Friendly takeover: taz kann jetzt via Browser-Plugin kachingelt werden

Mit dem Browser-Plugin „KachingleX“ gelten neue Regeln für das Crowdfunding: wo Spenden gesammelt werden können, entscheiden ab jetzt die Leser. Zu den ersten deutschen Seiten, auf denen KachingleX funktioniert, gehört taz.de, die Web-Plattform der alternativen Tageszeitung aus Berlin. Die Möglichkeit zum „Friendly takeover“ ist Teil eines Relaunches des 2009 gestarteten Crowdfunding-Netzwerks Kachingle. Einfacher geworden ist dank Facebook-Integration nun auch die Anmeldung – außerdem ist die Teilnahme am Netzwerk im ersten Monat kostenlos. E-Book-News hat die neuen Features getestet und sprach mit Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos.

“Die taz zahl ich“ – Crowdfunding ohne Kachingle?

„Die taz zahl ich“ heißt es seit kurzem auf taz.de – neben dem flattr-Button lässt sich eine spezielle Spenden-Konsole aufklappen. Erklärtes Ziel der tazzler ist es, das Webangebot auch zukünftig frei zugänglich zu halten. Paywalls passen nicht zum genossenschaftlichen Konzept der alternativen Tageszeitung. Andererseits steht und fällt das Modell mit dem Engagement der Leser. Genau darauf zielt die „taz zahl ich“-Kampagne, sie soll möglichst viele verschiedene Zahlungsmöglichkeiten anbieten: Kreditkarte, Lastschrift, Handy-Transfer, Paypal und auch Direktüberweisung. Fehlte eigentlich nur noch das Kachingle-Medaillon. Das gleichnamige Crowdfunding-Netzwerk aus den USA ermöglicht damit per Mausklick das Abonnieren teilnehmender Websites. Jeder Besuch wird gezählt, zugleich macht Kachingle aber auch transparent, wer wen fördert. Kachingle setzt damit auf soziale Interaktion: Nach dem Motto „Klick gutes und sprich darüber“ sollen die Crowdfunding-Aktivitäten des Users Teil seiner „Online-Persönlichkeit“ werden.

Die Zahl der KachingleX-Seiten wächst täglich

Bisher musste dazu allerdings der jeweilige Website-Betreiber selbst den ersten Schritt machen. KachingleX behebt diesen Mangel: das Browser-Plugin (erhältlich für Firefox, Chrome, Safari und IE) blendet im oberen Bereich des Browserfensters eine virtuelle Spendenleiste ein. Auf welchen Seiten das funktioniert, entscheiden die Leser selbst – sie können bei Kachingle Vorschläge machen. Die Seiten werden innerhalb weniger Stunden vom Kachingle-Team überprüft und aktiviert. Teil des Aktivierungsvorgangs ist dabei auch eine Benachrichtigung des Seiteninhabers. In der Seitenübersicht des Kachingle-Netzwerks sind solche „virtuellen“ Teilnehmer dann an einem kleinen „KX“-Logo zu erkennen. Zu den via KachingleX bereits neu aufgenommenen Seiten gehören neben taz.de auch etwa saschalobo.com, Netzpolitik.org und Spreeblick.

Kachingle zielt jetzt auf die Masse der normalen User

Für Kachingle ist das neue Browserplugin zentraler Bestandteil einer neuen Strategie: „Wir waren die letzten sechs Monate damit beschäftigt, neue Features zu schaffen, mit denen sich unser Fokus von Seitenbetreibern auf die normalen User verschieben wird“, so Cynthia Typaldos gegenüber E-Book-News. Denn nach knapp eineinhalb Jahren Kachingle-Betrieb gibt es zwar ein paar Hundert teilnehmende Websites, allerdings nur wenige Nutzer, die nicht gleichzeitig auch Seitenbetreiber sind. „Wir denken dass KachingleX die entscheidende Zutat ist, um den normalen Web-Usern Kachingle schmackhaft zu machen“, so Typaldos. Bevor man KachingleX nutzen kann, muss man natürlich Mitglied bei Kachingle werden. Doch auch das ist jetzt einfacher geworden – über eine Facebook-Integration kann man zur Anmeldung bei Kachingle ganz einfach die Login-Daten des sozialen Netzwerkes nutzen. Im ersten Monat ist die Nutzung kostenlos – danach zahlt man eine monatliche Mitgliedsgebühr von 5 Dollar (umgerechnet etwa 3,38 Euro).

