Das Leben ist Patchwork, geht in Ordnung: Bärbel Götz, In den Gärten Katzen [Leseprobe]

baerbel-goet-in-den-gaerten-katzen-romanAnne hat ihr halbes Leben alleine gemeistert. Und das mit Erfolg. Jetzt fühlt sich die pensionierte Lektorin und dreifache Mutter alt, einsam und nicht mehr gebraucht. Sie kümmert sich um ausgesetzte Katzen in den Gärten am Rande der Stadt. Und sortiert Bücher um, nach ganz eigenen Ordnungsvorstellungen, nicht nur im eigenen Regal. In den Buchhandlungen vor Ort hat sie schon Hausverbot. Ansonsten verläuft das Leben in ruhigen Bahnen, bis auf einen Tag im Jahr: Annes Geburtstag. Dann reisen ihre drei Töchter an, was nie ohne Streit abgeht. An einem solchen Datum setzt Bärbel Götz‘ Patchwork-Familien-Roman In den Gärten Katzen ein. „Das mit den Büchern ist ein Spleen von ihr. Na ja, so ganz richtig im Kopf ist Anne nicht immer. Für die Leser mag das unterhaltsam sein. Für ihre Töchter nicht“, so die Autorin über ihre Hauptfigur. Was sich erst recht in der Folge zeigt: Der Geburtstag verläuft zwar fast wie immer — doch er bildet den Auftakt für eine Wende in der familiären Ordnung. Anne wird immer sonderbarer, und stellt die drei Schwestern Annette, Gudrun und Ulrike vor eine Probe: sie müssen Verantwortung für ihre Mutter übernehmen, und zwar gemeinsam. „In den Gärten Katzen“ ist alltagsnah und stilistisch präzise erzählt — und bleibt doch Fiktion, zumindest mehr oder weniger: „Da gibt es diese Frau, die ich beim Spazierengehen sehe. Sie füttert Katzen wie Anne. Ich habe mir ihr Leben ausgedacht“, so Bärbel Götz über die Entstehung des Romans. Wer Anne kennenlernen möchte, kann das in unserer Leseprobe tun — noch etwas mehr verrät die Blick-ins-Buch-Funktion im Kindle Shop bzw. bei Thalia (epub-Version).

Bärbel Götz, In den Gärten Katzen

1. Kapitel
Anne wachte um sechs Uhr auf. Sie war hellwach, obwohl ihr Wecker erst um acht Uhr läuten würde. Sorge und Unruhe von gestern waren wieder da. Heute war ihre Geburtstagsfeier. Einmal im Jahr lud sie die Töchter zu sich ein. Meistens gab es Streit.
Es war der 11. März. Sie verschob die Feier immer schon um einen Monat, weil sie den Februar deprimierend fand. Alles sehnte sich nach Sonne und Frühling und nach jungem Grün, aber der Februar war meistens eisig kalt und brachte Schnupfen und Angina. Vier Wochen später blühten im Garten Schneeglöckchen, Krokusse und Primeln und die Tage waren länger.
Gestern hatte sie in der Küche gestanden und den Braten gemacht. Dazu gab es Kartoffelsalat und Spätzle. Ein schwäbisches Sonntagsessen. Das kochte sie immer zu ihrer Geburtstagsfeier. Ulrike sagte, sie bevorzuge die mediterrane Küche, weil sie leicht und gesund und mit viel Gemüse sei, aber wenn Anne sah, wie ihre Schwiegersöhne das Essen verschlangen, wusste sie, dass es im nächsten Jahr nichts anderes geben würde.
Ihr war gestern schon nicht wohl gewesen, wenn sie an die Feier dachte. Sie wusste nie, was passierte, wenn die drei Mädchen aufeinandertrafen. Aber einmal im Jahr musste es doch sein, sie waren schließlich eine Familie. Zum Glück brachte heute jede ihren Mann mit, da gab es diesbezüglich wenigstens keine spitzen Bemerkungen. Wenn ihre Töchter einzeln kamen, war es einfacher. Annette war unkompliziert, bei Ulrike und Gudrun war Anne lieber auf der Hut. Aber alleine konnten sie nicht aufeinander losgehen.

Wegen des Kochens war sie nur kurz bei den Katzen gewesen. Whisky war seit Tagen nicht erschienen. Das ging ihr nicht aus dem Kopf. Hoffentlich war ihm nichts passiert. Sie musste morgens oder abends gehen, weil die Besitzer oft in ihren Gärten waren, Bäume und Hecken schnitten und alles fürs Frühjahr vorbereiteten. Die waren nicht begeistert, wenn sie vor ihnen stand und die Katzen suchte.
Es war einer der ersten Sonnentage gewesen nach einem langen, trüben Winter. Die Märzsonne hatte Kraft, sie wärmte und schien mit einem unglaublichen Licht auf die fahle Welt. Menschen kamen aus den Häusern, in denen sie den Winter über wie in Höhlen gehaust hatten, und rieben sich die Augen. Man sah, wie ihnen das Herz aufging und ihre Gesichter sich entspannten. Die Katzen waren zutraulich gewesen, sie stupsten sie, Schlecker sprang ihr auf den Arm. Auch sie genossen die Sonne.
Im März war die Sonne noch nicht echt. Es konnte sein, dass sie die ersten schönen Tage mit Schneeregen an Ostern bezahlen mussten, und dann kam der launische April. Aber da konnten sie sich trotz Regenwetters an jungem Grün erfreuen, an der gelben Forsythie und an den weiß und zartrosa blühenden, knorrigen Obstbäumen, die in ihrer Blütezeit wie Bräute da standen.

Anne riss sich aus ihren Gedanken und stand auf. Sie öffnete den Kleiderschrank und suchte die feinen Sachen, die sie schon vor Jahren in den hintersten Winkel verbannt hatte. Wenn Ulrike sie heute in ihren ausgeleierten Jeans sehen würde, wäre sie womöglich Schuld an einer Eskalation. Anne gehörte nicht zu den Senioren, die aussahen, als seien sie gerade fünfzig geworden. Dazu wog sie zu viel und müsste die Haare öfter waschen und frisieren lassen. Ihre Gummistiefel und der abgetragene Parka waren praktisch, wenn sie die Tiere fütterte, schön nicht.
Die Streitereien und Eifersüchteleien hatten erst begonnen, als die Mädchen älter wurden. Ulrike hatte früher ihre zwei kleinen Schwestern bemuttert, Annette hatte sich um Gudrun, das Küken, gekümmert. Die zwei Großen waren zusammen zur Schule gefahren. Manchmal hatten sich Ulrike und Gudrun verbündet und Annette gepiesackt, und manchmal hatten Ulrike und Annette etwas zusammen gemacht und die kleine Gudrun durfte nicht mitmachen. Oft genug hatten die beiden Großen der kleinen Schwester aus der Patsche geholfen.
Annette wachte über Gudruns Schulweg. Es gab ein böses Mädchen in der Straße, das etwas älter als Gudrun alle kleineren Mädchen in Angst versetzte. Wenn sie Gudrun zu nahe kam, war immer Annette zur Stelle und vertrieb sie. Elke hieß sie. Anne hatte den Namen nicht vergessen, war er doch Gegenstand endloser Diskussionen und Gespräche beim Abendessen. Gudrun hatte Angst vor Elke und was, wenn Annette einmal nicht da war? Die Mädchen hatten Pläne geschmiedet, wie sie Elke Fallen stellen und sie in einen Hinterhalt locken würden. Anne hatte überlegt, ob sie mit der Mutter des Mädchens reden sollten, machte es dann aber nicht, um die Situation nicht zu verschlimmern. Annette war immer da, wenn es brenzlig wurde, und irgendwann zog Elke weg, und es wurden andere Probleme beim Essen besprochen.

Annette kam oft zu ihrer Mutter. Immer mit der S-Bahn, nicht mit dem Auto. Anne wusste, was das bedeutete.
»Mama, trinken wir ein Viertele zusammen?«
Anne freute sich, wenn ihre Tochter kam, und sie trank gerne ein oder mehrere Gläser Wein mit ihr. Wenn Ulrike erfuhr, dass Annette wieder bei der Mutter gewesen war, schimpfte sie. »Mama, die Annette ist Alkoholikerin und du unterstützt das auch noch. Aber du trinkst ja selbst gerne ein Gläschen und selten bleibt es bei einem.«
Annette war nie betrunken, wenn sie ein paar Gläser hatte, wurde sie ganz lieb.
»Mama, weißt du noch, wie das war, als wir klein waren?«
Manchmal erzählte sie von Uwe. Wenn er zuhause war, schaute er fern oder saß vor dem Computer. Was er da machte, wusste sie nicht. Sie redeten nicht viel.
Uwe holte Annette ab, wenn sie ihre Mutter besuchte. Er nahm sich ein Bier aus Annes Kühlschrank, setzte sich zu den beiden Frauen, bis er ausgetrunken hatte, und fuhr dann mit Annette nach Hause.
Annette arbeitete auf irgendeinem Amt. Anne konnte sich nie merken auf welchem. Zollamt, Finanzamt, Bauamt. Sie fürchtete manchmal, vor Langeweile bei der Arbeit zu sterben. Außerhalb der Arbeit war es nicht anders. Nur wenn sie trank, verging die Langeweile.
Anne sagte nichts zu ihrer Tochter deshalb. Sie trank selbst gern ihre Viertele. »Solange du den Wein nicht aus dem Tetrapack trinkst«, sagte sie einmal, »oder schon morgens den Cognac beim Bäcker kaufst.«

Anne holte einen grauen Hosenanzug aus dem Schrank. Der stammte aus ihrer berufstätigen Zeit. Sie hatte als Lektorin in einem kleinen Verlag gearbeitet. Die Lust am Lesen hatte sie ihr Leben lang begleitet. Als ihre freie Zeit begann, holte sie nach, was sie in den Berufsjahren nicht machen konnte. Nächtelang durchlesen, nur zum Essen und Duschen kurz aufstehen und dann weiterlesen. In den Büchern verschwinden.
Wenn sie ein Buch aus dem Regal nahm, konnte es sein, dass sie sich an den Inhalt nicht mehr genau erinnerte, wohl aber an die Situation und die Stimmung, in der sie es gelesen hatte. »Lotte in Weimar« im Zug von Athen nach Stuttgart, damals, als sie mit dem Rucksack auf den Kykladen unterwegs war. »Schuld und Sühne« im Zug nach Rom kurz nach dem Abitur. »Anna Karenina« dieses Jahr im Garten, »Quo vadis«, als sie mit Heiner und den Mädchen am Atlantik war.
Im Winter las sie mehr als im Sommer, Anfang des Jahres fraß sie sich wie die Raupe Nimmersatt durch dicke Bücher. Alle Irvings innerhalb von drei Monaten. Dann lange keinen Irving mehr. Im Sommer hatte sie die Ausdauer nicht, da las sie an einem Buch, wie man an einer Torte herumpolkt, die einem zu süß oder zu fett ist, legte es wieder zur Seite, strich oft in den Buchhandlungen herum auf der Suche nach neuen Reizen, wie ein Junkie auf Entzug.
Anne hatte ihre Bücher alphabetisch nach den Nachnamen der Autoren sortiert. Als sie die Menasse gelesen ins Regal stellte, überlegte sie, ob das wohl richtig sei. Es gab nicht viele schreibende Ehepaare. Was, wenn die Menasse sich zu gut mit Column McCann verstand, neben dem sie zu stehen kam. Sie schaute nach, wo Menasses Mann war, und fragte sich, ob er als Retourkutsche etwas mit der Kuckart anfangen würde. Sollte sie eine Ausnahmeregelung machen? Bei der Hustvedt war die direkte Gefahr nicht so groß. Allerdings konnte sie um Tipsys sonderbare Liebesgeschichte und den Dreißigjährigen Krieg herum Ödön von Horvath schöne Augen machen. Und Paul Auster war in direkter Nähe zur Bachmann ja auch nicht richtig sicher.
Anne ging in der Buchhandlung an den Regalen entlang und prüfte, ob es irgendwelche Annäherungsversuche gab. Telkamp zum Beispiel lehnte sich offensichtlich lasziv an Anna Karenina. Die hatte doch wahrlich Sorgen genug. Ob da ein Umzug in die morschen Villen in Dresden das Richtige wäre?
Anfangs war es niemandem aufgefallen, dass die Bücher anders standen, nachdem Anne da gewesen war. Sie bemühte sich, Zeit verstreichen zu lassen, bis sie wieder in dieselbe Buchhandlung ging. Aber da man die Zahl der Läden an einer Hand abzählen konnte, dauerte es nicht lange genug. Die Buchhändlerinnen begannen sie zu beobachten. Die mollige, ältere Dame hielt sich lange vor der Belletristik auf, blätterte in manchen Büchern. Und wenn sie gegangen war, war alles durcheinander. Siri Hustvedt stand neben John Irving. Zeruya Shalev neben Kafka. Margaret Atwood lehnte sich an Amos Oz. Sie kaufte immer wieder ein Buch. Aber viel länger sortierte sie die Romane. In der Buchhandlung in der Fußgängerzone fragten sie als erste, was sie da mache. Sie schaffe Ordnung, sagte Anne. Die Spannungen seien unerträglich gewesen, sie habe das gleich bemerkt, als sie den Laden betreten habe. Irgendwann fingen sie sie an der Tür ab und baten sie, ihre Buchhandlung nicht mehr aufzusuchen. In den anderen Buchhandlungen lief es auf das gleiche hinaus.
So kam sie zu den Katzen. Bei einem Spaziergang durch die Gärten am Rand der Felder fielen ihr die mageren Katzen auf, die in den Gärten herumstreunten. Sie begann sie zu füttern.

