Author Earnings Report: Jedes 3. E-Book wird ohne ISBN verkauft – & fehlt in Buchmarkt-Statistik

unit-sales-shadow-20150121ISDN sei die Abkürzung für „Ist sowas denn nötig?“, wurde in den Neunziger Jahren gewitzelt. Im E-Book-Zeitalter könnte man ähnlich mit ISBNs kalauern. Für viele Indie-Verlage und Self-Publishing-Autoren spielen die „Internationalen Standardbuchnummern“ überhaupt keine Rolle mehr. Für die USA hat Hugh Howeys aktueller „Author Earnings Report“ (AER) jetzt vielsagende Zahlen vorgelegt – demnach würden dort bereits 30 Prozent aller E-Book-Verkäufe Titel ohne ISBN-Nummer betreffen. Bei den Einnahmen ergibt sich ein ähnliches Bild: 28 Prozent aller Autorenerlöse im Kindle-Store würden mit ISBN-losen E-Books erzielt. Der AER basiert auf einer automatisierten Auswertung von 120.000 Titeln aus dem Amazon-Katalog.

ISBN-Schlupf schafft „Schatten-Industrie“

Da Amazon knapp zwei Drittel des E-Book-Marktes in den USA kontrolliert, bedeutet der große ISBN-Schlupf aber auch: die offiziellen Statistiken zum Marktanteil von selbst publizierten E-Books verzerren die Realität – sie zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Tatsächlich, so die Macher des AER, hätten die Indies bereits einen Marktanteil von 30 Prozent. Die von AAP, BISG, Nielsen oder Bowker gelieferten niedrigeren Buchmarkt-Zahlen beziehen sich dagegen nur auf Titel mit ISBN, der Rest wird ziemlich willkürlich geschätzt. Das Fazit für den Autor Earnings Report angesichts der „Schatten-Industrie“ im Indie-Sektor: „When It Comes To Tracking Digital Books, The ISBN Is Officially Dead — It Just Hasn’t Been Buried Yet.“

In Deutschland bleiben ISBNs bei E-Books wichtig

Zombie-Status haben in den USA die ISBNs für E-Books aber auch rein praktisch: Amazon verwendet eigene Bestellnummern (ASIN genannt), bestehende ISBNs werden in ASINs umgerechnet. Die großen US-Plattformen wie Barnes & Noble, iBooks oder Kobo sind für Self-Publisher ebenfalls ohne Vergabe einer ISBN-Nummer zugänglich. Anders das Bild in Deutschland, hier gibt es ein ISBN-Kartell: Um E-Books im epub-Format auf Buchhandelsplattformen wie Thalia, Weltbild, Libri & Co. anzubieten, ist die ISBN obligatorisch, viele Distributoren vergeben sie kostenlos. Etwa ein Drittel der deutschen Self-Publisher veröffentlicht aber nur via Amazon – so dass auch hierzulande viele E-Books ohne ISBN verkauft werden.

MatchBook: Amazon startet AutoRip für E-Books – rückwirkend bis 1995

Nicht nur die NSA speichert alles & für immer. Auf Amazons Servern schlummert noch so manche Kundeninformation – was wie im Fall des heute angekündigten „MatchBook“-Programms von Vorteil sein kann: auch bei Büchern will das Unternehmen in Zukunft nämlich eine digitale Cloud-Kopie anbieten. Unter dem Namen „AutoRip“ gibt’s eine ähnliche Form des Retro-Bundlings bereits für CDs (in Deutschland seit Sommer 2013), und zwar rückwirkend bis 1999.

Angefangen hat bei Amazon natürlich alles mal mit Büchern, deswegen reicht das Gedächtnis von MatchBook sogar bis 1995 zurück: „Wenn jemand sich während der Clinton-Regierung [entspricht etwa der späten Kohl-Ära, A.d.R.] via CompuServe eingeloggt und bei Amazon ein Buch wie ‚Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus‘ gekauft hat, kann er den Titel nun dank Kindle MatchBook volle 18 Jahre später der Kindle-Bibliothek für wenig Geld hinzufügen“, so Russ Grandinetti, Vizechef der Kindle-Content-Abteilung.

