Nur für Premium-Kunden: Amazon startet deutsche Kindle-Leihbücherei

Für Vielleser gibt es ab jetzt noch ein weiteres Argument, auf Amazon zu setzen: parallel zur Premiere des neuen Kindle Paperwhite gab das Unternehmen auf der Buchmesse den Startschuss für die nationale Kindle-Leihbücherei. Ab Ende Oktober stehen knapp 8.500 deutsche Titel zur „kostenlosen“ Ausleihe bereit, insgesamt umfasst die Auswahl rund 200.000 E-Books. Eine Verleihfrist gibt es nicht, allerdings darf man jeweils nur einen Titel pro Monat ausleihen. Wie in den USA beschränkt sich die Nutzung des Verleih-Programms auf Premium-Kunden („Amazon Prime“), die eine Jahresgebühr zahlen. Für 79 Dollar erhalten US-Kunden neben Vorteilen wie Express-Versand auch kostenlosen Zugang zum Videostreaming von Kinofilmen und Fernsehserien. Deutsche Amazon-Kunden schauen in Sachen Videos leider noch in die Röhre, dafür kostet die Mitgliedschaft hierzulande auch nur 29 Euro pro Jahr.

Zu den prominentesten Titeln im neuen Verleihprogramm gehören wohl die sieben Bände der Harry-Potter-Serie. Die Kindle-Leihbücherei enthält aber auch populäre Titel deutscher Autoren wie „Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt“ von Dora Heldt oder „Winterkartoffelknödel: Ein Provinzkrimi“ von Rita Falk. Deutsche Verlage zur Teilnahme am Verleih-Programm zu überreden, soll Jeff Bezos zufolge gar nicht so schwer gewesen sein: „Manche erlauben es, manche nicht, wir streiten darum nicht. Aber wir haben seit Längerem einen kleinen Button, mit dem die Kunden Feedback geben können, welche Bücher sie [auch als E-Book] lesen möchten – diese Daten teilen wir mit den Verlagen“, so der Amazon-Chef im Interview mit der „Welt“. In den Anfangstagen hätten die Verlage noch gefragt, ob sich das lohne, inzwischen sei das aber offenbar klar.

Daneben findet man in der digitalen Leihbibliothek zahlreiche Titel von Self-Publishing-Autoren, etwa Bestseller wie „Der 7. Tag“ von Nika Lubitsch oder „Männer unerwünscht“ von Karin Köster. Auch für die Independent-Fraktion liegen die Vorzüge auf der Hand. Zum einen schüttet Amazon im Rahmen des Kindle-Direktpublishing-Programms zusätzliche Provisionen aus, wenn man E-Books für das Verleihprogramm freigibt. Zugleich soll sich der Verleih nach Angaben von Amazon aber auch auch förderlich auf den normalen Verkauf auswirken: in den USA stieg der Umsatz durchschnittlich um 26 Prozent. Die Sache hat jedoch auch einen Haken: wer im Rahmen des „KDP Select“-Programms am Verleih teilnehmen, darf die betreffenden E-Books ausschließlich im Kindle-Store anbieten.

Anders funktioniert dagegen die individuelle „Kindle-Buch-Ausleihfunktion“ – sie ermöglicht den Verleih zwischen einzelnen Lesern, beispielsweise an Freunde oder Verwandte für jeweils 14 Tage. Während dieses Zeitraums ist das jeweilige E-Book für den Ausleihenden nicht lesbar. KDP-Autoren können diese Ausleih-Funktion aktivieren, ohne ihre Titel exklusiv bei Amazon vertreiben zu müssen. Dafür gibt es aber auch keine Provision für verliehene Exemplare. Als Marketing-Instrument dürfte der individuelle Verleih jedoch trotzdem sinnvoll sein – zumindest, sobald es verfügbar sein wird. Im deutschen Kindle-Store funktioniert dieses Feature nämlich zur Zeit leider noch nicht.

Abb.: Screenshot

Kindle-Book-Verleih als Umsatztreiber – auch Indie-Autoren profitieren

Amazons Kindle-Book-Verleih wirkt sich positiv auf die Verkaufszahlen aus – bestes Beispiel ist die „Hunger Games“-Serie von Suzanne Collins, in Deutschland unter dem Titel „Die Tribute von Panem“ bekannt. Eigentlich können Mitglieder des Premium-Programms („Amazon Prime“) die gesamte Trilogie via Kindle Owner’s Lending Library kostenlos lesen, allerdings nur ein Buch pro Monat. Was offenbar dazu führte, dass ein Viertel der Kunden, die den ersten Band ausgeliehen hatte, danach Band 2 („Catching Fire“) kaufte, ein weiteres Viertel Band drei („Mockingjay“).

Insgesamt haben nach Angaben von Amazon die Umsatzzahlen von Backlist-Titeln im Rahmen des Kindle-Book-Verleihs 229 Prozent mehr zugenommen als Bücher nicht teilnehmender Autoren. Mittlerweile sind mehr als 100.000 Kindle-Books für Premium-Mitglieder kostenlos ausleihbar, darunter 16 Titel aus den Kindle Top 100. Teilnehmende Autoren werden an monatlichen Ausschüttungen beteiligt, zuletzt gab es pro Ausleihe 2,18 Dollar. Davon profitieren auch viele Independent-Autoren, so etwa Martin Crosbie mit seinem Roman „My Temporary Life“. Alleine im Monat März brachten ihm knapp 20.000 Ausleihen eine Ausschüttung von 45.000 Dollar ein.

Um an Amazons lukrativem E-Book-Verleih teilzunehmen, müssen Self-Publishing-Autoren auf der Kindle Direkt-Publishing-Plattform (KDP) die Option „KDP Select“ auswählen. Damit erklären sie sich einverstanden, das jeweilige Kindle-Book für mindestens 90 Tage ausschließlich im Kindle-Store anzubieten. Neben der Aussicht auf Ausschüttungen für ausgeliehene Titel haben Autoren dadurch auch die Möglichkeit, ihr E-Book an fünf Tagen kostenlos anzubieten. Schaffen sie es damit in die Top 100 der kostenlosen Kindle-Books bzw. die thematischen Bestseller-Kategorien, sorgt das für besondere Aufmerksamkeit und im Anschluss für höhere Umsätze.

“Als Indie-Autorin zähle ich auf KDP Select, um mich auf den Radarschirm der Leser zu bringen“, zitiert Amazon etwa die Erfahrung der Herz-Schmerz-Autorin Kathy Dunnehoff, deren Umsätze fst um das 20-fache gewachsen sind. “Durch die kostenlose Promotion-Möglichkeit und die Aufnahme in die Kindle-Buch-Ausleihe finden meine Romane ein immer breiteres Publikum.“ Auch prominente deutsche Self-Publishing-Autoren wie etwa Emily Bold experimentieren inzwischen mit Amazons KDP-Select-Programm, allerdings hauptsächlich wegen der Möglichkeit zur Veranstaltung von Gratis-Aktionen. Kunden von Amazon.de können nämlich noch nicht an der kostenlosen Ausleihe teilnehmen, und deutsche Titel im US-Kindle-Store werden kaum ausgeliehen.

Abb.: Amazon