iBooks Author erntet Kritik: Greift Apple nach totaler Content-Kontrolle?

Kaum war Apples neues Self-Publishing-Tool namens iBooks Author gestartet, da hagelte es auch schon harsche Kritik: die neue App sei nicht vollständig epub-konform, sie laufe nur mit dem neuesten Apple-Betriebssystem Lion, und vor allem würden die Autoren bei den Verwertungsrechten über den Tisch gezogen. Denn iBooks Author mag zwar kostenlos sein, doch die Nutzung hat trotzdem ihren Preis. Autoren binden sich automatisch an Apple als ausschließlichen Vertragspartner, das Unternehmen kann sogar entscheiden, ob ein E-Book überhaupt veröffentlich wird. Beobachter sprechen bereits von der „dunklen Seite von Apples Schulbuch-Utopia“ (venturebeat.com) oder schlicht von „Apple at its worst“ (daringfireball.net). Am deutlichsten wurde Sascha Pallenberg von Netbooknews: Die „ehemalige IT-Blumenkinder-Kommune“ sei zu einem „Moloch“ herangewachsen ist, der nur ein Ziel verfolge: „Totale Kontrolle“. Es gibt jedoch auch Gegenstimmen. „Apple’s iBooks Author ist nur ein Angebot“, schreibt etwa CultOfMac. „Nimm es oder lass‘ es. Niemand wird gezwungen.“

Exklusivität: Apple als Gatekeeper

Im Zentrum der Kritik stehen zwei Passagen in der Endnutzer-Lizenzvereinbarung (EULA) für iBooks Author. Zum einen heißt es dort: „Wenn das Werk gegen eine Gebühr ausgeliefert wird, darf es nur über Apple vertrieben werden.“ („If your Work is provided for a fee (…) you may only distribute the Work through Apple“). Möglich ist nämlich auch der Export eines E-Books im PDF-Format. Die vollständige, multimedial erweiterte Version kann zur Zeit aus technischen Gründen ohnehin nur über den iBookStore verkauft werden. Denn die eingesetzten Effekte funktionieren nur innerhalb der E-Reader-App iBooks2, die auf iPads bzw. iPhones läuft. Der Verkauf eines medial abgespeckten E-Books wäre aber theoretisch auch anderswo möglich. Ähnlich wie Amazon möchte Apple aber offenbar in Zukunft eine Gatekeeper-Funktion im E-Book-Business ausüben.

Haftungsausschluss: Apple als Zensor

Dazu passt eine weitere Regelung, die besondere Empörung auslöst. Denn Apple entscheidet auch, ob ein enhanced-E-Book, das mit iBooks Author hergestellt wurde, überhaupt im iBookStore verkauft werden darf. Die EULA enthält dazu einen allgemeinen Haftungssausschluss mit dem Zusatz: „einschließlich der uneingeschränkten Tatsache, dass Ihr Werk nicht für den Vertrieb über Apple ausgewählt werden kann“ („including without limitation the fact that your Work may not be selected for distribution by Apple“). Mit anderen Worten: man hat absolut kein Recht auf die Veröffentlichung. Einerseits ermöglicht solch ein Passus eine Art formaler Qualitätskontrolle, wie man sie bereits vom App-Store kennt. Zugleich tritt Apple dabei aber auch erneut als inhaltlicher Zensor auf. Denn die Ablehnung von Inhalten geschieht ohne Begründung – man hat nicht einmal ein Recht darauf, irgendwelche Gründe zu erfahren („for any reason and in its [=Apple’s] sole discretion“).