»Schlecker, Whisky, Flöckle«, rief Anne, wenn sie sich durch den Spalt zwischen Gartentor und Zaun in fremde Gärten zwängte, oder vor dem Tor stand.
Schlecker war ein dicker, schwarzweiß gefleckter Kater.
»Schlecker, komm, komm, komm her, du hast mich schon gehört.«
Aus ihrem Korb mit den vielen Tupperschüsseln holte sie einen Leckerbissen für Schlecker. Sie streichelte ihn, während er fraß, und sprach mit ihm. Dann ging sie zu ihrem silbernen Kombi zurück, stellte den Korb in den Kofferraum und fuhr zum nächsten Garten, wo andere Katzen schon auf sie warteten. Manchmal musste sie viele Gärten anfahren, bis sie alle Katzen gefunden hatte. Whisky tauchte seit Tagen nicht mehr auf, das brachte Anne fast um. Sie hatte von Anfang an diese Frau im beigen Daunenmantel in Verdacht, der sie beinahe jeden Tag begegnete, wenn sie zu den Katzen unterwegs war. Wie neugierig die schaute. Es kam Anne vor, als lauerte sie ihr auf. Außerdem glaubte sie, dass sie die Gartenbesitzer nach ihr ausfragte.

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Autorin & Copyright: Bärbel Götz

in-den-gaerten-katzen-cover Bärbel Götz,
In den Gärten Katzen
E-Book (Kindle)
E-Book (epub, via Thalia)

Henry Palmer ermittelt „Hart am Rand“: Finale der Krimi-Trilogie von Ralph Gerstenberg

hart-am-rand-introBerlins Mitte boomt, die Schickimickiszene bestimmt das Nachtleben. Auch mit Henry Palmer scheint es aufwärts zu gehen, er hat einen lukrativen Job als “Location Scout” angenommen. Doch bald gibt es schon wieder Ärger im Kiez: Henry verliebt sich in eine Prostituierte, lernt einen skurrilen Waffenhändler kennen, und landet mitten in einer Lokalfehde zwischen Kneipenwirten und “Tresengangstern”. Dann verschwindet nicht nur der Vater seines besten Freundes Theo, auch das Manuskript einer True Crime-Story zum Thema Designerdrogen fehlt. Auf die Polizei ist kein Verlass, Henry muss den Fall mal wieder selbst lösen — ermittelt wird „Hart am Rand“. So auch der Titel des bei ebooknews press als E-Book & Paperback erschienenen Krimis von Ralph Gerstenberg, mit dem zugleich die Henry Palmer-Trilogie endet (siehe auch: „Grimm und Lachmund“ sowie „Ganzheitlich sterben“). Noch einmal führt Gerstenbergs Krimi den Leser zurück in das Berlin der Neunziger Jahre, in diesem Fall kurz vorm Übergang zum Millenium. Der Nachwendezauber ist endgültig verflogen, die neue Mitte hat sich etabliert: „Die Zeit der Unschuld, falls es sie jemals gegeben hat, war definitiv vorbei. Berlin wurde abgesteckt und aufgeteilt“, so der Autor im E-Book-News-Interview über das Setting. „Die Cleveren sind dabei ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, während Henry Palmer und seine Freunde weiter in ihren Tagträumen leben, bis sie schließlich von der Realität eingeholt werden.“ Unsere Leseprobe führt an den Beginn der Story um Theos Vater & das verschwundene Manuskript:

Ralph Gerstenberg, Hart am Rand

(…)
«Henry?»
«Morgen Theo, wie fühlt man sich nach einer durchzechten Nacht?»
«Du musst unbedingt herkommen!»
«Was ist denn los?»
Seine Stimme klang trotz des versoffenen Timbres irgendwie verhalten und beinahe wehleidig.
«Du musst unbedingt herkommen!», wiederholte er.
«Okay», sagte ich. Schließlich befand sich die Wohnung seines Vaters gleich um die Ecke. «Lass mich nur erst zu Ende frühstücken. In einer halben Stunde bin ich da.»
«Henry, ich will dich nicht unter Druck setzen, aber es ist etwas passiert.»
«Und du willst nicht am Telefon darüber sprechen.»
«Nein!»
«Du kannst einem ja richtig Angst machen. Also gut, ich bin gleich bei dir.»
Ich nahm noch einen Schluck von dem Milchkaffee, der gerade gebracht wurde, belegte eine Toastscheibe mit Käse, klappte die andere darauf, bezahlte und ging.
Meine Seele hatte sich immer noch nicht blicken lassen. Wahrscheinlich zog sie es vor, bei diesem Wetter im Bett zu bleiben. Das hätte der Rest von mir auch gerne getan. Stattdessen stand er nun vor der Tür in der Auguststraße, würgte den letzten Bissen von dem trockenen Toast herunter und drückte auf den Klingelknopf.
Theos Kopf erschien im Türspalt. Er hatte eine ähnliche Strubbelfrisur wie der Typ, den ich heute Morgen im Spiegel gesehen hatte. Auch die Blässe in seinem Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor.
«Gott sei Dank!», sagte er und ließ mich herein. In der Hand hielt er ein Wasserglas, auf dessen Boden eine Tablette zerfiel.
«Wo brennt’s denn?»
Statt zu antworten führte er mich ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch lagen noch das Fotoalbum, die Polaroidkamera und die Bilder, die Theo von Hannah und seinem Vater beim Tanzen gemacht hatte. Daneben standen eine fast volle Flasche Bier und ein Aschenbecher mit einer angerauchten Zigarre auf der Ablage. Obwohl es draußen nicht gerade hell war, wirkte die Wohnung bei Tageslicht noch verstaubter, vergilbter und vergammelter als gestern Abend. Theo sagte noch immer nichts. Er nickte nur kurz in Richtung des Sofas, auf dem sein Vater bei unserem Abschied gelegen hatte.
«Soll ich dir beim Aufräumen helfen?», fragte ich schließlich, um ein bisschen voranzukommen.
«Er ist weg», sagte Theo, schüttelte das Glas und blickte traurig und abwesend in die trübe Flüssigkeit.
«Wer?»
«Mein Vater.»
«Und wo ist er?»
«Keine Ahnung.»
So ratlos hatte ich Theo noch nie gesehen. Als er mich anschaute, kam ich mir vor wie ein Internist, von dem eine schicksalsentscheidende Diagnose erwartet wurde. Dabei war ich eigentlich derjenige, der Fragen stellen sollte, fand ich.
«Vielleicht hatte er einen Termin», versuchte ich ihn zu beruhigen. «Sicher wollte er dich heute Morgen nicht wecken.»
Statt etwas zu erwidern, führte Theo mich ins Schlafzimmer. Als ich den Raum betrat, stieß ich mit dem rechten Fuß gegen eine leere Schnapsflasche, die daraufhin unter das Doppelbett rollte. Die Türen des Kleiderschranks standen weit offen. Hosen, Hemden, Jacken, Strümpfe lagen durcheinander
auf dem ungemachten Bett. Der Inhalt mehrerer Schubfächer war auf dem Fußboden verteilt worden. Eine Nachttischlampe war heruntergefallen und zu Bruch gegangen, ebenso ein Bild von Theos Mutter.
Theo hob es auf und entfernte das zersprungene Glas aus dem Rahmen.
«Hier sieht’s ja wüst aus», stellte ich überflüssigerweise fest.
«Es ist meine Schuld», sagte Theo und stellte das Bild zurück auf den Nachttisch.
«Ich glaube, ich kann dir nicht ganz folgen.»
«Das Manuskript ist auch verschwunden.»
«Dein Buch, von dem du mir gestern erzählt hast?»
Er nickte und nahm einen Schluck aus dem Glas, das er immer noch wie einen Drink in der Hand hielt.
«Dann ist doch alles klar! Dein Vater sitzt in irgendeinem Café um die Ecke, genehmigt sich ein Katerfrühstück und liest sich dabei an deinen Jugenderinnerungen fest.»
«Ich habe es ihm gegeben, damit er weiß, was ich getan habe und warum.»
«Das wird ihn sicher interessieren.»
Ich ging zurück in den Korridor und machte Anstalten, die Wohnung zu verlassen. Schließlich hatte ich heute noch einiges vor.
Doch Theo schüttelte energisch den Kopf und wirkte auf einmal so aufgelöst wie die Tablette in seinem Glas.
«Das würde er niemals tun“, sagte er. «Nie!»
«Was?»
«Einfach so zu verschwinden.»
«Theo, ich weiß nicht, wie lange du wach bist, aber er kann höchstens ein paar Stunden weg sein. Kein Grund also, sich Sorgen zu machen.» Ein Blick in das Schlafzimmer ließ jedoch leichte Zweifel an meinen eigenen Worten aufkommen.
«Er würde niemals das Bild von meiner Mutter auf dem Fußboden liegen lassen.»
«Worauf willst du eigentlich hinaus?»
Theo schluckte den letzten Rest der aufgelösten Tablette und sagte voller Überzeugung: «Er ist nicht freiwillig gegangen.»
«Ehrlich gesagt, weiß ich noch immer nicht, was du damit sagen willst.»
«Dass er entführt wurde! Das ist doch offensichtlich.»
Langsam wurde er ungeduldig. Eine solche Begriffsstutzigkeit hatte er von mir wohl nicht erwartet.
«Von wem und weshalb?»
«Von den Leuten, die etwas dagegen haben, dass mein Buch erscheint und dass ich wieder auf freiem Fuß bin. Da hat jemand unwahrscheinliche Angst. Oder glaubst du, es ist Zufall, dass so etwas passiert – einen Tag, nachdem ich entlassen wurde?» Indem er wieder den Kopf schüttelte, beantwortete
er seine Frage gleich selbst.
Theos Entführungsthese schien mir zwar ganz in der Tradition paranoider Verschwörungstheorien zu stehen und durchaus etwas mit den geistigen Getränken zu tun zu haben, die er gestern zu sich genommen hatte. Trotzdem versuchte ich pro forma darauf einzugehen. Was tut man nicht
alles für seinen besten Freund.
«Ich weiß zwar nicht, was du geschrieben hast, aber es muss schon ziemlich brisant sein, wenn im Vorfeld Schlafzimmer durchwühlt und Leute entführt werden.»
«Sie wollen mich unter Druck setzen. Bislang hatten sie nichts in der Hand, aber nun . . . »
Sie! Ich hatte es befürchtet. 3. Person Plural – bevorzugt verwendet von Leuten, denen der sanfte Kuss der Paranoia den Geist verwirrt hatte!
«Wen hast du denn eigentlich konkret in Verdacht?», fragte ich vorsichtig.
«Diese Arschgeigen können was erleben!», erklärte Theo aufgebracht, statt einer Artwort. «Mein Vater hat genug durchgemacht in seinem Leben. Das ist nicht fair, dass er auch noch Rechnungen bezahlen soll, die ich mit ein paar Idioten in dieser Stadt offen habe.»
«Wie wär’s, wenn du erst mal einen Kaffee kochst und mir genau erzählst, worum es eigentlich geht?»

