Im Labyrinth der Psyche lauert der Dämon: Ilona Bulazel, Der Sündenfänger [Leseprobe]

suendenfaenger-intro-artikelseite„Und nehmt euch in Acht vor der Schlange, denn sie ist tückisch…“: Einem alten Mann wird die Zunge herausgerissen, eine junge Frau stirbt, weil man sie zu Tode gesteinigt hat. Doch diese beiden Opfer sind erst der Anfang einer grauenvollen Mordserie. Hauptkommissar Jens Stutter und seiner Kollegin Jasmin Nau wird rasch klar, dass der Täter mit seinen brutalen Inszenierungen biblische Szenen nachstellt. Doch wie kann man ihn aufhalten? Welche Rolle spielt die psychiatrische Klinik, in der auch die junge Erbin Bellinda Merlhof bis vor kurzem noch Patientin war und um deren Sicherheit die Beamten fürchten? Und was verheimlicht Stutters alter Freund, der in den Fokus der Ermittler gerät? Das Ermittlerteam trifft in Ilona Bulazels neuem Thriller „Der Sündenfänger“ auf einen gefährlichen Gegner, der jede Grenze überschreitet, um dem Dämon tief in seinem Inneren weitere Menschen zu opfern. Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Ilona Bulazel, Der Sündenfänger

