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[e-book-review] Mr. Amazon, oder: Die Apokalypse des Johannes Gutenberg

Für die deutsche Buchbranche sollte 1998 ein entscheidendes Jahr werden, zumindest aus der Sicht der Bertelsmann AG. Per Firmenjet ließ Vorstandschef Thomas Middelhoff einen amerikanischen Internet-Milliardär einfliegen: Jeff Bezos, Chef von Amazon.com, einer gerade einmal drei Jahre alten Online-Plattform, deren Börsenwert jedoch bereits bei 5 Milliarden Dollar lag. Einziger Tagesordnungspunkt des Zwiegesprächs war ein 50:50-Joint-Venture. Denn Amazon.com handelte mit Büchern, und hatte mit Amazon.de gerade eine deutsche Filiale eröffnet. Gemeinsam, so der Vorschlag der Bertelsmänner, solle man nun den europäischen Onlinebuchhandel aufmischen. Neben einer Finanzspritze versprach der Deal auch den vergünstigten Zugang zum Verlagsprogramm des Bertelsmann-Konzerns. Doch Jeff Bezos lehnte zum Erstaunen seines Gegenübers ab, und setzte statt dessen auf einen Alleingang.

„Die Branche war egal, solange sie Potential hatte“

Liest man Richard L. Brandts unlängst auf Deutsch erschienene Studie „Mr. Amazon. Jeff Bezos und der Aufstieg von amazon.com“, versteht man schnell, was damals passiert ist. Nicht nur, weil Bezos hier attestiert wird, das „Selbstvertrauen von Muhammad Ali, den Enthusiasmus von John F. Kennedy und den Verstand eines Thomas Edison“ zu besitzen. Man erfährt nämlich auch, dass der 1964 in Albuqerque/New Mexiko ursprünglich als Jeffrey Preston Jorgenson geborene Amazon-Gründer immer schon ein kühler Rechner war. Für die Anbahnung von Entscheidungen verwendete er selbst dann Flowcharts, wenn es um so etwa persönliches wie die Gattinnenwahl ging. Doch während hier am Ende der Zufall eine Rolle dabei spielte, dass Jeff Bezos die Schriftstellerin McKenzie Tuttle ehelichte, wurde der studierte Informatiker Mitte der Neunziger Jahre ganz leidenschaftslos zum Buchhändler.

Im Verlauf einer steilen Karriere als Experte für computergestütztes Investmentbanking stieß Bezos 1994 auf eine beeindruckende Statistik: Das Internet wuchs um 2300 Prozent jährlich – und bot somit eine ideale Chance, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Die Preisfrage lautete lediglich: „’Welche Art Businessplan wäre in einem Umfeld mit einem solchen Wachstum sinnvoll?’“. Hier liegt wohl der größte Unterschied zu IT-Visionären wie Bill Gates, Steve Jobs oder den „Google Twins“: „Die Branche war egal, solange sie ein gewaltiges Potential barg“, so Brandt. Auf der Suche nach einer Warenkategorie, die sich perfekt im Internet verkaufen ließ, landete Bezos dann recht schnell bei Büchern: „Ein Aspekt macht Bücher unglaublich einzigartig, nämlich, dass es auf dem Buchmarkt weit mehr Artikel gibt als in irgendeinem anderen Segment.“

Startup-Legenden & Realität

Bei mehr als 3 Millionen lieferbaren Titeln konnten selbst die größten Filialen von Barnes&Noble oder Borders nicht mehr als 175.000 Titel an einem Ort vorrätig haben. Zugleich hatten die bedeutendsten Großhändler ihre Bestandskataloge bereits digitalisiert – es gab also „eindeutig Raum für ein ausgefeilteres Online-Buchhandelssystem“. Strategisch geschickt wählte Bezos als Ort für sein neues Unternehmen nicht das Silicon Valley, sondern Seattle im Bundesstaat Washington. Nicht nur wegen der niedrigen Mieten – das größte Vertriebszentrum des Zwischenbuchhändlers Ingram Book Group lag nur wenige Fahrstunden entfernt. In einer Art Wohngarage begannen so Mitte 1994 Bezos und seine Frau McKenzie mit der Arbeit, unterstützt durch den Softwareentwickler Sheldon Kaphan sowie den Unix-erfahrenen Molekularbiologen Paul Barton-Davis.