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Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg

Hart-am-Rand-Teil-drei-Henry-Palmer-Trilogie
Ralph Gerstenberg, Hart am Rand (Krimi)
(Henry Palmer-Trilogie, Bd. 3)
E-Book (epub/mobi) 2,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 8,90 Euro

Coverfoto: Robert Agthe/Flicker (cc-by-2.0)

Zahn um Zahn in Baden-Baden: Ilona Bulazel, Sepsis – Das Schandmaul [Leseprobe]

sepsis-das-schandmaul-introBöses Erwachen in Baden-Baden: Als Kommissar Rolf Heerse zu einer grausam entstellten Leiche gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass bald weitere Morde folgen werden. Doch bald wird klar: Ein mysteriöser Serienmörder hinterlässt auf seinem Streifzug durch das beschauliche Städtchen eine blutige Spur des Hasses. Warum verstümmelt er auf so brutale Weise den Mund seiner Opfer? Während die Ermittler bald in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, holt den Hauptkommissar ein dunkles Kapitel der eigenen Vergangenheit ein. Mit „Sepsis – Das Schandmaul“ legt Thriller-Autorin Ilona Bulazel nach »Sepsis – Verkommenes Blut« den zweiten Krimi mit Hauptkommissar Rolf Heerse vor. Neben Psychothrillern schreibt die in Baden-Baden lebende Self-Publisherin auch SciFi-Krimis, zuletzt erschien „Projekt Todlicht“. Unsere Leseprobe zu „Sepsis“ führt direkt zum Fundort der ersten Leiche…

Ilona Bulazel: Sepsis – Das Schandmaul

Kapitel 1

»Das Schandmaul steht im weitesten Sinne für ein freches Mundwerk, wird aber oft auch als Bezeichnung für jemanden verwendet, der abwertend oder boshaft über andere Personen spricht.«

Liane Ohwaldt fühlte sich alleingelassen und hilflos. Während ihr dicke Tränen über die Wangen liefen, dachte sie an die Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war und der Vater ihr jeden Abend vorgelesen hatte. Die Märchen ihrer Kindheit – alles Lügen! Die Geschichten über die dunklen Wälder und bösen Hexen stimmten genauso wenig wie die Legenden von gütigen, alten Weibern und edlen Rittern. Die Welt war vollkommen anders, die Welt war grausam. Liane schluchzte, aber das, was geschehen sollte, ließ sich nicht mehr aufhalten.
Grob wurde sie auf die Knie gestoßen. Der feuchte Boden roch vertraut, wieder eine Kindheitserinnerung. Dieses Mal an Pilzesammeln und Versteckspielen. Verzweifelt bettelte sie um Gnade, das qualvolle »Bitte nicht« war das Letzte, was sie sagen konnte. Das Metallrohr traf sie mitten ins Gesicht, Knochen und Zähne splitterten und plötzlich war da nur noch Schmerz. Der zweite Schlag verletzte sie schwer am Hinterkopf. Liane hörte das Brechen des eigenen Schädels und verlor das Bewusstsein. Wenige Minuten später war sie tot.

Mitte Juni

Die Hitze war beinahe unerträglich. Lydia kniff die Augen zusammen. Auch wenn sie gerade ihren eigenen Gedanken nachhing, beäugte sie wachsam die Kinder. Die dritte Klasse Grundschule war kein Zuckerschlecken. Sollte Lydia jemals wieder eine Jobentscheidung treffen müssen, dann würde sie sich mit Sicherheit für die Erwachsenenbildung entscheiden.
Mit einer scharfen Ermahnung pfiff sie einen der Jungen zurück, der gerade den höchsten Baum auf der Lichtung erklimmen wollte, und hoffte, dass dieser Wandertag bald zu Ende sein würde. Dann versank sie wieder in Grübeleien über das eigene Schicksal. Die Vorstellung, mit ihrem neuen Freund den ersten gemeinsamen Urlaub am Meer zu verbringen, konnte sie nicht wirklich fröhlich stimmen. Die acht Kilo, die zwischen ihr und der perfekten Bikini-Figur standen, hatten sich seit Weihnachten erfolgreich behauptet. Zu allem Übel war die Ex ihres neuen Partners gertenschlank gewesen. Doch noch bevor sich Lydia ihrem Frust hingeben konnte, hörte sie einen lauten Schrei.
Die Lehrerin wusste sofort, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Auch ihre Kollegin und zwei der Mütter, die sich als Begleitpersonen angeboten hatten, erhoben sich von den Picknick-Decken. Schon folgte das aufgeregte Rufen der Kinder.
»Till! Es war Till! Er hat es gefunden!«, schrie der kleine Johann, einer der sommersprossigen Zwillinge.
Natürlich!, dachte Lydia, wer sonst! Es war immer Till. Der Junge schien ihr ganz persönlicher Sargnagel zu sein. Hyperaktiv, schlau und ohne den Hauch von Verantwortungsgefühl.
»Mara weint«, erreichte sie das dünne Stimmchen von Susanne, die mit verzweifelter Miene zu ihrer Lehrerin aufsah.
Lydia legte einen Zahn zu. Außer Atem stapfte sie in Richtung der Kinder, die trotz des ausdrücklichen Verbots den Waldweg verlassen hatten und nun im Dickicht standen.
Sie zerkratzte sich die Waden an einem Dornengestrüpp. Mit strengem Gesichtsausdruck stürmte sie zu der Gruppe. Zwei Mädchen hielten sich an den Händen. Die eine wurde, den Kopf gesenkt, von Weinkrämpfen geschüttelt, die andere starrte mit ihren großen blauen Kulleraugen stur geradeaus, so als würde sie unter Schock stehen.
Till, der vermeintliche Übeltäter, kam ihr erleichtert entgegen – ein Umstand, der die Lehrerin zusätzlich beunruhigte.
»Schnell, dort vorne!«, keuchte der Junge aufgeregt.
Als sich Lydia schließlich dem aufgewühlten Blätterhaufen näherte, traf sie der Anblick völlig unvorbereitet. Die Leiche war fast vollständig von Erde und Laub bedeckt. Nur das bleiche, marmorierte Gesicht lag frei und bildete einen merkwürdig grellen Kontrast zu den dunklen Farben des Waldes. Eine seltsame Stille schien plötzlich um sie herum zu herrschen und Lydia spürte eine unangenehme Kälte. Der fremdartige süßlich-faulige Geruch verursachte ihr Übelkeit. Der Lehrerin wurde schwindelig. Sie hörte ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen. Unfähig den Blick abzuwenden, betrachtete sie jedoch weiter das entstellte Gesicht. Tiere mussten sich bereits über das Fleisch hergemacht haben. Kleine Nager mit winzigen, scharfen Zähnchen hatten den rechten Wangenknochen bearbeitet. Die Augäpfel fehlten. Vielleicht war hier einer der großen Rabenvögel auf eine willkommene Mahlzeit gestoßen. Anklagend stierten die leeren Augenhöhlen in Lydias Richtung, die erschrocken erkannte, dass die weißen Stückchen, die am Kinn der Leiche klebten, keine Kiesel, sondern ausgeschlagene Zähne waren. Als im nächsten Moment ein dicker schwarzer Käfer aus einem der Nasenlöcher krabbelte, verlor sie die Kontrolle und musste sich übergeben.
Niemand lachte oder sagte etwas. Mittlerweile hatten auch die anderen Erwachsenen begriffen, was vor sich ging. Mit brüchigen Stimmen gaben sie den Kindern Anweisungen. Folgsam sammelten die sich auf der kleinen Lichtung, suchten die Nähe zueinander und lauschten schweigsam dem Gespräch, das Lydia wenig später per Handy mit dem Notruf der Polizei führte.

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Copyright Cover & Leseprobe: Ilona Bulazel
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung der Autorin

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Ilona Bulazel, Sepsis – Das Schandmaul
E-Book (Kindle) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 9,99 Euro

Schlagschatten der Vergangenheit – Lena Sander, Memory Effekt [Leseprobe]

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Aus der langjährigen Ehehölle entkommt die psychisch labile Mia Kronen in die Ruhe eines Sanatoriums. Doch als sie in der Zeitung ihre eigene Todesanzeige entdeckt, gerät ihr Leben erneut aus den Fugen. Verbirgt sich dahinter eine weitere Intrige ihres ebenso genialen wie brutalen Ehemannes, oder steckt etwas anderes dahinter? Je näher sie der Wahrheit kommt, desto grausamer wird sie von der Vergangenheit eingeholt. Ganz ähnlich geht es Psychologin Dr. Linda Schwarz – nach einem Unfall ist ihr Ehemann ins Koma gefallen, und hat in seinen traumlosen Schlaf ein schreckliches Geheimnis mitgenommen. Im Sanatorium treffen beide Frauen aufeinander, und müssen erfahren: ihre Schicksale sind eng miteinander verknüpft. Doch was ist es, das beide Frauen gemeinsam haben? Auch in ihrem neuesten Psycho-Thriller „Memory Effekt“ schont Bestseller-Autorin Lena Sander unsere Nerven nicht. Unter anderem Namen hat die Freiburgerin schon mehrere humorvolle Bücher veröffentlicht, seit ihrem Debüt „Zersetzt“ erweist sie sich auch als Meisterin der Spannung, die unter die Haut geht. Unsere Leseprobe führt direkt ins zweite Kapitel, in dem Mia Kronen die eigene Todesanzeige entdeckt. Was davor (und danach) geschieht, verrät die Blick ins Buch-Option im Kindle Store.

Lena Sander, Memory Effekt

2. Kapitel
Februar 2015 – Das Sanatorium

Die Erinnerungen verfolgten sie und wollten sich auch nicht abschütteln lassen. Was sagte die Therapeutin? Es braucht Zeit, viel Zeit …
Sie öffnete den Mund, in dem sich noch der letzte Bissen ihres Frühstücksbrötchens befand, um ihrer Tischnachbarin die Antwort auf deren Frage: »Und warum sind Sie hier, im Sanatorium?« zu geben. Dazu kam sie nicht mehr. Der Bissen blieb ihr im Hals stecken. Auch die nächste Frage: »Ist Ihnen nicht gut?«, konnte sie nicht einmal mit einer Geste beantworten. Sie hustete und rang nach Luft. Mit zittriger Hand versuchte sie, ihre Kaffeetasse zurück auf den Unterteller zu stellen. Die Tasse entglitt und zersprang auf dem Boden in unzählige Scherben.
»Kein Problem«, sagte James, ein Mitarbeiter des Sanatoriums, beruhigend. »Ich hole etwas zum Aufwischen.« Er, der gute Geist des Hauses, James, wie er sich selbst zu nennen pflegte. Keiner kannte seinen richtigen Namen. Wenn er danach gefragt wurde, winkte er ab, zwinkerte und sagte: »Der beste Butler heißt immer James.« Der groß gewachsene, schlaksige Kerl kümmerte sich um viele Belange der Kurgäste. Tatsächlich wie ein guter Butler, der wusste, was seine Gäste gerade benötigten. Sie hatte sich schon oft gefragt, ob James kein Zuhause hatte. Sie hatte den Eindruck, dass er immer gerade dann anzutreffen war, wenn man ihn brauchte, nicht nur in dem barocken Speisesaal, dessen Spiegelwände jedem vorgaukelten, dass der Raum um ein Vielfaches größer sei.
»Haben Sie sich verbrüht, gnäʼ Frau, kann ich Ihnen behilflich sein?« Sie fuhr auf ihrem Stuhl herum. James schüttelte eine gefaltete Serviette auf und legte sie ihr auf die durchnässte Hose.
»Danke.« Aus dieser Nähe waren seine tiefen Pockennarben gut erkennbar und die frische Schnittwunde, die er sich bei seiner morgendlichen Nassrasur zugezogen haben musste.
»Benötigen Sie die noch?«, war die nächste Frage von James. Er zeigte auf die Tageszeitung ihres Tischnachbarn, die mit Kaffee befleckt war. Ein Schwall seines Rasierwassers zog in ihre Nase – Tabac. Sie hustete erneut, konnte nicht antworten und klatschte ihre Hand mitten auf das nasse Papier.

Es gab viele Gründe, warum sie sich in diesem Sanatorium befand. Hier, in diesem alten Haus, dessen Innenarchitekt ein Verwandter König Ludwigs des Sechzehnten gewesen sein musste. War sie doch heute Morgen von ihrem Tischnachbarn, Herrn Silberkron, der sie gerade schockiert ansah, auf Mitte dreißig geschätzt worden. So rechtfertigte anscheinend allein schon ihr Aussehen diese Kur.
»Ich hätte Ihnen die Zeitung auch so gegeben, junge Frau. Die ist eh schon einige Tage alt. Sie hätten sie nicht extra mit Kaffee tränken müssen.« Herr Silberkron lächelte, schüttelte die letzten Tropfen ab und reichte ihr das nasse Papier.