Kapitel 1


Die gefesselte Gestalt betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen. Ihr dünner, ausgemergelter Körper war fast nackt. Lediglich ein zerrissenes T-Shirt hatte man ihr gelassen. Sie saß in einem Käfig und glich einem verängstigten Tier. Zusammengekauert, Hände und Füße fixiert und ein Knebel im Mund. Ihre weiße, zarte Haut war unter der Schicht von Staub und Dreck kaum zu erkennen. Wie viel mochte sie noch wiegen? Seit Tagen hatte man sie hungern lassen, ein Wunder, dass sie überhaupt noch bei Bewusstsein war.
Hauptkommissar Jens Stutter näherte sich dem Käfig. Vorsichtig leuchtete er mit seiner Taschenlampe über die Balken, unter ihm ging es circa zwanzig Meter in die Tiefe. Hier oben, im Gebälk des alten Tabakschopfes, roch es rauchig. Allerdings wurde der Speicher sicher schon eine ganze Weile nicht mehr zum Trocknen der Pflanzenblätter benutzt. Das Holz war morsch und ächzte bei jedem Schritt, den Stutter machte.
Die magere Gestalt im Käfig wimmerte, und er bedeutete ihr, indem er seinen Zeigefinger auf die Lippen legte, still zu sein. Schließlich konnte er nicht wissen, ob sich noch jemand hier befand. Prüfend leuchtete er in alle Winkel, mehr Vorsicht konnte er sich nicht leisten. Die junge Frau musste schnellstmöglich in ein Krankenhaus, sonst wäre sie das Opfer Nummer sieben eines brutalen Serienmörders.
»Stutter hier, ich habe sie gefunden«, flüsterte er ungeduldig in sein Handy, immer noch auf der Hut. Er gab seinen Standort durch, forderte einen Krankenwagen und Verstärkung an und ließ keine Gegenfragen zu.
Als das Gespräch beendet war, wandte er sich an die Gefangene. »Lina«, sagte er fast zärtlich, »alles wird gut.«
Natürlich kannte er ihren Namen. Er wusste alles über sie, ihre Vorlieben, ihren Tagesablauf, selbst ihre geheimsten Träume, denn die hatte ihm das Tagebuch verraten. Als die Vermisstenmeldung der jungen Frau eingegangen war, hatten die Beamten alles auf den Kopf gestellt. Es gab kaum Zweifel daran, dass sie ins Opferprofil passte. Die Eltern hatten ihn angefleht zu helfen. Sie kannten die Bilder der Frauenleichen, die im digitalen Zeitalter auch ihren Weg ins Netz gefunden hatten. Dürre Körper mit fleckiger Haut, vom Leid gezeichnete Gesichter, entstellt und selbst den nächsten Angehörigen fremd.
Stutter sah sich um, fand ein Stück Eisenrohr und machte sich damit am Schloss des fast mannshohen Käfigs zu schaffen, der an eine Vogelvoliere erinnerte und zwischen das Holz geklemmt worden war.
Unbändige Wut überkam ihn, als er Linas hervorstehende Knochen sah. Der, den sie jagten, hatte es auf junge Frauen abgesehen. Seit Monaten suchten sie einen brutalen Mörder, der seine Opfer entführte und dann verhungern ließ. Vermutlich sah er ihnen dabei zu und weidete sich daran, wie sie jeden Tag Gewicht verloren, in sich zusammenfielen und schließlich der Organismus seine Arbeit einstellte. Dann waren sie nutzlos für ihn, und er entsorgte ihre Überreste wie lästigen Hausmüll an irgendeiner abgelegenen Bushaltestelle.
Endlich sprang das Schloss auf, und Stutter schob seinen Arm in den Käfig. Die Taschenlampe, die er vorsichtig zwischen zwei Balken geklemmt hatte, strahlte ihn jetzt an. Die junge Frau blickte in das angespannte Gesicht des Polizisten. Seit den ersten Leichenfunden hatte er kaum noch geschlafen. Dunkle Ringe unter den Augen und die fahle graue Haut zeugten von den Wochen, in denen er sich keine Ruhe gegönnt hatte. Unermüdlich suchte er nach dem »Skelettmörder«, wie dieser von der Presse mittlerweile genannt wurde.
»Sie sind besessen« waren die Worte seines Vorgesetzten gewesen. Es gab Streit, böses Blut und einige Zerwürfnisse mit Kollegen, die sich wohl auch im Nachhinein nicht mehr kitten ließen. Stutter wusste, dass er, wenn es um seine Arbeit ging, kompromisslos war. Zu Problemen kam es immer dann, wenn er den gleichen Einsatz auch von anderen forderte.
»Ich werde dir jetzt den Knebel entfernen und bitte dich, ruhig zu bleiben«, wandte er sich erneut an Lina, in deren Blick nun ein Funke Hoffnung lag.
Noch während Stutter das erleichtert zur Kenntnis nahm, änderte sich jedoch der Gesichtsausdruck der jungen Frau. Der Knebel hinderte sie daran, ihm ein lautes »Vorsicht!« zuzurufen, stattdessen stieß sie einen verzweifelten gedämpften Laut aus, aber es war zu spät.
Stutter wurde von hinten gepackt. Sein Gegner war stark, schien zuerst im Vorteil, allerdings war der Polizist besser ausgebildet. Der Kampf war gefährlich, vor allem, weil die Kontrahenten auf den Holzbalken wenig Halt fanden.
Stutter war sich dessen bewusst, aber sein Angreifer schien keine Gedanken an die eigene Sicherheit zu verschwenden. Er konzentrierte sich ganz auf den Polizisten, der ihm seine kranke, bizarre Welt zu zerstören drohte, in der er bis eben noch so grausam über Leben und Tod geherrscht hatte.
Die Gefangene im Käfig stöhnte, und obwohl sie seit Tagen nicht mehr imstande gewesen war zu weinen, liefen ihr in diesem Moment Tränen über das Gesicht. Nach all den unendlichen Stunden der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit war da plötzlich dieser Mann aufgetaucht, um sie zu retten. Wie bei einer ausgehenden Kerze, die gerade noch rechtzeitig durch ein wenig Sauerstoff daran gehindert wurde zu erlöschen, war mit dem Erscheinen von Stutter ihr Lebenswille wieder aufgeflammt. Doch schon kehrte die Mutlosigkeit zurück.
Die Schreie der Männer ließen sie die Augen schließen.
Der nächste Schlag von Stutter saß. Der Mörder kam ins Wanken, verlor das Gleichgewicht und stürzte nach hinten. Mit einem diabolischen Grinsen streckte er die Arme aus und griff nach Stutters Jacke. Schraubstöcken nicht unähnlich umklammerten seine Finger den Stoff und rissen den Polizisten mit in die Tiefe.
Der Aufprall war hart, Stutters Sturz wurde vom Körper des Mörders kaum abgefangen. Er lag jetzt auf dem Monster, das er so lange gejagt hatte, und konnte dessen Gesicht sehen.
Kalte Augen starrten Stutter an, und ein Röcheln entschlüpfte der Kehle des Mörders: »Du bist gekommen«, keuchte er mit seinem letzten Atemzug, dann trübte sich sein Blick, und er war tot.
Ab diesem Zeitpunkt vermischte sich für den Polizisten die Realität mit schrecklichen Albträumen. Die Gesichter von toten Mädchen mit weit aufgerissenen Mündern, die riefen »Du bist gekommen«, wechselten sich ab mit Bildern von weiß gekachelten Krankenhauswänden, bunten Lichtern und schemenhaften Gestalten, die ihm die Augenlider anhoben, mit einer Schere seine Kleidung zerschnitten und ihn an Maschinen anschlossen. Jemand rief seinen Namen, er stöhnte, versuchte den unbekannten Gestalten mitzuteilen, dass da noch jemand war, dass Lina in einem Käfig gefangen gehalten wurde, aber irgendetwas hinderte ihn am Sprechen. Er wollte sich bewegen, spürte seinen Körper nicht mehr, und dann war da nur noch ein durchdringender Ton.
Ein Assistenzarzt rief »Nulllinie«, Hände berührten Stutters Brust, pressten kräftig dagegen, Elektroden wurden angelegt und Strom durch den Körper des Polizisten gejagt. Eine junge Krankenschwester in Nonnentracht bekreuzigte sich und sprach ein leises Gebet, während der Arzt alles tat, was er konnte, um den Mann auf dem Operationstisch zu retten.