Um die Gründung selbst und die ersten Jahre ranken sich viele typische Startup-Legenden, die auch Richard L. Brandt nicht auslässt, von aufgebockten Türen als Behelfschreibtischen und ausgelatschten Nike-Schuhen als Prämie für verdiente Mitarbeiter bis hin zum Chef, der E-Mails der Kunden persönlich beantwortet. Doch jenseits der Kultur des „Dotcommunisms“ gibt auch eine langfristig wirkende Quintessenz: Bezos wollte besser als alle anderen sein, und er wollte so schnell wachsen, dass die Konkurrenz nicht folgen konnte. Genau das gelang ihm auch: nicht nur mit unschlagbaren Rabatten auf aktuelle Bestseller, sondern auch über Innovationen wie der 1-Klick-Bestellung, automatischen Buchempfehlungen oder Affiliate-Programmen setzte Amazon.com Maßstäbe für den gesamten Online-Handel. „Diese interaktiven Features werden eine enorme Wirkung zeigen“, prophezeite Bezos schon 1996. „Und man kann sie in der physischen Welt nicht kopieren“.

Bücher als der Weg zum Ziel

Sicherlich hat Amazon.com auch öfter mal Glück gehabt – so etwa, als kaum drei Jahre nach dem Börsenstart die Dot.com-Blase platzte und die Kurse vieler Startups ins Taumeln gerieten. Doch gerade aus deutscher Perspektive macht Brandts „Mr. Amazon“ eins noch mal deutlich klar: schon lange, bevor die Kindle-Revolution begann, war Amazon kein kleines Garagen-Startup mehr, sondern ein straff durchorganisiertes Online-Unternehmen, das mit seinem Umsatzwachstum die traditionelle Konkurrenz locker auspielen konnte. Schon im Jahr 1998 konnte Jeff Bezos damit prahlen, „dass Amazon jährlich das 20-Fache des durchschnittlichen Inventars einer Buchhandlung umsetzen könnte, wohingegen niedergelassene Buchhändler im Schnitt das 2,7-Fache ihres Bestands im Jahr verkauften“.

Da tröstet es wenig, dass Bücher für Bezos eher den Weg als das Ziel bedeuten – möchte er doch Amaon eigentlich zum weltgrößten Gemischtwarenladen im Web machen. Denn CDs, DVDs, Gartengrills und Windeln zum Trotz: der von Brandt nachgezeichnete Weg des Unternehmens von 1994/1995 bis Mitte 2011, also kurz vor dem Start der Kindle Fire-Tablets, liest sich aus Sicht der traditionellen Buchbranche wie die Apokalypse des Johannes Gutenberg. Wie das Schicksal von Borders (inzwischen pleite) wie auch Barnes&Noble (schwer angeschlagen) zeigt, lässt sich die Schlacht um den Kunden nicht mehr auf eigenem Boden, also im stationären Buchhandel gewinnen, zumindest nicht für die großen Ketten. Im Web jedoch erst recht nicht, dort ist Amazons technischer Vorsprung einfach zu groß – nicht nur bei E-Books, sondern eben auch beim Versand von gedruckten Büchern.

Die Zeiten, in denen man noch ein 50:50-Joint-Venture anbieten konnte, sind wohl auch vorbei. Schon 1998 musste sich der Bertelsmann-Konzern damit zufrieden geben, eine Kooperation mit Barnes&Noble einzugehen – dem möglicherweise nächsten Opfer von Amazons Expansion. Aktuell setzt die deutsche Buchbranche eher auf gemeinsames Mutmachen, in Form von stationären Imagekampagnen à la „Vorsicht Buch!“, oder auf nationale Kooperationen im Digital-Sektor, wie im Fall der „Gran Tolino-Koalition“. Kein Wunder, hat doch Amazon hierzulande alleine im Print-Bereich schon einen Marktanteil von 20 Prozent erreicht. Dabei wird es nicht bleiben – Mr. Amazon ist schließlich gerade mal 49 Jahre alt, und hat noch viel vor. Das von Richard L. Brandt erstellte Psychogramm des Unternehmers legt zudem nahe, dass er Amazon.com noch lange führen wird. Schon aus diesem Grund sollte „Mr. Amazon“ eigentlich Pflichtlektüre für jeden Verleger und Buchhändler sein – ebenso aber auch für kritische Amazon-Kunden.