Ein Trugbild. Das, was sie zuvor nur aus dem Augenwinkel hatte erkennen können, war bestimmt eine Täuschung – ganz sicher. Sie nahm die Zeitung in die Hand, schlug sie auf und starrte wie paralysiert auf die Anzeige:

mia-kronen-ist-tot

Plötzlich wurde die Welt um sie herum aus den Angeln gehoben. Es fühlte sich an, als stünde sie auf einer Hängebrücke. Den tiefen Abgrund vor Augen, dünne Seile, die kaum einen Halt boten, und morsche Holzplanken, die beim nächsten Schritt nachgeben und ihr den Weg in die Tiefe eröffnen würden. Die Kaffeeflecken flossen vor ihren Augen ineinander und bildeten abstruse Formen. Der ausgestreckte Zeigefinger, den sie jetzt sah, deutete auf ein Wort. Dieses eine Wort sprang aus der Zeitung direkt auf ihre Stirn, fraß sich durch die Haut, suchte sich den Weg über ihre Gehirnwindungen und brannte sich tief in ihr Gedächtnis.
»Verstorben.« Wie auf einer großen Leuchtreklametafel blinkten die Buchstaben. Sie, Mia Kronen, sie, die gerade mit achtundzwanzig Jahren einen Kuraufenthalt angetreten hatte, war tot.

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Copyright Cover & Leseprobe: Lena Sander
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung der Autorin.

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Lena Sander, Memory Effekt – Psychothriller
E-Book (Kindle) 0,99 Euro

Henry Palmer ist kein Profi: Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund [Leseprobe]

grimm-lachmund-introEs läuft nicht gut für Henry Palmer. In seiner Friedrichshainer Wohnung liegt eine junge Polin – offenbar ermordet. Nicht nur die Kripo ermittelt, auch der Bruder der Toten stellt unbequeme Fragen. Als Henry Palmer in die WG seines Kumpels Theo Trepka flüchtet, taucht dort kurz darauf die Drogenfahndung auf. Um das Chaos zu entwirren, hilft nur eins: Henry Palmer muss auf eigene Faust ermitteln. Das World Wide Web leistet ihm dabei keine Dienste. Denn Ralph Gerstenbergs Berlin-Krimi „Grimm und Lachmund“ – Auftakt der Henry-Palmer-Trilogie – spielt noch zu D-Mark-Zeiten in der frischgebackenen Hauptstadt der Nachwende-Zeit. Worte wie „Smartphone“, “Hipster” oder “Gentrifizierung” sind Mitte der Neunziger Jahre noch unbekannt. Auf dem Tempelhofer Feld landen Propellermaschinen, in Schultheiß-Kneipen an der Ecke gibt’s noch kein W-LAN, und wer in seinem Wohnzimmer eine Leiche entdeckt, greift zum Hörer des Festnetztelefons. Unsere Leseprobe führt genau an diesen Plot-Point. Mehr über Henry Palmers ersten Fall erfährt man bei ebooknews press.

Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund

Henry Palmer ist kein Profi
(…) Agnes lag noch immer im Bett. Die Jalousien waren heruntergelassen. Im ganzen Zimmer roch es nach ihrem Parfüm und nach allerlei anderem. Kein gutes Gemisch. Ich klopfte an die halb offene Tür. Nicht die geringste Regung. Ihre Sachen lagen auf einem der beiden Korbsessel. Trotz der Hitze, die mittlerweile im Zimmer herrschte, hatte sie sich die Decke bis ins Gesicht gezogen. Ein paar blonde Haarsträhnen waren das Einzige, was ich von ihr sehen konnte.
Irgendwie fühlte ich mich wie ein schwäbischer Herbergsvater, als ich beschloss, dass halb zwölf Zeit zum Aufstehen sei, die Jalousien hochzog und das Fenster sperrangelweit öffnete. Draußen stank es nach Müll. Als ich mich umdrehte, entdeckte ich Agnes’ Arm, der seltsam unnatürlich an der Seite hing. Ich hatte ihn zuerst nicht gesehen, weil der Korbsessel mit ihren Sachen davor stand, aber mir war sofort klar, dass man so keine fünf Minuten liegen konnte. Außerdem lag sie nicht auf dem Kissen, sondern das Kissen auf ihrem Gesicht. Ein Unterschied, der mir irgendwie wichtig erschien, obwohl ich nicht gleich wusste, was er bedeutete. Das heißt, mein Kopf wollte es nicht wissen, glaubte nicht, was er wusste, wusste nicht, was er glauben sollte. Mein Körper wusste es längst. Meine Hände wussten es, die sich am Fensterbrett festhielten. Mein Magen wusste es, der seinen Inhalt plötzlich nicht mehr zu mögen schien. Und meine Beine wussten es, die so taten, als bestünden sie nicht auch aus Muskeln und Sehnen, sondern hauptsächlich aus Gelenken.
Im Zeitlupentempo sank ich in die Knie und lehnte mich gegen meinen Schreibtisch, der schräg vor dem Fenster wie eine Barrikade zwischen mir und dem Rest des Zimmers stand. Abgesehen von einigen Mumien aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. hatte ich noch nie einen toten Menschen aus der Nähe gesehen. Kein Krieg, keine schweren Autounfälle, meine Großeltern wurden nicht aufgebahrt. Und jetzt lag in meinem Bett eine tote Frau. Eine ermordete Frau!
Der Arm, der unter der Bettdecke hervorragte, hatte die Farbe von lange gelagerten Altarkerzen. Auf dem Kissen zeichneten sich die Konturen von Agnes’ Kopf ab. An der Seite, die ich sehen konnte, war der Bezug aufgerissen. Dort also hatte jemand festgehalten und nicht mehr losgelassen, so lange nicht, bis sich nichts mehr bewegte, bis Agnes’ Arm wie ein abgeknickter Ast zur Seite hing.
Ich übergab mich in den Papierkorb, in dem noch eine halbfertige Seminararbeit über Adornos Kritik der Kulturindustrie liegen musste. Irgendwo hatte ich gelesen, dass sich mittlerweile nicht nur Mörder wie ihre Vorgänger auf der Kino-Leinwand verhielten, sondern auch deren unglückliche Opfer. Ich weiß nicht, warum mir das gerade jetzt einfiel. Agnes hatte sicherlich keine Identifikationsmuster vor Augen, als ihr irgendjemand das Kopfkissen ins Gesicht drückte. Wie lange mochte es gedauert haben, bis sie das Bewusstsein verlor und nicht mehr versucht hatte zu atmen? Wie lange hatte sich ihr Körper aufgebäumt, ohne jede Chance gegen das übermächtige Gewicht ihres Mörders? Zwei Minuten Todesangst oder drei oder länger? Mein Magen verkrampfte sich wieder, aber es kam nichts mehr raus.
Langsam kroch ich unter dem Schreibtisch hervor und näherte mich der Leiche. Ich wagte nicht, das Kissen von ihrem Gesicht zu entfernen. Keine Ausreden, ich gebe zu, ich war zu feige, ich hatte Angst, den Anblick nicht ertragen zu können. Auch ihren Arm berührte ich nicht. Es wäre sinnlos gewesen, Sie können mir wirklich glauben. Ich roch ihr Parfüm und es schnürte mir die Kehle zu.
Draußen hantierte jemand an den Containern. Ich hätte ihn rufen können. Stattdessen wählte ich 110. Ich hatte nicht den Nerv, im Telefonbuch nach der Nummer für die Mordkommission zu suchen. Außerdem wusste ich, dass im öffentlichen Dienst das Wort Amtsweg mit sieben Großbuchstaben und einem Ausrufezeichen geschrieben wurde.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung versprach wenig Trost. In Standardsätzen erfragte sie meinen Namen, Adresse und den Anlass meines Anrufes. Nicht einmal, als ich «Mord!» sagte, Mord wäre der Grund, weshalb ich anrief, und die Leiche läge bei mir in der Wohnung, verlor sie etwas von ihrem routinierten Gleichklang.
«Wo, sagten Sie, wohnen Sie? Und Sie rufen von dort aus an? Bleiben Sie, wo Sie sind, in spätestens einer halben Stunde kommt ein Streifenwagen.» Es hörte sich an, als hätte ich eine Pizza bestellt.

Copyright Leseprobe: ebooknews press

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Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund
E-Book (epub/Kindle) 2,99 Euro
Taschenbuch 8,90 Euro

Coverfoto: Nordsprotte/Flickr (cc-by-2.0)

Wenn alle sagen, es ist vorbei… : Leonie Haubrich, „Auf manche Nacht folgt kein Tag“ [Leseprobe]

haubrich-manche-nachtWenn alle sagen, es ist längst vorbei, fängt es gerade erst an, denkt Walter, als er in der Lokalzeitung das Bild eines entführten Mädchens erblickt: denn das Mädchen sieht seiner verstorbenen Frau als Kind unglaublich ähnlich. Wie kann das sein? Hat Walter Halluzinationen? Immerhin ist er gerade mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Doch eins steht schon mal fest: das Mädchen ist verschwunden, und die Polizei tappt im Dunkeln. Und dann ist da diese Ähnlichkeit. Erinnerungen überfluten Walters Gegenwart, alte Wunden werden aufgerissen. Obwohl seine Umgebung sich gegen ihn stellt und ihn an seiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt: Walter ist sich sicher, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem Mädchen, seiner Frau und ihm selbst. Er beginnt zu recherchieren, sucht nach Spuren… und geleitet den Leser mitten hinein in die seelischen Abgründe gleich mehrerer Familiengeschichten. Mit „Auf manche Nacht folgt kein Tag“ legt Leonie Haubrich nach „Am Anfang war die Stille“ bereits ihren zweiten Self-Publishing-Thriller vor. Schon etwas länger ist die Wiesbadenerin unter ihrem „bürgerlichen“ Namen Heike Fröhling auch als Journalistin und Verlagsautorin unterwegs. Das Indie-Experiment hat sich gelohnt, nicht nur für die LeserInnen: nach dem Debut bewegt sich nun auch der neue Titel auf die Top 100 im Kindle Store zu. Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel, mehr verrät die „Blick ins Buch-Option“ bei Amazon.

