Drin, aber nicht angekommen – „Konkret“ und die Furcht der Linken vor den neuen Medien

drin aber nicht angekommen konkret und die medienfurcht der linken.gifIm neuen Konkret feiert die alte Medienfurcht der deutschen Linken fröhlich Urständ: das Internet ist für Herausgeber Gremliza eine Kloake des deutschen Kleingeistes, E-Reader wie Apples iPad findet Kolumnist Kusenberg fast so schlimm wie Privatfernsehen. Vielleicht weist ja bereits die technisch veraltete Konkret-Homepage auf ein grundsätzliches Problem mit dem drahtlosen Zeitalter: man ist zwar drin, aber noch nicht wirklich angekommen.

Abgetaucht in das ungeheure Kanalsystem der öffentlichen Meinung

Konkret nennt sich nicht ohne Stolz Deutschlands „einzige linke Publikumszeitschrift“. Das 1957 gegründete Magazin erreicht immer noch eine Auflage von 65.000 Stück – obwohl es mit seinen kleingedruckten, dreispaltigen Letternwüsten mittlerweile etwas altmodisch daherkommt. Traditionell ist jedoch auch die Perspektive auf das Mediensystem: alles, was mit Masse zu tun hat, und erst recht mit elektronischen Verbreitungsformen, unterliegt erst einmal dem Generalverdacht von Geistlosigkeit und/oder Manipulation. Das Internet etwa wird in der aktuellen Kolumne von Herausgeber Hermann L. Gremliza mal wieder kräftig abgewatscht – es scheine die „große Kloake der öffentlichen Meinung durch unzählige kleine Jauchegruben verdrängen zu wollen“. Von der Utopie des Mediums – Stichwort: herrschaftsfreier Diskurs – bleibt da keine Spur mehr. Brecht hatte in seiner „Radiotheorie“ noch die Vision: wenn alle nicht nur empfangen, sondern auch senden dürfen, entstünde der „großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem“.

Droht im Internet das „Massaker der totalen Meinungsfreiheit“?

Gremliza denkt da offenbar ganzheitlicher als Brecht – das Kanalsystem braucht auch eine Kläranlage. Angesichts der „Massaker totaler Meinungsfreiheit“ in Blogs und Chat-Foren wünscht sich Gremliza die „zivilisatorischen“ Errungenschaften der Gutenberg-Galaxis zurück, insbesondere redaktionelle Hierarchien. Dem Furor über das Forum folgt der Ruf nach dem Zensor – woher kommt dieser autoritäre Kurzschluss? Ganz einfach: Der Herausgeber ist in die Welt von digitalen Avataren wie Hase19 und LatteM hinabgestiegen, und was es dort zu sehen gab, war ihm ein Gräuel: „Schmierer, die nicht zwischen das und daß unterscheiden können, richten en Blog über Gott und die Welt.“ Doch nicht nur „dass“: „in den Suchmaschinen reservieren sie, ich weiß nicht wie, die ersten Plätze wie deutsche Touristen morgens um fünf mit ihren Handtüchern die Liegestühle am Ballermann.“

Enzensberger wird konkret: „Veraltete Kommunikationsformen und esoterische Handwerkelei“

Aufschlußreich an letzterem Zitat ist wohl vor allem der Einschub „ich weiß nicht wie“. Schaut man sich die Internet-Präsenz von Konkret an, beginnt man das grundsätzliche Problem zu ahnen: technisch und gestalterisch verharrt der Online-Auftritt von Deutschlands ältester linker Publikumszeitschrift auf dem Stand der späten Neunziger Jahre. Mit anderen Worten: Konkret ist zwar drin, aber nicht wirklich angekommen. Offenbar steckt ein Teil der deutschen Linken noch immer in einem Dilemma, das Enzensberger schon vor vierzig Jahren in seinem medienpolitischen Baukasten kritisierte: man würde aus Berührungsangst vor den Medien in der politischen Praxis auf „veraltete Kommunikationsformen und in esoterische Handwerkelei“ ausweichen, die etwa dem Stand von 1900 entspreche. Im Privatleben „hören sie die Rolling Stones, verfolgen auf dem Bildschirm Invasionen und Streiks und gehen ins Kino zum Western oder zu Godard“. Die praktische Arbeit mit den neuen Medien, so Enzensbergers Vorwurf, überlasse man dagegen jedoch vollkommen der Subkultur, dem Underground – heute könnte man am Ende wohl auch Gestalten wie LatteM und Hase19 dazu zählen. Doch von dieser „Medienfeindschaft der Linken“, so warnte Enzensberger zu recht, „profitiert einzig und allein das Kapital.“