Anders als im Fall der MP3s ist das automatisch in die Rechnerwolke gebeamte E-Book also nicht in jedem Fall kostenlos – die Preise bewegen sich aber maximal zwischen 99 Cent und 2,99 Dollar. MatchBook startet bei Amazon.com im Oktober, zu diesem Zeitpunkt soll das Bundling-Modell bereits mehr als 10.000 Titel umfassen, darunter Bestseller von Colleen McCullough, John Irving oder – surprise, surprise – Oliver Pötzsch. Ein Starttermin für den deutschen Kindle-Store steht noch nicht fest. Bei AutoRip für CDs dauerte es nur ein halbes Jahr, bis das Programm nach dem US-Markt auch in Deutschland an den Start ging.

Besonders einfach haben es Rechteinhaber, die bereits Amazons KDP-Plattform nutzen – hier können sie per Mausklick die Bundling-Option für ihre Kindle-Titel freischalten. Für viele Verlage und Autoren dürfte das neue Feature wohl eine einmalige Chance bieten, den Lesern zielgenau ein Zusatzangebot zu machen. „Mir gefällt diese Idee: sie ist einfach, brillant und bietet jedem etwas“, zitiert Amazon den Bestseller-Autor Marcus Sakey. Und lässt ihn zudem eine für viele Verlage unbequeme Wahrheit aussprechen: „Es ist lächerlich, von den Lesern zu verlangen, zweimal den vollen Preis für dasselbe Buch zu bezahlen.“

Abb.: „Es war einmal…“ (OVP des Kindle 2) – Flickr/Madaise (cc)

Von Crowdpublishing bis Crowdinvestment: Krautfunding 3.0 jetzt kostenlos im Kindle-Store

Nach der sehr erfolgreichen Kindle-Aktion mit „Vom Buch zum Byte“ – fast 1400 Downloads in 72 Stunden – gibt’s in den nächsten drei Tagen geballte Informationen zum Thema Crowdfunding made in Germany: bis zum 24. April könnt ihr mein E-Book „Krautfunding – Deutschland entdeckt die Dankeschön-Ökonomie“ kostenlos im Kindle-Store herunterladen. Die dritte Auflage von „Krautfunding“ (März 2013) versammelt aktuelle Beispiele zu Bereichen wie Krautpublishing, Krautinvestment, aber auch crowdgestütztes Fundraising für den guten Zweck. Wie gut Crowdfunding in Deutschland angekommen ist, zeigt ein Blick in die Statistik: im letzten Jahr wurden auf klassischen Crowdfunding-Plattformen mehr als 2 Mio. Euro eingesammelt, netzaffine Kleinanleger steckten 2012 satte 4 Millionen Euro in die Projekte von erfolgversprechenden Startups.

Ein Thema, das in „Krautfunding“ immer wieder auftaucht, ist die Kulturflatrate. Wenn sich Crowdfunding durchsetzt, könnten bisherige Verteilungskämpfe im Kulturbetrieb der Vergangenheit angehören. Abgesehen von Fallbeispielen rund um Crowdfunding made in Germany bekommt man aber auch Basiswissen geliefert. Ein eigener Abschnitt widmet sich der Frage „Wie funktioniert eine klassische Crowdfunding-Plattform?“. Im erweiterten Serviceteil findet man außerdem neben einem „ABC des Crowdfunding“ ein Literaturverzeichnis sowie Surf-Tipps.

Kleiner Wermutstropfen: Um an Amazons Programm „KDP Select“ teilnehmen zu können und Gratis-Aktionen zu starten, muss man den jeweiligen Titel für drei Monate exklusiv im Kindle-Store anbieten. Die Multiformat-Version von Krautfunding (epub, PDF, mobi) gibt’s deswegen erst wieder ab Mitte Juli – zeitgleich startet dann auch die Distribution auf Buchhandelsplattformen wie Thalia oder Weltbild. Trotzdem kann man „Krautfunding“ schon jetzt problemlos auf Tolino, Kobo- oder Sony-Reader lesen: Da auch die Kindle-Version meines E-Books 100% DRM-frei ist, lässt sich die .mobi-Datei ganz einfach in andere Formate wie epub konvertieren, z.B. mit dem Freeware-Tool Calibre. Via Amazon/Createspace ist übrigens auch eine Taschenbuch-Version der aktuellen Auflage von „Krautfunding“ lieferbar (94 Seiten, 6,99 Euro).