* * *

Kapitel 2

Fünf Jahre später, Ende Oktober

Das Bersten der Fensterscheibe hallte laut durch die Nacht. Es war kalt, die Erde gefroren, und der Wind trieb jedem, der sich hinauswagte, Tränen in die Augen. Das Gebäude lag im Dunkeln, und der Krach, den die niederprasselnden Scherben verursacht hatten, blieb ungehört. Niemand störte sich an dem Eindringling, der sich mit einem ausgesprochenen Hochgefühl von außen durch das Fenster stemmte und völlig lautlos auf der anderen Seite landete.
Der Raum war dunkel und ungemütlich, aber was erwartete man auch von einem Krematorium? Der nächtliche Besucher jedenfalls wusste, dass er nicht mit leeren Händen gehen würde. Aber das, was er suchte, befand sich nicht hier. Sein Weg führte ihn, gelenkt vom Strahl der Taschenlampe, zu den Kühlräumen.
Er hat euch für eure Sünden bestraft, wie ihr es verdient habt, dachte der Mann, während er auf die fünf schmucklosen Holzsärge starrte, die für die Kremation am nächsten Morgen vorbereitet waren.
Er würde sie alle nacheinander öffnen müssen, denn es standen nur Nummern und keine Namen darauf. Der Erste war die letzte Ruhestätte einer alten Frau. Ihr Gesicht von Krankheit gezeichnet, ausgemergelt, mit eingefallenen Wangen und zugebundenem Kiefer, glich sie unter dem weißen Lichtstrahl einer verdorrten Frucht. Man hatte sich keine Mühe mit ihr gegeben.
»Armes Mütterchen«, flüsterte der Fremde, »dir war wohl kein offener Sarg zur Erbauung deiner Lieben vergönnt.«
Er verschloss sorgsam den Deckel und widmete sich dem zweiten Kasten.
»Hier war aber jemand fleißig«, entfuhr es ihm spöttisch.
Im Sarg aufgebahrt lag ein junger Mann, an dem der Leichenbestatter ganze Arbeit geleistet hatte. Die Folgen des Unfalls waren kaum noch zu sehen, doch mussten sie schwerwiegend gewesen sein. Wenn man den Leichnam ganz genau betrachtete, konnte man seitlich am Hals das Flickwerk der Totengräber erkennen.
Es folgte ein leises Seufzen: »Wieder der Falsche.«
Beim Abheben des dritten Deckels konnte man jedoch einen erfreuten Laut vernehmen. Der Eindringling hatte den richtigen Leichnam gefunden.
»So kann es gehen, alter Mann«, sagte er ruhig und strich dem Toten im Sarg wohlwollend über die Stirn. »Jetzt gibst du mir noch, was du mir schuldest, und dann überlasse ich dich dem Höllenfeuer.«
Ein unförmiges Werkzeug mit scharfen Kanten wurde angesetzt, um dem habhaft zu werden, was so dringend benötigt wurde. Niemand würde es bemerken, und wenn doch, dann war nicht davon auszugehen, dass es irgendwen kümmerte. Aber auch das war egal. Es folgte ein letzter Blick in das Gesicht des dicken Mannes, der zu Lebzeiten Spaß an der Sünde gehabt hatte und sich dafür nun vor seinem Schöpfer verantworten musste. Allerdings interessierte das den nächtlichen Besucher nicht mehr, denn er hatte, was er wollte. Ein wenig gönnerhaft rückte er den Schamottstein, den man allen Toten beilegte, bevor sie verbrannt wurden, auf dem Bauch des Alten zurecht. Zusammen mit der Asche würde der am Ende übrig bleiben. Ein feuerfester Stein mit einer Nummer, um den Staub zu identifizieren, der von den Leichen nach dem Aufenthalt in dem etwa 900 Grad heißen Krematoriumsofen übrig blieb. Damit war die Aufgabe des Fremden erledigt.
Der Sargdeckel wurde geschlossen, und der nächtliche Besucher verließ das Gebäude auf demselben Weg, auf dem er auch gekommen war. Dabei betastete er seine Beute, die jetzt in einer kleinen Plastiktüte steckte. Er drehte sie sanft zwischen den Fingern und sprach vor Dankbarkeit ein stilles Gebet.