„Wer ein iPhone nutzt, akzeptiert die Allmächtigkeit des Systems“

Ach ja, das Kapital. Während aus der Perspektive der linksdrehenden Gutenberg-Galaxis ausgerechnet das demokratisch-utopische Potential des Internets zum Problem hochsterilisiert wird, zieht Konkret bei der Betrachtung des Mediums E-Book schnell noch mal die alte Manipulationsthese aus dem Ärmelschoner: wenn Großunternehmen wie Amazon oder Apple kontrollieren können, was auf den E-Reader gehört und was nicht, kann ja nichts vernünftiges dabei rauskommen. In der aktuellen Kulturkolumne hat sich Peter Kusenberg vor allem das neue iPad zur Brust genommen. Warum überhaupt der ganze Medienrummel um Apples Tablet!? „Das iPad besitzt keinen erweiterbaren Speicher, es beherrscht kein Multitasking, die Betriebssoftware ist restriktiv, und der Name läßt englischsprachige Menschen an Tampons denken“. Soweit, so gut. Interessanterweise wird im Unterschied zu Gremlizas Internet-Schelte nun aber Apple vorgeworfen, die totale Freiheit des Internets auf seinen vernetzten Gadgets durch eine Kontrollausübung einzuschränken: „Wer ein iPhone nutzt, der akzeptiert die Allmächtigkeit des Systems und lädt die gewünschten der rund 150.000 Programme herunter, die allesamt von Apple geprüft wurden. Wäre das Apple-Modell der Standard im Internetzeitalter, dann kontrollierten auschließlich wenige Konzerne, zu welchen Inhalten die Menschen Zugang erhielten.“ Doch nicht nur das. Die bösen Konzerne würden durch Digital Rights Management auch noch kontrollieren, was man mit E-Books tun darf, und was nicht: „Wer im App Store Marxens Kapital kauft, der darf dieses E-Buch nicht auf einen Linux-PC übertragen. Das ist ein technischer Rückschritt um mehrere Jahrzehnte.“ Mit anderen Worten: die bösen Konzerne übertragen die Regeln der Gutenberg-Galaxis auf das drahtlose Zeitalter. Wahrlich ungerecht!

Die Marx-App kann man nicht auf Linux-PCs lesen – Kusenbergs Kolumne aber auch nicht

Was die inhaltliche Kontrolle betrifft, können sich Apple & Co. jetzt aber lustigerweise auf Hermann L. Gremliza berufen. Ist Apples Content-Filter nicht eine „zivilisatorische Errungenschaft“, ähnlich wie die des Zeitschriften- und Zeitungsredakteurs? Schließlich könnten ja Hase19 und LatteM auch auf die Idee kommen, eine iPhone-App zu basteln, eine ganz geschmacklose, mit vielen Rechtschreibfehlern. Doch auch die Passage zur verhinderten Marx-Lektüre auf dem Linux-PC entbehrt nicht einer gewissen Ironie – denn Kusenbergs Kolumne kann man auch nicht auf einem Linux-PC lesen. Genauer gesagt, auf gar keinem PC. Es gibt sie – genau wie Gremlizas Internet-Invektiven – ausschließlich in gedruckter Form. Zum Digital Rights Management von Konkret gehört es nämlich, nur einen Teil der Heft-Texte auch online zur Verfügung zu stellen. Nun ist das durchaus nicht unüblich. Doch ausgerechnet zwei Kolumnen unter Verschluss zu halten, die sich kritisch mit den neuen Medien auseinandersetzen, und speziell mit elektronischem Lesen, entwertet die Kritik schon im Ansatz. Oder ist alles am Ende nur heroische Pose? Das aktuelle Heft endet schließlich mit einem Kluge-Zitat: „Das Internet ist nur ein Bild für eine übermächtige Faktizität, gegen die wir uns etwa seit Verdun 1916 in Gegenwehr befinden.“