Richard L. Brandt,
Mr. Amazon – Jeff Bezos und der Aufstieg von Amazon.com

Hardcover (Ambition-Verlag), 24,99 Euro
E-Book (epub/Kindle), 19,99 Euro (DRM-frei)
Richard L. Brandt,
One Click: Jeff Bezos and the Rise of Amazon.com

Paperback, 10 Euro
E-Book (Kindle), 6,89 Euro

Abb. oben: Fotomontage aus Newsweek-Cover (26.11.2007, Ausschnitt) sowie Albrecht Dürer, Die heimlich offenbarung iohannis (1498, Holzschnitt 8, Ausschnitt)

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ShoutSync statt WhisperSync: Gehacktes Kindle mailt User-Daten direkt an Jeff Bezos

Jeff Bezos schaut seinen Kunden gerne über die Schulter: Heimlich, still und leise schickt jeder Kindle-Reader drahtlose Botschaften an Amazons Server, darunter Lesezeichen, Markierungen und die zuletzt gelesene Seite. Der „Whispersync“ genannte Service ermöglicht es, die E-Bibliothek auf verschiedenen Geräten zu synchronisieren – zugleich liefert er Amazon aber auch wertvolle Informationen über das Leseverhalten seiner Kunden. Doch wenn schon Privacy-Streaptease, dann aber richtig, dachte sich Johannes P. Osterhoff – und spendierte dem Amazon-Chef zu dessen Geburtstag am 12. Januar einen ganz persönlichen Kindle-Hack…

Auf bezos.cc kann man die „Korrespondenz“ verfolgen

Mit einem neue Feature sorgt der Berliner Medienkünstler für den direkten Draht zum CEO: Das Lesegerät veröffentlicht nach Jailbreak und speziellem Software-Update nun jedes Lesezeichen auf der Website bezos.cc, und schickt parallel eine E-Mail an Jeff Bezos persönlich. “Noch vor kurzer Zeit war es ziemlich einfach, ein Buch ganz privat zu lesen. Mit dem Kindle und Whispersync ist das unmöglich. Ich werde gezwungen, meine Privatsphäre während der Lektüre aufzugeben“, kommentiert Osterhoff die Kunstaktion. „Den Amazon-Chef persönlich via E-Mail über meine Leseaktivitäten zu informieren, war insofern nur der nächste logische Schritt.“

„Dear Jeff Bezos, I just read Daemon by Daniel Suarez“

Durch die Spiegelung auf bezos.cc kann die Netz-Öffentlichkeit die „Korrespondenz“ zwischen dem „Interface-Artist“ Osterhoff und dem Amazon-Chef mitverfolgen. Als letzte Aktualisierung vom 7. Februar liest man dort zur Zeit etwa: „Dear Jeff Bezos, I just read ‚Daemon‘ by Daniel Suarez, until position 1249, sincerely, Johannes P Osterhoff“. Bei ähnlichen Aktionen hat Osterhoff in der Vergangenheit bereits seine Google-Search und iPhone-Daten ins Netz gestellt. Für den Aktionskünstler ist der Kindle-Hack mehr als eine digitale Retourkutsche: „Firmen wie Amazon beanspruchen solche Daten exklusiv für sich, denn Exklusivität bedeutet Mehrwert. Als Nutzer verlierte ich nicht nur die Kontrolle, sondern auch die Autorschaft der beim Lesen generierten Daten. Mache ich die Daten jedoch öffentlich, verlieren sie ihren Wert“, so Osterhoff gegenüber Rhizome.

Für Kindle-Nutzer, die ihre Nutzerdaten ebenfalls zur Chefsache machen wollen, will Osterhoff in Kürze eine Anleitung auf bezos.cc posten. Auf eins darf dabei man wohl nicht hoffen: jemals eine Antwort von Jeff Bezos zu bekommen. Osterhoffs Posteingangskorb jedenfalls blieb bisher leer.