Leonie Haubrich: Auf manche Nacht folgt kein Tag

1. Kapitel
Sie verließ ihre Deckung im Gebüsch, spannte die Bogensehne, kniff das linke Auge zu, um ihr Ziel zu fixieren. Mia hielt die Luft an. Dann ließ sie die Sehne vorschnellen. Wie geplant flog der Pfeil über die Straße. Er berührte mit seiner Gummispitze punktgenau den roten Aufkleber auf dem zehn Meter entfernten Hoftor. Getroffen! Dass sie mit dem rechten Turnschuh in den Bach rutschte, störte sie nicht. Es war einer dieser Tage, an denen solche Kleinigkeiten keine Rolle spielten, an denen einfach alles stimmte. Nicht einmal die angekündigte Klassenarbeit konnte ihre Laune trüben. An diesem Tag durfte Mia Robin Hood sein, worauf sie eine Woche lang gewartet hatte. Aus der Nebenstraße drangen Kinderrufe herüber, die lauter wurden und sich näherten. Das war der Sheriff von Nottingham mit seinen Gehilfen, die sie nun jagten, aber kaum finden würden, weil das Gebiet, das sie an diesem Tag für das Spiel festgelegt hatten, zu groß war, um es zu kontrollieren.
Mia huschte auf die andere Straßenseite, um den Pfeil einzusammeln, der nach seinem Treffer abgeprallt und von einer Windböe weggeweht worden war. Sie musste sich beeilen. Vorsichtig drückte sie das Holztor auf, um zu sehen, wo genau der Pfeil liegen geblieben war. Durch das geöffnete Tor lugte sie in den Hinterhof.
Im ersten Moment war der Pfeil nicht zu entdecken. Es war einer der alten Höfe, die zwei Zugänge hatten, einen zur Straße hin und einen zur hinteren Gasse. Dieser Hof ging noch dazu über Eck, sodass Mia ihn nicht vollständig einsehen konnte. An der Hauswand parkte gerade ein alter, schwarzer Opel ein. Der Motor verstummte. Zwei Personen stiegen aus. Die Frau öffnete den Kofferraum und holte eine Reisetasche heraus. Der Mann zog sich eine schwarze Strumpfmaske vom Kopf. Als er Mia erblickte, stieß er einen unterdrückten Fluch aus. Mias Gedanken überschlugen sich. Sie wusste, dass hier etwas überhaupt nicht stimmte. Wer trug im Alltag eine Strumpfmaske? Das Erschrecken, das im Gesicht des Mannes lag, bestärkte ihre Sorge. Was gerade passierte, sollte von niemandem entdeckt werden.
Sie wollte laufen, so schnell wie möglich nach den anderen rufen, damit sie kamen und ihr jemand sagte, was das alles bedeutete.
Lauf, befahl sie sich, lauf. Doch ihre Beine widersetzten sich jedem Befehl. Mia zitterte. Regungslos blieb sie dort stehen, wo sie sich befand. Ihr Puls hämmerte hinter ihrer Stirn. Sie musste sich festhalten, damit ihre Beine sie weiterhin aufrecht hielten, die Knie nicht einknickten. Die Frau ließ die Tasche fallen, der Verschluss ging auf. Mehrere Geldbündel rutschten auf die Pflastersteine. Aus Mias Hals kam ein Röcheln, das klang, als käme es gar nicht aus ihrem Körper, sondern von ganz weit her, dumpf aus einer Tiefe, die gar nicht zu ihr gehörte.
Bevor sie genau verstand, was sie gesehen hatte, was in ihrem Körper passierte, spürte sie, wie sie gepackt wurde. Ein Arm legte sich um sie, jemand drückte ihren Mund und ihre Nase zu. Sie drehte ihren Kopf, um sich zu befreien, um atmen zu können. Mit jeder Sekunde, in der sie keine Luft bekam, stieg ihre Panik. Sie strampelte mit den Beinen, versuchte zu schlagen, zu beißen. Ihr Körper übernahm die Kontrolle über das Geschehen. Er wehrte sich mit allen Mitteln. Doch das Einzige, was sich löste, war ihr rosa Schmetterlingshaargummi von ihrem Zopf. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie das Haargummi mit dem Tüllschmetterling mit dem Wind aufwärts glitt, über die Mauer hinwegflog wie ein Vogel, der aus seinem Käfig entkommen war. Die große Hand, die nach Zigarettenrauch roch, rutschte einige Millimeter abwärts. Endlich konnte sie durch den Mund nach Luft schnappen. Der Mann schloss das Tor zur Straße. Mia registrierte, wie sie von der Frau in einen Keller geschleift wurde. Bei jeder Treppenstufe knallten ihre Füße von einer Stufe zur nächsten, jedes Mal fühlte sie einen kleinen Schlag an den Fersen. Von irgendwoher flackerte ein Licht, das nicht hell genug war, um sich orientieren zu können. Es stank nach Feuchtigkeit und Schimmel. Mia musste würgen. Es gelang ihr nicht, mit den Schuhen Halt auf dem Boden zu finden. Ihre Beine schlenkerten wie Puppenbeine von einer Seite zur anderen, als hätte jemand sie von ihr abgetrennt, als gehörten sie gar nicht mehr wirklich zu ihr selbst. Dicht an ihrem Ohr hörte sie einen Knall, der sie an ihren Vater erinnerte, wie er auf den Esstisch schlug, wenn sie eine Fünf oder Sechs von der Schule mit nach Hause brachte. Sie bemerkte, dass der Knall ein Hieb an ihren Kopf gewesen war, und wunderte sich, warum sie keinen Schmerz spürte. Blut tropfte auf den Steinboden. Sie wusste, dass es ihr eigenes Blut war. Sie hätte darum kämpfen können, die Augen geöffnet zu lassen, wahrzunehmen, was um sie herum geschah. Stattdessen entschied sie sich zu fallen, in die Schwärze hinein, dorthin, wo sie ihre Angst und Hilflosigkeit nicht mehr spüren musste.

Copyright Cover & Leseprobe: Leonie Haubrich
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autorin.

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Leonie Haubrich, Auf manche Nacht folgt kein Tag
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Taschenbuch (Createspace) 8,99 Euro

Retourkutsche aus dem All: Frank Kemper, „Red Bullet“ [Leseprobe]

Red_Bullet_CoverDer Kalte Krieg gibt immer noch guten Stoff für Verschwörungs-Thriller ab. In Frank Kempers Thriller „Red Bullet“gelingt der thematische Re-Entry in Form einer plötzlich im Meer auftauchenden Sojus-Kapsel. Der Münchner Tech-Journalist hat den Plot-Point am Beginn seines Roman-Erstlings „Red Bullet“ geschickt inszeniert: das rostige Artefakt mit CCCP-Abzeichen wird von finnischen Fischern aus dem Meer gezogen – offenbar schwamm es mehr als 40 Jahre durch den Atlantik. In Helsinki identifizieren Fachleute die Kapsel als frühes Modell der Sojus-Landemodule. Es gibt nur ein Problem: von den drei Exemplaren, die jemals gebaut wurden, vermissen die Russen gar keins. Doch wessen mumifizierte Überreste befinden sich dann in den Raumanzügen, die in der Kapsel zu sehen sind? In den USA bricht einigen Veteranen bei NASA, Militär und Geheimdiensten der Schweiß aus. Während der 60er Jahren gab es eine Geheimoperation mit dem Codenamen „Red Bullet“, die weitaus mehr bezweckte als nur Industriespionage. Wie alles anfing, verrät unsere Leseprobe… Noch mehr Sojus-Leaks gibt’s via Blick-ins-Buch-Option im Kindle Shop.

Frank Kemper, Red Bullet

Teil 1
Mittwoch, 12. April 1967, 22.24 Uhr Qyzylorda Time (QYZT) etwa 980 Kilometer nordwestlich von Alma-Ata, Sozialistische Sowjetrepublik Kasachstan.

(…)

Braxley klappte die Lederschnalle auf, die seine Uhr bedeckte. Mit seiner Hand schirmte er das Ziffernblatt ab. Das schwach radioaktive Leuchtmittel auf den Zeigern der Uhr machte es ihm problemlos möglich, auch in dieser Neumondnacht die Zeit abzulesen, aber er wollte auf jeden Fall vermeiden, damit aufzufallen. Wenn ich aus dieser Nummer lebend rauskomme, dachte sich Braxley, dann höre ich auf und mache mit meinem Schwager eine Kneipe auf. Er lachte lautlos – dasselbe hatte er sich damals bei der Sache in Nordkorea auch geschworen, und bei dem Ding in Swerdlowsk. Die Nacht war kalt und trocken. Tagsüber war es in der kasachischen Steppe um diese Jahreszeit rund fünf bis zehn Grad warm, nachts pendelte die Temperatur um den Gefrierpunkt. Seit vier Stunden lagen Braxley und seine elf Kameraden mit ihrer Ausrüstung in diesem Unterschlupf neben der Bahnlinie von Chu nach Karaganda. Hier würde der Zug lang kommen. Sie wussten nicht genau wann, sie wussten nur, dass sie ihn an seinem merkwürdigen Geräusch erkennen würden – er wurde nicht, wie sonst allgemein üblich, von einer Dampflok gezogen, sondern von einer neuen Diesellok, die, so hatte der Agent aus Moskau gemeldet, durch ihren trommelnden Lärm schon kilometerweit zu hören war.
Major Stephen Braxley, 39, war Angehöriger der Streitkräfte der USA, genauer: Der Special Forces der US-Army. Diese Einheit nennt sich selbst auch „Green Berets“, wegen der grünen Barette, die die Mitglieder der USASF im Kampfeinsatz trugen. Doch Braxley und sein Team wollten nach Möglichkeit keinen Schuss abgeben. Sie trugen auch keine grünen Barette, sondern schwarze Sturmhauben. Schwarz wie der Rest ihrer Kleidung. Sie wollten sehen, aber nicht gesehen werden. Aufklärung stand auf dem Programm. „Wir müssen wissen, was in diesem Zug ist“, hatte klipp und klar der Auftrag gelautet. Doch so einfach war die Sache nicht: Zwar wollten die Bürohengste in Washington erfahren, was die Russen da von Moskau nach Kasachstan schafften – nur wollte niemand deshalb einen internationalen Zwischenfall provozieren. Deshalb durfte keiner merken, dass US-amerikanische Truppen auf sowjetischem Boden einen Zug anhalten, seinen Inhalt fotografieren und vermessen – und dann wieder verschwinden. Seit sechs Wochen wusste Braxley von dem Auftrag. Drei Wochen hatten er und seine Leute mit irgendwelchen Typen vom Geheimdienst Pläne entwickelt, wie diese Nummer unbemerkt über die Bühne gehen sollte. Den Rest der Zeit hatte sein Team gebraucht, um mitsamt ihrem Material unbemerkt durch den Eisernen Vorhang bis in diesen Verschlag zu kommen und auf diesen gottverdammten Zug zu warten.
„Es darf nichts schief gehen“, hatte ihm einer von den CIA-Typen in Fort Bragg eingeschärft. „Wenn Sie auffliegen, dann kennen wir Sie nicht. Sie operieren ohne Hoheitszeichen, offiziell haben wir damit nichts zu tun.“ Braxley wusste, dass das nichts anderes bedeutete als: Wenn uns die Commies kriegen, dann sind wir tot.
Ein Knacken aus dem Lautsprecher seines Handfunkgerätes riss Braxley aus den Gedanken. Wenn jetzt noch zwei Knackser kommen, das wussten alle im Team, dann hatte der vorgeschobene Beobachter, der vier Kilometer weiter östlich am Bahndamm lauerte, den Zug identifiziert. Dann musste alles schnell gehen.
Knack. Knack. Der Zug kommt.
Abrupt, aber nahezu geräuschlos, erhoben sich Braxleys Männer aus ihrem Versteck. Sie waren alle schwer mit Ausrüstungsgegenständen bepackt, aber kein Klappern war zu hören – auch das hatte man in Fort Bragg trainiert. Einer der Männer streifte seine schwarze, gefütterte Jacke ab, darunter kam die Uniform eines Sowjetsoldaten zum Vorschein. Die anderen setzen sich Gasmasken auf, vier Mann schulterten Druckflaschen, die wie Tauchgeräte aussahen. Der als Rotarmist verkleidete Soldat rannte auf den Bahndamm zu.
Wassili bemerkte den Soldaten am Bahndamm mit der Laterne als erstes. Reflexartig gab er ein Warnsignal. Der Mann am Bahngleis wedelte mit seinen Armen und bedeutete ihm, sein Tempo zu reduzieren. Nanu, von einem Stopp hatte ihm niemand etwas erzählt. „He, Sergeant, da ist irgendwas los“, rief er gegen den brüllenden Lärm der Maschine. Dann sah Wassili das rote Signal. Er musste den Zug zum Halten bringen, und die kreischenden Bremsen ließen Sergeant Tiskow hochschrecken. „Warum halten wir, du Idiot?“ bellte Tiskow zu Wassili rüber. „Weil da ein rotes Haltesignal ist, sehen Sie doch selbst!“ gab der Lokführer ärgerlich zurück. Tiskow machte sich am Funkgerät zu schaffen: „Das muss ich melden.“ Doch das Gerät schien defekt zu sein, aus dem Lautsprecher kam nur ein sägendes Geräusch.
Wassili brachte den Zug punktgenau vor dem Haltesignal zum Stehen – das korrekte Einleiten eines Haltmanövers hatte ihm sein Kollege Alexej als erstes gezeigt, bevor sie in Moskau aufgebrochen waren. Der Lokführer regelte den Motor herunter, der Lärm im Führerstand nahm merklich ab. Draußen war nichts zu sehen. Die Lampen an der Front der Lokomotive leuchteten in die pechschwarze Nacht – mehr als 15 Meter des Bahndammes wurden vom Lichtkegel der Lok nicht erfasst. Während Wassili in die Finsternis starrte, kämpfte Sergeant Tiskow mit dem Funkgerät.
Das letzte, was Wassili merkte, war der metallisch-süßliche Geruch in der Luft. Dann wurde alles schwarz.

