt eine Verbindung zu Polizeipräsident Albers. Verstehen Sie mich, Herr Albers? …«
Der Fernseher lief ununterbrochen. Li war es nur recht. Solange Onkel Jakob davor saß, war sie ungestört. Leider war Onkel Jakob schwerhörig und der Ton dröhnte durch das ganze Haus. Li hatte eben die Tür zugemacht, aber es half nichts.
Sie sah die Puppen auf ihrem Bett an. In der Mitte saß Emily. Emily war immer besonders ängstlich, weil sie keinen Fehler machen durfte. Heute war sie so leise gewesen, dass man sie überhaupt nicht gehört hatte.
»Brave Emily«, sagte Li und strich ihr über die Haare.
Dann schlug sie in das Puppengesicht, so dass Emily zur Seite aus dem Bett flog und ihre zwei Nachbarinnen mitriss. »Aber ihr müsst auch vorsichtig sein, hört ihr!« Li hatte den Zeigefinger erhoben. Sie passte immer gut auf, dass Emily nicht übermütig wurde. Es tat ihr nur leid um Sara und Lara, die jetzt mit heruntergefallen waren. »Kommt, Tante Li bringt euch zurück ins Bett.« Sie hob die beiden vom Boden und schob sie sanft unter die Bettdecke, bis nur noch die Köpfe herausschauten. Dann beugte sie sich herunter und flüsterte: »Ihr müsst nicht traurig sein. Ihr dürft bald mit Tante Li auf dem Stuhl fahren.« Da freuten sie sich wieder, denn es war schön auf dem Stuhl zu fahren. Eigentlich sollte nur Onkel Jakob auf dem Stuhl fahren, der Stuhl war nämlich nichts für kleine Mädchen. Onkel Jakob fuhr damit die Treppe hoch und runter, weil er auch nicht mehr der Jüngste war. Li durfte nicht mit dem Stuhl fahren, das gehörte sich nicht. Natürlich hielt sie sich daran, denn Onkel Jakob konnte sonst sehr böse werden. Und Li war ein braves Mädchen. Nur manchmal, sobald sie allein im Haus war, fuhr sie mit dem Stuhl auf und ab. Es war sehr schön, mit dem Stuhl auf und ab zu fahren. Fast so schön wie Karussell fahren. Wenn sie Onkel Jakobs Wagen in der Einfahrt hörte, stellte sie den Stuhl ab und lief in ihr Zimmer.
Da schlug sie dann ein Buch auf und tat so, als würde sie schon ganz lange darin blättern. Aber manchmal merkte Onkel Jakob trotzdem, dass sie mit dem Stuhl gefahren war. Dann hatte sie vergessen, dass der Stuhl erst unten gewesen war und Onkel Jakob merkte das.
»Liorith?« Das Brüllen riss sie aus den Gedanken.
»Ja?«
Sie hatte ganz laut zurückgerufen.
»Liorith?« Wenn der Onkel sie rief, rief er immer Liorith.
»Ja?«
»Liorith?« Der Onkel war zu schwerhörig und der Fernseher zu laut. Li lief zur Zimmertür und riss sie auf.
»Ja – aa!«
»Komm und bring mir mein Essen.«
So spät! Li sah auf die Uhr neben dem Bett. Der kleine Zeiger war auf der Acht und der große schon auf der Eins. Jetzt musste sie ganz schnell sein!
»Benehmt euch!«, raunte sie Sara und Lara und Mia und Pia zu. Aber wo war Emily? Oh nein, die hatte sie ganz auf dem Boden vergessen. Li lief um das Bett herum. Da lag Emily. Arme Emily! »Du brauchst nicht traurig sein! Morgen darfst du mit auf dem Stuhl fahren.« Sie hob die Puppe auf und legte sie zu Sara und Lara. Dann gab sie ihr einen Kuss auf die Stirn.
»Wie oft soll ich dich denn noch rufen?«
Onkel Jakob wurde böse. Es war nicht gut, wenn Onkel Jakob böse wurde. Li huschte zur Tür. »Ich komme!«
Da fiel ihr ein, dass die anderen bestimmt traurig waren, weil sie nur Emily geküsst hatte. Also musste sie doch zum Bett zurück. So ein Pech. Sie ging zu den schlafenden Puppen und küsste Sara, Lara, Mia und Pia auf die Stirn. Dann rannte sie die Treppe hinunter.
»… wissen nicht, wo der Fremde sich jetzt aufhält. Wir gehen aber davon aus, dass keine Bedrohung für die öffentliche Ordnung …«
Der Fernseher lief immer noch. Das war gut. Wenn Onkel Jakob fernschaute, wurde ihm nicht langweilig. Und wenn ihm nicht langweilig wurde, war er auch nicht böse, weil sein Essen so lange dauerte.
Li ging in die Küche und schnitt Brot ab. Zwei Scheiben. Sie mussten gleich dick sein und beide so mitteldick und nicht schief. Onkel Jakob mochte keine schiefen und keine dicken und keine dünnen Scheiben. Das gehörte sich nicht in einem ordentlichen Haushalt. Li schmierte Butter auf die Brote und belegte sie dann mit Blutwurst. Auf die Blutwurst gehörte extra viel Senf.
»Wo bleibst du denn?«
»Ich beeile mich ja.«
Li durfte nicht das Bier vergessen, das war das Wichtigste. Die Bierflasche machte, dass Onkel Jakob zufrieden war. Und aus dem Mund stank, wenn er sie zu Bett brachte. Falls sie Glück hatte, war noch welches hier, sonst musste sie in den Keller und das würde viel zu lange dauern. Sie öffnete den Kühlschrank. Glück gehabt, eine letzte Flasche! Li nahm sie in die linke und den Teller mit den Broten in die rechte Hand. Dann drückte sie mit dem Kopf die Tür zu. Jetzt schnell zu Onkel Jakob.
»… erreichen uns widersprüchliche Reaktionen aus aller Welt. Während der Botschafter des Iran jede Zusammenarbeit mit dem Fremden kategorisch ablehnt, zeigte sich Russlands Präsident Putin offen für eine …«
Der Onkel saß im Wohnzimmer in seinem Sessel, die Füße unter Tante Semas alter Strickdecke auf dem einen Höckerchen. Das andere stand neben dem Sitz und diente als Ablage.
Li schlich sich von hinten heran und schob den Teller darauf. Daneben stand ein fast leer getrunkenes Glas. Da fiel die Fernbedienung herunter. Sie hielt den Atem an.
»Pass doch auf!«
»… Bundespräsident Gauck hat für 20:00 Uhr eine Pressekonferenz angekündigt, die wir natürlich live übertragen …«
Gott sei Dank, Onkel Jakob war immer noch vom Fernsehen abgelenkt. Li stellte die Bierflasche neben den Teller und hob die Fernbedienung auf. Sie legte sie dem Onkel in die Hand, die aus dem Sessel guckte. Aber der Onkel wollte sie nicht und warf sie achtlos aufs Höckerchen.
Wenn er jetzt nichts mehr brauchte, durfte sie nach oben und spielen.
»… sollten nicht vergessen, dass der Bundespräsident von Hause aus Pfarrer ist. Wir dürfen also gespannt sein auf die Reaktion aus dem Schloss Bellevue …«
Der Onkel sah heute nur fern. Li freute sich. Es war irgendetwas passiert, was für Erwachsene wichtig war. Deswegen konnte sie den ganzen Abend machen, was sie wollte. Sie hatte gerade die Tür erreicht.
»Li?«
Die Klinke schon in der Hand drehte sie sich noch einmal um.
»Weißt du überhaupt, was das bedeutet?«
Sie schüttelte den Kopf. Dann fiel ihr auf, dass er sie ja hinter dem Rücken nicht sah. »Nein, Onkel Jakob.«
»Es ist der Herrgott. Der Herrgott kommt. Es ist das erste Zeichen.«
Das war wichtig. Li wusste, wenn der Herrgott kommt, würde alles gut. Aber der Herrgott bestrafte auch die bösen Menschen. Und sie hatte Angst um Emily. Emily war eigentlich ein braves Mädchen, nur manchmal hatte sie wirklich, wirklich böse Gedanken.
»Dann kommt das Paradies?«, fragte Li.
»Dann kommt das Reich des Herrn«, antwortete Onkel Jakob. »Warst du denn auch brav, mein Kind?«
»Ja, Onkel Jakob.«
»Lüg´ nicht! Du bist zu spät.«
Li zuckte zusammen. »Ja, Onkel Jakob.«
»… während aus dem Vatikan immer noch kein Wort herausdringt, erreicht uns eine Agenturmeldung, nach der ein Sprecher der Pius-Bruderschaft zum Heiligen Kreuzzug gegen Luzifer aufgerufen hat …«
»Ist gut, Kind, du kannst jetzt gehen.«
»Ja, Onkel Jakob.«
Li schlich hinaus und schloss die Tür hinter sich sorgfältig wieder. Sie ging zur Treppe und sah im Vorbeigehen auf den Stuhl des Onkels. Warte nur, morgen …! Wenn dann nicht schon das Reich des Herrn war.

