Große Träume, kleine Wahrheiten: J. Vellguth, Auf der Suche nach Glück in New York City [Leseprobe]

vellguth-suche-nach-glueck-in-new-york-city-coverHolly hat fast alles: Einen Studienabschluss mit Auszeichnung, ein Bewerbungsgespräch bei ihrer Traumfirma in New York, und dann trifft sie bei Starbuck’s auch noch netten Mann. Doch dann kommt alles anders, plötzlich hängt ihre gesamte Zukunft von der Arbeitsbereitschaft eines arroganten Schnösels namens Rick Coleman ab, der vielleicht doch ein bisschen mehr Tiefgang besitzt, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Sie muss sich entscheiden: Karriere oder Liebe, oder kann man doch beides haben? Doch auch Rick hat es in J. Vellguths winterlich-moderner Liebesgeschichte „Auf der Suche nach Glück in New York City“ nicht ganz so einfach, er muss sich entscheiden: soll er sein gemütliches Leben einfach so aufgeben? Steckt hinter dieser jungen Frau doch mehr als nur strebsame Jobanfängerin? Unsere Leseprobe führt ins zweite Kapitel, noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle Shop.


J. Vellguth: Auf der Suche nach Glück in New York City

Kapitel 2


Holly stand in einer warmen Wolke aus rosasüßem, würzigschwarzem Kaffeeduft und fühlte sich einfach nur gut.
Ihre Brille war immer noch ein wenig beschlagen. Während die Gläser sich langsam aufklärten, schloss sie kurz die Augen und atmete tief durch.
Der Geruch von Zimt und Honig, Kaffee und Salz­karamell, Kakao und Sahne machte sie ganz schwindelig.
Dann konnte sie endlich wieder sehen. Vor ihr in der Auslage erstreckte sich ein himmlisches Meer aus fluffigem Teig und Zuckerglasur. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Saftige Donuts, weiche Kekse und zuckersüße Teilchen.
Aber sie schaffte es, sich trotz leeren Magens einzu­reden, dass ihr flaues Gefühl nicht am Hunger lag, sondern von ihrer Nervosität und dem Anruf ihrer Mutter herrührte.
Sie konnte jetzt ganz sicher nichts Süßes vertragen.
Bestimmt.
Selbst in Gedanken triefte ihre Stimme vor Ironie.
Aber wenn sie hungrig wäre, müsste sie feststellen, dass ihr Portemonnaie gähnend leer war. Zumindest bis auf die zwanzig Dollar, die darauf warteten, in den Sparstrumpf für das Busticket nach Hause zu wandern. Sie hatte ihre Eltern so lange nicht gesehen. Und gerade jetzt, mit den Schwierigkeiten wegen des Autos, wäre es gut, über Thanksgiving bei ihnen zu sein.
Sie griff in ihre Manteltasche und fuhr mit vor Kälte steifen Fingern durch das Kleingeld, das sie heute noch ausgeben durfte.
Zwei Dollar und dreiundvierzig Cent. Das wusste sie, ohne nachzuzählen.
Sie betrachtete die Karte über der Theke. Für das Geld konnte sie sich einen mittleren Kaffee leisten. Oder mit einem kleinen achtundfünfzig Cent sparen und nachher im Laden noch etwas Gemüse kaufen, um ihren Magen zu füllen. Das war wohl die vernünftigere Variante.
Oder den Kaffee ganz sein lassen. Aber ihr war so kalt.
Da klingelte die Türglocke und ein junger Mann trat in den Laden.
Lang und schlank und das schwarze Haar so durcheinander, dass er wahrscheinlich gerade erst aus dem Bett gestiegen war. Auch sein eindeutig maßgeschneiderter Anzug sah ein wenig mitgenommen aus.
Sie fragte sich, was für eine Geschichte hinter seinem Aufzug steckte.
Die dunkelbraunen Augen blitzten in ihre Richtung und plötzlich erschien ein breites Lächeln auf seinem Gesicht.
