[e-book-review] Schön Hühnchen, schön Hähnchen, oder: Warum man keine Tiere essen sollte

duve-anstandig-essenGehören Tiere auf den Teller? Und wenn nicht, was dann? Die Schriftsteller Jonathan Safran Foer und Karen Duve wollten es wissen, sie wagten den Selbstversuch. Vegetarisch, vegan, frutarisch. Und warfen einen Blick hinter die Kulissen der Nahrungsmittelindustrie, wo die Grenzen zwischen Lebewesen und Lebensmittel verschwinden. Das Ergebnis sind zwei Bücher: „Tiere essen“ und „Anständig essen“. Als Dreamteam des Ess-Sachbuchs begaben sich beide Autoren im Januar auf eine Lesereise durch Deutschland. Gerade rechtzeitig zur Dioxin-Affäre. Doch beim Essen nur an unsere Gesundheit zu denken, wäre ein Kurzschluss – unsere Mitgeschöpfe haben mehr Mitgefühl verdient. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel zeigt, welche Rolle dabei die Bücher von Foer und Duve spielen könnten.

Zwischen Königsschloss und Kellerverlies

„Duks“ sagen die drei Tiere im Grimmschen Märchen Das Waldhaus. Die Tochter des Holzfällers hat sich im Wald verlaufen und findet abends einen Schlafplatz in einer kleinen Hütte. Dort leben ein alter Mann, ein Hühnchen, ein Hähnchen und eine Kuh. Das Mädchen füttert die Tiere, und die danken es ihr: „Duks, du hast mit uns gegessen, / du hast mit uns getrunken, / du hast uns alle wohl bedacht, / wir wünschen dir eine gute Nacht.“ Das Versorgen der Tiere beschert dem Mädchen am Ende ein Erwachen im Königsschloß, erlöst ihre Tierliebe doch einen verzauberten Prinzen. Die bösen Schwestern dagegen landen im dunklen Kellerverlies – ihnen waren die Bedürfnisse von Hühnchen, Hähnchen und Kuh nämlich egal. Die hier märchenhaft beschriebene Verantwortung des Menschens für das Tier ist im Industriezeitalter längst in Schieflage geraten. Tiere sind keine Gefährten an der Esstafel mehr, sie landen auf ihr als möglichst billige Produkte der hochgerüsteten Massentierhaltung. Die Tiere haben auch keine Stimme mehr – so lange man ihnen keine gibt. Höchste Zeit also, dass die Schriftsteller mal wieder das Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Essen in den Blick nahmen.

Von der Hähnchen-Grillpfanne zum Huhn Rudi

„Anständig essen“ heißt Karen Duves Sachbuch, und es beginnt mit einer „Hähnchen-Grillpfanne“. Diese will die Autorin für 2,99 Euro in einem Supermarkt kaufen, wird aber von ihrer Öko-Mitbewohnerin daran gehindert. Das verschmähte Grill-Hähnchen wird zusammen mit der Frage, wie Fleisch so billig produziert werden kann, zum Auslöser eines „Selbstversuchs“, so der Untertitel von „Anständig essen“. Duve beginnt für ein Jahr, sich ethisch korrekt zu ernähren. Sie erprobt biologische, vegetarische, vegane und fruktarische Essweisen, recherchiert und nimmt an einer illegalen Tierbefreiung teil. Dabei rettet sie ein verletztes Hühnchen. So wird die „Hähnchen-Grillpfanne“ durch das Huhn Rudi ersetzt, das fortan auf ihrem Hof im brandenburgischen Ringenwalde lebt. Rudi wird der heimliche Star bei zahlreichen Fotoshootings, so zum Beispiel auf dem Cover des Berliner Stadtmagazins Tip. Mit dem geretteten Hühnchen findet Duves Buch ein gelungenes Bild für eine zurück erkämpfte Mensch-Tier-Beziehung. „Anständig essen“ besticht durch den vertrauten lakonischen Duve-Sound, die Informationsfülle und die subjektive Sichtweise der Autorin.

“Wenn nichts mehr wichtig ist, gibt es nichts zu retten“

Ähnlich wie das Huhn Rudi in „Anständig essen“ gibt es auch in Jonathan Safran Foers Bestseller „Tiere essen“ ein Haustier, das unser ambivalentes Verhältnis zu den Mitgeschöpfen deutlich vor Augen führt. Foer kontrastiert Beschreibungen des unerzogenen Familienhundes mit Hunderezepten aus anderen Kulturkreisen. Primärer Anlass für das Sachbuch war die Geburt seines erstens Kindes und die Frage, wie die neue Familie sich ernähren soll. Das Resultat von Foers Recherchen und Selbstbefragungen ist ein fulminantes Sachbuch, das enzyklopäpedisches Wissen, Interviews, Reportagen und Journalismus brilliant mischt. Auch die Familiengeschichte spielt eine Rolle – Foers jüdische Großmutter überlebte halbverhungert in einem Versteck den Holocaust. Direkt nach der Befreiung schenkte ihr ein russischer Bauer ein großes Stück Fleisch. Doch es war Schweinefleisch, also nicht koscher. Die Großmutter nahm keinen Bissen davon. „Auch nicht, um dein Leben zu retten?“, fragt sie der Enkel ganz entgeistert. „Wenn nichts mehr wichtig ist, gibt es nichts zu retten“, lautet die simple Antwort. Ähnlich wie Karen Duve isst Jonathan Safran Foer selbst überhaupt kein Fleisch mehr.

Dreamteam des kritischen Ess-Sachbuchs

Die deutsche Ausgabe von „Eating Animals“ enthält ein gesondertes Vorwort des Autors und eine Übersicht des Deutschen Vegetarierbundes zur Massentierhaltung in Deutschland. „Tiere essen“ berichtet u.a. über Kühe, die in ihrem eigenen Dreck festgefroren sind und denen nicht aufgeholfen wird, von der Grausamkeit der Käfighühnerhaltung oder aufgerüsteten Fangschiffen der Industriefischerei. Dass beide Bücher, auch vor dem Hintergrund des Dioxinskandals, den Zeitnerv treffen, beweist nicht zuletzt die ausverkaufte Lesereise des Dreamteams der kritischen Ess-Sachbücher – Foer und Duve lasen gemeinsam in Berlin, Wien und Zürich. Deutschlandradio Kultur startete sogar eine eigene Reihe von Radiofeuilletons unter dem Motto „Tiere essen“, die Foers Buchtitel als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Massentierhaltung, Fleischkonsum und Vegetarismus nahm. „Duks“, sagen die Tiere. Sie könnten aber auch sagen: „I-Buks“. Denn Duve wie Foer kann man jetzt auch elektronisch lesen. Dafür mussten nicht einmal Bäume sterben.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Karen Duve: Anständig essen. Ein Selbstversuch
E-Book (epub) 16,99 Euro.
Hardcover (Galiani) 19,95 Euro
foer-tiere-essen-e-book Jonathan Safran Foer: Tiere essen. („Eating Animals“).
E-Book epub 16,99 Euro
Hardcover (Kiepenheuer) 19,95 Euro