(via geekwire & rhizome)

Abb: flickr/matteopenzo (cc)

Jeff Bezos - E-Books sind jetzt ein Multimilliarden Geschäft

Jeff Bezos: „E-Books sind für uns jetzt ein Multi-Milliarden-Geschäft“

Schneller, höher, weiter: Amazons Pressemitteilungen lesen sich oft wie Rekordmeldungen – die vierteljährlichen Geschäftsberichte erst recht. Genaue Zahlen zu einzelnen Bereichen gibt’s allerdings fast nie. Umso erstaunlicher die aktuelle Meldung zum vierten Quartal 2012: „Nach 5 Jahren [seit Einführung des Kindle-Readers] sind E-Books jetzt eine Multi-Milliarden-Dollar-Kategorie für uns und wachsen rasant – im letzten Jahr insgesamt etwa 70 Prozent. Im Gegensatz dazu verzeichneten wir bei den gedruckten Büchern im vergangenen Dezember mit fünf Prozent die geringste Wachstumsrate, seit dem wir vor 17 Jahren als Online-Händler an den Start gegangen sind.“

„Wir haben diesen Übergang erwartet“

Der Gesamtumsatz lag im vierten Quartal bei knapp 21 Mrd. Dollar, ein Plus von 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Durchaus beachtlich. Doch dass hier zugleich ganz freimütig ein Abflachen des Kerngeschäfts bekanntgegeben wurde, sorgte in der Branche für einiges Aufsehen – auch wenn Bezos hinzufügte: „Wir sehen hier den Übergang, den wir erwartet haben.“ Weitaus interessanter ist tatsächlich das ungebrochen starke Wachtsum im E-Book-Sektor. Bisher war die Erfolgsgeschichte elektronischer Bücher eng mit dem Siegeszug der klassischen Kindle-Reader verknüpft. Doch der neigt sich dem Ende zu, im Jahr 2012 gab es weltweit einen deutlichen Rückgang im E-Ink-Sektor. Amazon hat es also geschafft, den Kindle-Store von der ursprünglichen Geräteplattform zu entkoppeln, vor allem mit Hilfe der Kindle-App, die bereits sehr früh auch auf Apple-Tablets und Smartphones lief.

Kunden bleiben bei Amazon

Mittlerweile besitzt Amazon zudem einen strategischen Brückenkopf in der Android-Welt: jedes dritte Android-Tablet in den USA ist ein Kindle Fire. Genauso wichtig wie E-Books sind auf dem Fire natürlich die kostenlosen Streaming-Videos für Prime-Mitglieder, die den Multimedia-Umsatz zusätzlich anheizen. Ein Grund mehr, warum Jeff Bezos kein Blatt vor den Mund nehmen musste: Selbst wenn viele Kunden keine gedruckten Bücher mehr kaufen, sie konsumieren auch weiterhin Amazon-Produkte. Das sehen wohl auch die Anleger so. Nicht ganz zufällig errreichte die Amazon-Aktie gerade ihren historischen Höchststand.

Abb.: flickr/401 (K) 2013 (cc-by-sa)

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Happy birthday, Kindle (Teil 2): „Im Herzen eine Lesemaschine“

Ohne Kindle keine E-Lese-Revolution – so lautet die Kurzfassung der Geschichte des E-Books. Denn trotz aller Versuche, elektronische Lektüre zu vermarkten: erst mit dem Start von Amazons erstem Lesegerät am 19. November 2007 entwickelte sich ein Massenmarkt für elektronisches Papier, und damit auch für elektronische Bücher. Um das Kindle-Jubiläum zu feiern, bringt E-Book-News eine Mini-Serie zur Kindle-Geschichte (hier geht’s zu Teil 1), entnommen aus “Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books”. Illustriert wird die Serie mit aktuellen Infografiken der Online-Rabatt-Plattform deals.com, die ebenfalls um die Kindle-Historie kreisen (alle Grafiken auf einen Blick hier.