Holly atmete eine weitere Welle aus Zuckerduft ein, durch die ihre Knie ganz weich wurden, wandte verlegen den Blick ab und betrachtete die Menükarte. Eigentlich sollte sie sich auf ihr Vorstellungsgespräch konzentrieren oder zumindest auf ihre Bestellung.
Aber die Gegenwart des jungen Mannes summte so laut am Rand ihres Sichtfeldes, dass sie nicht einen einzigen Buchstaben lesen konnte.
Sie spürte seine Wärme neben sich, bevor er etwas sagte. Er stand ein wenig dichter, als das für Fremde üblich war, und fuhr sich lässig durch sein seidig glänzendes Haar. Unvermittelt fragte Holly sich, wie sich das wohl anfühlen würde, und musste innerlich über sich lachen. So einen Gedanken hatte sie lange nicht gehabt.
Deshalb beschloss sie, nicht zu bemerken, wie ihre Oberarme bei seiner flüchtigen Berührung kribbelten.
Ihre halb gefrorenen Glieder begannen aufzutauen, das war alles.
»Guten Morgen«, sagte er mit dunkler Stimme und das selbstbewusste Lächeln auf den vollen Lippen wurde noch breiter. Ein Kribbeln ergoss sich ungefragt in einer Welle bis in Hollys Bauch hinein.
Schweigen oder antworten?
Sie entschied sich zu einem Konter: »Ganz so gut scheint der Morgen für dich aber nicht zu laufen.« Sie spielte natürlich auf sein zerwühltes Aussehen an.
Ganz egal, dass ihre Reaktion vielleicht ein bisschen verrückt war. Das hier war wesentlich besser als sich Gedanken über so nebensächliche Kleinigkeiten zu machen wie ihre Zukunft, Bewerbungsgespräche, kaputte Autos und – Frühstück.
»Nichts, was ein ordentlicher Kaffee nicht wieder hinbekommen würde.« Er beugte sich zu ihr herunter und sagte in vertraulichem Ton: »Heiß, mit extra Zucker, natürlich.«
Sie lachte. Nicht gerade innovativ. Aber aus irgend­einem Grund störte sie das heute gar nicht.
Sie spürte, wie sein Atem über ihre Wange strich und ihr Puls sich beschleunigte. Jede Wette, dass er die Damen mit seinem Charme reihenweise flachlegte.
»Ich bin Rick«, sagte er freundlich und hielt ihr die Hand entgegen.
Holly zögerte nur einen Augenblick. Normalerweise war sie niemand, der auf so etwas ansprang. Aber er sah durch seinen zerknitterten Auftritt mindestens genauso fehl am Platz aus, wie sie sich fühlte. Und alles war besser, als eine Stunde lang alleine die Zeit totzuschlagen.
»Holly«, sagte sie und nahm seine Hand. Die war weich und im Vergleich zu ihrer unheimlich warm. Fast hätte sie vergessen, ihn wieder loszulassen.
»Ein schöner Name«, antwortete er. »Und was trinkst du, Holly?«
Eigentlich hatte sie sich gegen den Kaffee entschieden, aber wenn sie jetzt sagte, dass sie nichts wollte, würden unweigerlich Fragen kommen. Unangenehme Fragen.
Also wandte sie sich an die Kassierin. »Einen Kaffee – tall, bitte«, sagte sie. Holly hatte noch nie verstanden, weshalb bei Starbucks der kleine Kaffee tall genannt wurde – also hochgewachsen oder lang. Wahrscheinlich, damit man eher bereit war, fast zwei Dollar für einen schlichten, schwarzen Kaffee auszugeben.
Die junge Frau an der Kasse nickte bereits, aber Rick schnalzte missbilligend mit der Zunge und lehnte sich gegen den Tresen. »Das kann nicht dein Ernst sein.« Die Kassierin zögerte und ihr Blick huschte unsicher zwischen ihren beiden Kunden hin und her.
»Ein langweiliger, schwarzer Kaffee?«, fragte Rick und zog die Brauen hoch. »Ich dachte, wir wären uns einig, dass wir Koffein und ganz viel Zucker brauchen, um vernünftig in den Tag zu starten.«
