Zehn Jahre iPhone: welche Rolle spielte Steve Jobs „revolutionäres Produkt“ für die E-Lese-Revolution?

apple-erstes-iphone-2007Steve Jobs liebte große Worte: „Hin und wieder kommt ein revolutionäres Produkt daher, das alles verändert“, verkündete der Apple-Chef Januar 2007 bei einem Live-Event. Diesmal versprach er dem Publikum sogar drei Produkte auf einmal: einen iPod Touch mit Widescreen, ein revolutionäres neues Handy und ein bahnbrechendes mobiles Internet-Gerät. Oder doch nicht? „These are not three separate devices, this is one device. And we are calling it the iPhone“.

Personal Computer unserer Zeit

Zehn Jahre und alleine 1 Milliarde (!) verkaufter iPhones später ist klar: die angekündigte Revolution hat tatsächlich stattgefunden — das mobile Smartphone hat den PC rein quantitativ überholt, das iPhone und seine Epigonen sind der „Personal Computer“ unserer Zeit. Doch die Veränderung ist eben auch qualitativ, mit dem vernetzten Multi-Touch-Smartphone ist das Internet mobil geworden, und damit auch der E-Commerce. Die Folgen sind unübersehbar: Wir sind als Netzbürger und Konsumenten immer und überall vernetzt, always on, never off, wir kommunizieren, recherchieren, konsumieren per Fingertipp auf den Display.

iPhone & Kindle starteten 2007

Auch das elektronische Lesen wäre ohne iPhone — vor allem in Verbindung mit App Store bzw. iBooks — nicht dort, wo es heute ist. Doch das wiederum liegt nicht an Apple, oder jedenfalls nicht nur an Apple. Denn im Herbst 2007 ging ein weiteres revolutionäres Gerät an den Start: Amazons erster Kindle Reader. Erst mit Kindle und Kindle Store erlebte das elektronische Lesen in den USA und international einen solchen Boom, dass auch Apple aufmerksam wurde. Parallel zum iPad-Launch 2010 startete mit dem iBooks Store das „iTunes für Bücher“ — eine separate Version für das iPhone inklusive (zur Vorgeschichte von iPad & Kindle siehe: vom-buch-zum-byte.de).

Smartphone wichtigste E-Lese-Plattform

Elektronisches Lesen findet heutzutage zumeist innerhalb von Apps statt, die auf mobilen iOS- oder Android-Geräten installiert sind, Smartphones sind dabei das Einsteiger-Gerät Nummer Eins in punkto E-Reading. Klassische E-Reader mit E-Ink-Display haben ihre Rolle als Schrittmacher für die E-Lese-Revolution dagegen ausgespielt, sie dümpeln am Markt nur noch als zweckgebundene Nischengeräte herum, wenn auch nicht völlig erfolglos. Multifunktionsgeräte wie Smartphones oderTablets finden sich jedoch inzwischen in fast jedem deutschen Haushalt, ein Kindle- oder Tolino-Reader bei weitem nicht.

Nächstes großes Ding in Sicht?

Das iPhone als Ikone des Mobile Business übt eine solche Sogwirkung aus, dass selbst Amazon-Chef Jeff Bezos nicht die Finger davon lassen konnte, und sie sich mit dem Projekt „Fire Phone“ kräftig verbrannte. Auch ein iPad-Klon namens Fire Tablet verkauft sich eher mäßig. Beim Smart Home-Zubehör punktete Amazon dann aber plötzlich mit einer Eigenentwicklung — die Lautsprecher-Konsole Echo mitsamt integrierter digitaler Assistentin Alexa scheint den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Hin und wieder kommt tatsächlich ein revolutionäres Produkt daher, das alles verändert. Und nicht immer kommt es von Apple.

Abb.: Arnold Kim/Blake Patterson (cc-by-2.0)

Dank Bezos & Trump: WaPo wieder rentabel, Zuwachs bei Digi-Abos & Online-Werbung

wapo-im-plusDie New York Times hat’s geschafft, das Wall Street Journal hat’s geschafft, nun scheint auch die Washington Post die digitale Kurve zu kriegen — in diesem Fall dank Multimilliardär & Amazon-Chef Jeff Bezos, der das Blatt vor drei Jahren kurzerhand aufkaufte, die Arbeitsweise der Hauptstadt-Postille kräftig umkrempelte & nicht zuletzt eine Menge Geld zuschoss (angeblich um die 50 Mio. Dollar). Im Dezember schrieb Herausgeber und CEO Fred Ryan in einem Memo an die Mitarbeiter: „The Washington Post will finish this year as a profitable and growing company.“ In Zahlen: 50 Prozent Traffic-Plus, 40 Prozent Plus bei Online-Anzeigen, 75 Prozent Plus bei Digita-Abos. Passend dazu wurden Dutzende Neueinstellungen angekündigt, Brancheninsidern zufolge sollen bis zu 60 neue Journalisten eingestellt werden, damit wird die Redaktion der viertgrößten US-Zeitung (nach NYT, WSJ & USA Today) knapp 750 Mitarbeiter zählen.