Die Männer mit den Druckgasflaschen auf dem Rücken gaben Braxley Leuchtzeichen mit ihren Taschenlampen. Das Betäubungsgas, das sie in die beiden Führerstände der Lokomotive geleitet hatten, hatte seine Wirkung nicht verfehlt – alle Insassen waren jetzt für mindestens zwei Stunden bewusstlos. Braxley zog eine Trillerpfeife aus seiner Kampfjacke und gab das Signal: Jetzt konnte die Operation beginnen. Zwei Männer rannten auf den hinteren Waggon zu und untersuchten die Verriegelung der Metallhülle. „Mit Vorhängeschlössern gesichert, nicht verplombt“, rief einer der beiden Braxley zu. Glück gehabt, dachte Braxley, das sparte ihnen mindestens zehn Minuten, die sie sonst gebraucht hätten, um das Siegel zu kopieren und anschließend wieder an seinen Platz zu bringen. Schließlich sollte niemand merken, dass sie den Waggon geöffnet hatten. Ein simples russisches Vorhängeschloss zu öffnen, dafür brauchte Hank Nowicky, sein Security-Spezialist, keine zwanzig Sekunden. „Waggon ist offen“, hörte er Nowicky rufen, es klang wie die Bestätigung seiner Gedanken.
Inzwischen hatten andere Männer seines Teams die Tür des vorderen Waggons geöffnet, ebenso leise und spurlos, wie es Hank mit den Vorhängeschlössern gemacht hatte. Vier „Green Berets“ stiegen in den Wagen und machten sich an die Arbeit. Einer der Eindringlinge baute eine Repro-Einrichtung auf: Eine Platte mit zwei Lampen, die eine Fläche von etwa 60 mal 60 Zentimetern ausleuchten. Am Rand der Platte klappte er ein Stativ aus, auf das die Kamera gesetzt wurde, eine Leica MD mit Langfilmmagazin und Motor. Die Bewegungen des Soldaten zeigten, dass er das nicht zum ersten Mal tat: Keine Bewegung war überflüssig, jeder Griff saß. Nach zwei Minuten war er bereit, um Dokumente auf hochauflösenden Lith-Film zu bannen, Dokumente, die seine drei Kameraden in dem Wagen fanden und ihm brachten.
Am hinteren Waggon hatten die Elitesoldaten den hinteren Teil der Metallabdeckung nach vorne geschoben, so dass die Ladung offen lag. Braxley sah in den Himmel. Die Meteorologen hatten klares, trockenes Wetter angesagt, und Braxley hoffte, dass sie recht hatten. Regen könnten sie jetzt absolut nicht brauchen. Wenn die Fracht nass wurde, dann musste das zwangsläufig auffallen. Und auffallen, nein, das wollte Braxley nun wirklich nicht.

(…)

Teil 2
Dienstag, 16. März 2010, 08:43 Uhr Western European Time (WET) Im Nordatlantik, 185 Seemeilen nordöstlich der Faröer Inseln

„Kabeljau wird immer seltener“, dachte sich Matti Kaunismäki, als er sich den Inhalt des Schleppnetzes ansah. Er fuhr bereits seit fast 20 Jahren zur See, seit sieben Jahren auf der Veronica, aber so wenig Kabeljau hatten sie noch nie aus dem Meer geholt. Die Veronica war 35 Meter lang und ein hochseetüchtiges Fischereiboot, registriert in Turku, Finnland. „Wird Zeit, sich nach einem neuen Job umzusehen“, schoss es durch Mattis Kopf, aber wer würde ihn denn noch wollen, mit 42? Außerdem mochte er die Veronica. Er kam gut klar mit den anderen an Bord, und er liebte die See. Gut, die Heuer könnte etwas mehr sein, aber deshalb an Land arbeiten? Matti versuchte, den Gedanken zu verdrängen.
„Na, was haben wir denn im Netz“, rief Björn Vinaas von der Brücke. Vinaas war der Kapitän des Schiffes, er war außerdem einer der drei Eigner der „Veronica“. Der schlaksige Blondschopf kam auf das Achterdeck und begutachtete den Fang, den sie soeben an Bord gezogen hatten. Wenig Kabeljau – weniger als er erwartet hatte. Scheiße. Wenn das so weiter ging, dann würde Björn aus Turku wegziehen und sich eine neue Existenz in Helsinki aufbauen. Das Schiff gehörte ohnehin zu 90 Prozent der Bank – sollten sie doch sehen, wer es kaufen würde. Aber wer kauft schon ein Fischereiboot, wenn es keine Fische mehr…
Ein plötzlicher, schriller Hupton riss beide aus den Gedanken. Jemand hatte den Alarm betätigt. Vinaas rannte zur Brücke „Was ist los?“, rief er in sein Bordfunkgerät.
„Scheiße, Scheiße, eine Mine! Käpt’n, gleich knallt’s!“, schrie Åke Jespersen ins Mikro. Der Steuermann der Veronica hatte die schmutziggraue Metallkugel im Wasser vor dem Bug des Schiffes als erster bemerkt – und versuchte jetzt mit allen Mitteln eine Kollision des Schiffes mit dem Objekt zu vermeiden. Während er mit voller Kraft am Steuerrad drehte und gleichzeitig die Maschinen auf Rückwärtsfahrt schaltete, arbeitete sein Hirn unter Hochdruck. „Ob das wohl gut geht?“ Jespersen hatte Angst. Seeminen gehörten zu den größten Gefahren, die der 2. Weltkrieg den Fischern hinterlassen hatte. In der Ostsee waren die Dinger fast schon an der Tagesordnung. Aber hier?
Die Tür zur Brücke flog auf, Vinaas kam hinein, griff sich einen Feldstecher und brüllte: „Wo ist sie, Åke?“ Während das Schiff brüllend und stampfend nach steuerbord drehte, suchte auch der Steuermann verzweifelt die See ab. Eben war sie doch noch da gewesen…
„Da ist sie, elf Uhr voraus“, rief Vinaas, griff zum Mikrofon des Funkgerätes und wollte gerade einen Notruf absetzen. Jetzt hatte Åke das schwimmende Objekt auch wieder im Blick. Es mochte einen Durchmesser von fast drei Metern haben, schätzte Åke – das war deutlich größer als die Seeminen, die Deutsche und Engländer vor fast 60 Jahren hunderttausendfach ins Meer gekippt hatten. Wirklich rund war es auch nicht, eher wie ein bauchiger Kegel, der an seiner Oberseite abgeflacht ist. Außerdem fehlten dem Ding, das vor der „Veronica“ im Wasser trieb, die charakteristischen „Stacheln“, die Berührungszünder, mit denen eine Seemine auch heute noch jedes Fischerboot auf den Grund schicken konnte. Doch die Veronica würde es nicht treffen, stellte Åke befriedigt fest: Er hatte es geschafft, das Schiff zum Stehen zu bringen, 15 Meter vor der Kugel. „Brauchst nicht Mayday zu funken, Skipper“, sagte er zu Vinaas, ohne seinen Blick von dem schmutziggrauen Objekt abzuwenden, das da vor ihnen im Nordatlantik dümpelte.
War das wirklich eine Mine? Und wenn nicht, was war es dann?
Vinaas fiel der Schriftzug „CCCP“ als erstes auf. Moment, Sowjetunion? Die gab es seit 20 Jahren nicht mehr. Das Objekt trieb träge schlingernd in der See und drehte sich dabei langsam um seine Achse. Jetzt sah auch Åke die sowjetischen Hoheitszeichen, sogar ein roter Stern ließ sich unter der verwitterten Oberfläche erahnen. Eine russische Seemine? Hier im Nordatlantik? Åke hätte gern gewusst, was der Skipper jetzt dachte, aber er traute sich nicht, sein Fernglas abzusetzen und zu Vinaas hinüberzublicken. Irgendwas zwang ihn, die graue Kugel mit dem Sowjetstern anzusehen, damit sie nicht wieder verschwand. „Das ist keine Mine“, hörte Åke seinen Chef sagen. „Und was ist es dann, Skipper?“ „Mensch Åke, überleg’ doch mal. Die Russen sind doch nicht so bescheuert, dass sie Minen in den Atlantik kippen und vorher ihre Flagge drauf malen.“ Das Bordfunkgerät knackste. „Das Ding hat ein Fenster“, hörten sie Matti sagen, der vom Achterdeck auf das Vordeck gegangen war und jetzt am Bug stand, und auf die merkwürdige Kugel starrte. „Ist vielleicht irgendeine Rettungsboje oder so was“, meinte Åke mit ratlosem Unterton. Björn Vinaas hatte einen Entschluss gefasst. Er griff zum Bordfunkgerät: „Skipper an alle. Klar zum Beidrehen, wir holen das Ding an Bord!“ Dann, an seinen Steuermann gewandt: „Los Åke, bring uns in Position, damit wir da rankommen.“
Der Steuermann ging auf Langsamfahrt voraus und steuerte die Veronica so feinfühlig wie einen Kleinwagen beim Einparken. Vinaas sah ihm dabei bewundernd zu. Wenn einer die Veronica im Griff hatte, dann war das Åke Jespersen. Wenige Minuten später dümpelte das geheimnisvolle Objekt zwei Meter neben dem Heck des Fischtrawlers. Vinaas ließ den Bordkran ausschwenken, mit dem sie normalerweise ihren Fang entluden. Am Kranseil hing ein viereckiger Metallrahmen, der sonst große Fischtröge trug, gefüllt mit lebenden Fischen und Wasser. Bis zu drei Tonnen konnte der Kran heben – würde er für dieses Ding ausreichen? Matti ließ das Tragegeschirr neben der Kugel ins Wasser sinken und schwenkte dann den Kran feinfühlig zur Seite. Eine leichte Welle kam ihm zur Hilfe: Der Metallrahmen trieb unter die Kugel, die, jetzt genau zwischen den vier Tragseilen des Rahmens war: „Jetzt hab ich Dich“ zischte Matti durch die Zähne und betätigte mit der drahtlosen Kranfernsteuerung den Seilwindenmotor. Das Objekt hing am Kran, gleich beim ersten Versuch, wie Matti stolz bemerkte.
Zwei Minuten später stand es auf dem Achterdeck, dort wo normalerweise die Fischernetze geöffnet und entleert wurden. An ihrer Unterseite hatte die Kugel einen Metallring, eine Art Kupplung oder so etwas. Ihre Oberfläche war bräunlich-grau und stark verwittert. Doch die Verwitterung sah anders aus als bei Schiffsrümpfen: Diese Kugel sah aus, als habe sie im Feuer gelegen. Während Åke die „Veronica“ auf ihrer Position hielt, war Vinaas auf das Achterdeck gekommen, um seinen merkwürdigen Fund zu untersuchen. Er zog eine kleine Taschenlampe aus der Tasche und leuchtete in eines der kaum handtellergroßen Fenster hinein.
Und dann sah Björn Vinaas, Kapitän der „Veronica“, die Leichen. „Åke“, rief er ins Bordfunkgerät, „ruf mal bei Rauno in Turku an. Ich brauche ihn. Jetzt.“

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Copyright Cover & Leseprobe: Frank Kemper
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

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Frank Kemper,
Red Bullet
E-Book (Kindle Shop) 8,00 Euro

Marmor, Stein und Eisen bricht; Liebe plant man nicht – Vivian Lessing, „Irren ist männlich“ [Leseprobe]

irren-ist-maennlichHeiraten, ein Haus bauen, eine Kanzlei einrichten, Kinder bekommen (Junge und Mädchen), nicht zu vergessen einen Golden Retriever anschaffen: der erfolgreiche Anwalt Dr. Simon Holtenhausen plant sein Leben akribisch durch. Doch nicht umsonst lautet der Titel von Vivian Lessings Roman ja „Irren ist männlich“. Denn plötzlich trifft Simon auf Janine, von Beruf Steinmetzin und privat ein überzeugter Single. Ihre ganze Liebe gilt der Welt der Mineralien: „Steine sind ganz besonders. Sie haben in ihrer Schwere und Unverrückbarkeit etwas Tröstendes, wenn du traurig bist“, weiß Janine. Nach einem Traumprinzen hat sie nie gesucht. Der Zufall will es aber anders: am zweiten Weihnachtsfeiertag steht Simon plötzlich am Rand der Landstraße vor ihr, fernab jeglicher Zivilisation, und wedelt mit seinem Handy. Janine bremst, und nimmt den Unbekannten in ihrem Auto mit, ohne zu ahnen, was das für Folgen haben wird. „‚Irren ist männlich'“ erzählt, wie zwei festgelegte Lebensentwürfe völlig auf den Kopf gestellt werden und dass es manchmal gar nicht schlecht ist, wenn man sich ärgert, dass es nie läuft wie geplant“, so Vivian Lessing. Unsere Leseprobe führt an den Moment, als Janine auf die Bremse tritt – und sich ihr Leben beschleunigt. Mehr verrät die Blick-ins-Buch-Option im Kindle Shop.

