Wenn alle sagen, es ist vorbei… : Leonie Haubrich, „Auf manche Nacht folgt kein Tag“ [Leseprobe]

haubrich-manche-nachtWenn alle sagen, es ist längst vorbei, fängt es gerade erst an, denkt Walter, als er in der Lokalzeitung das Bild eines entführten Mädchens erblickt: denn das Mädchen sieht seiner verstorbenen Frau als Kind unglaublich ähnlich. Wie kann das sein? Hat Walter Halluzinationen? Immerhin ist er gerade mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Doch eins steht schon mal fest: das Mädchen ist verschwunden, und die Polizei tappt im Dunkeln. Und dann ist da diese Ähnlichkeit. Erinnerungen überfluten Walters Gegenwart, alte Wunden werden aufgerissen. Obwohl seine Umgebung sich gegen ihn stellt und ihn an seiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt: Walter ist sich sicher, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem Mädchen, seiner Frau und ihm selbst. Er beginnt zu recherchieren, sucht nach Spuren… und geleitet den Leser mitten hinein in die seelischen Abgründe gleich mehrerer Familiengeschichten. Mit „Auf manche Nacht folgt kein Tag“ legt Leonie Haubrich nach „Am Anfang war die Stille“ bereits ihren zweiten Self-Publishing-Thriller vor. Schon etwas länger ist die Wiesbadenerin unter ihrem „bürgerlichen“ Namen Heike Fröhling auch als Journalistin und Verlagsautorin unterwegs. Das Indie-Experiment hat sich gelohnt, nicht nur für die LeserInnen: nach dem Debut bewegt sich nun auch der neue Titel auf die Top 100 im Kindle Store zu. Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel, mehr verrät die „Blick ins Buch-Option“ bei Amazon.