Interesse an seriösem Journalismus boomt

Beigetragen hat zur großen Wende die fundierte Berichterstattung über das brutalstmögliche Wahlkampf-Jahr, das die USA je erlebt hat. Je mehr Kandidat bzw. President Elect Donald Trump um sich twittert, desto größer scheint auch das Interesse der Bürger an seriösem Journalismus zu wachsen. Doch die publizistische Herausforderung war auch strukturell gut abgesichert – nicht nur durch die „Zwangsbeglückung“ aller Kindle Fire-Besitzer in den USA mit einer kostenlosen Testversion der WaPo-App.

Experimente mit neuen Formaten

Denn gleich als die WaPo zu Bezoston Post wurde, hatte Amazon-Chef angekündigt, man werde mit neuen Online-Formaten und Konzepten „experimentieren“. Zu den Experimentierfeldern zählten bisher etwa der Robo-Journalismus in der Sportberichterstattung („Heliograph“), Podcasts, der Aufbau einer Entwicklungsabteilung für Werbeformate und die Gründung einer eigenen Content-Marketing-Agentur („WP BrandStudio“). Dieser Kurs, gleichermaßen getragen von Journalisten wie neu eingestellten Technik-Experten, hat sich in recht kurzer Zeit ausgezahlt — und wird nun konsequent fortgesetzt.

Hyperdistribution führt zu mehr Abos

„Unser Newsroom wird nächstes Jahr noch größer, es wird ein neues Rapid-Response Investigativ-Team geben, das die bisherige Recherche-Einheit verstärkt“, schreibt Ryan. Video-Journalismus — schon bisher überaus erfolgreich — solle zu einer zentralen Storytelling-Plattform ausgebaut werden. Zuwachs werde es auch beim „Breaking-News-Team“ geben und bei den Alert- und Newsletter-Redaktionen. Das Feuern aus alle Kanälen — Stichwort „Hyperdistribution“ — scheint bei der Leser-Akquise besonders erfolgversprechend zu sein: seitdem die WaPo so viele Elemente einer Story wie möglich über so viele Wege wie möglich publik macht, konnten immer mehr normale Besucher der Website zu Abonnenten gemacht werden.

(via Politico.com)

In der Oase serviert Bezos Whiskey mit Soda: Neues Kindle & Akku-Cover geleakt [UPDATE]

bezos-kuendigt-neues-kindle-anPrime Now Rohrpost, Jeff Bezos als Präsidentschaftskandidat, das Kindle „Flame“ mit Liquavista-Display: es gab viele Aprilscherze rund um Amazon, manche sogar vom Unternehmen selbst. Was Jeff Bezos höchstpersönlich dann am 4. April twitterte, war jedoch ernst gemeint: „Leser aufgepasst! Ein ganz neues, High-End-Kindle ist fast fertig. Achte Generation. Details nächste Woche.“ Kommt das Kindle „Flame“ also tatsächlich!? [Update: Im Prinzip schon, es heißt aber offiziell „Kindle Oasis“, und hat ein gewöhnliches E-In-Display, s.u.]

Zwei Reader, zwei Cover…

Recht schnell wurde dann auf jeden Fall bekannt: es handelt sich sogar um zwei Reader, denn neben dem Voyage-Nachfolger (Codename „Whiskey“) mit WiFi, Bluetooth und 3G ist offenbar auch ein neues Basis-Modell (Codename „Woody“) in der Pipeline. Für noch mehr Überraschung sorgten weitere merkwürdige Details: Amazon serviert uns „Whiskey“ mit „Soda“ — der neue High-End-Reader hat ein Leder-Cover mit integriertem Akku. Auch ein separates Solar-Cover (Codename „Sunkiss“) soll zu einem späteren Zeitpunkt dazukommen.

Übergang von E-Ink zu Electrowetting?

Mehr ist zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt — der eigentliche Produktlaunch bzw. die Launchankündigung wird eben erste nächste Woche stattfinden, wie von Bezos getwittert. Doch das PR-Ziel hat Amazon erreicht: im Web überschlagen sich die Spekulationen. Vor allem natürlich aufgrund der Akku-Cover: hat der neue Reader kein normales, reflektives E-Ink-Display mehr, sondern erstmals eins auf reflektiver Electrowetting-Basis?