Nur die New York Times wollte keine Spenden

E-Book-News hat sich die neuen Funktionen vom Kachingle-Team live via Webmeeting vorführen lassen und das Browser-Plugin installiert. Als neues KachingleX-Mitglied haben wir dann gleich mal die taz vorgeschlagen. Neben der URL und einer E-Mail-Adresse des Seitenbetreibers kann man im Browser-Formular auch eine Begründung angeben – unsere war natürlich klar: die taz ist eine tolle Zeitung, die wir längst schon geflattert haben, jetzt aber endlich auch kachingeln möchten. Eine Stunde später kam per E-Mail die Rückmeldung: „Your recommendation has been implemented and we have created a Kachingle KX Medallion for the site.“ Kurz darauf zeigte der Blick in den Browser schon zwei Kachinglers, deren Besuche bei taz.de gezählt werden. Um die gesammelten Spenden zu kassieren, muss der Seitenbetreiber irgendwann Kachingle-Mitglied werden. Meistens dürfte die Höhe der gesammelten Beträge dafür das beste Argument sein. Beschwert hat sich über KachingleX-Spenden bisher niemand – abgesehen von der New York Times. Die drohte Kachingle bei einem ersten Test von KachingleX im Herbst 2010 sogar mit juristischen Konsequenzen – das „friendly takeover“ der kalifornischen Crowdfunder wurde als Angriff auf die geplante Paywall verstanden.

„Subscribe my thing“: Mit Flattr kann man Blogs jetzt auch abonnieren

flattr-subscribe-abo-modell Das Abo-Modell macht beim Crowdfunding immer mehr Schule: auch Flattr ermöglicht es jetzt, einzelne Beiträge oder auch einen ganzen Blog regelmäßig mit kleinen Spenden zu bedenken, wahlweise für drei, sechs oder zwölf Monate. Für die Nutzer bedeutet das vor allem weniger Klickerei – und die Gewissheit, ihre Lieblingsblogs längerfristig unterstützen zu können. Anders als etwa Kachingle erfordert das Grundprinzip von Flattr aber auch weiterhin, interessante Blogbeiträge, Videos oder sonstige Inhalte („Things“) einzeln zu „flättern“.

Erst lesen, dann zahlen: Alternative Abo-Modelle gesucht

Paid Content breitet sich langsam, aber sicher im Internet aus. Immer mehr News-Seiten verschwinden hinter Paywalls – in Kürze sogar die New York Times. Deutsche Zeitungen versuchen zur Zeit vor allem, über kostenpflichtige Apps mehr Geld mit digitalen Inhalten zu erwirtschaften. Will man etwa die FAZ auf dem iPhone oder die FR auf dem iPad lesen, muss man zuvor das Portemonnaie zücken. Beim Crowdfunding geht’s andersherum: man liest, und nur wenn’s einem gefällt, zahlt man (vielleicht) etwas. Das funktioniert nicht nur bei Blogs wie E-Book-News, sondern auch im Pressebereich: Micropayment als alternatives Zahlungsmodell probieren zur Zeit etwa die taz oder der Freitag aus (via Flattr), genauso aber die Online-Ausgabe des Vorwärts (via Kachingle). Besonders populär ist in Deutschland der Crowdfunding-Service von Flattr – dank der neuen „Subscribe“-Funktion könnte daraus nun ein alternatives Abo-Modell werden.

Die Flattr-Subscriptions können jederzeit gekündigt werden

Flattr ermöglicht es jetzt nämlich, einzelne Beiträge oder auch einen ganzen Blog regelmäßig mit kleinen Spenden zu bedenken – wahlweise für drei, sechs oder zwölf Monate. Das Feature ist allerdings erst auf den zweiten Blick zu entdecken: wenn man einen Flattr-Button klickt, zählt der Counter nicht nur um einen Punkt weiter, der „Flattr“-Button ändert seinen Namen statt in „Flattred“ in „Subscribe“. Klickt man ihn nochmal an, bekommt man ein kleines Pop-Up-Menü mit dem Abo-Zeitraum zur Auswahl. Will man doch nicht abonnieren, kann man das Fenster einfach wieder schließen. Um bei den aktiven Abos die Übersicht zu behalten, wurde in der Listenansicht in unteren Hälfte des Dashboards ein weiterer Reiter eingefügt: „Subscriptions“. Neben dem jeweiligen Beitrag/Blog steht dort dann etwa die Info: „Will be flattred for the next 3 months“. Kündigen kann man hier auch – neben dem Mülltonnen-Icon steht da unmißverständlich: „Cancel subscription“.