(Weiterlesen im Kindle Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Markus Tillmanns
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.


Markus Tillmanns, Teufel (Luzifer-Chroniken Teil 1)
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Cent
Taschenbuch (Createspace) 9,99 Euro

Pokerfaces in der Projekt-Metropole – „Bluffen“ von Stefan Adrian (Leseprobe)

Das moderne Ich ist unrettbar zersplittert, da hilft auch ne Magnumflasche Uhu nicht. Doch warum das „Nihil firmum“ gleich auf Basecaps drucken? In der projektbasierten Metropolis braucht man zum Überleben vor allem ein Pokerface. Stefan Adrians Berlin-Roman „Bluffen“ – erschienen bei mikrotext – führt uns folgerichtig hinter die Fassade eines kernlosen Charakters der Nuller Jahre, irgendwo im Bermuda-Dreieck von geplatzter Dotcom-Bubble, Nine Eleven und Early Gentrifizierung. Als einen „Menschen mit digitalem Glaskinn“ bezeichnet sich der Protagonist, als einen von denen, „die glauben, eine moderne Gesellschaft zu bilden, während sie der nackte Egoismus treibt.“ Die Frage „Was bin ich?“ erschöpft sich im Namedropping: Anzeigenverkäufer, Barmann, Blogger, Botenfahrer, Crossmarketing-Manager, Online-Journalist, schließlich auch: Hijacker. Mit Politik hat das nichts zu tun, in den Zeiten des großen Bluffs geht’s eher um den Traffic der eigenen Website. Wo wir gerade dabei sind: Ins erste Kapitel dieses 650 Smartphone-Screens langen „Mikrotextes von großem Format“ (Kevin Junk) entführt die folgende Leseprobe – das komplette E-Book & weitere Infos gibt’s z.B. bei Minimore.

Stefan Adrian: Bluffen. Ein Roman

Kapitel 1

Der Abend der Entführung war einer dieser Tage im Herbst, an dem die untergehende Sonne breit über dem Horizont zerfloss wie ein zerschlagenes Ei. Wir saßen im Wagen und warteten. Rene hatte einen Flachmann dabei, aus dem er gelegentlich ansetzte. Ich achtete darauf, dass er nicht mehr trank als die Menge, die zur Beruhigung notwendig war. Er trommelte mit den Fingern seiner rechten Hand gegen seinen Oberschenkel, und als ich ihn betrachtete, wurde mir klar, dass es kein Zufall war, dass wir beide hier saßen. Wir hatten uns an einem bestimmten Punkt unseres Lebens stets für etwas anderes entschieden oder vielmehr gegen etwas; gegen etwas, von dem wir angenommen hatten, es sei zu gewöhnlich und unter unserer Würde, auch wenn wir uns nie im Klaren darüber waren, worauf diese sich stützte. Wir waren wie von einem Schiff gefallenes Ladegut, das gemeinsam in eine Strömung gezogen worden war und nicht mehr aus ihr hinauskam, je stärker es sich ineinander verhakte.
Zwei Verweigerer mit falschen Waffen, dachte ich, zwei Männer, die an Frauen vor allem körperlich interessiert waren und mit einer Feministin eine Entführung durchführten. Aber ich sah darin keinen Widerspruch, ich sah überhaupt keine Widersprüche mehr. Wenn man die Dinge durchschaut hatte, blieb einem nur übrig, sich außerhalb dessen zu bewegen, was als legale Norm abgesteckt war, deswegen fand ich die Tatsache, an diesem Punkt angekommen zu sein, sehr logisch. Wir waren Typen, denen Streben nach Anerkennung stets als falscher Stolz und ein gesunder Selbsterhaltungstrieb stets als übertriebener Egoismus verkauft worden war. Man hatte uns moralischen Mantel um moralischen Mantel umgeworfen, mit denen wir gehen lernen sollten, obwohl wir uns kaum bewegen konnten. Auf diese Weise hatte man uns von Anfang an unserer Wut beraubt und uns gelehrt, dass sie etwas Schlechtes war, etwas, das man sich wegtrainieren musste, um es mit der Mentalität des Verstehens zu ersetzen.
Aber in diesem Moment im Bus fühlte ich mich wie ein Gefangener, der aus einem Lager ausbrach, wie ein Häftling, der der Gehirnwäsche entflohen war. Ich fühlte mich jedoch nicht als Opfer des Systems, das zurückschlug, es gab kein System, das die Bahnen lenkte wie ein Kranführer die Hebel seiner Maschine. Es gab nur eine Verkettung und Verzahnung unterschiedlicher Machtverhältnisse und Weltanschauuungen, und in diesem Gestrüpp musste man seinen Platz finden. Erst dann war man in der Lage, diesen bewusst nicht zu akzeptieren. Ich hatte mein Leben immer als Einzelschicksal wahrgenommen, selbst wenn es nicht schwierig war, sich auszumalen, wie wir in den Schlagzeilen als Beispiele einer „aus den Fugen geratenen Spaßguerilla oder einer desillusionierten Generation zwischen Facebook und HartzIV“ bezeichnet werden würden, sollte die Sache schief gehen.
Würde die Sache schief gehen, würde sich ohnehin alles in sein Gegenteil verkehren. Reporter würden in mein altes Heimatdorf fahren und Nachbarn befragen, die längst keine Ahnung mehr von mir hatten, für die ich als Person in der Zeit eingefroren war, so wie sie für mich. Wenn wir scheiterten, würden wir verurteilt und, was noch schlimmer war: Wir würden dann von dem Spiel vereinnahmt werden, das wir mit dieser Aktion bekämpfen wollten. Unsere Absicht würde auffliegen, unsere Namen würden auf Suchmaschinen im Netz ganz oben stehen, und alles wäre vergebens gewesen. Mich würde weniger eine Haftstrafe treffen oder die Tatsache, dass mein Name für immer damit in Verbindung gebracht werden würde. Mich würde treffen, dass die Sache überhaupt einen Namen bekommen würde. Sie würde dann dastehen, schön ausdefiniert und stramm gestriegelt wie ein virtuelles Rennpferd, das man bis auf die kleinste Sehne bewundern konnte. Seine digitalen Fußspuren würden sich nicht mehr rückgängig machen lassen.
Es wurde stickig im Wagen. Die Scheiben beschlugen. Ich erinnerte Rene an den Tag meiner gescheiterten Intervention beim Deutschen Fußballbund und sagte, dass der Grund, weswegen ich die Sache damals nicht durchgezogen hatte, auch der gewesen sei, dass ich zu lange alleine gewesen sei. Die stundenlangen Selbstgespräche hätten mich aus der Situation hinauskatapultiert, und ich sagte, dass ich froh war, dass er dabei war. Dann betrachteten wir uns wie an jenem Abend in der Bar am Darß und warteten darauf, dass der andere sagte, es wäre klüger, die Aktion abzublasen. Ich nahm den Flachmann und sah aus dem Fenster.

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Stefan Adrian, Bluffen. Ein Roman
Mikrotext 2014
E-Book (epub/mobi/PDF) 4,99 Euro

Copyright Cover & Leseprobe: Mikrotext.de
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung des Verlags

Weder tot noch vergangen – Heike Fröhlings Familiensaga „Als Träume fliegen lernten“ [Leseprobe]

Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen – wie wahr dieser Satz ist, entdeckt die junge Luisa beim Durchblättern alter Tagebücher und Briefe: ihre Großmutter Enriqua hat sie noch ein Jahr nach ihrem offiziellen Todesdatum verfasst. Was ist zwischen 1937 und 1938 tatsächlich passiert? Warum hat die erfolgreiche spanische Tänzerin einen deutschen Schreiner geheiratet? Je intensiver die Enkelin in die Welt der Dreißiger Jahre eintaucht, umso mehr versteht sie, dass die Ereignisse weit vor ihrer Geburt einen langen Schatten werfen, der auch ihr Leben beeinflusst.
Mit der Familiensaga „Als Träume fliegen lernten“ zeigt Heike Fröhling, dass sie nicht nur das Genre Krimi und Thriller beherrscht (siehe den unter Pseudonym erschienenen Bestseller „Am Anfang war die Stille“) – was aber auch kein Wunder ist, denn die studierte Germanistin und Musikwissenschaftlerin schrieb schon seit Ende der 1990er Jahre Romane und Erzählungen für Verlage wie Aufbau oder Bastei. Dank KDP & Co. ist die Autorin nun auch als erfolgreiche Self-Publisherin unterwegs. Unsere heutige Leseprobe führt direkt ins Herz der Familiensaga „Als Träume fliegen lernten“ – den Prolog der Geschichte gibt’s im Kindle Shop oder z.B. bei Thalia.