Extra-Akku macht Liquavista-Display plausibel

Genau zu diesem Zweck hatte Amazon ja vor einiger Zeit den niederländische Display-Hersteller Liquavista übernommen, und seit 2015 mehrten sich die Anzeichen für ein mit Liquavista-Technologie ausgestattetes Amazon-Gerät. Das würde dann deutlich weniger Strom verbrauchen als z.B. ein Fire-Tablet mit LCD-Display, aber immer noch deutlich mehr als ein Kindle mit E-Ink-Display. Anders als bei E-Ink muss bei Electrowetting ständig Spannung anliegen, damit der Bildschirminhalt angezeigt wird.

Hybrid zwischen Reader & Tablet?

Dafür bietet die Liquavista-Methode besseren Kontrast, fast schon normalem Papier nahekommende Reflektivitäts-Werte, die Option Farbdarstellung (mit entsprechenden Filtern, Nachteil: geringe Blickwinkel-Stabilität) sowie schnelle Bildwechsel, was die Anzeige von Videos erlaubt. Doch wäre das dann überhaupt noch ein Kindle, oder eher ein Hybrid aus Kindle und Fire-Tablet? Behalten die Basismodelle (siehe „Woody“) auch weiterhin E-Ink, hätte Amazon inklusive Fire gleich drei Display-Technologien im Angebot, und würde dem Käufer die Entscheidung ziemlich schwer machen…

UPDATE 12. April 2016:

Inzwischen haben diverse Seiten von Amazon & Dritthändlern „aus Versehen“ weitere Details geleakt. Demnach heißt das neue Kindle „Oasis“, hat ein herkömmliches E-Ink-Display, allerdings mehr seitliche LEDs (zehn statt sechs), dank magnetisch befestigtem Akku-Cover mehrere Monate Laufzeit, das Design wurde deutlich verflacht, am verbreiterten rechten Rand gibt es Umblättertasten. Ohne Cover ist das Gerät mit nur 130 Gramm deutlich leichter als die Vorgängermodelle. Offiziell angekündigt wird das neue Kindle Oasis wohl schon am morgigen 13. April.

Hier die offiziellen technischen Daten des Kindle Oasis, wie sie kurzzeitig auf Amazon.ca sichtbar waren (Preis-Tag ist offenbar nur ein Platzhalter):

Kindle-Oasis-geleakte-Specs-kanadische-amazon-seite

20 Jahre Amazon: 5 Gründe, nicht zu gratulieren (& 5 weitere, es doch zu tun)

Amazon-Startseite-Juli-1995Mit der Rabattschlacht am „Amazon Prime Day“ rückt auch ein runder Geburtstag näher: am 16. Juli 1995 wurde auf Amazon.com das erste Buch verkauft, der Legende nach handelte es sich dabei um Douglas R. Hofstadters „Fluid Concepts and Creative Analogies: Computer Models of the Fundamental Mechanisms of Thought“. Zu diesem Zeitpunkt war das Unternehmen noch in der Garagen-Phase, und alle paar Minuten verkündete ein Klingelton die nächste Buchbestellung. Bald musste der Ton dann abgestellt werden, denn es hörte nicht mehr auf zu klingeln, schon nach zwei Monaten machte das Startup aus Seattle 20.000 Dollar Umsatz pro Woche.

Zwanzig Jahre später sind daraus fast zwei Milliarden Dollar pro Woche geworden – und (nicht nur) die Buch-Branche wurde kräftig umgekrempelt. Ein Grund für Salon.com, Amazon Erfolgsgeschichte Revue passieren zu lassen, und dabei fünf Gründe herauszudestillieren, warum man Amazon-Gründer Jeff Bezos NICHT zum Geburtstag gratulieren, bzw. ein „unhappy birthday“ wünschen sollte.

  • Grund 1: Das Verschwinden der kleinen Buchhandlungen – nicht nur durch Innovation, sondern auch durch unfairen Wettbewerb (insbesondere Steuervermeidung)
  • Grund 2: Die schlechten Arbeitsbedingungen in den Logistik-Zentren – die „Book People“ von heute arbeiten zu „Sweatshop“-Bedingungen.
  • Grund 3: Amazon hat den Beruf des Autors zerstört – „die von Verlagen gezahlten Vorschüsse haben sich um mehr als die Hälfte verringert“
  • Grund 4: Amazon hat vor allem den kleineren Indie-Verlagen geschadet, indem es ihnen mit seiner Marktmacht ungünstige Liefer-Konditionen aufdrängt
  • Grund 5: Amazon hat (in den USA) ein Quasi-Monopol auf dem Buchmarkt