Leonie Haubrich: Auf manche Nacht folgt kein Tag

1. Kapitel
Sie verließ ihre Deckung im Gebüsch, spannte die Bogensehne, kniff das linke Auge zu, um ihr Ziel zu fixieren. Mia hielt die Luft an. Dann ließ sie die Sehne vorschnellen. Wie geplant flog der Pfeil über die Straße. Er berührte mit seiner Gummispitze punktgenau den roten Aufkleber auf dem zehn Meter entfernten Hoftor. Getroffen! Dass sie mit dem rechten Turnschuh in den Bach rutschte, störte sie nicht. Es war einer dieser Tage, an denen solche Kleinigkeiten keine Rolle spielten, an denen einfach alles stimmte. Nicht einmal die angekündigte Klassenarbeit konnte ihre Laune trüben. An diesem Tag durfte Mia Robin Hood sein, worauf sie eine Woche lang gewartet hatte. Aus der Nebenstraße drangen Kinderrufe herüber, die lauter wurden und sich näherten. Das war der Sheriff von Nottingham mit seinen Gehilfen, die sie nun jagten, aber kaum finden würden, weil das Gebiet, das sie an diesem Tag für das Spiel festgelegt hatten, zu groß war, um es zu kontrollieren.
Mia huschte auf die andere Straßenseite, um den Pfeil einzusammeln, der nach seinem Treffer abgeprallt und von einer Windböe weggeweht worden war. Sie musste sich beeilen. Vorsichtig drückte sie das Holztor auf, um zu sehen, wo genau der Pfeil liegen geblieben war. Durch das geöffnete Tor lugte sie in den Hinterhof.
Im ersten Moment war der Pfeil nicht zu entdecken. Es war einer der alten Höfe, die zwei Zugänge hatten, einen zur Straße hin und einen zur hinteren Gasse. Dieser Hof ging noch dazu über Eck, sodass Mia ihn nicht vollständig einsehen konnte. An der Hauswand parkte gerade ein alter, schwarzer Opel ein. Der Motor verstummte. Zwei Personen stiegen aus. Die Frau öffnete den Kofferraum und holte eine Reisetasche heraus. Der Mann zog sich eine schwarze Strumpfmaske vom Kopf. Als er Mia erblickte, stieß er einen unterdrückten Fluch aus. Mias Gedanken überschlugen sich. Sie wusste, dass hier etwas überhaupt nicht stimmte. Wer trug im Alltag eine Strumpfmaske? Das Erschrecken, das im Gesicht des Mannes lag, bestärkte ihre Sorge. Was gerade passierte, sollte von niemandem entdeckt werden.
Sie wollte laufen, so schnell wie möglich nach den anderen rufen, damit sie kamen und ihr jemand sagte, was das alles bedeutete.
Lauf, befahl sie sich, lauf. Doch ihre Beine widersetzten sich jedem Befehl. Mia zitterte. Regungslos blieb sie dort stehen, wo sie sich befand. Ihr Puls hämmerte hinter ihrer Stirn. Sie musste sich festhalten, damit ihre Beine sie weiterhin aufrecht hielten, die Knie nicht einknickten. Die Frau ließ die Tasche fallen, der Verschluss ging auf. Mehrere Geldbündel rutschten auf die Pflastersteine. Aus Mias Hals kam ein Röcheln, das klang, als käme es gar nicht aus ihrem Körper, sondern von ganz weit her, dumpf aus einer Tiefe, die gar nicht zu ihr gehörte.
Bevor sie genau verstand, was sie gesehen hatte, was in ihrem Körper passierte, spürte sie, wie sie gepackt wurde. Ein Arm legte sich um sie, jemand drückte ihren Mund und ihre Nase zu. Sie drehte ihren Kopf, um sich zu befreien, um atmen zu können. Mit jeder Sekunde, in der sie keine Luft bekam, stieg ihre Panik. Sie strampelte mit den Beinen, versuchte zu schlagen, zu beißen. Ihr Körper übernahm die Kontrolle über das Geschehen. Er wehrte sich mit allen Mitteln. Doch das Einzige, was sich löste, war ihr rosa Schmetterlingshaargummi von ihrem Zopf. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie das Haargummi mit dem Tüllschmetterling mit dem Wind aufwärts glitt, über die Mauer hinwegflog wie ein Vogel, der aus seinem Käfig entkommen war. Die große Hand, die nach Zigarettenrauch roch, rutschte einige Millimeter abwärts. Endlich konnte sie durch den Mund nach Luft schnappen. Der Mann schloss das Tor zur Straße. Mia registrierte, wie sie von der Frau in einen Keller geschleift wurde. Bei jeder Treppenstufe knallten ihre Füße von einer Stufe zur nächsten, jedes Mal fühlte sie einen kleinen Schlag an den Fersen. Von irgendwoher flackerte ein Licht, das nicht hell genug war, um sich orientieren zu können. Es stank nach Feuchtigkeit und Schimmel. Mia musste würgen. Es gelang ihr nicht, mit den Schuhen Halt auf dem Boden zu finden. Ihre Beine schlenkerten wie Puppenbeine von einer Seite zur anderen, als hätte jemand sie von ihr abgetrennt, als gehörten sie gar nicht mehr wirklich zu ihr selbst. Dicht an ihrem Ohr hörte sie einen Knall, der sie an ihren Vater erinnerte, wie er auf den Esstisch schlug, wenn sie eine Fünf oder Sechs von der Schule mit nach Hause brachte. Sie bemerkte, dass der Knall ein Hieb an ihren Kopf gewesen war, und wunderte sich, warum sie keinen Schmerz spürte. Blut tropfte auf den Steinboden. Sie wusste, dass es ihr eigenes Blut war. Sie hätte darum kämpfen können, die Augen geöffnet zu lassen, wahrzunehmen, was um sie herum geschah. Stattdessen entschied sie sich zu fallen, in die Schwärze hinein, dorthin, wo sie ihre Angst und Hilflosigkeit nicht mehr spüren musste.

Copyright Cover & Leseprobe: Leonie Haubrich
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autorin.

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Leonie Haubrich, Auf manche Nacht folgt kein Tag
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