Heike Fröhling: Als Träume fliegen lernten



[…] Obenauf lag ein Stapel vergilbter Briefe, zusammengehalten mit einem dünnen Paketband. Sie zog an der Schleife. Alle Briefe waren an ihren Großvater adressiert, abgeschickt von ihrer Großmutter. Außerdem kamen vier in Leder gebundene Kladden zum Vorschein, die an alte Bilanzbücher erinnerten. Luisa schlug das oberste Buch auf, das in derselben geschwungenen Schrift geschrieben war wie die Briefe.
Auf der ersten Seite stand ein Gedicht von Goethe. „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn.“ Sie blätterte um. Ein Tagebuch. Die Windschutzscheibe war nun vollständig eingeschneit und trennte die Außenwelt zunehmend von ihr ab. Es musste ihr Großvater Friedrich gewesen sein, der – aus welchem Grund auch immer – nicht wollte, dass jemand diese Schriftstücke fand. Gleichzeitig hatte er es anscheinend nicht über sich bringen können, die Kiste samt Inhalt in einem der Kachelöfen zu verbrennen. Sie überflog die Daten, die in den Kladden notiert worden waren. 1932 … 1931 … 1936 … 1938. Luisas Hände hinterließen einen feuchten Abdruck auf dem Papier. Sie sprach die Jahreszahl leise aus: 1938. Das war unmöglich, denn zu der Zeit war Enriqua längst tot, seit einem Jahr beerdigt. Sie verglich die Schriftzüge der Briefe und Tagebücher untereinander. Die Wörter waren im Verlauf der Jahre kleiner geworden, die Zeilen weiter auseinandergerückt, fast so, als würden sie gar nicht zusammengehören. Doch die Schrift mit den geschwungenen Buchstaben war unverkennbar die Enriquas.

Donnerstag, 12. März 1931
Jeden Tag vergrößert sich meine Wegstrecke von der Klinik ausgehend. Die Kuranlagen waren das Ziel in der letzten Woche, heute habe ich zweimal den Teich umrundet, ohne Mantel, erhitzt von der Anstrengung, mit meiner feucht an Rücken und Armen klebenden Bluse vorbei an Männern mit Zylinder in ihren Sonntagsanzügen, Frauen, die sich vor den ersten Sonnenstrahlen mit bunten Schirmen schützen.
Wie die Krokusse ihre Köpfe trotz der Kälte und des diesjährigen späten Frostes dem Himmel entgegenrecken, habe ich geschworen, niemals aufzugeben. Schritt für Schritt ist es ein Vorwärtskämpfen. Das Knie durchstrecken und wieder anwinkeln, durchstrecken, anwinkeln. Sie irren, die Ärzte mit ihren Diagnosen und Therapien. Mir hilft keine Wasseranwendung, keine Schonung, sondern Bewegung. Es war die Operation nach dem Sturz, die alles zerstört hat, nicht der Tanzunfall selber, aber das glaubt mir niemand. Am schwersten ist es, das linke Bein vollständig zu beugen. Mit der Ferse das Gesäß zu berühren, ist eine Unmöglichkeit, doch gelingt die Beugung täglich einen Fingerbreit besser.
Trotz der Fortschritte lassen sich in ruhigen Momenten die Gedanken an meine Eltern und Verwandten nicht wegschieben: All das Geld, das sie für die Krankenhausaufenthalte und für diese Kur schon geschickt haben … Wie lange werden sie mich noch unterstützen, ich die Möglichkeit haben, in Berlin wieder in einem der bestehenden Ensembles einzusteigen?
Helga und Max haben in ihren Briefen versichert, dass sie warten, dass sie mit mir eine Tournee nach Stockholm und Paris planen. Aber ihre Post erreicht mich immer seltener, aus dem anfangs wöchentlichen Schreibrhythmus ist ein zweimonatiger geworden. Die Berichte von den Uraufführungen sind nicht mehr so ausführlich wie vor einem Jahr. Es sei ihnen nicht verübelt, spüre ich doch selbst, wie sich unsere Welten auseinanderentwickeln, wenn es mir nicht einmal gelingt, die Namen der Neuen in den Ensembles mit Gesichtern zu verbinden.
Durch meine täglichen Wanderungen wächst trotz der widrigen Umstände meine Zuversicht. Ich will das, sage ich mir, das steife Bein auf eine Bank gelegt. Das Herz rast von der noch ungewohnten Anstrengung, hämmert in seinem punktierten Rhythmus das Blut bis in die Fingerkuppen. Dann setze ich mich, wenn niemand in der Nähe ist, auf den Fuß, um mit Hilfe des Körpergewichtes die Beugung zu verstärken. Jedes Mal die Hände zu Fäusten geballt, die Fingernägel in die Handinnenflächen gedrückt, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Doch nur mit dieser Härte gelingt es, die Wegstrecke zu erhöhen, die Beinbeugung zu vergrößern. Einen Schritt weiter von Wiesbaden auf Berlin zu. Sogar die Fortbewegung mit einer anstelle von zwei Krücken funktioniert inzwischen.

Verschwitzt am Klinikgelände angekommen, wäre ich im Zimmer am liebsten auf mein Bett gefallen, aber die Schwester sagte, mein Verlobter warte im Garten. So hatte er sich vorgestellt? Er ist dreist. Er ist stur und hartnäckig. Er scheint zu wissen, was er will. Warum mich?
Meine Neugier trieb mich nach draußen zurück. Dort stand Herr Gehringer, gestützt auf seine Krücken und verbeugte sich. Neben ihm auf der Bank lag ein Frühlingsstrauß. Für mich, sagte er.
Er sollte mir keine Geschenke machen. Noch gibt es nur die teuren Gewächshausblumen.
In seiner Gegenwart ist es schwer, den Kopf nicht zu senken und ihn genauso direkt anzublicken, wie er es mir gegenüber tut. Er sieht gut aus mit seinen blauen Augen und blonden Haaren und seinem großen, schlanken Körper, und ich glaube, er ist sich dessen bewusst. Daran ändert sein verlorenes Bein nichts. Er kann meinen Wunsch nach baldiger Genesung nachvollziehen, braucht er doch nicht weniger Hartnäckigkeit, um angesichts der Entzündung seines Beinstumpfes die Hoffnung nicht zu verlieren.
Wir setzten uns nebeneinander. Meine Sätze klängen altertümlich, erinnerten ihn an Heine, meinte er. Wie er es aussprach, schien es ein Kompliment zu sein und gleichzeitig verunsicherte er mich.
Merkte man nach all den Jahren in diesem Land noch immer, mit welchen Büchern ich mir die Sprache beigebracht habe?

Anfangs erschien Luisa ihre Großmutter beim Lesen fremd. Diese pathetische Ausdrucksweise! Die Vergleiche, die man eher bei einem Gedicht erwarteten würde. Doch die Distanz legte sich schnell. Schon nach der ersten Seite wurde die Situation in Luisas Vorstellung plastisch. Es war, als könnte sie selbst die aufblühenden Krokusse riechen, als wäre sie neben Enriqua durch den Kurpark gewandert. Wie war es nur möglich, dass Friedrich und Enriqua durch die Aufzeichnungen in ihrer Gedanken so lebendig wurden, dass Luisa glaubte, ihrer Unterhaltung zuhören zu können?

(Weiterlesen im (Weiterlesen im Kindle Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Heike Fröhling –
Publikation mit frdl. Genehmigung der Autorin.