Letztlich ist Amazon natürlich nur ein Beispiel für den von Josef Schumpeter schon in den 1940er Jahren beschriebenen Prozess „schöpferischer Zerstörung“, der „unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert“. Genauso leicht lassen sich deswegen auch fünf Gründe finden, um Jeff Bezos zu gratulieren:

  • Grund 1: Amazon hat den kundenorientierten Online-Buchhandel perfektioniert, wenn nicht sogar überhaupt erfunden, und beschert der Branche jedes Jahr wachsende Umsätze
  • Grund 2: Der E-Book-Boom der letzten Jahre mit allen seinen innovativen Effekten für die gesamte Buchbranche wäre ohne Amazons einfach zu benutzenden Kindle-Reader und das große Angebot im Kindle-Store undenkbar gewesen
  • Grund 3: Amazon hat durch den großen Erfolg des Kindle-Readers zugleich dem Tablet den Weg bereitet und damit das Ende des klassischen PC-Zeitalters beschleunigt
  • Grund 4: Mit der zeitgleich zum Kindle gestarteten KDP-Plattform hat Amazon das Self-Publishing-Zeitalter eingeleitet und die Strukturen der Gutenberg-Galaxis demokratisiert
  • Grund 5: Mit Createspace hat Amazon für Self-Publisher und Indie-Verlage eine konkurrenzlos günstige und einfache zu nutzende Möglichkeit geschaffen, parallel zum E-Book-Verkauf auch vom Online-Vertrieb von Taschenbüchern zu profitieren

Abb. Startseite: Ian MacKenzie (cc-by-2.0)

Abb. oben: Amazon-Startseite am 16. Juli 1995

„Bezoston Post“ als exklusive App für das Kindle Fire – neue Chance für alte Zeitung?

“Wir werden erfinderisch sein müssen und experimentieren“, verkündete Jeff Bezos im August 2013 den Beschäftigten der Washington Post. Das war kurz nachdem der Multimilliardär aus dem „anderen Washington“ (=Seattle) das traditionsreiche Blatt mit 250 Millionen Dollar aus der Privatschatulle mal eben so gekauft hatte. Schon damals schien klar: die „WaPo“ würde eines Tages im Kindle-Universum auftauchen – und nun ist es tatsächlich so weit. Ein drahtloses Update bringt die WaPo-App in diesen Tagen auf Millionen Kindle Fire-Tablets zwischen der amerikanischen Ost- und Westküste, zu den bei Amazon üblichen großzügigen Eröffnungs-Konditionen. Ein halbes Jahr lang können die Fire-Nutzer alle Inhalte der App kostenlos nutzen, danach wird sie für ein weiteres halbes Jahr zum Preis von einem Dollar pro Monat zu haben sein. Für den Rest der Android-Welt und die Apple-Fraktion wird es die „WaPo“-App erst 2015 geben. Die grafisch aufwändig gestaltete App wird zweimal pro Tag komplett aktualisiert, jeweils um fünf Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags Washingtoner Zeit.

Bezos als „aktivster Beta-Tester“

Entwickelt wurde die App in enger Kooperation mit Bezos selbst: „Wir waren ununterbrochen im Gespräch“, berichtete Shailesh Prakash, Technologie-Chef der WaPo, gegenüber The Drum, und bezeichnete Bezos als „unseren aktivsten Beta-Tester“. Ähnlich euphorisch äußerten sich in der NYT auch andere Mitglieder des Managements und betonten, die App sei sichtbares Zeichen dafür, dass hier zwei Firmenkulturen miteinander verschmelzen würden. Zwei Firmenkulturen, die wohl kaum unterschiedlicher sein können – denn bisher war die WaPo mit einem stark lokalen Fokus und ansonsten eher planlos in das Internetzeitalter geschlittert. Die Mutation zur Bezoston Post birgt nun eine Menge neuer Möglichkeiten, u.a. vor allem die, auf nationaler und internationaler Ebene durch die relaunchte digitale Ausgabe wieder stärker wahrgenommen zu werden.

Nützlicher Synergieeffekt oder „Zwangsbeglückung“?

Die veränderte Einstellungspolitik zugunsten nationaler Berichterstattung scheint ebenfalls in diese Richtung zu weisen. Zudem sind 16 Redakteure ausschließlich damit beschäftigt, die journalistischen Inhalte speziell für die App aufzubereiten, also Texte und Überschriften knackiger für die breite Masse der Online-Leser zu machen. Angesichts der großen Reichweite des Kindle-Universums dürfte die App auf jeden Fall eine einmalige Chance darstellen, in kurzer Zeit hunderttausende neue Leser zu gewinnen – selbst wenn es sich bei diesen Synergieeffekten am Ende um eine Form der Zwangsbeglückung handelt. Um diesen Eindruck zumindest aus Kundensicht zu vermeiden, beeilte sich Amazon mitzuteilen, das automatische App-Update könne man auch ganz einfach wieder löschen.