»Hauptsache schwarz und heiß«, sagte sie. Dabei ruhte sie sich absichtlich ein wenig zu lange auf dem scharfen S aus und versuchte genauso lässig zu wirken wie er. Sie konnte sich unmöglich zu etwas anderem überreden lassen, das ließ ihr Geldbeutel nicht zu.
Aber Rick schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen, sondern wandte sich an die Kassiererin: »Die Dame nimmt einen Salted Caramel Mocha Grande.« Dann hob er Mittel- und Zeigefinger in die Luft. »Machen Sie zwei draus.«
Hollys Magen knurrte leise bei dem Wunsch nach so viel Kalorien. Sie hielt den Atem an und hoffte, dass er nichts davon bemerkt hatte.
»Siehst du, dein Bauch stimmt mir zu«, sagte er und lachte leise vor sich hin.
Na, hervorragend.
Mieser, verräterischer Bauch.
Hollys Blick raste über das Menü, bis sie sein bestelltes Heißgetränk fand. Fast fünf Dollar.
Sie schluckte, stieß die Luft aus und schüttelte schnell den Kopf. »Nein danke, ich …«
Er seufzte. »Vertrau mir einfach, okay?« Und am liebsten wäre sie in seinen tiefen, dunklen Augen einfach so versunken.
Ihre Finger schlossen sich fest um das Kleingeld in ihrer Tasche. Unmöglich.
»Aber ich …«
Er unterbrach sie, indem er sich an die Kassiererin wandte: »Der geht auf mich.« Damit lächelte er Holly zu, als wollte er sagen, er hatte alles unter Kontrolle.
Unter normalen Umständen hätte Holly sich jetzt zur Wehr gesetzt. So ein Geschenk konnte sie unter gar keinen Umständen annehmen.
Aber wenn sie sich an ihre Prinzipien hielt, dann bedeutete das, Thanksgiving ganz allein in ihrer kalten Wohnung zu verbringen.
Also schluckte sie ihren Stolz hinunter und lächelte.
Vielleicht war das ja wirklich mal eine willkommene Abwechslung. Jemand, der es ehrlich meinte und ihre Probleme löste, statt neue zu schaffen. Traf man solche Menschen tatsächlich einfach so auf der Straße? Leute, die keine andere Agenda hatten, als nett zu sein?
Sie warf ihm einen Seitenblick zu.
Ihr Bauch behauptete, er ging in Ordnung. Aber was wusste ihr Bauch schon, der war ein mieser Verräter. Ihr Kopf hatte eine sehr eindeutig andere Meinung.
»Glaub mir, du wirst es nicht bereuen«, sagte er mit einem Zwinkern.
Holly sah, wie die Kassiererin ihn beobachtete und verträumt zuerst den Kaffee machte, statt zu kassieren.
Rick ließ sich davon nicht beirren, sondern ging zu der Station, wo die Getränke ausgegeben wurde. »Also, was machst du hier in der Gegend?«, fragte er Holly. »Sightseeing? Arbeit? Vergnügen?« Beim letzten Wort senkte er die Stimme zu einem tiefen Brummen und wackelte mit den Augenbrauen. Dabei wirkte er so jungenhaft verschmitzt, dass sie es ihm nicht übelnehmen konnte.
»Arbeit«, sagte Holly schnell. »Hoffe ich zumindest.«
Er lachte. »Glaub mir, hier in der Gegend willst du gar nicht arbeiten.«
»Nein?«
»Lauter eingebildete Schnösel, die einen Stock im Hintern mit sich herumtragen.«
Jetzt lachte Holly. »Ach wirklich?« Sie neigte ihren Kopf und tat, als würde sie seine Rückseite begutachten. »Ich sehe gar nichts«, stellte sie übertrieben verwundert fest.
»Ausnahmen bestätigen die Regel«, antwortete er völlig ernst.
Da schob die Kassiererin zwei riesige Kaffeebecher über den Tresen. Rick griff in die Hosentasche seines Anzugs, zog seine Hand aber sofort wieder heraus und klopfte sein Jackett ab. »Sorry, tut mir leid, ich glaub, ich hab meine Karte im Auto liegen lassen.«
Da war das flaue Gefühl plötzlich wieder da und ihr Magen schrumpfte zusammen […]

