Zehn Jahre iPhone: welche Rolle spielte Steve Jobs „revolutionäres Produkt“ für die E-Lese-Revolution?

apple-erstes-iphone-2007Steve Jobs liebte große Worte: „Hin und wieder kommt ein revolutionäres Produkt daher, das alles verändert“, verkündete der Apple-Chef Januar 2007 bei einem Live-Event. Diesmal versprach er dem Publikum sogar drei Produkte auf einmal: einen iPod Touch mit Widescreen, ein revolutionäres neues Handy und ein bahnbrechendes mobiles Internet-Gerät. Oder doch nicht? „These are not three separate devices, this is one device. And we are calling it the iPhone“.

Personal Computer unserer Zeit

Zehn Jahre und alleine 1 Milliarde (!) verkaufter iPhones später ist klar: die angekündigte Revolution hat tatsächlich stattgefunden — das mobile Smartphone hat den PC rein quantitativ überholt, das iPhone und seine Epigonen sind der „Personal Computer“ unserer Zeit. Doch die Veränderung ist eben auch qualitativ, mit dem vernetzten Multi-Touch-Smartphone ist das Internet mobil geworden, und damit auch der E-Commerce. Die Folgen sind unübersehbar: Wir sind als Netzbürger und Konsumenten immer und überall vernetzt, always on, never off, wir kommunizieren, recherchieren, konsumieren per Fingertipp auf den Display.

iPhone & Kindle starteten 2007

Auch das elektronische Lesen wäre ohne iPhone — vor allem in Verbindung mit App Store bzw. iBooks — nicht dort, wo es heute ist. Doch das wiederum liegt nicht an Apple, oder jedenfalls nicht nur an Apple. Denn im Herbst 2007 ging ein weiteres revolutionäres Gerät an den Start: Amazons erster Kindle Reader. Erst mit Kindle und Kindle Store erlebte das elektronische Lesen in den USA und international einen solchen Boom, dass auch Apple aufmerksam wurde. Parallel zum iPad-Launch 2010 startete mit dem iBooks Store das „iTunes für Bücher“ — eine separate Version für das iPhone inklusive (zur Vorgeschichte von iPad & Kindle siehe: vom-buch-zum-byte.de).

Smartphone wichtigste E-Lese-Plattform

Elektronisches Lesen findet heutzutage zumeist innerhalb von Apps statt, die auf mobilen iOS- oder Android-Geräten installiert sind, Smartphones sind dabei das Einsteiger-Gerät Nummer Eins in punkto E-Reading. Klassische E-Reader mit E-Ink-Display haben ihre Rolle als Schrittmacher für die E-Lese-Revolution dagegen ausgespielt, sie dümpeln am Markt nur noch als zweckgebundene Nischengeräte herum, wenn auch nicht völlig erfolglos. Multifunktionsgeräte wie Smartphones oderTablets finden sich jedoch inzwischen in fast jedem deutschen Haushalt, ein Kindle- oder Tolino-Reader bei weitem nicht.

Nächstes großes Ding in Sicht?

Das iPhone als Ikone des Mobile Business übt eine solche Sogwirkung aus, dass selbst Amazon-Chef Jeff Bezos nicht die Finger davon lassen konnte, und sie sich mit dem Projekt „Fire Phone“ kräftig verbrannte. Auch ein iPad-Klon namens Fire Tablet verkauft sich eher mäßig. Beim Smart Home-Zubehör punktete Amazon dann aber plötzlich mit einer Eigenentwicklung — die Lautsprecher-Konsole Echo mitsamt integrierter digitaler Assistentin Alexa scheint den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Hin und wieder kommt tatsächlich ein revolutionäres Produkt daher, das alles verändert. Und nicht immer kommt es von Apple.

Abb.: Arnold Kim/Blake Patterson (cc-by-2.0)

Kommt nach dem Kindle-Tablet jetzt das Kindle-Smartphone?

Die Gerüchteküche rund um Amazon brodelt: Nicht nur neue Lese-Tablets hat Jeff Bezos offenbar in petto, sondern auch ein Smartphone. Realisiert wird das „Kindle-Phone“ angeblich in Kooperation mit dem taiwanesischen Zulieferer Foxconn, der auch für die Produktion von iPhone und iPad verantwortlich zeichnet. Das meldet das US-Wirtschaftsportal Bloomberg unter Berufung auf Branchen-Insider. Außerdem habe Amazon zahlreiche Patente eingekauft, um beim Einstieg in das Handy-Business juristisch auf der sicheren Seite zu stehen. Ein Smartphone würde die letzte Lücke in Amazons Ökosystem mobiler Geräte schließen – und zudem ein weitaus größeres Publikum erreichen können, als dies mit E-Readern oder Tablets möglich ist. Während knapp ein Drittel der US-Konsumenten Tablets nutzt, besitzt rein rechnerisch bereits jeder US-Bürger ein Mobiltelefon, wobei mehr als 50 Prozent davon Smartphones sind.