(via The Drum & The Next Web)

Abb.: Screenshot Amazon.com

[book-review] Tödliche Umarmungen (Daniel Leisegang, Amazon: Das Buch als Beute)

Mitten in der texanischen Wüste wird derzeit im Innern eines ausgehöhlten Berges eine riesige mechanische Uhr errichtet, getauft auf den Namen „The Clock of the Long Now“. Das Chronometer wird nur alle 365 Tage ticken, und hat einen Zeiger, der nicht Stunden anzeigt, sondern Jahrhunderte. Das Land drumherum gehört einem der reichsten Männer der Welt: Jeff Bezos. Wer wissen möchte, wie der Multimilliardär tickt, bekommt hoch oben in den Sierra Diablo Bergen einen wichtigen Hinweis: dieser Mann denkt in großen Etappen.

Das sollten wohl auch alle zur Kenntnis nehmen, die mit Amazon zu tun haben – denn auch das von Bezos 1994, also vor genau zwanzig Jahren gegründete Unternehmen hat einen sehr langen Atem. Gewinne werden nicht ausgewiesen, trotz kontinuierlich steigender Umsätze wird alles verfügbare Geld in die weitere Expansion investiert. Kindle Reader, Kindle Fire Tablet, Fire TV, Fire Phone, et cetera: Was mit dem Online-Versand mit Büchern, Gummistiefeln und Waschmaschinen begann, hat längst seine Fortsetzung in Geräten und Content gefunden.

Insofern ist Daniel Leisegangs kritische Amazon-Studie mit dem Untertitel „Das Buch als Beute“ nicht nur eine Engführung, sondern fast schon eine Art Missverständnis:
denn im Buchhandel ist Bezos eher zufällig gelandet, sein eigentliches Metier war bis Anfang der Neunziger Jahre der computergestützte Börsenhandel. Früh wurde er auf das boomende World Wide Web aufmerksam, und nutzte clever die immensen Wachstumsraten der Internet-Ökonomie für eigene Zwecke. Das Garagen-Startup Amazon.com nannte sich zwar keck „größte Buchhandlung der Welt“, hatte aber eigentlich nur den größten Katalog der Welt.

Pech für die Buchbranche, dass der Weg zum größten „Anything Store“ weltweit ausgerechnet über das Terrain der Gutenberg-Galaxis führen musste. Dort wie auch anderswo setzt der Konzern nun auf beschleunige Disintermediation: alle Zwischenhändler werden ausgeschaltet, nicht nur die Buchhändler, sondern perspektivisch auch die Verlage. Leisegangs Dossier, basierend vor allem auf der Auswertung von Presseartikeln, Internet-Quellen und aktuellen Amazon-Studien (Brad Stone & Richard L. Brandt) bringt diese Strategie auf den Punkt: es geht um die „tödliche Umarmung“.

Bei seinen kritischen Blicken auf Amazons tayloristisch ausdifferenzierte Lagerlogistik, auf gnadenlose Rabattierungs-Schlachten und infame Steuertricks wird aber auch deutlich: gerade in Deutschland – nach den USA zweitwichtigster Markt für den Online-Händler – wird das raubtierhafte Verhalten von Amazon durch flexible Gesetze, staatliche Subventionen und willige Vollstrecker der Dienstleistungs- und Zulieferindustrie effektiv unterstützt. Da ist die Frage: Fällt die Buchpreisbindung? fast schon nebensächlich, denn spätestens seit dem Boom des Self-Publishings und dem Start von eigenen Imprints geht der Pricing-Trend deutlich bergab.

Und auch vor Amazon war der von großen Ketten dominierte Buchhandel eigentlich schon jenseits von Gut und Böse: „Die Verlage werden von gleich zwei mächtigen Gegenspielern in die Zange genommen“, so Liesegang zu recht. Zugleich werden Lösungswege gezeigt – die Renaissance der inhabergeführten Buchhandlungen gehört dazu (siehe Stories in Hamburg, Ocelot in Berlin, „Buchladen Neusser Straße einzigundartig“ in Köln-Nippes), aber auch der Wandel von Verlagen zu „Edeldienstleistern für Autoren“. Nicht zuletzt ist aber wohl auch Druck auf die Politik notwendig, um den Quasi-Monopolisten stärker in die Schranken zu weisen.