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Autorin & Copyright: J. Vellguth

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J. Vellguth,
Auf der Suche nach Glück in New York City
E-Book (Kindle Shop) 1,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 12,99 Euro

Digi-Freundschaft, alte Narben & echtes Vertrauen: J. Vellguth, Das Päckchen [Leseprobe]

das-paeckchen-introBibliothekarin Emma liebt Bücher über alles. Genau wie die Kinder und Jugendlichen, die ihre Bibliothek besuchen. Als durch einen Wasserschaden plötzlich die Betriebs-Schließung droht, ist Emma am Boden zerstört. Ohne Bücher droht ihr ganzes Leben auseinanderzubrechen. Ob eine Spendenaktion helfen könnte? Doch keine Sorge, Rettung naht – nicht zufällig heißt J. Vellguths sommerlich-moderner Liebesroman „Das Päckchen“. Denn plötzlich trifft ein geheimnisvolles Päckchen ein, Absender ist ein gewisser „Lukas“. Emma kennt ihn nicht – umgekehrt ist das anders. Lukas ist nämlich ein Fan ihres Video-Kanals im Web, und er hat einen Plan. Das Päckchen besteht aus weiteren Päckchen mit exklusiven Fan-Material zu Emmas Lieblingsautor Richard Taylor. Die unglückliche Bibliothekarin soll damit Unboxing-Videos drehen, und so mehr Zuschauer erhalten, und potentielle Spenderinnen motivieren. Doch wer ist Lukas wirklich? Wie kommt er an die begehrten Fan-Artikel? Kann man jemandem vertrauen, den man nie wirklich getroffen hat? Mehr verrät unsere Leseprobe… Übrigens: Bis Ende Mai gibt’s „Das Päckchen“ im Kindle Shop für 99 Cent…


J. Vellguth, Das Päckchen

1. Kapitel


Emma trat schneller in die Pedale. Goldene Sonnenstrahlen wärmten ihr braunes Haar, der würzige Fahrtwind strich ihr durchs Gesicht, zupfte an ihrer blaugemusterten Bluse und duftete nach Sommer und frischen Blättern.
Wassertropfen sprühten glitzernd aus trocknenden Pfützen gegen die verschnörkelten Fassaden der Bonner Innenstadt. Aber Emma konnte an nichts anderes denken als an die Bücher, die sie gleich ins Sortiment aufnehmen durfte.
Andere Leute würden heute wahrscheinlich lieber die Arbeit hinschmeißen und den ganzen Tag im Freien verbringen. Aber dafür war die Mittagspause da und der Feierabend. Emma wollte nach zwei Wochen Urlaub nichts lieber als zurück zu ihren Geschichten. Endlose Reihen aus unbekannten Welten und fremden Universen. Dazwischen eine Schar von Kindern auf der Suche nach ihrem nächsten großen Abenteuer.
Doch sofort, als sie zur Kirche abbog und an der mit Bäumen umrandeten Wiese vorbeikam, schlich sich ein ungutes Gefühl in ihre Magengrube, das sie nicht genau bezeichnen konnte. Irgendetwas war falsch.
Sie hielt vor dem würfelförmigen Gebäude der Kinderbücherei und stieg ab.
Es wirkte so … dunkel.
Gut, sie hatte Frühschicht, da war das normal … trotzdem, ihr Bauch sagte, dass etwas nicht stimmte.
Sie öffnete ihren Rucksack mit dem niedlichen Motiv und dem Spruch Einhörner machen keine Scherze. Dann kramte sie in den unendlichen Weiten nach ihrem Schlüssel.
Natürlich hatte der sich wieder irgendwo versteckt. Genervt setzte sie die Tasche auf der breiten, roten Backsteinstufe ab und wollte gerade von Neuem auf die Suche gehen, da entdeckte sie das große, gelbe Schild an der Türe:
Betreten verboten.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Was hatte das zu bedeuten?
Sie legte die Hand an das spiegelnde Glas der Türe, blickte hindurch und die gesamte Welt schien auf die Größe eines Sandkorns zusammenzuschrumpfen.
Auf dem Boden stand Wasser. Eine Deckenplatte war heruntergekommen und verteilte ihr poröses, weißes Innenleben auf dem Empfangstisch. Zwei der Regale waren umgekippt und ihr Inhalt verwandelte die graubraune Suppe auf dem Fußboden gerade in Pappmaschee.
Blanker, teerschwarzer Horror breitete sich in ihr aus. Lauter klatschnasse Bücher, in sich zusammengesunken, verklebt, verdorben, verloren.
Emma sog scharf die Luft ein und konnte es einfach nicht fassen. Das durfte nicht wahr sein. Vielleicht hätte sie die Anrufe von ihrer Kollegin doch annehmen sollen.
Jetzt stand sie da und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. So ein riesiges Elend.