Vivian Lessing, Irren ist männlich

1. Kapitel
Es gibt Männer, denen glaubt man alles. Wenn ihr gerade diese traumhafte Kaffeemaschine gekauft habt, die den perfekten Milchschaum innerhalb von Sekunden zaubert, und dann am Abend einen solchen Mann im Fernsehen seht, überlegt ihr – wenn auch nur für einen Sekundenbruchteil – die neue Kaffeemaschine wieder umzutauschen, weil sie nicht gut genug sein könnte. Ihr behaltet eure Kaffeemaschine schließlich. Aber trotzdem: Der Gedanke an den Umtausch müsste als Warnung reichen, sich von solchen Männerexemplaren fernzuhalten. Als Versicherungsvertreter sind sie erfolgreicher als ihre Kollegen, weil der Unterwäschemodel-Body und der George-Clooney-Blick euch glauben lassen, ihr wärt etwas Besonderes und könntet mit solch einem Traumtyp nach Vertragsabschluss bestimmt einen Sekt auf die Unterschrift trinken oder zwei Gläser davon und anschließend – lassen wir das.
Bisher ist es mir in meinem Leben gelungen, all diesen Männern aus dem Weg zu gehen. Bis am zweiten Weihnachtsfeiertag am Rand der Landstraße, fernab jeglicher Zivilisation, ein solcher Mann am Straßenrand stand – sein Superbody verpackt in weißem Hemd, Jeans und schwarzem Jackett, mit blonder Föhnfrisur und Augen, die nichts anderes sein konnten als so vertrauenserweckend blau, dass meine Zweifel verflogen, als sich unsere Blicke begegneten.
Ich trat auf die Bremse.
Da stand nicht mal ein Auto in der Nähe? Egal.
Ich kannte ihn nicht? Egal.
Er könnte ein Gewaltverbrecher sein, ein Mörder, Vergewaltiger? Egal.
Es war mitten in der Pampa an einer Landstraße, die über die Dörfer quer durch die Eifel führte, vom Nirgendwo ins Nirgendwo. Anstatt den Daumen – wie man das so macht als Anhalter – in die Höhe zu halten, wedelte er mit seinem Handy. Klar, hier war kein Empfang. Nur der Matsch an seinen Schuhen störte das optisch perfekte Bild.
Ich hätte weiterfahren sollen, um ihm irgendwann später ein Taxi vorbeizuschicken. Aber bevor der Befehl von meinem Verstand mein Fuß erreichte, hatte ich längst begonnen zu bremsen. Obwohl ich in meinem alten Klappergolf mit all der Ladung hinter der umgeklappten Rückbank sowieso nicht schnell unterwegs war, rappelten die Steine beim Bremsvorgang, schoben sich von hinten gegen meinen Sitz, drückten in meinen Rücken. Als die rechte Wagenseite den Schotter neben der Straße aufspritzen ließ, kam das Auto ins Schlingern. Das Bremsmanöver hätte ins Auge gehen können, zumal der Boden noch leicht gefroren war, überall mit Raureif überzogen.
Bevor ich durchatmen konnte, hatte er bereits die Beifahrertür geöffnet.
„Ich dachte schon, hier kommt überhaupt niemand mehr vorbei. Danke, dass Sie angehalten haben.“
„Vielleicht bin ich ja überhaupt niemand?“
„Darf ich?“, fragte er und setzte sich, ohne eine Antwort abzuwarten. All die Steine im Kofferraum schienen ihn nicht zu stören, auch wenn mein Gefährt zu ihm passte wie zu mir eine Stretchlimousine mit Fahrer.
„Wo ist Ihr Wagen?“ Es war wirklich nirgends ein Auto zu sehen, nicht mal Reifenspuren am Rand.
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Vielleicht haben wir ja Zeit genug, dass Sie sie mir erzählen.“

(…)

„Es ist schon gut.“
Ich schloss die Augen, als er mir über meinen Arm strich, und erwiderte seine Berührung. „Komm doch rein. Sonst stehen wir beide hier noch die ganze Nacht rum. Simon, was ich dir sagen wollte …“
Wie er mich ansah, nur beleuchtet von der Lampe aus dem Gästebad, die ich aus Versehen hatte brennen lassen, war es, als würden wir uns in unserem kleinen Lichtkegel in einer Hülle befinden, außerhalb der es nichts anderes mehr gab. Die Welt um uns herum löste sich in der Dunkelheit und der Stille auf. Ich fühlte seine Fingerkuppen auf der Stirn so intensiv, dass es bis in die Zehenspitzen prickelte. Alle trüben Gedanken rückten in weite Ferne. War es nicht egal, ob ich jetzt den reparierten Wagen ausprobierte oder morgen? Ich spürte die Wärme wie Wellen, die sich von seiner Hand über meine Haut in mir ausbreiten.
Als er sich zu mir beugte, um mich zu küssen, wich ich zurück.
Konnte ich es, ihn küssen, ihm nah sein? Konnte ich überhaupt je wieder einem Mann nah sein? Noch vor fünf Sekunden hatte ich gedacht, dass es möglich wäre, nun war ich mir nicht mehr so sicher.
„Komm erst mal rein“, sagte ich, nahm ihm den Schlüsselbund aus der Hand und ging vor in Richtung Haustür.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte er.
„Das ist es nicht. Möglicherweise bin ich ein bisschen …“, ich überlegte, wie ich es erklären konnte, ohne ihm genau zu sagen, was in mir vorging, „… außer Übung. Das letzte Mal, dass ich mit jemandem zusammen war, so richtig, das ist neun Jahre her, da war ich gerade mal achtzehn.“
„Seitdem gab es keinen mehr?“
Ich hörte die Ungläubigkeit in seiner Stimme. Der Schlüssel klemmte wie immer beim Aufschließen. Nie hat es mich wirklich gestört. Nun wäre ich am liebsten direkt in den Keller gerannt, um das Feinmechaniköl rauszusuchen. Und dabei hoffentlich wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
„Setz dich doch ins Wohnzimmer, ich mache uns beiden etwas zu trinken. Wasser, Saft, Tee, Kaffee – obwohl, dafür ist es zu spät – oder ein Bier, Wein, ist alles da. Hast du Hunger?“
„Ein Bier wäre nett. Für Essen ist es vielleicht noch ein bisschen früh.“
Ich drückte auf die Lichtschalter vom Flurlicht und vom Wohnzimmer. Dabei sah ich ihm nach, wie er sich auf dem Sofa niederließ, dann ging ich in die Küche, um die Getränke zu holen. Als ich den Schrank öffnete, zitterten meine Hände, als wäre nicht Simon mein Gast, sondern ein Einbrecher, der in meine Räume eingedrungen war.
Ich musste mir einen Ruck geben, um meine Beine in Richtung Wohnzimmer in Bewegung zu setzen. Wobei ich ihn mochte! Mehr als das! Er war der erste Mann seit Jahren, bei dem ich mir vorstellte, dass es mit uns wirklich klappen könnte. Ich stellte zwei Gläser und zwei Bierflaschen auf den Tisch in der Hoffnung, dass der Alkohol mich entspannen würde – wenn auch nicht genug da war, um uns ansatzweise betrunken zu machen.

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Copyright Cover & Leseprobe: Vivian Lessing
Publikation mit frdl. Genehmigung der Autorin.

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Vivian Lessing,
Irren ist männlich – Liebesroman
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

Die große, bunte Weltverschwörung – Johannes Thumfart: Der Katechon [Leseprobe]

thumfart-der-katechonAm Anfäng jeder Verschwörungstheorie steht das Credo: “I want to believe”. Der Rest wird dann frei Haus geliefert: alle Informationen sind schon da, man muss nur die richtigen Verbindungen ziehen. Auch Johannes Thumfarts Verschwörungs-Thriller „Der Katechon“,erschienen bei Shelff, führt in eine scheinbar vertraute Gegenwart. Aus einer postakademischen Callcenter-Existenz im angentrifizierten Berlin-Neukölln wird der Protagonist namens Tim in den Dunstkreis finanzstarker neukonservativer Kreise gezogen. Ernst Jünger spielt eine Rolle, der Ökostrom-Anbieter Greenergy, die Werbeagentur Brainmob, ebenso ein französisches Kuturinstitut namens “Action Parallèle”. Am Ende der Geschichte sitzt Tim als Apparatschik der Kommunistischen Internationale 2.0 in Mexiko City, und zeichnet Todesurteile ab. Doch eigentlich interessiert ihn nur der “Katechon”, eine mysteriöse Entität, die dem Apostel Paulus, aber auch Carl Schmitt zufolge in immer wieder neuer Form erscheint und im Dienste der göttlichen Suspense das Ende aller Zeiten aufschiebt. Eine Spur, auf die Tim ausgerechnet Ikea-Gründer Ingvar Kamprad bringt – in einer kryptischen Antwort auf eine radebrechende englische Beschwerdemail, mystisch aufgepeppt durch die Rechtschreibkorrektur von Word. Alles klar? “Der Katechon – Groß-Germanien”ist Teil 1 einer insgesamt fünfteiligen Serie. Bis es zum Showdown im Schatten des Berliner Stadtschloss-Wiederaufbauprojekts kommt, darf man sich auf viele Wendungen und Wirrungen freuen. Unsere Leseprobe führt an das Ende der Story – und zugleich an den Anfang des Romans.

Johannes Thumfart, Der Katechon

1. Kapitel
Schild und Schwert

Die Eschen am Kybele-Brunnen wiegen sich im Wind. Es ist das Ende der Regenzeit. Die untergehende Sonne taucht die Zwillingsvulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl in purpurnes Licht. Man kann sie jetzt wieder von der Stadt aus sehen, die sich während der letzten Jahrzehnte zu einem smogumnebelten Moloch entwickelt hat. Nur über den Vierteln der Reichen auf den feuchtgrünen Hügeln von Chapultepec schweben noch einige Rauchfahnen, aber das wird sich geben.

Da ist nicht mehr viel zu holen.

Tim sitzt in seinem Büro zwischen Bergen von Akten in dem Hochhaus mit den Bronze verspiegelten Scheiben und unterschreibt mehrseitige Formulare, die sich schlangenhaft über seinen Schreibtisch winden. Obwohl es spät ist, trinkt er Kaffee.

Draußen ist es ruhiger geworden. Das Geld macht nicht mehr weiter, die Arbeiter machen nicht mehr weiter. Vorbei der Hokuspokus der Invisible Hand.

Seit der Revolution fahren weniger Autos, es wird weniger telefoniert, gemailt und getwittert, es gibt weniger sinnlose Zirkulation. Ein großer Sabbat hat sich über das Land gelegt, ein mystischer Zustand beinah, dabei ist schlicht alles effizienter organisiert. Die Händler, die früher an jeder Ecke verzweifelt ihren Nippes feilboten, sind von den Straßen verschwunden. Die Nutten ebenso, vor der Revolution Blaupausen menschlicher Existenz. Die adretten Angestellten machen keine Überstunden mehr, um, möglicherweise, irgendwann einmal befördert zu werden. Selbst der Strom von Gonzo-Reportagen aus den Grenzstädten ist versiegt. Die Luft ist klarer, fast kristallin.

Was von der Bourgeoisie, den in ihrem Auftrag arbeitenden Kartellen und den deutschen Waffenhändlern noch übriggeblieben ist, muss durch Exekutionen erledigt werden. Ein dreckiges Geschäft. Da der bourgeoise Menschenkehricht über kein Geschichtsbewusstsein verfügt, hängt er kläglich am eigenen Überleben wie eine Kakerlake, die bekanntlich Widerhaken an den Beinchen hat. Täglich muss man überführen, verurteilen und ausradieren. Stündlich wird geflennt, gelogen, laue Entschuldigungen folgen auf notdürftige Ausreden, manch einer nervt gar mit Psychologie und Familiengeschichte. Die meisten der Anarchisten entpuppen sich bei den Verhören als V-Leute und entblöden sich nicht, das auch noch als mildernden Umstand einzubringen; kaum einsichtiger sind die Sozialdemokraten. Die arbeitsscheuen Kulturmenschen wiederum haben nichts gegen eine Internierung, solange es keine Arbeitslager sind. Einige von ihnen träumen schon davon, als Dissidenten im Stile Pussy Riots’ mit talentlosen Ausfällen über Nacht weltbekannt zu werden. Andere faseln vom „urplötzlichen Enjambement in der immateriellen Poetik des Kapitals“, um sich alle Optionen offenzuhalten.

