[e-book-review] Heftpflaster auf dem Auge des Zyklopen (Das Netz 2014/2015, irights.media)

Was macht eigentlich … das Internet? Der netzpolitische Jahresrückblick 2014/2015 von irights.media verrät es uns: es geht „raus aus dem sicheren Hafen“, so Herausgeber Philipp Otto. Vorsichtig, oftmals auch hilflos tasten wir uns heran an das „Gefühl, dass die Digitalisierung unser Leben stärker verändern wird als gedacht“. Was nicht nur mit dem Post-Snowden-Schock zu tun hat, sondern auch mit dem Machtgebaren neuer und alter Player von Uber bis Google und Amazon. Natürlich hat das Netz uns 2014 auch schöne Dinge beschert, von gemeinfreien Affen-Selfies über crowdgefundete Kartoffelsalate bis hin zu eiskalten Ice-Bucket-Challenges.

Doch die diffuse Furcht vor dem Internet, so Julia Schönborn in ihrem Beitrag, mit Ausprägungen von „German Internet Angst“ bis hin zu totalabstinentem „Digital Detox“ steht dem alten „Traum vom Netz als Werkzeug der Selbstermächtigung“ gegenüber. Eine mögliche Lösung findet sich bereits im Titel des Artikels: „Keine Panik“.

Best-Case-Szenarien emanzipativer Netzkultur finden sich im Jahresrückblick denn auch zuhauf. Von E-Learning-Plattformen für Knastis (vgl. das Interview mit der Erziehungswissenschaftlerin Ariane von der Mehden) über das unabhängige Projekt „Jugend hackt“ (vgl. den Beitrag von Maria Reimer) bis zu Cryptopartys, die mittlerweile zu einer Art „Graswurzelbewegung mündiger BürgerInnen“ avanciert sind (vgl. den Beitrag von Valie Djordjevic).

Illustriert wird der Artikel „Verschlüsselung fürs Volk“ passenderweise mit einer per Heftpflaster überklebten Tablet-Kamera: mit einfachen Mitteln die Arbeit der Gegenseite erschweren, lautet die Devise.

Das Internet on the go ist längst auch an Schulen angekommen – weshalb „nach Stricken und Rauchen nun die Nutzung von mobilen Internetzugangsgeräten kontrovers zwischen Eltern, Schülerinnen und Lehrkörpern diskutiert“ werde, so Wolfang Lünenbürger-Reidenbach in seinem Artikel „Lernen mit Whatsapp“.

Manchmal sind es auch kleine Schritte nach vorn – wenn etwa dank kurzer Whatsapp-Message am Morgen Schüler Jones den Tempel der Bildung nicht ohne Turnbeutel betreten muss. Doch eigentlich gehe es gar nicht so sehr um die Frage nach „Bring your own device“, sondern zunächst mal darum: wie kann Unterricht und Lernen in Zukunft anders, selbstbestimmter organisiert werden, so Jöran Muuß-Merholz. Teil der Antwort sei dann die Digitalisierung – die Schule wird zum kreativen „Großlernbüro“.

Wie man gleich aus der ganzen Welt einen besseren Ort machen kann, zeigen die Macher des Berliner „Betterplace Lab“ an zehn Beispielen von Yomken, der ersten gemeinnützigen Crowdfunding-Plattform der arabischen Welt über die Anti-Korruptions-App Bribespot bis zur NGO Technoserve, die Kaffeebauern in Ruanda per SMS-Service unter die Arme greift.

Skeptisch gegenüber der gerade populären Sharing-Ökonomie in den industrialisierten Ländern äußert sich dagegen Tilman Baumgärtel in seinem Beitrag „Teile und verdiene“ – denn entsprechene Apps würden vor allem jenen nützen, die selbst etwas besitzen, und natürlich den Vermittlern, die auf Provisionen hoffen. Auch nicht schön: Vertrauen wird ersetzt durch Kontrolle, und menschliche Beziehungen werden zur Ware.