Heike Fröhling,
Als Träume fliegen lernten (Roman)
E-Book (Kindle/ epub) 2,99 Euro
Taschenbuch (Amazon) 15,99 Euro

Auf der anderen Seite gibt es keine Schuld: Daniela Arnolds „Lux Aeterna“ [Leseprobe]

Den Verstorbenen leuchtet auf der anderen Seite ein ewiges Licht, sagen die Leute. Doch der Weg dahin kann schmerzhaft sein – erst recht für die Opfer eines brutalen Serienkillers, der die Region München unsicher macht. Seine Opfer: junge Frauen, die in seinen Augen als Sünderinnen gelten. Während die Münchner Kommissare Bastian Straub und Viola Basler noch im Dunkeln tappen, entdeckt die Hamburger Journalistin Janka Winterberg, dass hinter der Mordserie mehr als nur religiöser Wahn steckt – nämlich eine tragische Familiengeschichte, die auch sie selbst betrifft, und sehr schnell in tödliche Gefahr bringen wird.
Mit „Lux Aeterna“sorgt die bayerische Journalistin und Autorin Daniela Arnold dafür, dass die Glimmerlichter am E-Reader die ganze Nacht durchbrennen – was wohl auch mit ihrer Schreib-Expertise von schicksalshaften True Stories über romantische Liebesgeschichten bis zu medizinischen Erfahrungsberichten zu tun hat. E-Book-News präsentiert den Anfang dieses Thrillers, der unter die Haut geht – weitere Ermittlungsdetails verrät die Leseprobeim Kindle-Shop.

Daniela Arnold: Lux Aeterna

Prolog

München, Mai 2008

Schmerz durchdrang ihr Bewusstsein, bohrend, fordernd, unerbittlich. Ihr Kopf dröhnte und fühlte sich an, als würde er jeden Moment in winzige Einzelteile zerbersten. Sie versuchte, ihre Augen zu öffnen. Sofort jagten grelle Lichtblitze durch ihr Gehirn.
Eine Welle der Übelkeit erfasste sie und breitete sich unaufhaltsam in ihr aus. Marie schaffte es gerade noch, den Kopf auf die Seite zu drehen, bevor sie sich in einem heftigen Schwall erbrach. Ihr Stöhnen ging in ein Wimmern über, während sie langsam zu sich kam. Was zur Hölle war mit ihr los? Und warum tat ihr der Bauch so weh? Hatte sie einen Magen-Darm-Virus erwischt? Oder war sie am Vorabend in einer Kneipe in der Innenstadt versumpft? Sie versuchte ihre letzten Erinnerungen abzurufen, doch ihre Gedanken glichen einer einzigen nebelartigen Masse.
Plötzlich bemerkte sie den metallischen Geschmack in ihrem Mund und erschrak. Hatte sie sich etwa irgendwelche harten Drogen reingezogen? Falls ja, bekäme sie großen Ärger mit André. Er tolerierte es nicht einmal, wenn sie gelegentlich zu viel Alkohol trank. „Mit dem Teufelszeug im Blut bist du nicht mehr du selbst“, hatte er ihr neulich an den Kopf geworfen, als sie nach einem Stadtbummel mit ihrer Freundin Sandra angeschickert nach Hause gekommen war.
André! Beim Gedanken an ihren ansonsten wundervollen Mann spürte Marie ein zartes Kribbeln in der Brust, das sich wellenförmig bis in ihren Unterleib ausbreitete. Wieder stöhnte sie. Diesmal nicht vor Schmerzen, sondern vor Scham. Was sollte André von ihr denken, wenn er mitbekam, dass sie sich neben – oder schlimmer noch – in ihr Ehebett übergeben hatte? Sie musste aufstehen, sich in den Griff bekommen und die Überreste dieses Malheurs beseitigen, bevor er aufwachte.
Marie empfand ein überwältigendes Gefühl der Zärtlichkeit. Sie hatte das dringende Bedürfnis, ihren Mann zu berühren, seine Gegenwart ganz nahe bei sich zu spüren. Wie sehr sie ihn doch liebte. Er gab ihr Halt, erdete sie. Sie war verrückt nach ihm, nach seinem Geruch, seinen Eigenarten und Angewohnheiten. Selbst Andrés allnächtliches Schnarchen machte ihr nicht das Geringste aus. Es hatte eine beruhigende, beinahe therapeutische Wirkung auf sie. Als das mit dem Baby passiert war … Marie schluckte. Damals waren es Andrés vertraute Geräusche, die sie davon abhielten, in der Stille der Nacht vollends durchzudrehen. Sie wollte ihren linken Arm ausstrecken, um nach seinem warmen Körper auf der anderen Seite des Bettes zu tasten, doch es ging nicht. Was war los? Das Begreifen, dass sie ihren Arm nicht bewegen konnte, knallte mit der Intensität eines Vorschlaghammers in ihr Bewusstsein.
Mit einem Ruck drehte sie ihren Kopf nach links, realisierte, dass es keine zweite Betthälfte neben ihr gab. Sie blickte nach rechts. Ein Frösteln überkam sie. Die weiß gefliesten Wände um sie herum, der schmutzig graue Boden unter ihr … Wo zur Hölle war sie? Und wo war André? Sie versuchte sich aufzurichten, um besser sehen zu können, doch ihr Körper reagierte nicht auf die Befehle ihres Gehirns. Angst krallte sich in ihre Eingeweide. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Atmen, Marie! Atmen! Sie musste sich nur daran erinnern, wie sie den gestrigen Abend verbracht hatte, dann würde ihr bestimmt klar werden, warum sie jetzt an diesem seltsamen Ort war.
Sie spürte, dass ihr schrecklich kalt war. Als sie ihren Kopf ein klein wenig hob, sah sie, dass sie splitterfasernackt und nur mit einem dünnen Laken bedeckt auf einer harten, unbequemen Pritsche lag. Alles hier erinnerte sie vage an einen Operationssaal. Der Ansatz eines klaren Gedankens kristallisierte sich aus dem Nebel in ihrem Gehirn. War sie im Krankenhaus? Hatte sie einen Unfall gehabt? Doch wenn dies eine Klinik war, weshalb gab es dann keine Gerätschaften? Warum war kein Personal da?
Auf einmal fiel ihr alles wieder ein.
Sie war gestern bei Dr. Bartram auf der gynäkologischen Station gewesen. Musste eine Nachuntersuchung über sich ergehen lassen. Er hatte ihr gesagt, dass durch die Fehlgeburt eine künftige Schwangerschaft so gut wie ausgeschlossen war. Anschließend hatte sie vergeblich versucht, André auf seinem Handy zu erreichen. Frustriert war sie in die erste Kneipe gegangen, die sie nach dem Verlassen der Klinik gesehen hatte. Sie hatte sich einen Rotwein bestellt. Und dann noch einen. Doch was war danach passiert?
Marie überlegte fieberhaft. Ihr fiel einfach nicht ein, wie der Abend geendet hatte. Sie versuchte, sich aufzurichten. Eine Welle der Panik jagte durch ihr Innerstes. Irgendetwas hielt sie auf der Liege fest! Ihr Körper verkrampfte sich. Warum konnte sie ihre Hände und Füße bewegen, den Rest ihres Körpers jedoch nicht? War sie gefesselt?
Die Umgebung verschwamm vor ihren Augen. Ihr Herz begann zu rasen. Sie wollte um Hilfe schreien, doch der Schock schnürte ihr den Hals zu.
Die Hände zu Fäusten geballt, versuchte Marie, sich auf ihre Atmung zu konzentrieren. Wie, um Gottes Willen, war sie in diese Situation geraten? Wer tat ihr das an? Ihr Körper zitterte inzwischen unkontrolliert, ein lähmendes Kältegefühl breitete sich in ihr aus. Sie drehte ihren Kopf, in der Hoffnung, irgendwo im Raum ein Erkennungsmerkmal auszumachen. Ihr Blick blieb an einem kleinen Metalltisch in der Ecke des Raumes hängen. Von ihrem Blickwinkel aus erinnerte er stark an einen metallenen Servierwagen. Ihre Halswirbelsäule schmerzte bereits von der Überdehnung. Doch sie musste wissen, was auf dem Tisch lag. Panik schoss durch ihren Körper, als sie glaubte, ein Skalpell erkannt zu haben.
Sie erstarrte. Hatte sie da eben ein Geräusch gehört? Schritte? Ihre Atmung beschleunigte sich, ihr Herz hämmerte hart gegen ihren Brustkorb. Von draußen drehte sich der Schlüssel im Schloss. Die Tür ging auf und ein Mann trat ein. Sie kannte ihn. Natürlich! Er war es. Erleichtert ließ sie ihren Kopf auf die Liege zurücksinken. Doch etwas war merkwürdig. Etwas, das ein vages Gefühl von Entsetzen in ihr auslöste. Warum sagte er denn nichts? Und weshalb starrte er sie so seltsam an? „Was ist mit mir passiert, warum bin ich im Krankenhaus? Hatte ich einen Unfall?“, fragte sie mit dünner Stimme.
Er schüttelte den Kopf. „Wie kommst du darauf, dass du im Krankenhaus bist?“
Marie wurde es speiübel, als er zu ihr trat und das Laken von ihrem Körper zog.
„Wo bin ich?“, stammelte sie, während sie krampfhaft versuchte, die Kontrolle über ihren Harndrang zu behalten.
„In meinem Keller.“
Als er seine rechte Hand hob und über ihren Oberschenkel strich, spannte sie instinktiv ihre Muskeln an und drückte ihre Gliedmaßen mit aller Kraft gegen ihre Fesseln. Erfolglos. „Was … was wollen Sie?“, fragte sie schließlich erschöpft, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.
Er lächelte milde. „Ich werde dir helfen, zu bereuen, doch vorher muss ich mich bei dir entschuldigen.“
Marie begriff nicht. „Bereuen? Ich habe Ihnen doch gar nichts getan. Und wofür müssen Sie sich bei mir entschuldigen?“
Sanft schob er eine Hand unter ihren Kopf und hob ihn ein wenig. „Schau“, sagte er leise.
Sie blickte an ihrem Körper hinab und keuchte. Ihr Bauch war übersät von Schnittwunden, einige so tief, dass man dunkelrotes Fleisch sah. Fassungslos starrte sie in sein Gesicht. Erkannte den Wahnsinn in seinen Augen. Ein fürchterlicher Schrei entrang sich ihrer Kehle. Sie bäumte sich auf, wand sich, bis die Fesseln tief ins Fleisch schnitten. Und dann begriff sie. Es war sinnlos. Sie konnte sich nicht befreien. Er würde sie töten in diesem trostlosen Gefängnis. Ihre Muskeln erschlafften. „Warum tun Sie mir das an?“
„Du bist eine Sünderin, Marie. Hast unzähligen Männern schamlos deinen Körper verkauft. Dein Kind getötet. Dafür musst du büßen, das verstehst du doch, oder?“
Tränen brannten ihr in den Augen. Warum passierte gerade ihr so etwas? „Bitte, lassen Sie mich gehen. Ich will nach Hause.“ Ihre Stimme brach.
„Ruhig, ganz ruhig, du hast es bald überstanden.“ Beinahe zärtlich strich er ihr mit dem Handrücken über die Wange.
Sie schloss die Augen, befahl ihrem Gehirn, an etwas Schönes zu denken. Verzweifelt beschwor sie Bilder herauf. André! Er zog sie an sich. Musik spielte. Ihr Hochzeitstanz! Sie drehte sich mit ihm, schneller, immer schneller … Marie spürte einen leichten Luftzug, als der Wahnsinnige sich über sie beugte. André! Alles in ihr schrie seinen Namen. Wie gern hätte sie ihm noch einmal gesagt, wie sehr sie ihn liebte. Plötzlich war da etwas Kaltes an ihrem Bauch. Sie presste ihre Augen fest zusammen. Unter keinen Umständen durfte sie jetzt André verlieren. Nicht, bevor es vorbei war. In ihren Gedanken klammerte sie sich an ihn, spürte seine Wärme. Er sah sie an, lächelte. Dann küsste er sie …
Ein schier unerträglicher Schmerz durchdrang ihre Traumwelt, zerrte sie mit aller Macht in die Gegenwart zurück.
Blut vermischt mit Urin. Marie konnte das Grauen riechen. Sie hatte sich eingenässt.
„Gott, lass es schnell vorbei sein“, flehte sie. Dann zerfetzte der Schmerz ihre Körpermitte und sie fiel ins Bodenlose.