* * *

Anfang Dezember, psychiatrische Klinik »Zum grünen Park«

Bellinda starrte in den Garten. Aber ihre Aufmerksamkeit galt nicht den kahlen Bäumen oder den niedlichen Meisen, die sich am Vogelhäuschen um einen Fettknödel balgten, sondern voll und ganz dem Krankenpfleger Patrick, der sich gerade fürsorglich um Mildred kümmerte, die leider schon vor Jahren völlig den Verstand verloren hatte. Seit dem Tod ihrer Kinder hielt sich Mildred nämlich für einen von Gott gesandten Engel, dessen oberstes Ziel es war, die Menschen vor drohendem Unheil zu warnen.
Ja, Schicksalsschläge konnten einem übel mitspielen, das wusste Bellinda aus eigener Erfahrung. Sie verfolgte die Szene weiter. Patrick bemühte sich, der nur mit einem dünnen Nachthemd bekleideten Mildred einen Mantel umzulegen und sie ins Haus zurückzuführen. Immerhin war es Anfang Dezember und damit empfindlich kalt.
Die junge Frau am Fenster war zufrieden. Ihr würde es nicht wie Mildred ergehen, die vermutlich nie wieder in die Welt da draußen zurückkehren konnte. Für Bellinda lag die Zukunft nämlich außerhalb der Nervenklinik – und mit Patrick war ihr Leben perfekt. Natürlich durfte momentan noch niemand etwas von ihrer Beziehung erfahren. Patrick gehörte zum Pflegepersonal, deshalb könnte die Bekanntmachung ihrer Verbindung für ihn Ärger bedeuten.
Außerdem wollte sie unter keinen Umständen riskieren, dass sich in letzter Minute noch jemand gegen ihre Entlassung aussprach. Sie vertraute da ganz Patricks Einschätzung der Lage. Vermutlich verzichtete die Klinikleitung nur ungern auf die monatlichen Raten für den Aufenthalt, die erst Bellindas Eltern und nach deren Ableben vor zwei Jahren der Familienanwalt überwiesen hatte. Aber langsam war es an der Zeit, dass sich Bellinda selbst um ihre Angelegenheiten kümmerte. Da der neue Arzt, der nach dem Tod des alten Doktor Esser kurzfristig ihre Behandlung übernommen hatte, ihr eine gute Genesung bescheinigte, konnte sie bald schon selbst über das große Vermögen verfügen, das ihr hinterlassen worden war. Und mit Patrick an ihrer Seite würde sie das Leben künftig in vollen Zügen genießen. Ende des Monats konnte sie die Klinik verlassen, sich ein schönes Haus mit Garten kaufen und dann tun und lassen, was sie wollte.
Als hätte Patrick gespürt, dass ihre Blicke auf ihm ruhten, sah er zum Fenster und hob die Hand zum Gruß.
Mildred folgte seinem Blick und gab ein ungehaltenes Grunzen von sich: »Sie wissen, was der Herr über die Schlange sagt?«, begann sie und wollte ein Bibelzitat vortragen, aber Patrick unterbrach die Frau.
»Ja, und ich weiß auch, was er vom Falschen-Zeugnis-Ablegen hält.«
Während er ihr antwortete, zwinkerte er Mildred zu, was diese unwirsch schnauben ließ. »Ich möchte auf mein Zimmer! Sofort!«, schnauzte sie empört, riss sich los und stapfte Richtung Eingang.
Patrick blickte noch einmal zu Bellinda und hob übertrieben die Schultern, so als wollte er sagen: »Was soll man da machen?«
Die junge Frau winkte ihm zu und lächelte. Vermutlich hatte sich Mildred, im Glauben, eine Gesandte Gottes zu sein, wieder einmal auf einen Wortwechsel mit Patrick eingelassen. Wie gewöhnlich hatte sie dabei vergessen, dass der Pfleger genug Kenntnisse der Bibel hatte, um seine Patientin notfalls zu widerlegen; etwas, das Mildred gar nicht schätzte.
Bellinda wurde aus ihren Gedanken gerissen, denn es klopfte an der Tür.
Eine Schwester öffnete und sagte: »Zeit für die Tanztherapie.«
»Bin schon unterwegs«, antwortete ihr die junge Frau und warf noch einmal einen Blick in den Garten, aber da war Patrick bereits verschwunden.