Brave neue Welt? Interessanterweise blickt der Jahresrückblick auch noch weiter voraus – nicht nur in Form eines Gastbeitrags von Cory Doctorow, der sich Gedanken über die Zukunft der Kreativen macht, und ihnen vor allem einen Tipp mit auf den Weg gibt: behaltet die Kontrolle über eure Werke, vor allem über die Regeln, mit denen der Vertrieb organisiert wird – und verzichtet (auch aus diesem Grund) auf DRM.

Was die nahe und etwas fernere Zukunft bestimmen könnte, zeigen darüber hinaus Blicke auf „All you can see“- und „All you can read“-Phänomene von Netflix bis Kindle Unlimited, die „lautlose Sprachkommunikation“ per Elektroden-Abtastung oder die Chancen und Risiken von „Industrie 4.0“, vulgo: „Internet der Dinge“ trifft Produktion und Dienstleistung.

Wie gewohnt gibt’s den „Netzpolitischen Jahresrückblick“ nicht nur gedruckt und als E-Book zum Downloaden – die meisten Artikel sind cc-lizensiert und lassen sich auch direkt online lesen.

Das Netz 2014/2015
Jahresrückblick Netzpolitik
Hrsg. von iRights.Media, Philipp Otto
Print 14,90 Euro (inkl. Versand)
E-Book 4,90 Euro (epub/Kindle)


„Urheber wollen niemanden verprellen“: iRights-Experte Matthias Spielkamp im Gespräch über DRM&Kopierschutz

irights-spielkamp-interviewWarum kann man ein Hörbuch kopieren, ein E-Book aber nicht? Darf Amazon die Bücher auf dem Kindle löschen? Wozu braucht Aristoteles DRM-Schutz? Urheberrecht im virtuellen Zeitalter gibt selbst Juristen so manches Rätsel auf. Die Macher von irights.info sind angetreten, eine Schneise durch den digitalen Rechte-Dschungel zu schlagen. E-Book-News sprach mit Projektleiter Matthias Spielkamp über alltägliche Risiken und Nebenwirkungen des elektronischen Lesens.

Nur zum privaten Gebrauch: Digitales Urheberrecht für Konsumenten und Produzenten

Digitale Güter beherrschen den Alltag von PC-Besitzern, Musikhörern und Lesern -- sie erreichen ihre Nutzer dabei zumeist per Download. Doch was man mit heruntergeladenen Programmen, Musikfiles oder E-Books machen darf und was nicht, ist vielen Anwendern unbekannt. Das ist auch kein Wunder: Die gewohnten Regeln für Waren, die man noch anfassen konnte, werden durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der elektronischen Content-Lieferanten oft ausgehebelt. Manche Fragen -- wie etwa das Umtauschrecht -- müssten theoretisch erst von Gerichten geklärt werden. Seit 2005 ist irights.info angetreten, für mehr Transparenz im multimedialen Alltag zu sorgen. Die Website will eine „systematische, sachliche und allgemein verständliche Darstellung der Aspekte und Regelungen des geltenden Urheberrechts“ bieten, soweit es um den privaten Gebrauch geht. Dabei geht’s nicht nur um den passiven Konsum, sondern auch um die Medienproduktion: welche Rechte hat man eigentlich als Urheber, wenn man Texte, Bilder, Filme oder Musik im Internet verfügbar macht? E-Book-News hat mit irights-Projektleiter Matthias Spielkamp darüber gesprochen, welche Aspekte in punkto Kopierschutz und Digital Rights Management beim elektronischen Lesen eine Rolle spielen. Vertiefende Informationen bekommt man übrigens nicht nur auf der irights.info-Seite, sondern auch in dem von Matthias Spielkamp und seinen Kollegen herausgegebenen Buch/E-Book „Urheberrecht im Alltag: Kopieren, bearbeiten, selber machen“.