Kapitel 1

München, April 2012

„Du lieber Himmel!“ Viola Basler presste ihren Handrücken auf Mund und Nase und kämpfte gegen den aufsteigenden Brechreiz an. Als der kritische Punkt überwunden war, versuchte sie, sich zu sammeln.
Mit einer Mischung aus Entsetzen, Abscheu und Ratlosigkeit riss sie ihren Blick von dem völlig entstellten Leichnam los. Sie ging zu ihrem Kollegen und Vorgesetzten hinüber, der keine fünf Meter von ihr entfernt auf der anderen Seite der Absperrung stand. „Wer zum Henker macht denn so etwas? Das ist ja krank.“
Hauptkommissar Bastian Straub sah seine Kollegin finster an. „Dieser Frau wurden große Teile der Haut entfernt. Hoffen wir, dass sie zu dem Zeitpunkt bereits tot war, ansonsten …“ Er brach ab, fischte ein Diktiergerät aus seiner Jackentasche. Dann richtete er seinen Blick zurück auf die Leiche und schüttelte den Kopf. Selbst aus knapp zwei Metern Entfernung konnte man erkennen, dass der Verwesungsprozess relativ weit fortgeschritten war und der Madenbefall bereits eingesetzt hatte.
„Die armen Kids“, murmelte Viola betroffen und drehte sich zu zwei blass aussehenden Teenagern um, die in einigem Abstand zum Ort des Geschehens von einer Polizeipsychologin betreut wurden. Die dreizehnjährigen Jungen hatten die Leiche am frühen Nachmittag während einer Schnitzeljagd durch den Wald entdeckt und sofort die Polizei informiert. Es war unverkennbar, dass die beiden wegen ihres grausigen Fundes unter schwerem Schock standen. Viola Basler atmete tief durch. „Ich gehe kurz zu den Jungs rüber und rede mit ihnen. Vielleicht ist ihnen ja noch irgendetwas Wichtiges aufgefallen.“
Straub musterte die jugendlichen Zeugen und zog die Augenbrauen hoch. „Glaubst du wirklich, dass du aus den beiden jetzt etwas Brauchbares rauskriegst?“
Viola zuckte mit den Schultern. „Einen Versuch ist es wert. Und solange wir nicht zu der Leiche können …“ Sie deutete mit dem Kopf in Richtung Tatort, wo zwei Mitarbeiter der Spurensicherung konzentriert ihrer Arbeit nachgingen.
Straub nickte. „Alles klar. Versuch dein Glück. Ich rufe dich, wenn es hier losgeht.“

Torben Steiner, der Gerichtsmediziner, wartete vor dem Eingang zur Pathologie. Straub gab ihm die Hand. „Alles klar bei euch zu Hause? Wie geht‘s deiner Frau und dem Baby?“
„Die Kleine hält uns ganz schön auf Trab, hat ständig Bauchkrämpfe und schreit die halbe Nacht.“ Er legte seinen Kopf schief. „Und, wie sieht‘s bei dir aus? Immer noch Junggeselle? Irgendwie beneide ich dich um dein Lotterleben.“
Straub grunzte. „Lotterleben? Wer von uns beiden wird denn jeden Tag nach Feierabend bekocht?“
Torben Steiner hielt ihm lachend die Tür zum Obduktionssaal auf. Dort wurden sie bereits von einer Assistenzärztin erwartet.
Der süßlich penetrante Geruch des Todes lag in der Luft.
Straubs Magen zog sich zusammen, als er an den Seziertisch trat. Vor ihnen lag die Leiche aus dem Wald. Steiner und seine Kollegin hatten wertvolle Vorarbeit geleistet und den Leichnam gründlich gesäubert.
Steiner räusperte sich. „Können wir loslegen?“
Straub nickte und zog sein Diktiergerät aus der Tasche. Nachdem er den Aufnahmeknopf gedrückt hatte, hielt er das Mikro in Richtung des Gerichtsmediziners. „Es handelt sich bei der Toten um eine Frau zwischen 35 und 45 Jahren, 172 cm Körpergröße, Gewicht 66 Kilogramm. Meines Erachtens ist der Tod vor circa sieben Tagen eingetreten, was der Fortschritt der Verwesung belegt.“ Steiner sah Straub bedeutungsschwer an. „Der Erstuntersuchung zufolge ist die Frau relativ schnell verblutet, nachdem ihre Kehle inklusive der Arteria Carotis durchtrennt wurde. Doch das wirklich Schlimme ist das hier …“ Er drehte die Leiche vorsichtig auf die Seite.
Am Tatort hatte er wegen starker Verschmutzungen durch Laub und Erde nicht das gesamte Ausmaß der Verstümmelung erkennen können. Fassungslos starrte er auf den fleischig-blutigen Rücken des Opfers. „Was für ein krankes Arschloch tut so etwas?“
„Das ist noch nicht alles …“ Der Gerichtsmediziner ließ den Leichnam zurück auf die Liege sinken. „Die Frau war am Leben, als ihr das angetan wurde. Die Verletzung am Rücken beispielsweise wurde ihr vor über zehn Tagen zugefügt, was der begonnene Wundheilungsprozess bestätigt.“
Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte betroffenes Schweigen im Obduktionssaal.
„Hast du erste Blutanalyseergebnisse für mich?“, durchbrach Straub die Stille.
Steiner nickte. „Wir haben sowohl Spuren von Rohypnol als auch von Atropin in ihrem Blut gefunden. Das Ergebnis der Haaranalyse steht noch aus.“
Straub räusperte sich. „Der Täter oder die Täterin hat die Frau also unter Drogen gesetzt?“
„Das Rohypnol hat er höchstwahrscheinlich verwendet, um sie zu überwältigen und in seine Gewalt bringen zu können. Während der Folterungen hat er sie dann mit Atropin ruhiggestellt. Sie konnte sich nicht bewegen, musste die Schmerzen bei vollem Bewusstsein ertragen.“ Der Gerichtsmediziner schüttelte den Kopf. Dann griff er nach einem Skalpell, das neben ihm auf dem Instrumententisch lag, um mit der Obduktion zu beginnen. „Ich habe ja schon so einiges gesehen, aber das hier … Dieser Frau wurde bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. Ich darf gar nicht daran denken, wie sehr sie leiden musste, bevor es ihr endlich vergönnt war zu sterben.“