Das Abo-Modell von Flattr macht Sinn für beide Seiten

Der Mindestbeitrag bei Flattr beträgt 2 Euro pro Monat – je nachdem, wie viele Flattr-Buttons man monatlich anklickt, sind die einzelnen Klicks für die geflatterten Seiten mehr oder weniger wert. Bei der US-Konkurrenz Kachingle gehörte eine Art von Abo-Prinzip von Anfang an zum Konzept hinzu: sobald man per Mausklick auf den Kachingle-Button zu den Unterstützern einer bestimmten Site wird, werden alle Besuche automatisch gezählt, und vom monatlichen Mitgliedsbeitrag geht dann der entsprechende Anteil auf das Konto der „kachingleten“ Adresse. Während einer „friendly takeover“-Aktion funktionierte Kachingle mit einem speziellen Browser-Plugin sogar bei den populären Blogs der New York Times. Aus juristischen Gründen wurde dieses Projekt dann allerdings wieder gestoppt. Das Kachingle-Prinzip war bisher auf jeden Fall aber weniger anstrengend als bei Flattr – dort musste man ja jeden Monat wieder ein paar neue „Things“ entdecken und anklicken. Gerade bei Blogs, die man regelmäßig besucht, macht das Abo-Modell für die Flattr-Community wohl auf jeden Fall Sinn – für beide Seiten.

Friendly Takeover bei der New York Times: Kachingle sammelt Spenden, um Paywall zu verhindern – ohne zu fragen

kachinglex-new-york-times-crowdfunding-pluginKann Kachingle die Paywall der New York Times stoppen? Zumindest für die beim Publikum beliebten NYT-Blogs von David Pogue oder Paul Krugman gibt es jetzt eine Alternative. Mit einem Browser-Plugin namens KachingleX sammelt das Crowdfunding-Netzwerk unter den regelmäßigen Lesern Spenden, die an die Blogger weitergeleitet werden. Die Aktion ist eine Art „freundliche Übernahme“ – denn die NYT wurde nicht gefragt. Wer mitmachen will, braucht Firefox oder Chrome als Browser.

KachingleX zeigt der NYT, dass Crowdfunding funktioniert

Bei der New York Times tickt die Uhr – ab 2011 will das finanziell klamme Blatt eine Paywall errichten. Eine bestimmte Anzahl an Artikeln wird man zwar auch im nächsten Jahr noch umsonst lesen können, doch wer mehr will, wird zur Kasse gebeten. Vorbild beim sogenannten „metered access“ ist die in London erscheinende Financial Times – dort können Leser maximal zehn Online-Artikel jeden Monat unentgeltlich konsumieren. Auch die beliebten Blogs der New York Times sollen hinter dieser abgestuften Bezahlschranke verschwinden. Die neuesten Postings von Star-Kolumnist Paul Krugman, David Pogues legendäre Technologie-Kritiken oder den Freakonomics-Blog von Levitt & Dubner gäbe es dann nur noch gegen Cash. Das Team um Kachingle-Gründerin Cyntha Typaldos will sich damit aber nicht abfinden – schließlich gibt es mit ihrem Crowdfunding-Netzwerk eine bereits funktionierende Alternative zu Paid Content. Das wollen sie mit Hilfe der Kachingle-Community nun der New York Times beweisen, und zwar ganz ungefragt: „A strong set of supporters like you will show the NYTimes executives that readers who appreciate these bloggers will voluntarily pay to support their effort, without having to put them behind a paywall and removing them from the social web“, heißt es in einem online verbreiteten Aufruf.