Aber es ist noch immer nicht genug Blut geflossen.

Im Moment befasst sich Tim, Schild und Schwert der Komintern, mit der Hinrichtung eines Deutschen, qua Ungnade seiner Geburt sein Ressort. Der Mann von Ratter & Schmauch hat, gestützt von einer Sondergenehmigung der Bundesregierung, Waffen geliefert, mit denen Tausende erschossen wurden – Sturmgewehre des Typs G36. Von dem Erlös konnten dann am Bodensee wieder ein paar Villen mit dem neuesten Luxus ausgestattet werden – Badezimmer mit Analduschen und namibischem Marmor, begehbare Kleiderschränke, angolanische Diamanten für die Dame und Walfisch-Steaks für die Atkins-Diät des übergewichtigen Hausherrn. Der Schieber soll dem Bericht eines inoffiziellen Mitarbeiters zufolge auch an Enthauptungen beteiligt gewesen sein.

Der Bericht scheint glaubwürdig, daher geht alles seinen geregelten Gang. Tim hat deswegen keinerlei Gewissensbisse. Je weniger es von der Art gibt, desto besser – weniger Lebensmittelspekulation, weniger Rohstoffkriege, weniger faule Kredite, weniger Menschenhandel und weniger witzigerweise legale Lohnsklaverei. „+50“ notiert er lapidar auf der Aktenmappe, was bedeutet, dass fünfzig weitere aus dem Umfeld des Schiebers hingerichtet werden sollen. Es gehe auch um Symbolpolitik, schärft die Partei immer wieder ein. (…) Horror and moral terror are your friends.

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Copyright Cover & Leseprobe: Shelff/Johannes Thumfart
Publikation mit frdl. Genehmigung der Rechteinhaber.

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Johannes Thumfart, Der Katechon – Fünfteilige Serie
E-Book (Kindle) 0,99 Euro (pro Band)
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Comeback nach 65 Millionen Jahren – Klaus Seibel, Das Erbe der ersten Menschheit [Leseprobe]

erbe-der-ersten-menschheitErst war es nur eine uralte Schraube auf dem Mond, zufällig entdeckt von einem NASA-Rover. In einem globalen Wettlauf bemühen sich die Supermächte, das Artefakt zu bergen, mitten drin ist Anne Winkler, eine junge Astrophysikerin bei der ESA. Als Teil eines internationalen Teams fliegt sie zum Erdtrabanten, und macht eine unglaubliche Entdeckung. Klingt wie der Plot eines Sci-Fi-Thriller aus den USA, stammt aber aus der Feder des deutschen Bestseller-Autors Klaus Seibel. Sein Roman „Krieg um den Mond“ war der Auftakt zu einer neuen Sci-Fi-Serie. In Teil zwei – “Das Erbe der ersten Menschheit” – kehrt Anne Winkler auf den Mond zurück. Dort wartet weitaus mehr als nur eine Schraube. Die prähistorische Zivilisation der “Lantis”, vor 65 Millionen Jahren durch einen Meteoriten ausgerottet, hat in einem Mondkrater Zeitkapseln versteckt, die zahlreiche technische Apparaturen enthalten. Doch die Bergung gerät in Gefahr, als eine der Maschinen ungewollt aktiviert wird… Unsere Leseprobe führt direkt an den Beginn der zweiten Mondmission, noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Option im Kindle-Shop.

Klaus Seibel: Das Erbe der ersten Menschheit

1. Kapitel

„Wenn Sie sich in eine fremde Umwelt begeben, müssen Sie sich in Ihrem Verhalten und vor allem in Ihrem Denken darauf einlassen.“
Dr. Anne Winkler drückte auf einen Knopf und die nächste Folie ihrer Präsentation erschien. Die Studenten sahen an der Stirnwand des Vorlesungsraums ein riesiges Foto. Es zeigte einen vermummten Mann, der neben einem umgebauten Geländewagen mit riesigen Reifen stand. Dahinter breitete sich eine endlos scheinende Eisfläche aus mit Bergen im Hintergrund.
„Nehmen wir an, Sie planen eine Expedition in die Antarktis. Dort ist es kalt. Also sagen Sie sich, dass Sie vor allem warme Kleidung einpacken müssen, um sich gegen die extreme Kälte zu schützen.“
Während Anne redete, ging sie vor den Studenten auf und ab. Die Blicke folgten ihr, vor allem die Blicke der jungen Männer. Anne schmunzelte. Es hatte sich nichts geändert. Vor etwas mehr als zehn Jahren hatte sie selbst noch mitten unter Studenten gesessen und auch einen Dozenten angehimmelt. Jetzt stand sie vorne und unterrichtete angehende Astronauten. Es waren vorwiegend Männer, um so mehr stach sie als weibliches Wesen heraus. Anne war zwar mehr als zehn Jahre älter als der Durchschnitt, was aber kaum auffiel. Sie hatte sich angewöhnt, am Fitnesstraining der Astronauten teilzunehmen und war entsprechend gut in Form.
Anne musste nicht mehr nachdenken, was sie sagen sollte, denn sie hatte diese Vorlesung schon oft gehalten. „Wenn Sie nun losziehen, schön warm eingepackt und mit ihrer gewohnten Ration an Essen und Trinken, was wird dann passieren? Sie werden nie wiederkommen. Jeder Atemzug, den Sie hier kaum spüren, bedeutet in der Umwelt der Antarktis eine Höchstleistung für Ihren Körper. Er muss die Luft von minus dreißig Grad auf plus 37 Grad bringen, und zwar in Sekunden und mehr als tausend Mal in jeder Stunde. Das ist eine enorme Heizleistung, die Ihre Energievorräte sehr schnell schrumpfen lässt. Dazu kommt, dass die Luft, die Sie einatmen, keinerlei Feuchtigkeit enthält, die Luft die Sie ausatmen aber jede Menge. Diese Feuchtigkeit kommt nicht aus dem Nichts. Sie müssen jeden Tropfen vorher trinken. Wenn Sie nicht viel mehr essen und trinken, als Sie es gewohnt sind, können Sie so warm angezogen sein, wie Sie wollen – Sie werden verhungern oder vertrocknen. Robert F. Scott trug bei seiner Antarktis-Expedition in sein Tagebuch ein: Großer Gott! Dies ist ein schrecklicher Ort.“
Anne blieb stehen, drehte sich zu den Studenten und wartete, bis ihr alle in die Augen sahen. „Sie wollen nicht in die Antarktis, Sie wollen auf den Mond. Ich kann Ihnen versichern, gegenüber dem Mond ist die Antarktis eine gemütliche Kuschelecke.“
Stille breitete sich aus.
„Wenn Sie nicht schaffen, das in Ihrem Denken zu realisieren, werden Sie erst gar nicht fliegen, oder, falls doch, werden Sie nicht zurückkommen.“
Fagott meldete sich. Er hieß eigentlich Jochen Schweitzer, aber alle nannten ihn nur Fagott, weil er so dünn war und tatsächlich Fagott spielte. Er wirkte immer etwas geistesabwesend, außer wenn Anne vor ihm stand, wie gerade jetzt.
„Ja bitte?“
Fagott räusperte sich. „Frau Dr. Winkler, wie sind Sie überhaupt auf das Konzept des „mondisch Denkens“ gekommen?“
Ein Raunen ging durch die Reihen. Die Antwort konnte man doch überall im Internet nachlesen und erst recht stand es in Annes Buch, das zur Standardvorbereitung des Kurses gehörte.
Anne beugte sich zu Fagott herunter und stützte sich mit den Händen auf der Tischplatte ab.
„Herr Schweitzer, wenn Sie wissen, dass Sie ohne eine gute Idee nur noch zwanzig Minuten Leben werden, dann glauben Sie gar nicht, wie schnell und kreativ selbst Sie dann denken werden.“
Die anderen Studenten lachten, aber dann wurde ihnen bewusst, dass das nicht nur einfach so dahergesagt war. Ihre Dozentin hatte es genau so erlebt.
Anne richtete sich wieder auf und klatschte zweimal in die Hände. „Fertig für heute. Bis zur nächsten Vorlesung stellt jeder fünf Punkte zusammen, was er bei einem Einsatz auf dem Mond an besonderen Umweltbedingungen zu beachten hat.“
Fagott sah sie zweifelnd an.
„Und wenn einer nur vier Punkte hat, lasse ich ihn den Kurs einer Sonde zum Pluto berechnen.“
Als Anne hinter ihren Studenten den Seminarraum verlassen wollte, stellte sich ihr ein Mann in den Weg.

2. Kapitel

Eine Zehntelsekunde, und Anne wusste, dass ihr dieser Mann unsympathisch war. Er war etwa in ihrem Alter, also Mitte dreißig, trug einen dunkelblauen Anzug mit korrekt sitzender Krawatte und dazu ein falsches Lächeln im Gesicht. Am meisten störte Anne der kaum sichtbare Ohrhörer.
Ein Agent, dachte Anne sofort und trat einen Schritt zurück. Ihre Erfahrungen mit Agenten hatten ihr gereicht, mehr brauchte sie nicht.
„Frau Doktor Anne Winkler?“
„Was wollen Sie?“
„Ich soll Sie abholen. Bitte folgen Sie mir.“
„Ich folge Ihnen keinen Schritt, wenn Sie mir nicht sagen, wohin ich gehen soll und warum.“
Anne blickte ihn kühl an und der Mann schien zu spüren, dass er so nicht weiterkam. Sie ließ sich weder überrumpeln noch einschüchtern. Sein Gesichtsausdruck wurde eine Spur verbindlicher.
„Ich soll Sie zu einem Meeting abholen. Ihr Chef, Dr. Bardouin, wird auch dabei sein.“
Das sollte Anne eigentlich beruhigen, tat es aber nicht.
„Wenn Dr. Bardouin mich sprechen wollte, könnte er mich einfach anrufen.“
„Das kann er Ihnen selbst erklären. Ich habe nur meine Anweisung, dass ich Sie holen soll, und zwar so schnell wie möglich. Wir werden das Gebäude nicht verlassen, falls Sie das beruhigt.“
Das tat es tatsächlich.
„Gehen Sie vor.“
Im Gebäude der ESA fühlte Anne sich sicher, aber diese Behandlung war sehr ungewöhnlich. Dieser Mann war nicht vom Sicherheitsdienst der ESA, die kannte Anne alle. Warum ließ Dr. Bardouin sie von einem Fremden abholen?
Es ging in einen Gebäudetrakt, den Anne nicht kannte. Er gehörte zu dem Komplex, der wegen der starken Ausweitung der Raumfahrtaktivitäten nach ihrem Fund auf dem Mond neu gebaut worden war. Zu Beginn eines neuen Gangs blieb der Mann stehen.
„Geradeaus bis zum Ende, dann die letzte Tür rechts.“
Anne ging allein weiter. An den Wänden hingen noch keine der sonst allgegenwärtigen Bilder von Weltraummissionen. Alles war jungfräulich weiß, die Namensschilder neben den Bürotüren waren leer.
Die letzte Tür rechts befand sich in einer etwa zwei Meter tiefen Nische. Davor stand ein Mann, der der Zwilling dessen hätten sein können, der Anne abgeholt hatte. Sie war offensichtlich per Funk angemeldet worden, denn er war weder überrascht, noch fragte er nach ihrem Namen. Er zeigte nur auf eine Ablage, auf der Handys lagen.
Damit man uns nicht abhören kann. Anne wusste um die Manipulationsmöglichkeiten und Gefahren von Handys. Trotzdem – sowas hatte es bei der ESA noch nie gegeben. Was ging hier vor? Die Antwort lag hinter dieser Tür, die der Mann jetzt für sie öffnete.

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Copyright Cover & Leseprobe: Klaus Seibel
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

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Klaus Seibel, Das Erbe der ersten Menschheit
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Taschenbuch (Createspace) 8,99 Euro

Hinweis: Klaus Seibel ist Mitglied unserer Redaktion, Gastgeber der Indie-Lounge und mit seinem Label “Seibel Digital” Medienpartner von E-Book-News.