(Weiterlesen im Kindle Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Daniela Arnold –
Publikation mit frdl. Genehmigung der Autorin.

Daniela Arnold,
Lux Aeterna (Thriller)
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Amazon) 10,99 Euro

Traum-Mann zu Besuch im Schoko-Laden: Lisa Torbergs „Sam’s Sweet & Spicy – Wintertraum“ [Leseprobe]

Können Träume wahr werden? Für Samantha läuft die Weihnachtszeit zunächst gar nicht gut an: gerade hat die Londoner Chocolatière ihre Großmutter Beth verloren, ihr Ex-Mann heiratet wieder, und ausgerechnet Samantha soll das Catering für die Hochzeitsfeier übernehmen. Dann betritt plötzlich auch noch ihr Traum-Mann die Schokoladenküche – in Gestalt eines Aushilfslieferanten. Und verschwindet wieder. Gibt es noch eine Chance, ihn wiederzusehen? Pünktlich zum vierten Advent präsentiert Lisa Torberg mit „Wintertraum“ den Auftakt zu ihrer neuen Serie „Sam’s Sweet & Spicy“ – inklusive leckerer Rezepte zum Nachkochen. Die zwischen der britischen Insel und Europas sonnigem Süden pendelnde Autorin ist nämlich begeisterte Hobbyköchin. E-Book-News serviert als Appetizer den Beginn von „Wintertraum“ – noch ein paar Häppchen mehr bietet die Leseprobe im Kindle-Shop.

Lisa Torberg: Sam’s Sweet & Spicy – Wintertraum

Kapitel 1

Montag, 1. Dezember

Das gelbliche Licht der altmodischen Laternen durchdrang die hereinbrechende Dämmerung und legte sich wie ein warmer Mantel über die Frith Street. Durch die Lichterketten in den Schaufenstern wirkten die kleinen Läden im Erdgeschoss der Ziegelbauten Sohos am ersten Dezembertag noch einladender, als sonst. Ein kleines Mädchen zog seine Mutter an der Hand über die kaum befahrene Einbahnstraße zu den dunkelrot umrahmten Fenstern eines Shops. Dann riss es sich los und klebte seine Nase, die von der Kälte so rot war, wie die der Rentiere des Weihnachtsmanns, an die Glasscheibe. Staunend betrachtete das winterlich vermummte Kind Santa Claus mit seinem Schlitten und ein verzaubert aussehendes Dorf aus bunt bemaltem Pappmaschee. Zwischen der weihnachtlichen Dekoration standen, auf ihren verschnörkelten gusseisernen Beinen, kleine runde Bistrotische mit marmornen Platten. Das Mädchen leckte sich über die Lippen und starrte auf die runden, länglichen und quadratischen Schokopralinen und die vielen bunt befüllten Glaskonserven, die dort ausgestellt waren. An den Wänden, auf den antik anmutenden cremeweiß bemalten Holzregalen waren unzählige bauchige, schlanke, birnenförmige und zylindrische Flaschen aufgestellt. An allen war mit einem goldfarbenen Band ein Kärtchen befestigt. Dazwischen standen überall goldene und rote Kerzen und von der Decke hingen Ketten, an denen kleine Engel festgemacht waren.

»Bitte Mummy, nur ein winziges Tütchen.« Der bettelnde Blick ihrer Tochter ging Marsha durch und durch. Sie wusste einfach nicht, wie sie Samantha entgegentreten sollte, nachdem das Schicksal ihrer nach den Eltern nun auch die Großmutter genommen hatte. Die Freundin war nach dem Begräbnis vor knapp zwei Wochen unerreichbar gewesen, ihr Sam’s Sweet & Spicy geschlossen. Mit glänzenden Augen blickte sie durch die Scheiben in den riesigen Raum. Hinter dem breiten Rundbogen, der den Verkaufsraum vom Küchenbereich nur optisch trennte, stand Samantha mit dem Rücken zu ihr an der marmornen Arbeitsplatte. Jetzt musste sie all die Köstlichkeiten alleine zubereiten, ohne die anregenden Gespräche mit ihrer Großmutter, die den Laden zwar schon vor Jahren auf die Enkelin überschrieben hatte, jedoch bis vor wenigen Monaten immer noch aktiv mitarbeitete. Granny Beth war seit Jahrzehnten die gute Seele der Straßen und Gassen rund um die Gartenanlagen von Soho Square gewesen. Mit unermüdlicher Energie und vollstem Einsatz hatte sie stets ein offenes Ohr für alle gehabt, Kinder betreut, wenn eine Mutter etwas zu erledigen hatte und Einwanderern bei Behördenwegen geholfen. Seit dem Tag, an dem ihre Tochter und der Schwiegersohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren, hatte sie sich mit Leib und Seele ihrer damals dreijährigen Enkelin ebenso gewidmet, wie dem kleinen Laden, in dem sie selbst gemachte Delikatessen verkaufte. Wie oft hatten Marsha und weitere Kinder aus der Nachbarschaft ihre Nachmittage hier verbracht. Granny Beth hatte ihnen bereits im Vorschulalter spielerisch das Lesen beigebracht, mit ihnen gekocht und gebacken, und später ihre Tränen getrocknet, wenn sie Liebeskummer hatten. Doch die kleine, rundliche Frau mit dem liebevollen Blick, die so herrlich nach Gewürzen duftete und stets ein Minzbonbon im Mund hatte, war seit dem letzten Sommer in nur wenigen Monaten zur Unkenntlichkeit abgemagert. Der Hirntumor, der als Grund ihrer jahrelang immer stärker werdenden Kopfschmerzen erst diagnostiziert worden war, als Sprachstörungen hinzukamen, war inoperabel gewesen. Bis zum letzten Moment hatte die knapp Siebzigjährige jede lebenserhaltende Therapie abgelehnt und darauf bestanden ihre letzten Wochen daheim zu verbringen. »Ich will in meinem Bett sterben«, hatte sie gesagt und mit Morphium ihre sicherlich unerträglichen Schmerzen bekämpft, ohne sich etwas von ihrem Leiden anmerken zu lassen. In der zweiten Novemberwoche war sie dann eines Nachts friedlich eingeschlafen. Hunderte von Personen hatten ihr das letzte Geleit auf den Kensal Green Friedhof gegeben, wo Marsha ihre Freundin Samantha zum letzten Mal gesehen hatte. Der kleine Laden mit der Schauküche, in der die Kunden die Herstellung der kulinarischen Köstlichkeiten miterleben konnten, war bis vor wenigen Tagen geschlossen gewesen, die Freundin telefonisch nicht erreichbar. Auch die Kurznachrichten waren unbeantwortet geblieben. Doch jetzt, am Tag nach dem ersten Adventsonntag, erstrahlte Sam’s Sweet & Spicy in vorweihnachtlichem Glanz.