Jeff Bezos startet 2004 sein eigenes Reader-Projekt

Zu den ersten Käufern von Sonys „Librié“ gehörte nicht ganz zufällig ein amerikanischer Geschäftsmann namens Jeff Bezos. Der Legende nach soll der Amazon-Chef 2004 gleich dreißig Stück des ersten E-Ink-Readers der Welt bestellt haben, um sie von seinen Mitarbeitern ausgiebig testen zu lassen. Ein am Markt erfolgreicher E-Reader der Konkurrenz, das war dem gewieften Geschäftsmann sofort klar, würde auch die bisherige Geschäftsgrundlage des Online-Handels mit gedruckten Büchern gefährden. Zugleich bot eine bei Millionen Kunden beliebte Plattform wie Amazon beste Voraussetzungen, um im E-Book-Business mitmischen zu können. Winkte hier nicht auch die einmalige Chance, den Schritt vom Online-Shopping am PC zum mobilen Shopping zu wagen, auf den Sony mit seinem Ansatz verzichtet hatte? Bezos startete kurz darauf ein eigenes E-Reader-Projekt. Er begann Verhandlungen mit E-Ink Corp., dem führenden Display-Hersteller, und beauftragte Steve Kessel, seine rechte Hand, mit der Einrichtung eines eigenen Entwicklungslabors in Cupertino, das den geheimnisvollen Namen Lab 126 erhielt.

Die Gerüchteküche im Silicon Valley begann bald zu brodeln – was wurden da quasi in Apples Hinterhof von rasch angeheuerten Entwicklern ausgeheckt? War es ein neuer MP3-Player oder vielleicht ein neuer Handheld-Computer?

Die Entwicklung zog sich über mehr als drei Jahre hin – was auch an den ambitionierten Vorstellungen von Bezos lag. Brad Stone berichtet in einer Hintergrund-Story für das Bloomberg Business Magazine:

„Das neue Lesegerät sollte kinderleicht zu bedienen sein, forderte der Amazon-Gründer, und vertrat den Standpunkt, man dürfe den technisch unbegabteren Nutzern nicht zumuten, das Gerät für ein WiFi-Netz zu konfigurieren. Außerdem hielt er nichts davon, den Reader mit einem PC zu verbinden. So blieb als einzige Alternative eine Verbindung über das Mobilfunknetz, was praktisch bedeutete, in die Hardware ein Mobiltelefon einzubetten. So etwas hatte bisher noch niemand ausprobiert.“

Doch Bezos bestand darauf, dass Kunden sich keine Gedanken darüber machen sollten, ob nun eine drahtlose Verbindung aktiv sei oder nicht, oder ob dafür Kosten entstehen würden. Beim Design des neuen E-Readers mischte sich der Amazon-Chef ebenfalls ein. Ein ehemaliger Amazon-Designer erzählte Jahre später gegenüber der New York Times:

“Jeff Bezos kam immer wieder in unsere Design-Meetings und sagte, wie sehr er sein BlackBerry lieben würde, und wie einfach man damit E-Mails abrufen und Leuten antworten könnte. Das ist der Grund, warum das erste Kindle so klobig aussah, mit diesem extravaganten eckigen Keyboard und dem merkwürdigen Scroll-Rad an der Seite. Das Vorbild war Jeffs BlackBerry.“

So kam der Kindle-Reader zu seinem Namen

Natürlich fehlte auch noch der entsprechende Name für den E-Reader, der als Working-Title erstmal nur „Fiona“ genannt wurde. Der mit dem „Branding“ beauftragte Graphik-Designer Michael Cronan machte sich an die Arbeit. Worum ging es bei diesem Projekt? Jeff Bezos wollte mit dem neuen Gadget die Zukunft des Lesens verändern, aber ohne allzu großes Tamtam. Der neue Name sollte leicht von den Lippen gehen und sich im alltäglichen Sprachgebrauch gut einprägen. So kam Cronan am Ende auf das wohlklingend-literarische Wort „Kindle“, abgeleitet vom Verb „to kindle“, was soviel bedeutet wie anfachen, anregen, aufflackern lassen. Der Wortstamm kyndill steht im altnorwegischen für „Kerze“ („Candle“). Etwas kleiner als die Fackel der Aufklärung, aber auch ein großes Feuer beginnt mit einer kleinen Flamme.

Bereits der Start des Kindle erwies sich tatsächlich als Zündfunke für einen Flächenbrand. Mit 100.000 Geräten ging Amazon am 19. November 2007 den Start. Bei einem Preis von 399 Dollar schien das Kindle der ersten Generation nicht gerade ein Schnäppchen zu sein. Doch mit inzwischen mehr als 65 Millionen Kunden besaß Amazon.com die perfekte Plattform, um das Gerät massenhaft unter die Leute zu bringen. Schon nach wenigen Stunden war das Kindle komplett ausverkauft. Dabei blieb es dann auch erst einmal, denn aufgrund von Problemen mit der Zulieferindustrie war Amazons neuer Reader erst im April 2008 wieder vorrätig.