Analysten erwarten aggressives Pricing

Da Jeff Bezos sich das Ziel gesetzt hat, Amazon zu „Earth’s biggest anything store“ zu machen, kommt er um das Mobiltelefon als Shopping-Plattform nicht herum. Denn Web-Traffic wird in Zukunft vor allem mobil stattfinden, schon jetzt haben in den USA Smartphones und Tablets den drahtlosen Internet-Verkehr auf einen Anteil von 20 Prozent geboostet. Natürlich darf man sich fragen, wie ein „Kindle Phone“ auf dem hart umkämpften Smartphone-Markt überhaupt punkten kann, selbst wenn es mit einer dem Kindle Fire vergleichbaren Android-Oberfläche daherkommt. Einen Hinweis gibt das Wired-Magazin: „Man sollte nicht Amazons Fähigkeit unterschätzen, ein Feature zu liefern, das andere nicht bieten können: einen hoch subventionierten Verkaufspreis.“ Ähnlich wie bei Kindle-Reader und Kindle-Tablet würde ein Kindle-Phone den Absatz von digitalem Content wie E-Books, Filmen oder Games fördern : „Amazons Strategie besteht darin, solche Geräte eher als Verschiebebahnhof für Content anzusehen, weniger als Standalone-Produkt. Deswegen dürfte das Pricing ziemlich aggressiv ausfallen“, zitiert Wired den ABI Research-Analysten Aapo Markkanen.

Vom Mobilfunk-Kindle zum Kindle-Mobiltelefon

Ob es sich beim Kindle-Phone noch um ein elektronisches Lesegerät im engeren Sinne handelt, ist eine ganz andere Frage. Selbst wenn man in Rechnung stellt, das Telefonieren bei einem Smartphone angesichts unzähliger Features und Apps längst nicht mehr die Hauptfunktion darstellt. Immerhin dürfte die Kindle-App aber an prominenter Stelle auf dem Desktop des Kindle Phones Platz finden. Umgekehrt darf man nicht vergessen: schon der 2007 gestartete Kindle-Reader der ersten Generation war letzlich eine Kombination von Lesegerät und integriertem Mobiltelefon (allerdings ohne Übertragung von Sprach-Daten). Denn um ein perfektes Kundenerlebnis zu schaffen, sollten Kindle-Nutzer sich nicht um die Konfiguration einer W-LAN-Verbindung kümmern müssen – die eingebaute Mobilfunk-Karte sorgte überall automatisch für den Netzzugang. Damals war das bei E-Readern ein absolutes Novum. Insofern kehrt Amazon mit dem Kindle-Phone natürlich doch zu den Wurzeln zurück, auch wenn E-Books nicht mehr im Vordergrund stehen.

Abb.: Fotomontage unter Nutzung von Flickr/bfishadow

Citigroup-Studie: Jeder vierte Web-Nutzer in USA besitzt einen Kindle-Reader

Vor zwei Jahren besaßen überhaupt nur 5 Prozent aller US-Konsumenten mit Internet-Zugang irgendeinen E-Reader – im Frühjahr 2012 hielt alleine ein Viertel von ihnen ein Lesegerät von Amazon in den Händen. Diese verblüffenden Zahlen enthält eine neue Marktstudie der Citigroup, für die 1100 netzaffine Verbraucher befragt wurden. Bereits sechs Prozent der Konsumenten besitzen zudem das Amazon Fire – offenbar ein explizites Lese-Tablet, denn die hauptsächliche Nutzung ist die Lektüre von E-Books oder Magazinen (35%), während Web-Surfen oder Games eine deutlich geringere Rolle spielen (jeweils 18%). Da deutlich mehr Kindle-Reader im Umlauf sind, generiert diese Geräteplattform auch den meisten Umsatz.

Doch egal ob E-Ink oder Farb-LCD, alle Kindle-Modelle sind Kaufplattformen. Tatsächlich shoppte der Durchschnitts-Verbraucher Monat für Monat 2,4 E-Books. Anders die starke Minderheit Power-User: Ein Viertel der Befragten hatte in den vergangenen 30 Tagen im Kindle-Store mehr als 5 E-Books gekauft. Digitale Güter stehen auch beim Einkauf auf dem Kindle-Fire im Vordergrund (80%), während nur eine Minderheit (10%) sich via Amazons Online-Gemischwarenladen auch physische Güter vom Tablet-Cover bis zu Kühlschrank oder Rasenmäher liefern ließ. Besonders fleißige Shopper sind Mitglieder des Amazon-Prime-Programms, zu denen in den USA bereits knapp ein Fünftel aller Kunden gehört – im Vergleich drücken sie 48% häufiger den Buy-Button.

Amazon selbst gibt ja für gewöhnlich keine konkreten Zahlen über das Kindle-Universum heraus, doch die Citi-Studie wagt eine Prognose für 2012: demnach werden in diesem Jahr 30 Millionen Kindle-Reader und 12 Millionen Fire-Tablets über den virtuellen Ladentisch gehen. Im E-Book-Geschäft erwarten sie einen Umsatz von mehr als 6 Milliarden Dollar, was gegenüber dem Vorjahr einem Wachstum von 176 Prozent entsprechen würde. Ein normaler Online-Buchhändler ist Amazon natürlich schon lange nicht mehr, für 2013 schätzen die Analysten der Citigroup den mit Kindle-Modellen und E-Books erzeugten Umsatzanteil im Unternehmen auf 15 Prozent. Inzwischen läuft bereits ein Fünftel des des gesamten US-Onlinehandels über Amazon, seit 2010 hat man global gesehen sogar Ebay hinter sich gelassen.

(via Teleread & PaidContent.org)

Abb.: Amazon