Sie schrak aus ihren Überlegungen auf, als Emily heftig an dem Ärmel ihres Mantels zerrte. »Bitte Mummy, darf ich?« Mit einem tiefen Seufzer griff Marsha nach der Hand ihrer Tochter, ging auf die Ladentür zu und drückte sie auf. Der Klang der hellen Glocke, die das Eintreten der Kunden ankündigte, vermischte sich mit dem fröhlichen Lachen der Kleinen und der Stimme von Michael Bublé, die lautstark singend White Christmas ankündigte.

Als sie das Klingeln hörte, warf Samantha einen raschen Blick über die Schulter in den vorderen Bereich. »Kleinen Moment«, rief sie, wusch die Hände in dem riesigen schneeweiß emaillierten Waschbecken und trocknete sie an der dunkelroten Latzschürze ab. Mit einer ihr typischen Handbewegung beförderte sie eine rebellische Locke, die sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hatte, hinters Ohr und trat durch den Rundbogen aus dem Küchenbereich in den Verkaufsraum.

Ihr Gesicht ist schmaler geworden, dachte Marsha und betrachtete die dunklen Schatten unter den Augen der Freundin. Mit einem zaghaften Lächeln traten die Frauen aufeinander zu und umarmten sich, ohne ein Wort zu sagen. Marshas Anspannung fiel von ihr ab. Es war wie immer – sie verstanden sich auch ohne Worte. Sanft löste sich Samantha aus der Umarmung und ging in die Knie, um mit dem kleinen Mädchen auf Augenhöhe zu sein. »Na Emily, was darf es denn sein?«

»Von jeder Art eine«, piepste die Kleine und sah fragend zu ihrer Mutter auf, die kopfschüttelnd antwortete. »Nein Liebes, wir wollen uns ja nicht mästen. Neun Stück. Drei für jeden von uns. Such sie dir aus.« Das Kind nahm eines der beiden ziselierten silbernen Schälchen mit der dazupassenden Gebäckzange von dem antiken Schreibsekretär und wendete sich dem nächsten Tischchen zu.

»Die Dekoration ist wunderschön. Ich bin froh, dass du dieses Jahr nicht darauf verzichtest«, sagte Marsha mit einem Blick auf den nahezu lebensgroßen Weihnachtsmann, dann setzte sie leise hinzu. »Du hast mir gefehlt, warst plötzlich verschwunden.«

Samantha runzelte die mit Sommersprossen übersäte Stupsnase und legte die Stirn in Falten. »War ich nicht. Ich wollte nur einfach allein sein und niemanden sehen.«
»Du warst hier?« Ungläubig starrte sie in das Gesicht der Freundin. »Und warum hast du dann nicht auf meine Anrufe und Nachrichten geantwortet?«
»Ich wollte einfach mit niemandem reden und außerdem hatte ich Granny versprochen, ihr Zimmer sofort auszuräumen. Du weißt ja, wie sie war. Sie sah nie nach hinten, immer nur nach vorne und das Glas halb voll, niemals fast leer. Wenige Stunden, bevor sie starb verlangte sich nach einer Schale heißer Orangenschokolade und zog mich auf den Bettrand, als ich sie ihr brachte. Dann nahm sie meine Hände fest in ihre und erzählte mir von dem Tag, an dem meine Eltern beerdigt wurden. Sie hatte tagelang geweint, mit dem Schicksal gehadert und sich innerlich mit Gott zerstritten. Grandpa, von dem sie schon viele Jahre getrennt war, dem sie jedoch freundschaftlich verbunden war, hatte mich zu sich und seiner zweiten Frau mitgenommen, damit ich nichts mitbekam. Weder von dem schrecklichen Unfall noch von der Verzweiflung meiner Großmutter. Der einzige Mensch, mit dem Granny in diesen Tagen sprach, war der alte Mr. Ridley.«

Marsha zog die Augenbrauen hoch. »Der Kohlenhändler? Der missmutige Mann, der uns Kinder immer nur ankeifte, wenn wir uns ihm auch nur auf wenige Meter näherten?«
»Genau der«, bestätigte Samantha nickend, während sie Emily beobachtete, die nachdenklich das Köpfchen schüttelte und sich nicht entscheiden konnte, welche der Nusspralinen sie nehmen sollte. »Na ja, er ist ja schon lange tot, deshalb hatten wir nie mehr über ihn gesprochen. Granny erzählte mir, dass er seine ganze Familie während des London Blitz im Zweiten Weltkrieg verloren hatte. Seine Frau, die Kinder und seine Eltern wurden unter den Trümmern des von der deutschen Luftwaffe total zerbombten Hauses begraben. Von dem Tag an wurde er unnahbar und wortkarg, ging nur seiner Arbeit nach und vermied nahezu jeden Kontakt zu seinen Mitmenschen. Meine Urgroßeltern hatten ihn in diesem Haus aufgenommen, das nicht komplett zerstört war, wie das Nachbarshaus. Da war es fast selbstverständlich, dass er der Patenonkel Grannys wurde, als sie zu Beginn des letzten Kriegsjahres zur Welt kam.«

»Wie bitte? Das glaube ich jetzt nicht. Und du wusstest das alles nicht?«, Marsha starrte die Freundin mit weit aufgerissenen Augen an.
»Woher denn? Der alte Ridley war doch schon mindestens achtzig, als wir beide in die Schule kamen. Und dann war er eben irgendwann nicht mehr da. Ich hatte auch nicht mehr an ihn gedacht, bis zu dem Abend an Grannys Sterbebett.« Sie seufzte auf, bevor sie leise weitersprach. »Als meine Eltern starben, war er der Einzige, der ihren Schmerz verstehen konnte, sagte sie. Sie verkroch sich in die Wohnung und ging nicht einmal hinunter in den Laden, um nach dem Rechten zu sehen. Ridley verschenkte die verderblichen Lebensmittel, kochte für sie, räumte das Schlafzimmer von Mum und Dad aus und ließ alles Brauchbare von der St Patrick’s Church abholen. Er wich nicht von ihrer Seite und sprach stundenlang mit ihr über Gott und die Welt, vor allem aber über ihre Verantwortung mir gegenüber. Am Tag nach der Beerdigung brachte mich Grandpa nach Hause und Granny Beth begann mit mir ein neues Leben. Weißt du Marsha, ich konnte die starken Schmerzen in ihren Augen sehen, doch sie wollte an dem Abend kein Morphium und sprach weiter. Für dich ist es leichter als für mich damals, sagte sie und strich mir dabei immer wieder über den Kopf. Wir können jetzt voneinander Abschied nehmen und über die wundervollen Jahre sprechen, die wir miteinander verbringen durften.« Samanthas grüne Augen füllten sich mit Tränen, als sie weitersprach. »Wir leben in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit, mein Liebes, sagte sie. Du musst mir versprechen, dass du es genauso machst, wie ich damals. Dann trank sie den letzten Schluck der mittlerweile fast kalten Schokolade aus der Tasse, legte sich zurück und schloss die Augen.«

»Mummy, schau mal.« Emily hielt das silberne Schälchen hoch. Marsha verknotete ihre Finger ineinander, um nicht vor Rührung zu weinen, und beugte sich zu ihrer Tochter hinunter.
»Fein mein Schatz.« Sie tat so, als ob sie die Pralinen abzählen müsste, und legte den Zeigefinger an die Lippen. »Weißt du was, nimm noch sechs Stück dazu. Dann bekommen unsere Gäste heute Abend auch welche.« Ihre Tochter wendete sich ab und nahm ihre Freundin in den Arm. »Du hast also gemacht, was dir Granny Beth aufgetragen hat?«, flüsterte sie ihr ins Ohr.

