„Community für Journalismus im Netz“: Krautreporter geht an den Start – werbefrei, leserfinanziert

Krautreporter hält die Welt in Atem – das war im Juni dieses Jahres: nach einer schleppend angelaufenen Crowdfunding-Kampagne kamen im Endspurt nicht nur die anvisierten 15.000 Jahres-Abos für das alternative Online-Magazin zusammen, sondern sogar mehr als 17.000, so dass eine Million Euro Startkapital zur Verfügung stand. Seit Ende Oktober kann man nun auf krautreporter.de die ersten crowdfinanzierten Recherchen, Reportagen und Erklärstücke lesen, etwa aus der Feder von Stefan Niggemeier, Andrea Hünniger, Richard Gutjahr oder Theresia Enzensberger. Und ab nächster Woche auch eine Graphic-Novel-Serie von Hans Hütt und Josefina Capelle.

Anders produziert, anders präsentiert

Kaum war Krautreporter gelauncht, kam aber auch schon wohlfeile Kritik von der klassischen Medienfront: Den Web-Journalismus neu erfunden habe die Plattform ja offenbar nicht, Artikel in dieser Art gebe es doch auch anderswo. Tatsächlich dürfte man Stücke wie „Bekannte Youtuber kämpfen um die Seele ihres Mediums“, „Horror im Gepäck: Ein Krankenpfleger im Ebola-Einsatz“ oder „Halloween in den USA – Warum Kaffee nach Kürbis schmeckt“ auch auf SPOL, sueddeutsche oder taz.de erwarten. Trotzdem trifft die Kritik aber wohl nicht den Kern des Konzepts, denn die Inhalte werden anders produziert, und sie werden auch anders präsentiert.

Im Standard-Modus hat man auf Krautreporter.de nur den jeweiligen Artikel vor sich, es gibt keine störenden Seitenleisten, fast so, als würde man sich auf einem reduzierten Blog wie Katja Kullmanns „Euphorie im Alltag“ bewegen. Auf Wunsch wird aber eine Artikel-Übersicht und ein Menü einblendet, am Ende jedes Artikels kann man einfach weiterscrollen, eingeblendet wird dann nahtlos die folgende Story. Eins wird man aber auf keinen Fall zu Gesicht bekommen: Werbeeinblendungen. Denn Krautreporter ist eben vor allem leserfinanziert, dazu kommen noch etwa zehn Prozent Spendengelder.

Kommentieren dürfen nur Abonnenten

Das sorgt für einen höheren Grad an Unabhängigkeit von den üblichen Einflussagenten aus Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand. Die starke Orientierung auf die eigene, aktive Community führt allerdings auch zu eher ungewöhnlichen Praktiken. Dem Motto „Comment is free“ folgt Krautreporter z.B. nicht, Kommentare lesen und Artikel selbst kommentieren dürfen nur zahlende Mitglieder. Dazu kommen weitere Premium-Leistungen, etwa epub- und Audio-Versionen sowie freier Eintritt zu Krautreporter-Veranstaltungen.

Zu den Prinzipien von Krautreporter gehört übrigens auch, die Verwendung der Gelder transparent zu machen. So kann man auf der Seite „Über uns“ etwa erfahren, dass 68 Prozent bzw. 570.000 Euro des Gesamtbudgets (abzüglich Steuern) für Redaktion und Autoren ausgegeben werden. Website und das Berliner Büro schlagen jeweils mit knapp zehn Prozent bzw. 90.000 Euro zu Buche.

Auf dem Weg zur Genossenschaft

Zum Vergleich: ohne Druck & Vertrieb kostet die Produktion der ebenfalls überwiegend leserfinanzierten, aber natürlich deutlich größeren Tageszeitung taz pro Jahr knapp 16 Millionen Euro, davon sind auch wiederum zwei Drittel Gehälter und Honorare. Hinter der taz steht neben knapp 50.000 Abonnenten eine Genossenschaft aus mehr als 14.000 Mitgliedern – ähnlich könnte es bald bei Krautreporter aussehen: im Gesellschaftsvertrag ist festgehalten, dass die Unternehmung „in absehbarer Zeit in eine Genossenschaft überführt“ werden soll.

„Abhängig nur vom Leser“: Krautreporter pitcht crowdfinanziertes Online-Magazin

Native Advertising? Stiftungsfinanzierung? Staatliche Subventionen? „Auch die klügsten Thesen können nichts daran ändern, dass niemand tatsächlich die Zukunft des Journalismus kennt“, schrieb die in Seattle lebende Bloggerin und Journalistin Ulrike Langer gerade auf Meedia. Doch eins sei wohl klar: eine gemeinsame Zukunft für die Medienbranche werde es ohnehin nicht geben – stattdessen müsse man sich diesseits und jenseits des Atlantiks auf eine bunte Mischung „aus einigen wenigen alten und vielen neuen Formen und Geschäftsmodellen“ einstellen. Wird in der deutschen Medienlandschaft Crowdpublishing zu den angebotenen Geschmacksrichtungen gehören? Manches spricht dafür – nicht zuletzt der bisherige Erfolg von Krautreporter.de …