Vom Kindle-Store nach Hollywood: Ridley Scott verfilmt Self-Publishing-Roman „Wool“

Zelluloid heißt der Stoff, aus dem auch die Träume von Self-Publishing-Autoren gemacht sind. Für Hugh Howey könnte dieser Traum jetzt auf direktem Wege wahr werden: die Filmrechte für seine dystopische Sci-Fi-Saga The Wool sind auf das Interesse der Produktionfirma 20th Century Fox gestoßen, bis 2014 könnte man die Geschichte schon auf der Leinwand sehen. Dem Insider-Blog Deadline Reports zufolge sollen für Drehbuch und Regie die Gebrüder Ridley und Tony Scott verantwortlich zeichnen, bekannt durch Blockbuster wie Bladerunner oder Top Gun. Die Story von Wool erinnert ein wenig an Hunger Games: In Howeys postapokalpytischem Sci-Fi-Thriller leben die restlichen Menschen allerdings nicht oberirdisch, sondern in einem riesigem unterirdischen Bunker, genannt das „Silo“. Als schlimmste Strafe gilt es, in die lebensfeindliche Außenwelt verbannt zu werden.

Die erste Folge von Wool kam im Sommer 2011 als Kurzgeschichte im Kindle-Store heraus. Motiviert durch viele positive Reviews veröffentlichte Howey dann in den folgenden Monaten weitere vier Teile. Die als „Omnibus Edition“ ebenfalls via Self-Publishing vermarktete Gesamtausgabe wurde wiederum zum Bestseller – mittlerweile rangiert sie in den Top 100 des Kindle-Stores, auf Platz 1 im Bereich „High Tech“-Sci-Fi sowie auf Platz 5 im Bereich „Adventure“. Wie beliebt Wool beim Publikum ist, zeigen fast 700 Rezensionen und eine Bewertung von 4.9 von 5 Sternen. Überzeugt sind aber auch die professionellen Kritiker von Wired.coms GeekDadReview: „Die alten Annahmen über Indie-Bücher sind nicht länger gültig, Leser müssen ihre (Vor-)Urteile den neuen Gegebenheiten anpassen. Die Omnibus-Ausgabe von The Wool ist ein großartiges Buch und verdient Anerkennung als ein vollwertiger Beitrag zum Science-Fiction-Genre.“

Amazons Kindle-Store spielte bereits bei bisherigen Self-Publishing-Erfolgen in den USA eine zentrale Rolle. So verkaufte etwa Shooting-Star Amanda Hocking die Vampirgeschichten der My Blood Approves-Serie mehr als eine Million mal elektronisch, bevor sie 2011 bei einem konventionellen Verlag unter Vertrag genommen wurde. Ende 2011 wurde sie Mitglied im erlauchten Club der Kindle-Auflagenmillionäre. Allerdings nicht als erste Self-Publishing-Vertreterin – kurz vor ihr schaffte es bereits Thriller-Autor John Locke mit seinen Donovan-Creed-Krimis. Dieser wiederum ist nun zumindest in gedruckter Form bei Simon&Schuster gelandet. Hugh Howey hat nun aber völlig neue Maßstäbe gesetzt – vom Kindle Direkt-Publishing-Programm ohne Zwischenhalt bei den „Buchmachern“ direkt auf die Leinwand. Die immer noch dynamisch wachsende Zahl der Kindle-Nutzer in den USA dürfte uns in Zukunft noch mehr solcher Rekorde bescheren.