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Das eingesammelte Geld geht via PayPal an die Blogger

Mittel zum Zweck ist KachingleX, ein spezielles Browser-Plugin, das man auf der Kachingle-Website herunterladen kann. Völlig unabhängig vom Webserver der New York Times registriert KachingleX, ob man Kachingle-Mitglied ist und zu den Unterstützern des jeweiligen NYT-Blogs gehört. Wie beim Crowdfunding-Netzwerk üblich, wird dann jeder Besuch gezählt, um am Ende des Monats bei der Ausschüttung berücksichtigt zu werden (Der monatliche Kachingle-Beitrag beträgt zur Zeit 5 Dollar). Auf einer extra eingerichteten Kampagnenseite kann man das bisherige Ergebnis bewundern: Paul Krugmans Blog hat aus dem Stand heraus bereits 20 Kachingler als Unterstützer gewonnen, danach folgen der BitsBlog sowie Freakonomics mit 16 bzw. 10 Kachinglern. Gefragt wurden die Blogger übrigens vor dem Start der Aktion genauso wenig wie die NYT-Redaktion, eine E-Mail-Benachrichtigung gab es aber nach Angaben von Kachingle schon. Die eingesammelten Gelder sollen über PayPal weitergereicht werden – dabei wird offenbar die offizielle NYT-Mail-Adresse der Blogger genutzt. Für Kachingle selbst dürfte sich das Friendly Takeover der New York Times-Blogs auf jeden Fall lohnen. Die Aktion bringt nicht nur das Anliegen der Crowdfunding-Bewegung in die Medien, sondern könnte auch viele Online-Lesern der NYT zum kachingeln ermuntern.

„Der Durchbruch für das Crowdfunding könnte in Deutschland passieren“: Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos im Interview

Vor einem Jahr war Crowdfunding noch graue Theorie, jetzt konkurrieren mit Kachingle und Flattr bereits zwei Dienstleister um die Gunst der Netzgemeinde. Dabei tun sich gerade die deutschen Surfer besonders hervor. Um herauszufinden, woran das liegen könnte, aber natürlich auch zu Promotion-Zwecken tourt zur Zeit Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos durch die Republik. E-Book-News traf die Grande Dame des Crowdfundings bei einem Media-Lunch in der Bundespresskonferenz und fragte nach: warum sind die Krauts so wild auf die Thankyou-Economy?

Vom Crowdfunding zum Krautfunding: Die Deutschen lieben Kachingle und Flattr

Kaum waren mit Kachingle und Flattr zwei Projekte am Start, die Websites vom Blog bis zur Online-Zeitung den Einsatz digitaler Klingelbeutel ermöglichten, wurde aus dem Crowdfunding plötzlich Krautfunding. Während große deutsche Medienhäuser schon laut über kostenpflichtige iPad-Apps und Bezahlschranken für Onlineinhalte nachdachten, setzten sich deutsche Blogger an die Spitze der Gegenbewegung. Beispiele gefällig? Bitte sehr: Fast die Hälfte der Websites im Kachingle-Netzwerk kommen aus Good Old Germany, an der Spitze steht unerreicht der Politik- und Medienblog CARTA mit mehr als 70 Unterstützern. Diese Zahl lässt sich am Kachingle-Medaillon auf besagtem Blog ablesen. Bei Flattr, wo vor allem einzelne Artikel Feedback bekommen, gibt es noch spektakulärere Zahlen: Chaosradio Express, der Podcast des Chaos-Computerclubs, ist bereits von mehr als 700 Mitgliedern des Flattr-Netzwerks angeklickt worden. Und der Counter bewegt sich weiter nach oben. Obwohl Flattr eigentlich noch in der geschlossenen Beta-Testphase ist, sind seit kurzem auch die taz und der Freitag mit dabei. Die Online-Ausgabe des sozialdemokratischen Wochenblatts Vorwärts setzt dagegen auf Kachingle. Der rasante Aufstieg von Flattr hat natürlich seine Ursachen. Peter Sunde, einer der Mitbegründer des Filesharing-Netzwerks „Pirate-Bay“, konnte sich mit seinem neuen Projekt der Unterstützung durch die Community sicher sein. Sein Auftritt auf der Berliner Blogger-Konferenz „Re:Publica“ im Frühjahr war insofern ein Heimspiel, und brachte das erwünschte mediale Echo.

Geld einsammeln für Dinge, die kostenlos sind? Tolle Idee, let’s do it!