* * *

(Weiterlesen)

Autorin & Copyright: Ilona Bulazel

suendenfaenger-coverbild
Ilona Bulazel,
Der Sündenfänger. Psychothriller
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 9,99 Euro

Zahn um Zahn in Baden-Baden: Ilona Bulazel, Sepsis – Das Schandmaul [Leseprobe]

sepsis-das-schandmaul-introBöses Erwachen in Baden-Baden: Als Kommissar Rolf Heerse zu einer grausam entstellten Leiche gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass bald weitere Morde folgen werden. Doch bald wird klar: Ein mysteriöser Serienmörder hinterlässt auf seinem Streifzug durch das beschauliche Städtchen eine blutige Spur des Hasses. Warum verstümmelt er auf so brutale Weise den Mund seiner Opfer? Während die Ermittler bald in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, holt den Hauptkommissar ein dunkles Kapitel der eigenen Vergangenheit ein. Mit „Sepsis – Das Schandmaul“ legt Thriller-Autorin Ilona Bulazel nach »Sepsis – Verkommenes Blut« den zweiten Krimi mit Hauptkommissar Rolf Heerse vor. Neben Psychothrillern schreibt die in Baden-Baden lebende Self-Publisherin auch SciFi-Krimis, zuletzt erschien „Projekt Todlicht“. Unsere Leseprobe zu „Sepsis“ führt direkt zum Fundort der ersten Leiche…

Ilona Bulazel: Sepsis – Das Schandmaul

Kapitel 1

»Das Schandmaul steht im weitesten Sinne für ein freches Mundwerk, wird aber oft auch als Bezeichnung für jemanden verwendet, der abwertend oder boshaft über andere Personen spricht.«