(via teleread & Deadline Reports)

Abb.: Wikipedia


Hugh Howey,
Wool Omnibus Edition (Wool 1 – 5)
Kindle-Book (Amazon.de) 3,08 Euro
(Im Kindle-Store sind auch einzelne Bände verfügbar)

E-Book-Magie: Harry Potter als Kindle-Book und epub lieferbar

Der magische E-Book-Moment ist endlich gekommen: seit heute kann man Harry Potter als E-Book shoppen, zumindest die englische Version. Nicht nur der E-Store von J K Rowlings interaktiver Plattform Pottermore hat seine Pforten einen Spalt breit geöffnet, und bietet einzelne Folgen im epub-Format ab 5,97 Euro sowie das Gesamtpaket für 46,19 Euro an. Bei Amazon hat der Hogwarts-Express ebenfalls Station gemacht – hier werden zum selben Preisdie Kindle-Versionen von „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ bis zu „Harry Potter and the Deathly Hallows“ angeboten. Offizieller Starttermin für die gesamte Pottermore-Plattform ist auch weiterhin Anfang April. Deutsche E-Book-Versionen von Harry Potter sollen in den nächsten Wochen ebenfalls erhältlich sein.

Harry Potter als E-Book & Audio-Book

Um im E-Store von Pottermore einzukaufen, muss man zunächst ein Kunden-Account anlegen. Die Benutzerführung ist englisch, bezahlt wird zumindest vorerst nur mit Kreditkarte. Europäische Kunden können lediglich die britische Version der Harry-Potter-E-Books kaufen, die mit anderen Covern ausgestattet sind als die US-Version. Neben den E-Books stehen auch Audio-Books der einzelnen Folgen zum Download bereit, die ersten drei Folgen für jeweils 21 Euro, neuere Folgen für 39 Euro. E-Books wie auch Audiobooks lassen sich übrigens auch verschenken, die erworbenen „Gift-Codes“ lassen sich ganz einfach per E-Mail an den Empfänger verschicken.

Digitales Wasserzeichen statt hartem DRM

Der Bezahlvorgang für die Kindle-Version läuft ebenfalls über Pottermore, vor dem Download wird das Pottermore-Account mit dem Amazon-Kundenaccount verknüpft. Ähnlich läuft das Verfahren für Kunden von Barnes&Noble. Bei Branchenbeobachtern sorgt das für Aufsehen – zum ersten Mal haben die Unternehmen sich auf eine solche exklusiven Bedingungen eingelassen. Nicht mit im Boot ist aus den selben Gründen Apples iBook-Store. Im Fall von Kindle und Nook sind die Harry-Potter-E-Books auch mit hartem DRM-Schutz versehen. Generell setzt Pottermore aber ansonsten auf das digitale Wasserzeichen. Fest mit dem Dokument verbundene Kundendaten sollen verhindern, dass Harry Potter-epubs frei im Internet zirkulieren. Von allen Bänden kann man übrigens bei Pottermore auch epub-Leseproben herunterladen.

Kindle über alles: E-Books bei Amazon.com überholen Paperback plus Hardcover

Amazon hat im April 2011 in den USA mehr E-Books als gedruckte Bücher verkauft – und zwar in allen Kategorien. Die Downloads elektronischer Lektüre via Kindle Reader und Kindle App übertrafen erstmals die gesamte verkaufte Auflage an Paperback und Hardcover-Ausgaben. Der Erfolg des preislich vergünstigten „Special Offer“-Kindles hat das Erreichen dieser Rekordmarke offenbar zusätzlich beschleunigt. Innerhalb weniger Wochen avancierte das durch Werbeeinblendungen quersubventionierte Lesegerät zum Bestseller im Kindle-Fuhrpark.

Peak Print bleibt aus: Wachstum auch bei Papierversionen

Es wird nicht der letzte Rekord aus dem Hause Amazon bleiben – doch prinzipiell ist die aktuelle Meldung nicht mehr zu übertreffen: die Gutenberg-Galaxis wurde endgültig abgehängt, zumindest bei Amerikas größtem Online-Buchhändler. In gewisser Regelmäßigkeit hatte Amazon zwar schon öfter ganz ähnlich klingende Verlautbarungen produziert. Bei bisherigen Rekordnachrichten wurden aber Titel herausgerechnet, die nicht als E-Book lieferbar waren. Interessanterweise geht der finale Kindle Boom dieser Tage nicht mit „Peak Print“ einher. Denn auch die Verkaufszahlen bei gedruckten Büchern wachsen weiter. Passend dazu erreichte die Amazon-Aktie in diesen Wochen mit 200 Dollar ihren historischen Höchststand.