***
Über eine Stunde hatte sie gebraucht, um herauszufinden, was passiert war. Die präziseste und nicht sehr hilfreiche Antwort auf ihre Frage lautete: Wasserschaden, nichts zu machen.
Ihre beiden Kolleginnen arbeiteten sowieso nur Teilzeit, die schien das Chaos nicht zu stören. Und was jetzt genau passierte, konnte ihr niemand sagen. Aber von einer Sekretärin aus der Führungsetage hatte sie hinter vorgehaltener Hand gehört, dass eine Restauration vielleicht nicht durchgeführt wurde.
Emma saß am Rand der Kirchwiese auf einer Baumwurzel, den Rucksack zwischen ihren Füßen und spürte, wie die letzten Jahre an ihr vorüberzogen. All die wundervollen Tage und die Freundlichkeit, mit der man sie damals hier aufgenommen hatte. Jetzt war das alles fort und vielleicht für immer zu Ende. Es fühlte sich fast so an, als wäre ihre Mutter gerade ein zweites Mal gestorben.
Das Holz des Stammes war angenehm warm an ihrem Rücken. Sie lächelte gezwungen in die Kamera und hielt den Atem an, während ein älteres Pärchen vorbeischlenderte.
Als die beiden außer Hörweite waren, stieß sie die Luft aus. Erleichtert schüttelte sie ihren braunen Zopf, um das Unbehagen aus ihrer Magengrube zu vertreiben, und konzentrierte sich wieder auf das Hangout, das sie schnell für Becky und die anderen eingerichtet hatte und dessen Aufzeichnung sie später online stellen würde, um nicht alles fünfmal erzählen zu müssen.
Auf dem Bildschirm schnitt ihre beste Freundin gerade beständig Grimassen.
»Hör doch auf, du bist albern«, sagte Emma.
»Bin ich gar nicht. Du bist albern. Warum spielst du denn mitten im Satz Statue?«, fragte Becky.
»Weil hier Leute vorbeigegangen sind?«
»Ach, und dann fühlst du dich besser, wenn sie denken du wärst eingefroren, statt einfach weiterzusprechen?«
Natürlich konnte Becky das nicht verstehen. Ihre beste Freundin hatte mit Peinlichkeiten nichts am Hut. Sie war immer völlig selbstbewusst, ganz egal, ob sie sich gerade geschmeidig auf der Tanzfläche bewegte oder im Bikini auf einer Wiese sonnte. Wahrscheinlich könnte Mick Jagger zu ihr in die Dusche spazieren und sie würde ihn lediglich bitten, ihr die Seife zu reichen. Höchstens bei Brad Pitt würde Becky vielleicht kurz zögern und dann nach etwas völlig anderem als der Seife fragen.
Als wollte sie das bestätigen, pustete Becky sich lässig eine feuerrote Locke aus der Stirn. »Also, zurück zum Thema. Was hast du jetzt vor?«
»Ich weiß nicht, wahrscheinlich komme ich vorübergehend in die Poststelle.« Ihr graute allein bei der Vorstellung. Nachdenklich lehnte sie sich zurück und blickte zum Eingang der Bücherei.
Wenn es wirklich so schlimm war, wie die Sekretärin behauptet hatte, dann konnte Emma ihren Job auch ganz verlieren.
Und nicht nur das.
Was sollte dann aus all den Kindern werden, die sich hier ihre wöchentliche oder sogar tägliche Dosis fantastischer Geschichten abholten?
Marie, die Nachbarstochter, zum Beispiel würde sicher am Boden zerstört sein. Falls sie es nicht schon längst wusste.
Wäre Emma in der letzten Woche mal aus ihrer Wohnung herausgekommen, hätte die Kleine ihr sicher bereits von dem Unglück erzählt. Doch wegen des schlechten Wetters hatte Emma sich mit ihren Büchern im Bett verkrochen.
Blöder Regen.
Weltenzerstörer.
Die Bücherei war schon so lange ihr zweites Zuhause, das durfte jetzt nicht einfach so vorbei sein.