Liane Ohwaldt fühlte sich alleingelassen und hilflos. Während ihr dicke Tränen über die Wangen liefen, dachte sie an die Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war und der Vater ihr jeden Abend vorgelesen hatte. Die Märchen ihrer Kindheit – alles Lügen! Die Geschichten über die dunklen Wälder und bösen Hexen stimmten genauso wenig wie die Legenden von gütigen, alten Weibern und edlen Rittern. Die Welt war vollkommen anders, die Welt war grausam. Liane schluchzte, aber das, was geschehen sollte, ließ sich nicht mehr aufhalten.
Grob wurde sie auf die Knie gestoßen. Der feuchte Boden roch vertraut, wieder eine Kindheitserinnerung. Dieses Mal an Pilzesammeln und Versteckspielen. Verzweifelt bettelte sie um Gnade, das qualvolle »Bitte nicht« war das Letzte, was sie sagen konnte. Das Metallrohr traf sie mitten ins Gesicht, Knochen und Zähne splitterten und plötzlich war da nur noch Schmerz. Der zweite Schlag verletzte sie schwer am Hinterkopf. Liane hörte das Brechen des eigenen Schädels und verlor das Bewusstsein. Wenige Minuten später war sie tot.

Mitte Juni

Die Hitze war beinahe unerträglich. Lydia kniff die Augen zusammen. Auch wenn sie gerade ihren eigenen Gedanken nachhing, beäugte sie wachsam die Kinder. Die dritte Klasse Grundschule war kein Zuckerschlecken. Sollte Lydia jemals wieder eine Jobentscheidung treffen müssen, dann würde sie sich mit Sicherheit für die Erwachsenenbildung entscheiden.
Mit einer scharfen Ermahnung pfiff sie einen der Jungen zurück, der gerade den höchsten Baum auf der Lichtung erklimmen wollte, und hoffte, dass dieser Wandertag bald zu Ende sein würde. Dann versank sie wieder in Grübeleien über das eigene Schicksal. Die Vorstellung, mit ihrem neuen Freund den ersten gemeinsamen Urlaub am Meer zu verbringen, konnte sie nicht wirklich fröhlich stimmen. Die acht Kilo, die zwischen ihr und der perfekten Bikini-Figur standen, hatten sich seit Weihnachten erfolgreich behauptet. Zu allem Übel war die Ex ihres neuen Partners gertenschlank gewesen. Doch noch bevor sich Lydia ihrem Frust hingeben konnte, hörte sie einen lauten Schrei.
Die Lehrerin wusste sofort, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Auch ihre Kollegin und zwei der Mütter, die sich als Begleitpersonen angeboten hatten, erhoben sich von den Picknick-Decken. Schon folgte das aufgeregte Rufen der Kinder.
»Till! Es war Till! Er hat es gefunden!«, schrie der kleine Johann, einer der sommersprossigen Zwillinge.
Natürlich!, dachte Lydia, wer sonst! Es war immer Till. Der Junge schien ihr ganz persönlicher Sargnagel zu sein. Hyperaktiv, schlau und ohne den Hauch von Verantwortungsgefühl.
»Mara weint«, erreichte sie das dünne Stimmchen von Susanne, die mit verzweifelter Miene zu ihrer Lehrerin aufsah.
Lydia legte einen Zahn zu. Außer Atem stapfte sie in Richtung der Kinder, die trotz des ausdrücklichen Verbots den Waldweg verlassen hatten und nun im Dickicht standen.
Sie zerkratzte sich die Waden an einem Dornengestrüpp. Mit strengem Gesichtsausdruck stürmte sie zu der Gruppe. Zwei Mädchen hielten sich an den Händen. Die eine wurde, den Kopf gesenkt, von Weinkrämpfen geschüttelt, die andere starrte mit ihren großen blauen Kulleraugen stur geradeaus, so als würde sie unter Schock stehen.
Till, der vermeintliche Übeltäter, kam ihr erleichtert entgegen – ein Umstand, der die Lehrerin zusätzlich beunruhigte.
»Schnell, dort vorne!«, keuchte der Junge aufgeregt.
Als sich Lydia schließlich dem aufgewühlten Blätterhaufen näherte, traf sie der Anblick völlig unvorbereitet. Die Leiche war fast vollständig von Erde und Laub bedeckt. Nur das bleiche, marmorierte Gesicht lag frei und bildete einen merkwürdig grellen Kontrast zu den dunklen Farben des Waldes. Eine seltsame Stille schien plötzlich um sie herum zu herrschen und Lydia spürte eine unangenehme Kälte. Der fremdartige süßlich-faulige Geruch verursachte ihr Übelkeit. Der Lehrerin wurde schwindelig. Sie hörte ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen. Unfähig den Blick abzuwenden, betrachtete sie jedoch weiter das entstellte Gesicht. Tiere mussten sich bereits über das Fleisch hergemacht haben. Kleine Nager mit winzigen, scharfen Zähnchen hatten den rechten Wangenknochen bearbeitet. Die Augäpfel fehlten. Vielleicht war hier einer der großen Rabenvögel auf eine willkommene Mahlzeit gestoßen. Anklagend stierten die leeren Augenhöhlen in Lydias Richtung, die erschrocken erkannte, dass die weißen Stückchen, die am Kinn der Leiche klebten, keine Kiesel, sondern ausgeschlagene Zähne waren. Als im nächsten Moment ein dicker schwarzer Käfer aus einem der Nasenlöcher krabbelte, verlor sie die Kontrolle und musste sich übergeben.
Niemand lachte oder sagte etwas. Mittlerweile hatten auch die anderen Erwachsenen begriffen, was vor sich ging. Mit brüchigen Stimmen gaben sie den Kindern Anweisungen. Folgsam sammelten die sich auf der kleinen Lichtung, suchten die Nähe zueinander und lauschten schweigsam dem Gespräch, das Lydia wenig später per Handy mit dem Notruf der Polizei führte.