Kindle-Reader bleibt wichtigste Plattform

Wichtigstes Standbein für den E-Book-Boom bleibt der Kindle-Reader – alleine 2010 sollen bis zu 8 Millionen Geräte ausgeliefert worden sein. Amazon selbst gibt natürlich auch weiterhin keine genauen Zahlen heraus. Völlig im Trüben fischen muss man aber nicht. So könnte nach Schätzungen von Analysten bis 2012 die Gerätebasis auf bis zu 20 Millionen Kindles anwachsen. Zwar wächst durch die Kindle-App auch die Zahl der potentiellen Alternativ-Plattformen vom Netbook bis zu Tablets und Smartphones. Am meisten gelesen wird aber immer noch auf dem E-Ink-Display. Während pro Jahr jeder Nutzer durchschnittlich etwa 15 E-Books auf den Kindle-Reader herunterlädt, sollen es bei Kindle Apps nur etwa 2 E-Books sein. Neue Dynamik in dieses Verhältnis zwischen E-Ink und LCD-Screen dürfte dabei das für Ende 2011 erwartet Amazon-Tablet bringen.

Wo bleiben die Rekordmeldungen bei Amazon.de?

Eine wachsende Rolle spielen neben E-Book-Downloads auf dem Kindle übrigens auch die Abos von elektronischen Zeitungen und Zeitschriften. Während Amazon.com mit Kindle-Books nach Analysten-Schätzung in diesem Jahr 2,6 Milliarden Dollar umsetzen wird, sind es bei den „subscriptions“ immerhin schon 730 Millionen Dollar. Die Erfolgsgeschichte des US-Kindle-Stores beginnt sich derweil in Europa zu wiederholen. Nachdem im April 2010 der britische Kindle-Store die Pforten öffnete, werden bei Amazon.co.uk mittlerweile doppelt so viele E-Books wie Hardcover verkauft. Ob es bald auch solche Rekordmeldungen aus Deutschland geben wird? Das dürfte neben den Buchpreisen wohl vor allem von der Zahl der lieferbaren E-Books abhängen. Während bei Amazon.com mittlerweile mehr als 900.000 Titel elektronisch lieferbar sind, bekommt man im deutschen Kindle-Store erst knapp 30.000 Kindle-Books.

Amazon ante Portas: Mehr deutscher Lesestoff im Kindle-Store

deutscher-kindle-store1Der deutsche Kindle-Store scheint näher zu rücken. Mögliches Anzeichen sind Bestseller-Titel wie Stieg Larssons „Verdammnis“ oder Stephen Kings „Sara“, die in den letzten Tagen im Kindle-Store aufgetaucht sind. US-Kunden können sie bereits auf ihren Reader oder die Kindle-App herunterladen. In Europa geht das allerdings nocht nicht. Doch eins scheint klar: große Player wie etwa Random House haben begonnen, Teile ihres Angebots im Kindle-Format anzubieten. Nach Informationen von Buchreport soll allein aus dem Hause Bertelsmann bereits eine vierstellige Anzahl von elektronischen Titeln an Amazon ausgeliefert worden sein. Verhandlungen zwischen deutschen Verlagen und der amerikanischen Amazon-Zentrale gibt es schon seit längerem – bisher waren sie oft an den Vertragsbedingungen gescheitert, insbesondere am Versuch, E-Book-Preise unter den Schwellenpreis von zehn Dollar zu drücken, umgerechnet knapp sieben Euro. Tatsächlich werden nun etwa die deutschen Kindle-Versionen von Stieg Larsson oder Stephen King in den USA für weniger als sieben Euro angeboten. Auf deutsche Verhältnisse übertragen, käme das einer deutlichen Preissenkung gegenüber der Taschenbuch-Ausgabe gleich.