Das wichtigste Ziel war ohnehin erreicht – der „Kindle-Moment“ hatte landesweit für Aufsehen gesorgt, und das Thema Elektronisches Lesen in den Mainstream transportiert. Der Tech-Blog „The Gadgeteer“ schrieb etwa:

„Wir wissen zwar nicht, ob das Kindle für E-Books dasselbe bewirken wird wie der iPod im Musikbereich, aber eins ist doch klar: Es ist das erste Gerät, mit dem eine vergleichbare Erfolgsgeschichte möglich scheint. Während unsere Leser schon seit einiger Zeit von E-Books gehört hatten, galt das für die meisten Menschen nicht – das hat sich sich durch den Medienrummel rund um das Kindle nun aber geändert. “

„Books are not dead, just going digital“

Tatsächlich erinnerte der Erfolg des Kindles an den des iPods, gerade weil Amazon soviel Gewicht auf das perfekte Kundenerlebnis gelegt hatte: Über die Mobilfunkverbindung gelang fast überall ein direkter Zugang zum Kindle-Store. Mit 88.000 Titeln war dieser zudem vom Start weg gut gefüllt. Mit einem Klick konnte man dort viele Bestseller für 10 Dollar einkaufen, also deutlich günstiger als normale Taschenbücher. Die elektronischen Versionen von Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen komplettierten das Angebot. Gerade für Vielleser schien sich also die Investition in das vergleichsweise teure Lesegerät zu lohnen.

Lesestoff wie Lektürekomfort ließen auch verschmerzen, dass die E-Books mit Digital Rights Management geschützt waren, also nicht auf anderen Geräten genutzt werden konnten. Doch die Übertragbarkeit der Kindle-Books stieß auch ganz ohne Kopierschutz auf Grenzen. Amazon setzte nämlich von Anfang an auf das Mobipocket-Format, dessen gleichnamigen Hersteller Jeff Bezos in weiser Voraussicht bereits einige Jahre zuvor aufgekauft hatte. Alle anderen E-Book-Anbieter schwenkten dagegen seit 2007 nach und nach zum systemoffenen EPUB-Format über, und verwendeten zudem mit Adobe Digital Editions auch noch ein anderen DRM-Standard. Wer nicht als Kunde zwischen den beiden E-Book-Universen wandert, bekommt jedoch selbst heutzutage vom Formate-Schisma im Alltag kaum etwas mit.

Zum durchschlagenden Erfolg des Kindle-Launchs trug auch eine großangelegte PR-Kampagne bei, denn anders als beim Start von Amazon.com überließ Jeff Bezos nun nichts mehr dem Zufall. Pünktlich zum Starttermin kam Bezos zusammen mit dem Kindle auf die Titelseite von Newsweek. „Books are not dead“ lautete die Schlagzeile des historischen Covers, die Unterzeile fügte hinzu: „They are just going digital“. Die Titelstory aus der Feder von Steven Levy brachte es auf den Punkt:

„Obwohl das Kindle im Herzen eine Lesemaschine darstellt, produziert von einem Buchhändler, und sehr eindrucksvoll den Akt des Einkaufens und der Lektüre ermöglicht, geht es doch zugleich weit darüber hinaus: es handelt sich dabei um ein unaufhörlich vernetztes Gerät. Mit einer kleinen Fingerbewegung wird die Verbindung zwischen dem Geist des Lesers und den Machinationen des Autors durch eine Datenlawine unterbrochen, oder verstärkt. Darin besteht die disruptive Natur des Amazon Kindle. Es ist das erste Buch mit ‘immer-online’-Status.“

(Ende der Miniserie. Mehr zur Geschichte des E-Books auf vom-buch-zum-byte.de)

Abb.: Deals.com
Autor & Copyright: Ansgar Warner

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„Flat-Out Love“: Jeff Bezos promotet Self-Publishing-Autorin auf der Amazon-Startseite