(Weiterlesen)

Copyright Cover & Leseprobe: Ilona Bulazel
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung der Autorin

sepsis-das-schandmaul-thriller
Ilona Bulazel, Sepsis – Das Schandmaul
E-Book (Kindle) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 9,99 Euro

Blast from the past – Ilona Bulazel, Projekt Todlicht [Leseprobe]

Ilona-Bulazel-Projekt-Todlicht-ThrillerAm Anfang steht eine scheinbar harmlose Online-Auktion: Das Soldbuch eines U-Boot-Kommandanten aus dem Zweiten Weltkrieg wird versteigert. Doch international läuten die Alarmglocken. Denn Kapitänleutnant Siegfried Röhmer war 1945 mit einer angeblich kriegsentscheidenden Fracht in Richtung Japan unterwegs – am Zielhafen kam U-9881 aber nie an. In anderen Teilen der Welt verschwinden plötzlich namhafte Wissenschaftler oder sterben unter mysteriösen Umständen, in Nordkorea wird eine neue Superwaffe mit apokalyptischer Zerstörungskraft getestet. Für das Ermittler-Team von Leo Marchand beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Was verbirgt sich hinter dem geheimen „Projekt Todlicht“? Der Countdown läuft. „Wie bei allen meinen Thrillern habe ich auch diesmal versucht ein ‚Was wäre wenn«-Szenario zu erschaffen‘“, so Ilona Bulazel. Um das zu erreichen, lässt die Autorin in „Projekt Todlicht“ historische Fakten mit Fantasie verschmelzen, wählt außergewöhnliche Schauplätze und entwickelt vielschichtige Figuren. Die in Baden-Baden lebende Self-Publisherin hat sich auf SciFi-Krimis (Zuletzt: „world: reset – Nach den Aschentagen“) und Thriller spezialisiert, nach „Die Akte Aljona“ ist „Projekt Todlicht“ bereits der zweite Fall für Leo Marchand und sein Team. Unsere Leseprobe führt direkt an den Ground Zero der neuen Superwaffe – mehr über „Projekt Todlicht“ erfährt man über die „Blick-ins-Buch“-Optionim Kindle Store.