[e-book-review] Klare Kante statt Kuscheln: Amy Chua predigt Amerika die Erziehung à la Chinoise

battle-hymn-tiger-motherSeitdem Amy Chua den Lesern des Wall Street Journals verriet, warum chinesische Mütter überlegen sind („Why Chinese Mothers are Superior“), gibt es nicht nur in den USA eine neue Erziehungsdebatte: sind die westlich erzogenen Kids zum Scheitern verurteilt, weil die Soccer Moms nicht hart genug durchgreifen? In kürzester Zeit bekam der Artikel mehr als 5000 Kommentare. PR-Aktion gelungen: Die Yale-Professorin promotet mit solchen Einwürfen schließlich ihr neues Buch „Battle Hymn of the Tiger Mother“ („Mutter des Erfolgs“). Die abstiegsbedrohte Middle Class in den USA scheint für solche Thesen ähnlich empfänglich zu sein wie Herr & Frau Mustermann für Thilo Sarrazins Untergangsvisionen. „Fordern & Fördern“ als Vorbereitung für die harte Berufswelt, wo es dann „Heuern & Feuern“ heißt. Doch brauchen Kinder wirklich eine Mischung aus Boot-Camp & Gorch Fock, um ihren Weg zu gehen? Wer’s genau wissen will: Die E-Book-Version von „Battle Hymn of the Tiger Mother“ gibt’s im Kindle-Store.

„Im Westen wird Gehorsamkeit eher mit Hunden assoziiert“

An einem kalten Wintertag entschied sich Amy Chua, nun sei es Zeit, der dreijährigen Louisa das Klavierspielen beizubringen. Doch die Tochter der erfolgreichen Yale-Professorin mit chinesischen Wurzeln war störrisch – Louisa hatte absolut keine Lust, das Anschlagen einzelnen Töne auf der Klaviatur zu lernen. Stattdessen hämmerte sie wild auf allen Tasten herum, und als Amy Chua sie davon abhalten wollte, endete die kleine Szene in einem Weinkrampf. Ein Fall für die „Tigermutter“:

„Der Wind wehte mit minus sieben Grad, mein Gesicht schmerzte nach wenigen Sekunden an der eiskalten Luft. Aber ich war entschlossen, ein ungehorsames chinesische Kind zu erziehen, und wenn es mich umbringen sollte. Im Westen wird Gehorsam eher mit Hunden assoziiert, aber in der chinesischen Kultur gehört Gehorsamkeit zu den höchsten Tugenden. ‚Du kannst nicht im Haus bleiben wenn du Mutti nicht zuhörst“, sagte ich streng. „’Also, bist du nun ein braves Mädchen oder willst du nach draußen?’“

Mittlerweile sind Amy Chuas Kinder längst zu Teenagern herangewachsen, die nicht nur gute Noten nach Hause bringen, sondern auch perfekt Klavier spielen können und virtuos mit der Geige umgehen. Mit den USA ging es derweil bergab: Ölpreis-Schock, Hypotheken-Crash und Finanzkrise lehrten der Mittelklasse das Fürchten. China dagegen steigt zur neuen Supermacht auf. Staatspräsident Hu Jintao wurde gerade von Barack Obama mit größtem Pomp im Weißen Haus empfangen. Doch auch im eigenen Land ist fühlt man die Konkurrenz aus dem Osten – der Schulerfolg von Kindern mit asiatischem Background ist deutlich höher als der von All-American Boys & Girls.

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Kein Computer, kein TV, Klassenbester als Minimum

Da kam Amy Chuas Bestseller „Battle Hymn of the Tiger Mother“ gerade recht. Ein Vorabdruck im Wall Street Journal, begleitet vom Essay „Why Chinese Mothers are Superior“ eröffnete eine Erziehungsdebatte, wie sie polemischer kaum sein könnte. Was Amy Chua da an Rezepten preisgab, lässt liberalen Eltern tatsächlich die Haare zu Berge stehen:

„Hier sind ein paar Dinge, die meine Töchter niemals tun durften: bei Freunden übernachten, in der Theater-AG mitmachen, sich darüber beschweren, nicht in der Theater-AG mitzumachen, Freizeitaktivitäten selbst bestimmen, schlechtere Noten als eine „1“ mit nach Hause bringen, nicht die beste Schülerin in allen Fächern zu sein, ausgenommen Sport & Theater“

Bei akuten Fällen von Befehlsverweigerung konnte die Zahl der Sanktionen noch erhöht werden –
bis zum Verbot, noch auf die Toilette zu gehen. Beschimpfungen gehörten ebenfalls zum Repertoire („Du bist Müll!“). Die Affinität zum Bootcamp-Prinzip hat offenbar viel mit dem dahintersteckenden Menschenbild zu tun: „Eltern aus dem Westen machen sich Sorgen um die Psyche ihrer Kinder. Das tun chinesische Eltern nicht. Sie setzen auf Stärke, nicht auf Zerbrechlichkeit, und deswegen verhalten sie sich völlig unterschiedlich“, schreibt Chua in ihrem WSJ-Essay.