Lässt man begriffliche Unschärfen (der Buchhandel an sich und das Buch per se sind durch Amazon nicht bedroht, wenn überhaupt, dann vom Medienwandel) und von schlecht informierten Journalisten übernommene technische Details (etwa zum Kindle-DRM, zu KDP und Createspace, etc.), ebenso das lieblose Word-Arial-14-Punkt-Layout der Printversion (da wirkt ein Wort wie „Kulturgut Buch“ dann doch irgendwie unrund) beseite, hat der Politologe und Redakteur der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ einen gut lesbaren Überblick zu den Verästelungen des Systems Amazon im hiesigen Leseland vorgelegt.


Daniel Leisegang,
Amazon – Das Buch als Beute
Taschenbuch (128 S.) 12,80 Euro (z.B. via Amazon)
E-Book (epub/Kindle) Bisher nicht lieferbar

Sternchen für den Biografen: Jeff Bezos, MacKenzie Bezos, & das „Reality Distortion Field“

Ist Jeff Bezos jetzt der neue Steve Jobs? Nicht nur die wachsende Zahl der auf den Markt geworfenen Biografien des Amazon-Chefs könnte ein Indiz dafür sein. Auch was das legendäre „Reality Distortion Field“ betrifft, also die verzerrte Wahrnehmung der Innen- wie Außenwelt, scheinen Jeff und Steve sich sehr nahe zu kommen. Bestes Beispiel sind die Reaktionen auf die aktuellste Bezos-Biografie aus der Feder von Brad Stone. Mit „The Everything Store: Jeff Bezos and the Age of Amazon“ wollte der für Bloomberg Businessweek arbeitende Journalist einen realistischen Blick auf das System Amazon werfen, jenseits aller Firmenpropaganda: „Wir denken, wir kennen die Amazon-Story, aber in Wirklichkeit sind wir nur mit ihrer Mythologie vertraut, mit jenen Zeilen der Pressemitteilungen, Reden und Interviews, die Jeff Bezos nicht mit roter Tinte herausgestrichen hat“, schreibt Stone im Vorwort.

„Die Mitarbeiter lieben Amazon“

Inzwischen weiß der Biograf, dass die „Bezos-Theorie der Kommunikation“ nicht nur von Bezos selbst praktiziert wird – sein Buch bekam auf Amazon.com eine vernichtende Kundenrezension von MacKenzie Bezos. Die selbst als Schriftstellerin arbeitende Ehefrau des Amazon-Chefs unterstellt dem Biografen, nicht nur einzelne Details der fast 20-jährigen Firmengeschichte falsch dargestellt zu haben, sondern insgesamt einen Stil zu pflegen, der beliebig Fakten und Fiktion vermischt, um die Lektüre spannend zu machen. Zugleich wirft sich Frau Bezos in die Bresche für Amazons angeblich „unterstützende“ und „inspirierende“ Unternehmenskultur, die Stone ganz besonders kritisch unter die Lupe nimmt – die zahlreichen positiven Rückmeldungen der Mitarbeiter würden vom Biografen nicht ernst genommen. Von MacKenzie Bezos gab’s dafür auf Amazon.com nur 1 Sternchen – während die meisten Leser vier oder fünf Sterne vergaben.

Biograf als Kommunikationsverweigerer?

Nun klingt das ohnehin alles schon ungefähr so absurd, als wenn Ratzingers Bruder eine Benedikt-Biografie im kircheneigenen Store von Weltbild.de in Bausch und Bogen verdammen würde. Doch inzwischen hat sich auch das Unternehmen selbst auf Brad Stone eingeschossen. Gegenüber der Presse legte Amazon-Sprecher Craig Berman nämlich nach: „He [Brad Stone ]had every opportunity to thoroughly fact check and bring a more balanced viewpoint to his narrative, but he was very secretive about the book and simply chose not to.“ Nicht Amazon, sondern der Biograf ist also am Ende ein geheimniskrämerischer Kommunikationsverweigerer, und stellt die Fakten falsch dar – besser lässt sich das „Reality Distortion Field“ wohl nicht demonstrieren. Im Vorwort gibt der Biograf übrigens an, nicht nur des öfteren mit Bezos gesprochen zu haben, sondern in Absprache mit Amazon auch zahlreiche Mitarbeiter und Familienmitglieder interviewt zu haben…

„Das Buch hat eine Zukunft, DRM auch – weil die Verlage es so wollen“ (Jeff Bezos)