Ilona Bulazel, Projekt Todlicht

Nordkorea – 26. Mai, Gegenwart


Das gleißende Licht presste sich mühsam durch das Erdreich und bildete für wenige Augenblicke eine weiße Haube über dem Testgelände. Dann folgte ein abgehacktes Knacken, das an einen Riss in einer Eisdecke erinnerte, der sich langsam, aber unaufhaltsam seinen Weg bahnte, um schließlich die gefrorene Masse aufzubrechen, als wäre sie aus hauchdünnem Glas. Dieses Geräusch dauerte nur wenige Sekunden, dann folgte eine ohrenbetäubende Explosion. Trotz der unterirdischen Zündung blieb die Oberfläche nicht verschont.
Zuerst sah man die wellenförmige Bewegung des Bodens. Plötzlich jedoch, mit einer Kraft, die man sonst nur von Naturgewalten kannte, stürzte der ganze Bereich in sich zusammen und versank wie ein Tanker auf hoher See. Innerhalb kürzester Zeit wurden jahrhundertalte, dicke Baumstämme samt ihrer Verwurzelung herausgerissen – der bewaldete Landstrich knickte ein und rutschte in einer Lawine aus Gesteinsbrocken und Erde ins Zentrum der Explosion. Der tiefe Krater verschlang alles, was in seine Nähe kam. Die wenigen Aufbauten, die extra für diesen Test hierhergebracht worden waren, klappten wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Der Explosionsradius war hingegen aller Berechnungen größer als erwartet.
Eine gewaltige Hitze breitete sich über dem Gebiet aus. In der Mitte des Kraters bildete sich innerhalb kürzester Zeit ein See aus geschmolzenem Gestein und an manchen Stellen züngelten Flammen nach oben. Gierig schnalzten sie über den Rand des Erdtrichters und gaben sich erst zufrieden, als um sie herum nur noch Asche übrig war.

Die Wissenschaftler, die man direkt am Explosionsherd platziert hatte, waren verschwunden. Leichen gab es keine. Nur die Gefangenen, die ein Stück entfernt auf ihr Ende hatten warten müssen, lebten noch. Aber der Tod schlich bereits um ihre entstellten Leiber wie eine hungrige Hyäne um das stinkende Aas.
Die glühende Hitze hatte die Haut schwarz verbrannt. Und obwohl ein leichtes Zucken der Körper ein Rest von Leben erahnen ließ, war dies lediglich die reflexartige Kontraktion der Muskulatur und keinesfalls ein ernst zu nehmender Kampf gegen den Tod. Die hohen Temperaturen hatten die Augen der Opfer platzen lassen, sodass ihre Gesichter verkohlten Holzmasken glichen. Die Ärzte im Labor würden bei der Obduktion weitere grausame Details entdecken. Unter anderem war zu erwarten, dass das klägliche Etwas, das von diesen armen Geschöpfen noch übrig war, erheblich unter der elektromagnetischen Strahlung gelitten hatte.

Der Jubel in der Zentrale war frenetisch. Sie alle waren zu Helden geworden. Der Besuch aus der Hauptstadt schien zufrieden, und die Wissenschaftler waren mit Stolz erfüllt.
Was den Männern aus Pjöngjang allerdings entging, war das kurze Geflüster hinter ihren Rücken.
»Wir sollten es ihnen sagen«, wisperte einer der wissenschaftlichen Assistenten seinem Vorgesetzten zu.
Dieser schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf. »Ich will keinesfalls der Nächste sein, der auf irgendeinem verlassenen Gelände pulverisiert wird, weil er nicht die richtigen Ergebnisse geliefert hat.«
»Aber wir werden es niemals kontrollieren können! Nicht, wenn es auf diese Weise verwendet werden soll.«
»Schon möglich, aber vermutlich wird es nie zum Einsatz kommen. Das heißt, keiner wird etwas bemerken.«
Der andere hätte daraufhin gerne erwidert: »Und wenn doch?«, schwieg aber und betete dafür, dass sein Vorgesetzter recht behalten würde.

Weiterlesen

Copyright Cover & Leseprobe: Ilona Bulazel
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung der Autorin.

Ilona-Bulazel-Projekt-Todlicht-Thriller
Ilona Bulazel, Projekt Todlicht
E-Book (Kindle) 0,99 Euro
(in Kürze auch als Taschenbuch erhältlich)