Erhöhen die Tigermütter am Ende nur die Selbstmordrate?

An Widersprüchen gegen solche merkwürdigen Ansichten mangelt es jedenfalls nicht. So hielt etwa Ayelet Waldman (die New Yorkerin ist u.a. Autorin von „Bad Mother“) dagegen: „Man könnte Miss Chua z.B. entgegnen, dass Mädchen zwischen 15 und 24 mit asiatischem Hintergrund eine höhere Selbstmordrate haben, oder das es doch etwas von Hybris zeugt, sich den Bildungserfolg selbst zuzurechnen, wo es doch genauso wahrscheinlich ist, das Musikalität über die Gene vererbt wird. Aber ich denke sie weiß das selbst.“

Ironischerweise sind es ausgerechnet die Familienhunde, denen Chua mit einer Laissez-Faire-Attitüde begegnet. „Von ihnen fordere ich nichts, ich traue ihnen zu, dass sie selbst die richtige Wahl treffen. Ich freue mich immer darauf, sie zu sehen, auch wenn sie nur schlafen. Was für eine großartige Beziehung“.

Hundertprozentig erfolgreich war die Methode Tigermutter nicht immer – als Louisa dreizehn wurde, kam es zu einem so heftigen Streit mit ihren Eltern, dass die Zügel danach etwas lockerer gelassen wurden – der Geigenunterricht etwa wurde auf 30 Minuten pro Tag reduziert.

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Schreibt Frau Sarrazin jetzt auch ein Buch über Erziehung?

Zum endgültigen Bruch zwischen Tochter und Mutter kam es nicht. Ganz im Gegenteil. Auf dem Höhepunkt der Debatte über den „Battle Hymn of the Tiger mother“ bekam die Tigermutter Schützenhilfe von unerwarteter Seite. In einem offenen Brief – veröffentlicht in der New York Times – schrieb Louisa: „Viele Leute haben dich beschuldigt, Roboterkinder zu produzieren, die nicht für sich selbst denken können. Ich habe darüber nachgedacht, und kam zu einem ganz anderen Ergebnis: ich glaube deine strikte Erziehung hat mich dazu gezwungen selbständiger zu werden.“

Ob „Battle Hymn of the Tiger Mother“ demnächst auch auf Deutsch erscheinen wird, ist noch nicht klar. Möglicherweise steht uns aber eine ganz ähnliche Debatte bevor. Die Mittelklasse verarmt schließlich auch bei uns, und schulischer wie beruflicher Mißerfolg wird im Agenda 2010-Denkschema gerne auf persönliches Fehlverhalten zurückgeführt – oder wie bei Thilo Sarrazin auch auf eine Mischung von Fehlverhalten und schlechten Genen. Da trift es sich übrigens, dass die Gattin des Bestseller-Autors Grundschullehrerin ist und die pädagogische Debatte im deutschen Blätterwald durch ihr zugeschriebene Beispiele besonders harten Durchgreifens belebt hat. Nun hat sie sich beurlauben lassen – unter anderem, um ein Buch zu schreiben. Einen denkbaren Titel hat die Berliner Boulevarzeitung B.Z. im Rahmen ihrer Sarrazin-Berichterstattung schon beigesteuert: „Kuscheln oder klare Kante?“

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Amy Chua, Battle Hymn of the Tiger Mother
Kindle-E–Book 18,71 Dollar
Hardcover 20,80 Euro (Penguin USA, via Libri)

amy-chua-mutter-des-erfolgs-e-book-epubAmy Chua, Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte.
E-Book (epub) 15,99 Euro
Hardcover (Nagel + Kimche Verlag) 19,90 Euro