Goldene Worte zur Zukunft des Buches kennt man von Jeff Bezos genauso wie weiland von Steve Jobs. Doch während der Apple-Chef gerne ebenso steile wie realitätsferne Thesen präsentierte („Egal wie gut das Produkt ist, die Leute lesen heutzutage einfach nicht mehr“), hält sich der Amazon-Chef lieber an die selbst verursachten Fakten. So auch diesmal: „Das Ende ist nicht abzusehen, der Übergang in Richtung E-Book wird noch für eine ganze Weile andauern“, äußerte sich Bezos jetzt gegenüber PC-Mag. „Unsere aktivsten Kindle-Book-Käufer erwerben zugleich sehr viele Bücher aus Papier, sie kaufen also beides. Für viele Menschen gibt es kein Entweder-Oder. Irgendwann in der Zukunft werden gedruckte Bücher Luxusgüter sein, aber bis dahin ist es noch weit.“

Eine goldene Zukunft hat Bezos zufolge aber auch Digital Rights Management bei E-Books: „Wir machen das, was die Rechteinhaber wollen“, so der Amazon-Chef. Und das ist bis auf weiteres bekanntlich DRM, ob man das nun gut findet oder nicht. Zugleich präsentiert sich Bezos aber als eine Art ehrlicher Makler zwischen den Interessen von Verlegern und Lesern: „Wir hängen da keiner Glaubensrichtung an. Will der Rechteinhaber DRM, gibt es DRM. Will er kein DRM, gibt es kein DRM.“ Wirklich unglücklich über den aktuellen Zustand wird Bezos wohl nicht sein – bekanntlich hängt das geschlossene Ökosystem der Kindle-Welt vor allem mit dem Kopierschutz zusammen.

Ausgebremst wird Amazons Expansionsdrang dagegen durch die gleichzeitige Zurückhaltung der Verlage beim E-Book-Verleih – doch auch hier gibt sich Bezos im Interview auffällig konziliant: Die Verlage hätten gegenüber dem „Account-to-account-Sharing“ gerechtfertigte Bedenken, was die Möglichkeiten der Kontrolle betreffe. Das kann man vielleicht auch so übersetzen: im Self-Publishing-Bereich funktioniert die Kindle-Leih-Bibliothek bereits so gut, dass man die Kooperation der Verlage nicht unbedingt mehr braucht. Letztlich baut der Erfolg von Amazons KDP-Plattform sogar darauf auf, dass hier Indie-Autoren genau das Gegenteil von dem machen, was die Verlage normalerweise tun – vom E-Book-Verleih über niedriges Pricing bis hin zum Verzicht auf DRM.

Abb.: Flickr/Insider Monkey (cc)

Bezos & die WaPo: „Baut einen Kindle-Printer, & schließt die Druckerei“

„Wir werden experimentieren müssen“, schrieb der zukünftige Washington-Post-Eigentümer Jeff Bezos in einem offenen Brief an die Mitarbeiter. Doch was heißt das? Kann man die WaPo bald nur noch auf dem Kindle lesen? Bezos selbst hielt sich in dieser Frage auffällig zurück. An konkreten Vorschlägen von dritter Seite mangelt es dagegen nicht – besonders spannend finde ich, was Drew Meyers gerade auf Geekwire gepostet hat: der Internet-Entrepreneur schlägt vor, die Zeitung auch weiterhin noch zu drucken, nur nicht mehr zentral in einer großen Druckerei. „Was wäre, wenn die Vertriebskosten in ihrer jetzigen Form nicht mehr existieren würden? Was wäre, wenn die gesamte Distribution via Crowdsourcing an lokale Unternehmer übergeben wird, die das Geschäft für die jeweilige Zeitung übernehmen?“

Dezentrales Netzwerk aus Digitaldruckern

Dabei denkt Meyers also nicht an einen Kindle-Printer für jeden Haushalt, der die Gazetten ähnlich individuell ausdruckt wie ein privater Fotoprinter die Schnappschüsse vom letzten Urlaub. Stattdessen geht die Idee davon aus, eine öffentliche Infrastruktur aus dezentralen Digitaldruckern aufzubauen, mit denen sich eine begrenzte Anzahl von Exemplaren herstellen lässt, die dann lokal von den traditionellen Paperboys und Papergirls vor die Türen der Leser geworfen werden. Dabei setzt Meyers auf Selbstorganisation – in welcher Nachbarschaft so etwas funktioniert, sollen die Leute selbst entscheiden bzw. ausprobieren.