Self-Publishing mit iBooks author: Apples neues Tool für multimediale E-Books

Apple attackiert Amazon: mit der kostenlosen „iBooks Author“-App gibt es jetzt ein komfortables Self-Publishing-Tool, mit dem multimediale E-Books erstellt und direkt im iBookstore angeboten werden können. Gleichzeitig wird Apples E-Reader App iBooks ein Update verpasst – iBooks Version 2 eignet sich nun auch für interaktive 3-D-Objekte, großformatige Bilderstrecken und Video-Animationen. Vorgestellt wurden die Neuerungen bei einem großen Apple-Event im New Yorker Guggenheim-Museum. Hauptziel der Offensive ist der Schulbuch-Sektor. Bereits Steve Jobs hatte sich gegenüber seinem Biografen Walter Isaacson geäußert, dies sei „ein 8-Milliarden-Dollar-Markt reif für die digitale Zerstörung“. Auf dem Apple-Event verkündete nun der stellvertretende Marketing-Chef Philip Schiller: „Der Bildungsbereich ist tief in Apples DNA verankert“. Produziert wird die interaktive Lektüre am Mac, gelesen wird in Zukunft vor allem auf dem Tablet. Denn während Apples intuitiv zu bedienendes Autoren-Werkzeug „iBooks Author“ nur auf dem Desktop oder Laptop läuft, will das Unternehmen nun offenbar das iPad zum wichtigsten Lern- und Lesemedium machen. „Das iPad ist unser bisher aufregendstes Bildungs-Produkt“, so Schiller. Weltweit würden bereits mehr als 1,5 Millionen Geräte an Schulen genutzt.

Preise für Schulbücher sinken auf unter 15 Dollar

Schon alleine Apples Schulbuch-Coup könnte die Branche kräftig durcheinander wirbeln. Denn Bildungsverlage wie McGraw-Hill, Pearson oder Houghton Mifflin Harcourt wollen ihre Unterrichtslektüre jetzt via iBooks für 15 Dollar und weniger pro Exemplar anbieten. Die Papierversionen kosten oft das fünffache. Dafür konnten die gebrauchten Schmöker allerdings auch nach dem Ende des Schuljahrs weiterverkauft werden, oft bis zu fünfmal. Einen Second-Hand-E-Book-Markt wird es dagegen dank DRM nicht geben. Somit dürfte sich der neue Vertriebsweg trotz niedrigerer Preise lohnen. Für die Verlage, und natürlich auch für Apple – die „Fruit Company“ hat via iBooks 2 nun ebenfalls einen Logenplatz in der Oase der Bildung. Voraussetzung ist natürlich, dass genügend iPads im Umlauf sind. Deswegen hagelte es parallel zum New Yorker „Education Event“ harsche Kritik. Denn wie sollen sich Schüler in ärmeren Stadtbezirken ein Luxus-Tablet für (mindestens) 500 Dollar leisten? Sie sind eigentlich eher Zielgruppe für das „One Laptop per Child“-Programm, das kürzlich mit dem X0-3 ein 100-Dollar-Tablet vorgestellt hat.

iBooks Author als neuer Standard im Self-Publishing

Weitaus größere Beachtung dürften normale Publikumsverlage wie auch Autoren aber wohl Apples Offensive im Bereich des Self-Publishing schenken. „Building a book is as easy as dragging and dropping“, verspricht das Unternehmen. Und tatsächlich könnte iBook Author im „enhanced“-Bereich das Zeug zum neuen Standard im E-Book-Publishing haben. Texte aus der Word-Anwendung, Bilder und Videos, ja sogar Elemente aus Präsentationen lassen sich mit Apple-üblichem Komfort zu einem neuen Dokument zusammenstellen. Widgets, Multi-Touch-Felder und Animationen können einfach konfiguriert werden. Inhaltsverzeichnisse und Glossare werden automatisch angelegt. Geschickt spielt Apple hier den strategischen Vorteil der eigenen Geräteplattform aus: zwar mögen bereits Millionen Menschen Kindle-Geräte für die Lektüre nutzen. Doch die meisten Autoren schreiben ihre Texte immer noch auf dem Mac. In Zukunft reichen ihnen ein paar Mausklicks, um den Content in den iBookStore zu bringen. Verkauft werden darf die multimediale Version nur dort, möglich ist zudem der Export von PDFs. Um überhaupt in den Genuss des neuen Tools zu kommen, werden einige der Skribenten wohl auch erstmal aufrüsten müssen. Denn wer iBooks Author zum Laufen bringen möchte, muss mindestens Mac OS X 10.7 (Lion) installiert haben.