Vom Recht zum iRecht, und zu irights.info: Wie alles begann

„Wir haben gesagt, es muss eigentlich eine Web-Site geben, die mit einer Art Community-Beteiligung die Veränderungen im Urheberrecht beobachtet, nicht aus rein juristischer Perspektive, sondern aus Verbraucherschutz-Perspektive“

„Es gibt diesen World Intellectual Copyright Treaty, der ist von 1996. In dem ist noch mal neu international festgelegt worden, was erlaubt und was verboten werden soll. Das haben viele Menschen dann im Alltag gemerkt, etwa den rechtlichen Schutz für Kopierschutz, dass man keine DVD-Knackprogramme besitzen oder vertreiben darf“

„Bei mir hat das viel damit zu tun, dass ich Freiberufler bin. Ich habe 2000 zum ersten Mal einen ‚Total-Buyout‘-Vertrag zugeschickt bekommen, wo also Verlage ihren Mitarbeitern schreiben, sie müssen sämtliche Rechte abtreten, für alles, nicht nur Datenbanken und Online. Das war dann von Anfang an für mich ein sehr politisches Thema.“

„Urheber wollen eigentlich niemanden verprellen“: Über Digital Rights Management und Kopierschutz

„Nutzer hassen Kopierschutz, davon kann man wirklich ausgehen. Je besser der Kopierschutz, desto unbemerkter, so bald er bemerkt wird, ist er natürlich ein rotes Tuch. Das beste Beispiel sind CDs mit Kopierschutz, die in der Autostereoanlage nicht funktionierten, weil sie dem CD-Standard nicht entsprachen.“

„Digital Rights Management ist viel mehr als Kopierschutz, das geht weit über das hinaus, was wir uns bei nicht-digitalen Werken vorstellen konnten. Selbst bei gemeinfreien Texte von Aristoteles kann mir der E-Book-Anbieter verbieten, dass ich etwas daraus ausdrucke.“

„Es ist nahezu unmöglich, die vollständige Kontrolle über digitale Güter zu haben. Man kann es natürlich 90 Prozent der Nutzer schwer machen, wie etwa bei Adobe Digital Editions, das ist zwar zu knacken, man muss aber wirklich technisch rumbasteln, und das machen die meisten Leute eben nicht.“

„Ein wirksamer Kopierschutz darf nicht umgangen werden -- aber wann ist er wirklich wirksam?“

„Ein wirksamer Kopierschutz darf nicht umgangen werden. Doch wann ist so ein Kopierschutz wirksam? Wenn ich eine CD in meinen Rechner lege und sage: mach mir da MP3s draus, dann macht der das. Bei E-Books muss man aber im Moment davon ausgehen, dass so etwas nicht ohne Spezialprogramme geht. Das ist dann tatsächlich nicht erlaubt.“

„Ich habe ganz starke Zweifel daran, dass die Begrenzung der Nutzungsdauer für E-Books rechtskräftig wird. Da würden die meisten Gerichte sagen: tut uns leid, da wird ein E-Book zum selben Preis wie ein gedrucktes Buch verkauft, und dann wird den Leuten gesagt sie dürfen das nur 30 Jahre auf ihren Geräten behalten, das halte ich für Unsinn.“

„Es gibt den Erschöpfungsgrundsatz. Ein Verlag darf natürlich sagen, dieses Buch darf nicht vervielfältigt werden. Aber er darf nicht darüber bestimmen, ob jemand ein Buch verschenkt, verkauft, zerreisst oder verbrennt. Das ist bei digitalen Gütern bisher anders. Stellen Sie sich vor, Sie kaufen sich eine Bibliothek aus E-Books zusammen, die ist dann vielleicht mehrere tausend Euro wert. Und die dürfen Sie nicht verkaufen? Also noch nicht mal zum Zeitwert, noch nicht mal für einen Euro, den man auf dem Flohmarkt dafür bekommen würde? Das ist eigentlich schwer vorstellbar.“