Solche Vorschusslorbeeren gab es bei Kachingle kaum – sieht man mal von einem Artikel Robin Meyer-Luchts für SPOL ab, der bereits im Februar 2009 zu lesen war. Obwohl die Macher um die Silicon-Valley-Unternehmerin Cynthia Typaldos deutlich länger im Geschäft sind, wurden sie etwa zur Re:Publica gar nicht erst eingeladen. Dafür tourt die Grande Dame des Crowfundings im Moment durch die Schweiz, Österreich und Deutschland, um mit aktiven Nutzern wie auch potentiellen neuen Kunden ins Gespräch zu kommen. Ein bisschen ist Cynthia Typaldos natürlich auch auf der Suche nach dem Geheimnis ihres Erfolgs. Mittlerweile ist sie nämlich überzeugt: „Kachingle könnte sich in Deutschland durchsetzen, dann in Europa, schließlich wiederum auf die USA zurückwirken“. Die besondere Affinität der Krauts zum Crowdfunding wurde Kachingle schon in die Wiege gelegt – die Kernmannschaft besteht zur Hälfte aus Deutsch-Amerikanern: „Als ich mein Team zusammengestellt habe, fragte ich erst ein paar amerikanische Kollegen: Was haltet ihr von dieser Idee – Geld einsammeln für Dinge, die kostenlos sind? Und sie sagten: Das ist der größte Unsinn, denn wir je gehört haben. Dann fragte ich die Deutschen, und die sagten: Großartige Idee, let’s do it“, erzählte mir Cynthia Typaldos am Rande des Berliner Media-Lunch.

Kaching& Jingle: In Registrierkassen klimpert Kleingeld

cynthia typaldos kachingle crowdfunding.jpgEinen gewissen Exotenstatus genießt Cynthia Typaldos im Silicon Valley aber auch aus anderen Gründen. Schließlich steht mit der Kachingle-Gründerin nicht nur eine Frau an der Spitze dieses Start-Ups, sondern obendrein noch „a middle-aged woman“. Allerdings setzt Typaldos solche Unterschiede zum üblichen Baby-Boomer und M.I.T.-Nerd auch bewusst ein. Das offizielle PR-Foto zeigt sie Seite an Seite mit Bunny, ihrem Hund, der mittlerweile auch einen eigenen Blog besitzt – natürlich mit Kachingle-Medaillon. Doch während man sich anderswo künstlich um den Touch des Sozialen bemüht, wirkt das bei Kachingle überhaupt nicht aufgesetzt. Woher Kachingle kommt, zeigt schon die Ursprungsidee: „Es begann alles im Jahr 2003, als ich für eine krebskranke Freundin im Internet recherchiert habe, auf Webseiten von Universitäten, Blogs, etc., und als ich mich für die all die vielen nützlichen Informationen mit einer Spende bedanken wollte, merkte ich, dass das gar nicht so einfach war, es gab weder Kontonummern, noch wusste ich noch genau, welche Seiten ich wie oft besucht hatte.“ Anfänglich dachte Cynthia Typaldos deswegen an einen Namen wie „Donation Pal“, bevor sie auf den Namen „Kachingle“ kam. Im Lexikon wird man dieses Wort nicht finden, es ist eine Kombinatin aus „Kaching“, lautmalerisch für das Geräusch einer alten Registrierkasse, und „to jingle“, dem Klimpern mit Kleingeld. „Außerdem war der Domain-Name noch nicht vergeben, was ja auch ein wichtiges Argument ist“, so Cynthia Typaldos.

Kachingler sehen sich nicht als Kunden, sondern als Spender – und mögen keine hohen Paypal-Gebühren

Dass sich die Mitglieder der Kachingler-Gemeinde tatsächlich eher als Spender verstehen und nicht so sehr als normale Kunden, zeigt sich auch an der großen Sensibilität für versteckte Gebühren. Anfänglich gingen 20 Prozent der Kachingle-Beiträge für Verwaltungs- und Transaktionskosten drauf – zur Hälfte an PayPal, zur Hälfte an Kachingle. Das stieß auf harsche Kritik, obwohl in anderen Fällen, beispielsweise bei E-Bay, die Raten noch höher sind, vor allem, weil auch für die Auszahlung von Guthaben eine Gebühr anfällt. Also wurde noch einmal nachverhandelt. Auf dem Media-Lunch verkündete Gregor Bieler, Deutschland-Chef von Paypal, nun: „Wir haben die Transaktionsgebühren für Kachingle auf 15 Prozent gesenkt“. Für PayPal ist Kachingle nämlich ein Sonderfall. Es mag zwar momentan nur um „little money“ gehen. Das alternative Start-Up aus dem Silicon Valley gehört aber zu den ersten Nutzern von PayPals „Platform Initiative“, die später einmal möglichst vielen Websites die Kombination eigener Softwarelösungen für Abrechnungs- und Bezahlvorgänge mit der PayPal-Schnittstelle ermöglichen soll. Paypal ist vor allem für die Sicherheit der finanziellen Transaktionen zuständig, während Kachingle die Spendenströme und ihre Verteilung verwaltet. Die Zahl der PayPal-Teilnehmer in Deutschland liegt zwischen zehn und fünfzehn Millionen, was etwa der Hälfte der „Online-Bevölkerung“ entspricht. So groß ist also auch die Zahl potentieller Kachingler – vor allem, wenn zukünftig für deutsche Teilnehmer auch die Zahlung per Lastschrift möglich ist.