Samantha nickte so heftig, dass ihr Unterkiefer dabei gegen Marshas Schulter schlug. »Ja, aber nicht sofort. Bis zum Tag des Begräbnisses habe ich ununterbrochen geheult. Am Tag darauf holten dann ein paar Leute der Pfarrgemeinde St Patrick’s alles ab, auch die Möbel. Ich habe nur einige Erinnerungen behalten. Am nächsten Tag machte ich mich daran, das Zimmer in einem zarten Pfirsichton zu streichen und meinen Lesestuhl und den Schreibtisch hineinzustellen. Jetzt fehlen nur noch die bestellten Bücherregale, dann bekommen meine Bücher in Grannys Zimmer ein neues Zuhause.«
Marsha lachte auf, als sie an den Buchschatz ihrer Freundin dachte, den diese bereits im Kindergartenalter anzulegen begonnen hatte. »Wie viele Kartons stehen denn unter deinem Bett?«

Samanthas Augen blitzten schelmisch. »Gar keine mehr. Aber im neuen Lesezimmer dafür vierzehn und weitere sind im Keller.«

Lächelnd wendeten sich die beiden jungen Frauen Emily zu, die stolz ihre ausgewählten Pralinen präsentierte. Jede war ein kleines Kunstwerk für sich und anders verziert, mit Veilchenblättern, Blattgold, kandierten Orangenschalen, Mandelsplittern und mehrere mit Zuckerperlen in verschiedenen Farben. Das waren diejenigen, die Emily besonders liebte. Mit geübten Handgriffen legte Samantha mit der silbernen Zange jede Praline in ein goldenes Papierförmchen und verpackte sie in einer quadratischen Pappschachtel mit weihnachtlichen Motiven. Sie verschloss die Pralinenschachtel mit einem goldenen Band und dem Aufkleber Sam’s Sweet & Spicy und reichte sie dem freudestrahlenden Mädchen mit einer Verbeugung.
»Nicht alle auf einmal essen, Emily«, mahnte sie und küsste die Kleine auf beide Wangen. Dann zog sie Marsha an sich heran und umarmte sie. »Die gehen heute aufs Haus. Dafür musst du mir aber beim Christmas Pudding helfen.«
»So wie jedes Jahr?« Die Freundin strahlte über das ganze Gesicht. Es tat gut zu wissen, dass Samantha trotz des Verlustes ihrer Großmutter ihr normales Leben wieder aufnahm.
»Natürlich. Denn auch wenn Granny nicht mehr dabei sein kann, so werden ihr berühmtes Rezept und unsere Tradition weiterleben. Und das werden wir beide fortsetzen, auch wenn wir schon alt und schrumpelig sind.« Sie zwickte ihre Freundin in die Wange, um ihre Worte zu unterstreichen. »Dann wirst du zwar deine tolle Pfirsichhaut nicht mehr haben, aber immer noch deine beste Freundin.«
»Na das hoffe ich doch!«, erwiderte Marsha lachend. »Reicht ein Nachmittag oder sollen wir einen ganzen Tag einplanen?«
»Honey, ich glaube, einer wird nicht reichen. Seitdem ich heute Früh aufgemacht habe, sind schon vier Vorbestellungen eingetroffen und das ist erst der Anfang. Außerdem habe ich ab übermorgen für die nächsten zweieinhalb Wochen täglich ein oder zwei Cateringaufträge für Weihnachtsfeiern.«
»Schaffst du das denn alleine?«
Samantha schüttelte den Kopf, die störrische Locke flog nach vorne und kringelte sich unmittelbar neben dem Augenwinkel ein. Sie blinzelte irritiert und pustete sie nach oben. »Nein, ich habe bereits am Vormittag Himmel und Erde in Bewegung gesetzt. Zuerst brauche ich sofort jemanden, der mir bis Weihnachten täglich unter die Arme greift und zu Jahresbeginn werde ich einen Mitarbeiter fix anstellen. Am liebsten einen, der noch keine Ahnung von Kochen und Patisserie hat, dafür aber Passion mitbringt.«
»Einen jungen Auszubildenden?«
»Nein Marsha, jung muss er oder sie nicht sein, denn ob Mann oder Frau ist mir egal. Aber eben ein Mensch, der lernfreudig ist.« Das Klingeln von Marshas Handy unterbrach sie. Mit erschrockenem Gesichtsausdruck nahm die Freundin das Gespräch an.
»James, verzeih bitte. Ich habe erst jetzt gesehen, wie spät es ist.«
Sie hörte kurz zu. »Ja, danke. In zehn Minuten sind wir daheim.«
Rasch umarmte sie ihre Freundin, nahm Emily an der Hand und ging zur Tür. »Ich melde mich morgen bei dir, Samantha. Wir haben Gäste zum Abendessen, nur wenn ich mich nicht beeile, dann können sie den Braten roh essen.«

Schmunzelnd blickte Samantha ihrer Freundin nach, die im Laufschritt davonlief und Emily hinter sich herzog, wie einen störrischen Welpen. Die Kleine hielt die Pralinenschachtel fest in der anderen Hand und versuchte, sich dem Tempo ihrer Mutter anzupassen, was ihr nur stolpernd gelang. Erneut fiel ihr die rebellische rote Haarsträhne ins Gesicht, als sie den Kopf schüttelte. Es war erst kurz nach sechs Uhr und wie sie selbst war auch Marsha eine ausgezeichnete Köchin, was sie beide Granny Beth verdankten. So wie sie ihre Freundin kannte, war der Tisch bereits eingedeckt und alles vorbereitet. Im schlimmsten Falle musste sie den Braten in den Backofen schieben und die vorbereiteten Beilagen aufwärmen und würde immer noch rechtzeitig fertig sein, um mit perfektem Make-up und in dem zum Abend passenden Outfit, das ihre Traumfigur vorteilhaft betonte, James Klienten zu empfangen. Zweifellos, denn sie war die perfekte Ehefrau und Mutter. Der Anwalt James Niles, der aufstrebende Stern unter den auf Erbrecht spezialisierten Anwälten Londons, liebte es, wichtige Mandanten bei sich zu Hause zu empfangen. Natürlich nicht, um die Kosten für das Abendessen in einem Restaurant zu sparen, sondern da er es genoss, ihnen einen Einblick in sein Privatleben zu gewähren und seine beiden Frauen bewundert wurden, was auf ihn positiv abfärbte. Die bezaubernde siebenjährige Emily, von ihm liebevoll Goldlöckchen genannt, da sie Shirley Temple in Curly Top wie aus dem Gesicht geschnitten war, lauschte ruhig und aufmerksam den Gesprächen der Erwachsenen und fragte um Erlaubnis, bevor sie den Tisch verließ, um zu Bett gehen. Und natürlich Marsha, die nicht nur fantastisch aussah, sprachgewandt war und ihre beruflichen Ambitionen als Anwältin auf Eis gelegt hatte, um sich Mann und Kind zu widmen. Doch der wahre Beweggrund für diese Dinnereinladungen waren Marshas extravagante Menüs, die sie stets mit einem Augenmerk auf die Herkunft oder Vorlieben der Gäste kreierte. Natürlich nach Rücksprache mit James Sekretärin, dich ihr auch verriet, wie viel Löffel Zucker die Betreffenden in ihrem Tee oder Kaffee wünschten. Sicher würde es auch heute Abend wieder so sein, überlegte Samantha mit einem letzten Blick auf ihre Freundin, die um die Straßenecke verschwand.

Kurz dachte sie daran die Ladentür abzusperren, doch die Lieferung von McDermott stand noch aus. Hoffentlich war nichts passiert. Isaac, der fröhliche Jamaikaner mit den Rastalocken, kam auf seiner Lieferrunde stets zwischen drei und vier Uhr bei ihr vorbei. Und gerade heute, nach der mehrwöchigen Schließung, benötigte sie die bestellte Ware dringend, vor allem die Pistazienstreusel. Mit einer resoluten Geste zog sie an dem Haargummi, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und band einen straffen Pferdeschwanz. Dann erhöhte sie das Volumen an der Dockingstation ihres iPods, der ihre unendliche Playlist an Weihnachtsliedern abspielte, drehte im Verkaufsraum das Licht ab und trat in den Küchenbereich. Sie wusch sich die Hände, bevor sie zum Herd ging, um die Temperatur des Wasserbads zu kontrollieren, wo die restliche Pralinenmasse auf sie wartete. Perfekt, nicht zu weich und nicht zu hart. Flink versenkte sie ihre Finger in die geschmeidige dunkle Masse, rollte die nussige aromatisierte Schokolade zwischen ihren Handflächen zu einer Kugel und legte diese auf der weiß-grau melierten Marmorfläche zu den anderen. Bei dreihundert hatte sie aufgehört zu zählen. Während sie die soundsovielte Schokopraline formte, sang sie mit lauter Stimme John Lennons So this is Christmas mit und überhörte die Glocke an der Ladentür, als sich diese öffnete.

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Copyright Cover & Leseprobe: Lisa Torberg –
Publikation mit frdl. Genehmigung der Autorin.

Lisa Torberg,
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