Eine bessere Promotion kann man sich kaum vorstellen: zwei Tage lang warb Amazon.com diese Woche auf der Startseite für „Flat-Out Love“, das neueste Buch von Self-Publishing-Autorin Jessica Park. Anstelle der normalen Seitenansicht prangte auf der weltweit wohl meistbesuchten Shopping-Adresse ein „persönlicher“ Brief von Jeff Bezos. Dem Amazon-Chef war offenbar ein Blog-Artikel der Schriftstellerin aufgefallen – Titel: „Wie Amazon mein Leben gerettet hat“. In dem via IndieReader & HuffPo veröffentlichten Mini-Essay schreibt Park über den steinigen Weg zum Erfolg. Wobei die meisten Steine von klassischen Verlagen stammten, die ihre Manuskripte abgelehnt hatten. „Bin ich bei manchen dieser Ablehnungen in Tränen ausgebrochen? Ja. Habe ich mich ungerecht behandelt gefühlt, unbegabt, verletzt? Ja. Habe ich an meiner Fähigkeit gezweifelt, eine Geschichte zu schreiben, in die sich meine Leser verlieben können? Darauf könnt ihr wetten“, so zitiert Bezos in seinem Kundenbrief die Erfahrungen der Self-Publishing-Autorin.

„Wer schreibt, sucht vor allem Kontakt mit den Lesern“

„Es ist eine herzerfrischende Geschichte“, resümiert Bezos, „und sie zeigt auf besondere Weise, was KDP möglich macht“. Tatsächlich schaffte Park nämlich den Durchbruch als Autorin erst über das Kindle Direkt Publishing-Programm. Abgesehen von der Kindle-Version ist „Flat-Out Love“ über Amazons Print-On-Demand-Schiene Create Space auch als Papierversion zu haben. Interessanterweise schreibt Park in ihrem IndieReader-Blogpost, sie würde sich erst jetzt als wirkliche Schriftstellerin fühlen: „Einer der Hauptgründe, warum ich schreibe, ist der Kontakt mit den Lesern, nicht der Kontakt mit Verlagen. In Wahrheit ist es mir ziemlich egal, was irgendwelche New Yorker Verleger oder Lektoren denken“. Ähnlich würde es letztlich auch den Lesern gehen: „Sie lesen um des Inhalts willen, nicht weil auf dem Cover das Emblem eines großen Verlages klebt.“

Ausbruch aus publizistischem „Stockholm-Syndrom“

Bevor Park zum Self-Publishing-Star werden konnte, musste sie also erst einmal den Glauben an das bisherige Literatursystem verlieren. Nicht umsonst hätten manche das Verhältnis von Autoren und Verlagen als publizistische Variante des „Stockholm-Syndroms“ bezeichnet: „Monatelang hatte ich gedacht, ich brauche einen großen Verleger, um berechtigterweise den Titel einer Schriftstellerin führen zu können. Ich dachte, ohne die Verlage könnten meine Bücher nicht in den Vertrieb gelangen, und die Leser würden ohne die Unterstützung der Verlage mein Buch nicht akzeptieren.“ Zugleich sei sie damit wohl der Überzeugung gewesen, man müsse sich als Autorin über den Tisch ziehen lassen, schlechte Bezahlung akzeptieren und zudem die Festlegung von „idiotisch“ kalkulierten Buchpreisen und Covern: „Ich war offenbar von Sinnen.“

Im Kindle-Store ist jeder 5. Bestseller ein Indie-Titel

Kein Wunder also, dass Amazon (zusammen mit anderen an Parks Erfolg beteiligte Self-Publishing-Portalen) in diesem Fall ein Autoren-Leben gerettet hat. „Sagt was ihr wollt über dieses Unternehmen, aber es ermöglicht mir, weiterzuschreiben.“ Inzwischen erhält die gut verdiendende Autorin von „Flat-Out Love“ zwar auch Angebote von Verlagen. Doch vergleichbare Tantiemen wie Amazon können die natürlich nicht bieten. Ähnlich dürfte es auch vielen anderen Independent-Autoren gehen. Tatsächlich stammt mittlerweile schon jeder fünfte Bestseller im den Top 100 des US-Kindle-Stores aus dem Kindle-Direkt-Publishing-Programm. Obwohl es dort zahlreiche Promotion-Möglichkeiten gibt, von Sonderangeboten bis zum Gratis-Marketing, bleibt natürlich die persönliche Empfehlung durch Jeff Bezos die absolute Ausnahme. Ob es auch mal ein deutscher Autor bei Amazon.de auf die Titelseite schafft?

Abb.: Screenshot