Kachingle ist flexibel: man kann einzelne „Stimmen“ auf Websites unterstützen

Im Moment mag die Kachingle-Gemeinde vor allem aus Bloggern bestehen, die sich gegenseitigen kachingeln, doch das könnte sich bald ändern. „Es gibt ja immer zwei Seiten, die User und die Blogger, zur Zeit trifft meistens beides zu, zwingend ist das aber nicht. Es müssen natürlich auch nicht Blogs sein, Kachingle zielt auf alle Formen von Content“, so Cynthia Typaldos. Auch wenn nach und nach Seiten mit sehr großen Lesergemeinden hinzukommen, macht Crowdfunding für kleinere Blogs trotzdem Sinn: „Das schöne an Kachingle ist doch, dass jeder individuell Entscheidungen trifft, wenn ich also einen kleinen Blog mag und regelmäßig lese, erhält der von mir genauso viel Geld wie andere Websites, die ich besuche. Bisher gehen kleinere Blogs ja ohnehin leer aus, weil es keine einfachen Möglichkeiten gibt, sie zu unterstützen“, so die Kachingle-Gründerin. Außerdem schenkt man den kleineren Blogs natürlich ein Stück sozialer Reputation, denn am Kachingle-Medaillon lässt sich nicht nur die Zahl der Unterstützer ablesen, sondern auch ihre Namen. Umgekehrt kann sich der Unterstützer mit den Blogs schmücken, die er kachingelt: „Build a persona around something you love“ nennt Cynthia Typaldos das – es geht also um den aktiven Aufbau einer Online-Persönlichkeit. Tatsächlich wird man sich Typaldos zufolge teilweise sogar einzelne Edelfedern an den digitalen Hut stecken: „Kachingle ist sehr flexibel, das Medaillon kann sich auf die gesamte Seite beziehen, aber genausogut auch auf einzelne Autoren, auf einzelne ‚Stimmen‘, wie wir sagen. Wie viele Stimmen es jeweils gibt, entscheidet der Seitenbetreiber.“

„People want to pay“: Schafft Pirate-Bay-Aktivist Peter Sunde mit „Flattr“ die basisdemokratische Kulturflatrate?

flattr-crowdfunding.gifCrowdfunding made in Sweden: mit dem Micropayment-Projekt Flattr will Pirate-Bay-Mitgründer Peter Sunde neue Akzente in der Paid Content-Debatte setzen. Ähnlich wie das us-amerikanische Pendant namens Kachingle basiert auch Flattr auf freiwilligen Zahlungen: das von der Flattr-Community eingesammelte Geld soll an teilnehmende Web-Seiten verteilt werden. Neben Benutzerfreundlichkeit will Sunde mit niedrigen Summen punkten: Ab 2 Euro pro Monat wird man zum Flatterer.

Bei Pirate Bay strömten die Daten, bei Flattr dagegen strömt das Geld – wenn alles klappt

„Många bäckar små gör en stor å“ sagt man in Schweden, viele kleine Bäche ergeben einen Strom. Für Peter Sunde ist diese Erkenntnis nichts neues. Denn schon die legendäre Sharing-Plattform Pirate Bay setzte auf Bit-Torrents, also digitale Datenströme, die koordiniert zwischen den Festplatten von Millionen von Nutzern hin- und herschwappten. Das ermöglichte den Austausch von Content aller Art – vor allem natürlich Musikdateien und Videos. Geld an die Urheber floss dabei freilich nicht – Sunde und seine Piratenfreunde standen im Jahr 2009 wegen der Unterstützung von Copyright-Vergehen vor Gericht. Mit dem Flattr-Projekt widmet sich der Ex-Sprecher der Pirate Bay nun einer legale Alternative zu Datenpiraterie – dem sogenannten Crowdfunding. Schon bisher setzen viele Webseiten isoliert auf individuelle Spenden (u.a. übrigens auch Pirate Bay) – Crowdfunding ist dagegen ein koordiniertes Micropayment-System, dass Produzenten und Konsumenten auf freiwilliger Basis miteinander verbindet. „If you’ve created something, you can add a flattr button to your content. If you find something you like, and there is a flattr button besides the content, you click it“, beschreibt Sunde die Aktionsmöglichkeiten. Am Ende eines Monats werden die Mitgliedsbeiträge – das Minimum soll bei 2 Euro liegen – unter den angeklickten Seiten verteilt.