»Mach doch weiter Urlaub.« Damit holte Becky sie aus ihren Gedanken zurück.
»Hatte ich doch gerade erst.« Im Chatbereich ihres kleinen Hangouts wurden drei Zuschauer angezeigt. Zwei davon stimmten Becky gerade zu, dass Emma die Zeit zum Lesen nutzen sollte, der dritte schwieg.
»Dir ist schon klar, dass Urlaub endlich ist und ich außerdem für mein Geld arbeiten muss?«
Becky winkte ab. »Du kannst die Bücherei ja schlecht von zu Hause aus betreiben, oder?«
»Nein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass mir die Firma Geld fürs Herumsitzen bezahlt.«
»Macht sie doch jetzt auch schon.«
Emma schnaubte. »Scherzkeks. Ich meine fürs zu Hause herumsitzen, ohne Bücher zu verleihen.« Sie knetete auf ihrer Unterlippe herum.
»Und es kann echt sein, dass die Bücherei komplett dichtmacht?«, fragte Becky.
»Ja. Die Sekretärin, die ich gesprochen habe, meinte, sie hätte ein Telefonat mitgehört. Da hätte der Chef gesagt, dass er eine Renovierung ungern finanzieren möchte.«
Kathy und Bea aus dem Chat überhäuften sie mit schockierten Smileys und Becky klappte der Mund auf. »Die wollen die Kinderbücherei echt schließen? Die sind doch ein Jugendbuchverlag. Das können die doch nicht einfach so machen. Vor allem, weil sich die Bücherei in den letzten Jahren so toll gemausert hat.«
»Ich weiß. Aber die war ursprünglich sowieso nur ein Herzensprojekt seiner ersten Frau. Und wenn sie sich jetzt gar nicht mehr rentiert … ich könnte mir schon vorstellen, dass er sie dann einfach abstößt.«
»Das wäre ja schrecklich«, sagte Becky.
»Kannst du wohl laut sagen.« Sie dachte an Marie, ihre verschlissene Jacke und den Rucksack mit dem geplatzten Reißverschluss. Das durfte einfach nicht passieren.

Bücher waren wichtig, gerade für Kinder. Die Geschichten waren nicht nur eine nette, kleine Ablenkung vom grauen Alltag, sondern auch Freunde, Ratgeber und treue Wegbegleiter.
»Vielleicht können wir ja eine Unterschriftensammlung machen«, sagte Becky.
Emma ließ den Kopf gegen die Baumrinde sinken.
»Und dann? Davon wird die Sache für die Firma doch auch nicht rentabel. Nein, wenn, müssten wir irgendwie Geld auftreiben. Ich könnte vielleicht Werbung auf meinem Kanal schalten und ein paar Lesezeichen häkeln, um
sie zu versteigern.« Das wäre zumindest ein Anfang.
»Aber denkst du, das reicht?«, fragte Becky. »Vielleicht würde eine generelle Spendenaktion mehr Sinn machen.«
»Spenden? Meinst du, da macht irgendjemand mit?«
Ihr Blick fiel auf das kleine, rote Kästchen auf dem Bildschirm, in dem ihre Abonnentenzahl angezeigt wurde. Es gab genau siebzehn Menschen, die ihren Kanal verfolgten. Siebzehn Menschen, die mitmachen konnten, wenn
ihnen der Sinn danach stand, eine Kinderbücherei zu retten. Trotz aller Anstrengungen in den letzten zwei Jahren kam sie irgendwie nicht über die zwanzig Abonnenten hinaus.

Anonymus:Wie wäre es mit einem Gewinnspiel als
Dankeschön an alle Spender?

Emma betrachtete überrascht die Chat-Nachricht. Wer war das denn? Ein unbekannter Zuschauer? Becky schien das nicht zu stören, sie klatschte in die Hände. »Das ist eine geniale Idee! Eine Verlosung unter allen Spendern und wir helfen dir dabei, so viele Leute wie möglich darauf aufmerksam zu machen.«
Kathy und Bea waren sofort Feuer und Flamme.
Die Idee war gar nicht schlecht. Im Gegenteil, sie gefiel Emma richtig gut. »Allerdings bräuchten wir wahrscheinlich einen etwas größeren Anreiz als ein paar selbstgehäkelte Lesezeichen.«
Emma schob nachdenklich eine Strähne hinter ihr Ohr.
»Aber was?«, dachte sie laut nach. »Ich glaube nicht, dass ich etwas besitze, das jemand haben möchte …«

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Autorin & Copyright: J. Vellguth

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J. Vellguth, Das Päckchen. Liebesroman
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