„Für die Geschichten hinter den Nachrichten“

Denn damit online mehr herauskommt als Verblendungszusammenhänge von Bild.de bis Buzzfeed, setzt Krautreporter.de schon seit Anfang 2013 auf Krautfunding – fast 200.000 Euro kamen dort bereits für engagierte journalistische Projekte zusammen (E-Book-News berichtete). Und zugleich reifte damit die Erkenntnis: allem Gerede über “Kostenloskultur” zum trotz sind LeserInnen durchaus bereit, für guten Online-Journalismus Geld auszugeben. Das hat die Krautreporter-Gründer Sebastian Esser, Philipp Schwörbel und Alexander von Streit nun ermutigt, den großen Sprung zu wagen: aus der Krautfunding-Plattform soll ein „tägliches Magazin für die Geschichten hinter den Nachrichten“ werden, und zwar werbefrei – also weder mit Bannern verbaut noch mit Suchmaschinen-Ranking im Kopf geschrieben.

Kernmannschaft aus 25 JournalistInnen

Helfen soll dabei natürlich die Crowd – gesucht sind 15.000 UnterstützerInnen, die bereit sind, ein Jahr lang 5 Euro pro Monat zu geben, genauer gesagt, 60 Euro für die Gründung vorzustrecken. „Es ist eine große Chance, sich nur von einem abhängig zu machen – dem Leser“, so Stefan Niggemeier im Pitch-Video (siehe auch Niggemeiers aktuellen Blog-Artikel). Der prominente Online-Journalist gehört zum Autoren-Team, genauso wie 24 weitere KollegInnen – allen gemeinsam ist: sie möchten „nicht mehr darauf warten, dass die großen Medienunternehmen sich endlich trauen, echten Journalismus im Netz zu ermöglichen.“ Wer ab Herbst gut recherchierte Stories von Stefan Niggemeier, Theresia Enzensberger, Hans Hütt, Jens Weinreich, Andrea Hünniger und anderen lesen möchte, muss sich bis 15. Juni entscheiden, dann endet die Krautfunding-Kampagne.

Prinzip Offenheit: Keine Pay-Wall geplant

Vergleichbare leserfinanzierte Plattformen wie „mediapart“ in Frankfreich oder „De Correspondent“ in den Niederlanden haben bereits mehr als 50.000 bzw. 30.000 Abonnenten und schreiben schwarze Zahlen. Im Unterschied zu diesen wird man das Krautreporting-Magazin aber auch lesen können, wenn man nicht zu den zahlenden Kunden gehört. Das macht durchaus Sinn, denn je größer die Reichweite, desto größer auch die Zahl potentieller Crowdfunder, die auf den Geschmack kommen können. Ähnlich macht es ja seit einigen Jahren die Online-Ausgabe der alternativen Tageszeitung taz, die statt Pay-Wall auf die freiwillige „Pay-Wahl“ setzt und dafür ein barrierfreies Vollprogramm bietet. Die Krautreporter wollen immerhin täglich drei bis vier Geschichten posten…

Journalismus 2.0: Krautreporter.de knackt die 100.000-Euro-Marke

Hat Journalismus im digitalen Zeitalter noch eine Chance? Als Krautpublishing vielleicht schon – das beweist der Erfolg von Krautreporter.de – die erst Anfang 2013 gestartete Crowdfunding-Plattform für journalistische Projekte hat gerade die 100.000-Euro-Marke geknackt. Insgesamt wurden mit Hilfe der Crowd 20 Reportagen, Bücher oder Online-Aktionen finanziert, fünf Kampagnen scheiterten, was einer Erfolgsquote von 80 Prozent entspricht.

Zu den prominentesten Krautreporting-Projekten gehört die von Richard Gutjahr & Co. ins Leben gerufene Webplattform LobbyPlag, mit der die Einflussnahme von Lobby-Organisationen auf Gesetzetexte visualisiert werden soll. Bis Anfang März 2013 wurden zu diesem Zweck knapp 7.000 Euro gesammelt. Die von Freischreiber e.V. geplante „Freienbibel“, ein Handbuch für freie Journalisten, erzielte im Mai dann sogar 14.000 Euro, damit wurde das Spendenziel um 200 Prozent überschritten. Nur 5.000 Euro, dafür aber weitaus mehr mediale Aufmerksamkeit hat Tilo Jung gesammelt – sein via Youtube gesendetes Talk-Format „Jung&Naiv“ mit der Zielgruppe Politikverdrossene kann sich nun auch die Post-Production leisten.

Kampagnen im fünfstelligen Bereich blieben auf Krautreporter.de bisher tatsächlich noch die Ausnahme, üblich sind kleinere Summen, manche Projekte geben sich auch mit ein paar Hundert Euro zufrieden. Die Macher der Plattform rund um den Berliner Journalisten Daniel Esser und Wendelin Hübner denken aber schon eine Nummer größer. Sie planen ihre Crowdfunding-Engine unter dem Namen „Sparker“ als Whitelabel-Lösung anzubieten, mit deren Hilfe auch Zeitungen, Magazine oder TV-Sender auf Krautfunding setzen können – wenn sie bereit sind, vorab mindestens 10.000 Euro in die Franchise-Kosten zu investieren.