Die Motivation entscheidet: „People love things and they want to pay“

Tatsächlich scheint die Verbindung von Internet-„Crowd“ und Micropayment vielversprechend: die theoretische Basis ist schließlich so groß wie die Web-Community insgesamt. Man muss sie nur erreichen können – daran sind einige solcher Modelle wie etwa Tipjoy bisher gescheitert. Konzepte wie flattr oder auch Kachingle – bei dem E-Book-News seit Januar teilnimmt – können jedoch von den Anfängerfehlern lernen. Einer davon: das Konzept muss so einfach wie möglich zu benutzen sein. Dazu gehört nicht nur die automatische Abbuchung der Beiträge via Kreditkarte oder Paypal, sondern auch ein One-Click-System über einen Button, der auf teilnehmenden Websites integriert wird. Wichtig ist natürlich auch die Motivation der Spender: „People love things and they want to pay“, ist Sunde überzeugt. Kachingle setzt dagegen auch auf die Devise „Tue Gutes und sprich darüber“ – und macht in der Community transparent, wer für wen spendet. Spannend dürfte aber auch die Methode werden, nach der die Verteilung der Gelder schließlich stattfindet – denn ohne eine ausgeklügelte Formel würden am Ende wenige besucherstarke Seiten den größten Teil des Kuchens abbekommen, und das grundsätzliche Problem bliebe ungelöst.

Gelingt Flattr der Durchbruch, gäbe es eine ganz neue Art Flatrate – basisdemokratisch nämlich

In einem Punkt zumindest kann man Pirate Bay-Aktivist Sunde gewisse Kompetenzen nicht absprechen – er hat es schon einmal geschafft, die kritische Masse zu erreichen und auch geschäftlich erfolgreich zu sein. Pirate Bay gehört weltweit immer noch zu den hundert meistbesuchten Seiten. Schätzungen zufolge nahm die Seite seit 2006 mit Werbeinblendungen jährlich mehr als eine Million Euro ein, und investierte bis zu 800.000 Euro in die eigene Infrastruktur. Der Erfolg betraf freilich nur die Konsumenten – denn solange es keine Kulturflatrate gibt, bringt Filesharing den Produzenten nur indirekte Vorteile, etwa eine höhere Reichweite ihrer Produkte, und besseren Absatz auf anderen Gebieten. Ein Grund, warum etwa Bestseller Autor Paul Coelho zu den eifrigsten Befürwortern der digitalen Piraten-Bucht gehört – die Verkäufe seiner Print-Bücher wurden durch kostenlose E-Book-Versionen kräftig angekurbelt. Gelingt jedoch Flattr, Kachingle oder anderen Crowdfunding-Projekten der Durchbruch, sähe die Sache anders aus. Dann hätte man eine basisdemokratische Kulturflatrate – und könnte auf die Hilfe staatlicher Akteure verzichten. So denkt auch Sunde: „Flattr is a wordplay of flattr and flatrate. With a flatrate fee, you can flattr people“. Doch bis Otto Normalsurfer auf den Flattr-Button klicken darf, werden noch einige Bytes durch die Datenleitungen strömen – bisher läuft Flattr mit etwa 200 Teilnehmern in der exklusiven Betaphase. Peter Sunde muss die nächste Phase des Projekts möglicherweise hinter schwedischen Gardinen verfolgen – denn die Mannschaft der Pirate Bay wurde im letzten Jahr zu einer Haftstrafe von einem Jahr und einer Geldstrafe von 2,6 Millionen Euro verurteilt. Dagegen legten sie Berufung ein – der endgültige Richterspruch wird in diesem Frühjahr erwartet.