„Passt gut in die Sharing-Economy“

Doch auch wenn sich eine lokale Lesercommunity auf diese Weise einen Drucker teilt, entstehen natürlich Kosten. Um das Modell in Gang zu bringen, so Meyers, könnte der Zeitungsverlag deswegen bestimmte Betriebskosten subventionieren, etwa die Ausgaben für das Papier. Schließlich habe das Blatt ja alleine schon wegen der Anzeigenerlöse auch ein Interesse daran, die gedruckte Ausgabe unter die Leute zu bringen, solange sich die Kosten im Rahmen halten. „Diese Herangehensweise passt sehr gut in die Sharing Economy, und ich glaube, sie könnte die Zeitung aus Papier wieder zur Realität werden lassen, ohne dass die Zeitungsverlage dabei verlieren würden.“

Bezos: „Gedruckte Zeitung in 20 Jahren verschwunden“

Bezos selbst prophezeite in einem Interview mit der Berliner Zeitung (danke an Jan Tißler für diesen Tipp!) erst Ende 2012: „In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben.“ Wenn überhaupt, dann werde die Print-Zeitung noch als Luxusartikel für die Hotellobby überleben. In vielen amerikanischen Großstädten ist es schon jetzt so weit – lokale Blätter stellen ihr Erscheinen ganz oder teilweise ein, oft gibt es nur noch die Web-Version. Jeff Bezos sah im Interview mit der Berliner Zeitung die große Chance vor allem in digitalen Abos für das Tablet. Doch was wird aus den Lesern, die kein Tablet haben oder die Zeitung weiter auf Papier lesen möchten? Zumindest als Übergangslösung kommt mir das dezentrale „Kindle Printer“-Modell weitaus sympathischer vor…

Abb.: flickr/Esther Vargas (cc)

Washington Post wird Bezoston Post: Amazon-Chef kauft sich eine Zeitung

Welche Zeitung liest Jeff Bezos normalerweise? Wir wissen es nicht. Dafür wissen wir aber, welche Zeitung er sich gestern gekauft hat: die Washington Post. Allerdings hat der Amazon-Chef mehr dafür bezahlt, als am Kiosk üblich ist – nämlich satte 250 Millionen Dollar. Wenn das mal keine Breaking News ist, was dann!? Schließlich wechselt über Nacht die älteste noch existierende Gazette der USA den Besitzer – und landet ausgerechnet beim größten „Disruptor“ des gesamten Printgewerbes. Das journalistische Flaggschiff der US-Hauptstadt, berühmt für investigative Recherchen und das Leaken von Skandalen à la Watergate, galt eigentlich nicht als akuter Übernahmekandidat. Doch das 1877 gegründete Blatt macht Miese, die Umsätze sind in den letzten Jahren um fast 50 Prozent eingebrochen, auch die Auflage befindet sich weiter im Sinkflug.

Bezos kann sich teure Hobbies leisten

Deswegen sucht die bisherige Besitzerfamilie in diesen Zeiten ihr Heil offenbar lieber bei einem befreundeten Unternehmer, der als langfristig denkender Stratege gilt. Und immer noch deutlich sympathischer wirkt als Carlos Slim, mexikanischer Milliardär und rettender Engel der New York Times. Und übrigens der zweitreichste Mann der Welt, während Bezos mit einem geschätzten Vermögen von 25 Milliarden Dollar nur am Ende der Top Zwanzig steht. Doch auch das reicht für teure Hobbies. Was wird er nun mit der „WaPo“ machen? Dortselbst liest man folgendes: „Bezos, 49, will take the company private, meaning he will not have to report quarterly earnings to shareholders or be subjected to investors’ demands for ever-rising profits, as the publicly traded Washington Post Co. is obligated to do now. As such, he will be able to experiment with the paper without the pressure of showing an immediate return on any investment.“

„We will need to experiment“

Etwas mehr erfährt man in einem offenen Brief, den Bezos an die Mitarbeiter der Washington Post geschrieben hat: erstmal wird sich optisch nicht viel ändern. Tatsächlich will der Amazon-Gründer nicht täglich an den Potomac pilgern: „I’m happily living in the other Washington“, also in Seattle, Amazons Firmensitz. Allerdings werde es in den kommenden Jahren strukturelle Veränderungen geben, kündigt Bezos im gleichen Atemzug an: „The Internet is transforming almost every element of the news business: shortening news cycles, eroding long-reliable revenue sources, and enabling new kinds of competition, some of which bear little or no news-gathering costs. There is no map, and charting a path ahead will not be easy.“ Und dann kommt der wohl wichtigste Satz: „We will need to invent, which means we will need to experiment.“ Das könnte bedeuten: Die WaPo wird wohl auch in fünf oder zehn Jahren noch erscheinen – doch die meisten Menschen werden sie wohl auf Tablets und E-Readern lesen, auf deren Rückseite ein großes K prangt…

Abb.: Daniel X. O’Neil (Wikimedia Commons / cc)