„Scenario Threads“ zum Durchklicken – eine neue Form interaktiver Twitter-Fiction?

twitter-scenario-threadsTwitter-Fiction ist kurz, sehr kurz, für mehr als 140 Zeichen pro Tweet ist kein Platz. Wie nicht nur spannendes, sondern sogar interaktives Storytelling trotzdem funktionieren kann, zeigt jetzt ein Erzähl-Experiment von Nas Maraj alias Nasiir Williams – die „Scenario Threads“ des 17jährigen Teenagers aus Atlanta ziehen eine große Zahl von Followern in ihren Bann. Maraj lässt die Leser an immer neuen Plot-Points nicht nur über verschiedene Handlungsalternativen abstimmen, sondern präsentiert auch entsprechende Verzweigungen in neue Erzähl-Threads.

Mischung aus Hyperfiction & Text-Adventure

Die bisher durchklickbaren Storylines „The Bank Heist“ (also etwa: „Der große Bankraub“) wie auch „The Prison Break“ (also etwa: „Ausbruch aus dem Gefängnis“) sind somit eine Art Kürzest-Hyperfiction, man könnte auch sagen: ein illustriertes Text-Adventure. Denn jede Szene wird von eingebetteten Bildern begleitet, die letztlich aber wohl auch verzichtbar wären — für das Grundprinzip der Story sind sie nicht notwendig.

Threads zeigen Twitters Storytelling-Potential

Besonders anspruchsvoll sind die „Scenario Threads“ nicht gerade, aber sie zeigen zumindest, wie sich Twitter für neue Erzählformen einspannen bzw. zweckentfremden lässt, obwohl es eben gar nicht als klassisches Erzählmedium entworfen wurde. Insofern lässt sich das Experiment von „Nas Maraj“ mit anderen „friendly takeover“-Aktionen vergleichen, etwa dem anonymen Reddit-user, der letztes Jahr via Kommentar-Postings einen Sci-Fi-Roman in 100 Kapiteln unter die Leute gebracht hat („The Interface Series“).

(via The Next Web)

Thomas Pynchon trifft National Geographic: „The Seers Catalogue“, eine interaktive Fiktion

seers-catalogueIst es eher ein E-Book? Oder doch ein Point-and-Click-Adventure? Schwer zu sagen — das etwas allgemeine Label „interactive fiction“ trifft das neueste Werk von Sean Michaels noch am besten. Oder in den Worten des Autors: „Part choose-your-own-adventure novel, part post-modernist literature, part eerie atmospheric web game“. Denn tatsächlich gibt’s „The Seers Catalogue“ nur online, und man mausklickt oder fingertippt sich durch die Storyline.

Der fiktive Seers-Katalog

Im Zentrum der Geschichte — realisiert in Zusammenarbeit mit dem „Banff Centre for Arts and Creativity“/Montreal — steht ein obskures Magazin, das wirklich nur vom Namen her an den „Sears Katalog“, so etwas wie die US-Version des Quelle-Katalogs, erinnert. „Wenn Thomas Pynchon den National Geographic herausgeben würde, dann könnte das so aussehen“, twitterte der Autor selbst dazu.

Aufstand gegen das Maß aller Dinge

Über die merkwürdigen Rubriken des Katalogs gelangt der Held der Geschichte zu seiner Mission — eine Geheimorganisation sucht Komplizen, um eine Serie von „bedeutsamen“ Einbrüchen fortsetzen zu können. Offenbar geht es um eine Verschwörung, die das metrische System durcheinanderbringen soll. Die Story entwickelt sich Satz für Satz in dunkelblauen, serifenloser Schrift auf anfangs hellblauem Hintergrund, ein bisschen so wie bei einem alten VC20-Textadventure.

Multimedia & Story-Multiverse

Hier und da werden jedoch auch Illustrationen und kleine Animationen eingeblendet, und im Hintergrund spielt eine sphärenartige Musik. Doch all das ist eher Beiwerk, im Vordergrund steht der Text mit seinen Abschweifungen, kleinen Loops und alternativen Plotlinien (Am Ende liest man nicht umsonst: „This is one way the story ends. There are others. Try again.“) . Damit steht „The Seers Catalogue“ in der Tradition der „klassischen“ Hypertext-Literatur der 1980er und 1990er Jahre, die mittels Software wie „Hypercard“ schon vor dem World Wide Web boomte.

Klassische Hyperfiction als Vorbild

Manchmal, wie bei der legendären Hyperfiction „Uncle Buddy’s Phantom Funhouse“ erhielt man mit den Disketten auch weitaus mehr als nur eine Ansammlung von Links: der Leser wurde mit einem Haufen analogen „Rohmaterial“ überschüttet, aus dem es die eigentliche Story herauszufiltern galt. Mit den in die Handlung eingebetteten Ausgaben des „Seers Catalogue“ in der Hyperfiction „The Seers Catalogue“ ist das ganz ähnlich. Sie führen ein gewisses Eigenleben und dienen zugleich immer wieder als Absprung-Punkte für die weitere Story…

(via The Verge)

„Borgesian love story told through Google Street View“: Neue Experimente mit „undruckbaren“ Büchern

editions-at-play-google-undruckbare-buecherAlle Bücher sind E-Books, manche werden ausgedruckt, manche auch nicht – alleine schon deshalb, weil es technisch gar nicht möglich wäre. Zu dieser Kategorie gehört die Buchreihe „Editions at Play“, mit der bei Google gerade experimentiert wird. „Welcome to our bookstore. We sell books that cannot be printed“, heißt es lakonisch auf der Startseite des neuen Online-Buchladens. Etwas mehr verrät der Google-Blog: es gehe um „Bücher, die sich auf Smartphone und Tablet dynamisch verändern, und dabei alle Möglichkeiten nutzen, die das mobile Web bietet, um Dinge zu tun, die gedruckte Bücher noch nie konnten. Die Integrität des Buches soll dabei erhalten bleiben, zugleich wird mit der digitalen Form gespielt“.

Leser bestimmt den Ort & hat das letzte Wort

Zwei Exemplare der neuen Gattung sind schon online: Entrances & Exits von Reif Larsen, eine „Love-Story in Borges’scher Manier, erzählt mit Google Streetview“, bei der Türen an bestimmten Häusern als Portale in neue Kapitel wie auch an neue Orte überleiten, sowie The Truth About Cats & Dogs von Sam Riviere und Joe Dunthorne, eine Art Tagebuch-Battle der zwei Ko-Autoren, zwischen denen der Leser hin- und her mäandert, und am Ende auch entscheiden darf: wer hat das letzte Wort.

Kulturelle Objekte & literarische Landschaften

Produziert werden die Lese-Apps vom Google Creative Lab in Kooperation mit dem Londoner Startup-Verlag Visual Editions, nach eigenen Angaben spezialisiert auf das Veröffentlichen von Büchern als „kulturelle Objekte“ und das Konzipieren „literarischer Landschaften“. Tatsächlich führen die E-Books von Editions at Play ja in eine Art „Garten der Pfade, die sich verzweigen“ (vgl. Borges), wie ihn die klassischen Hyperfictions der 1980er und 1990er Jahre bereits geboten haben, damals meist rein text- bzw. HTML-basiert. Neu ist natürlich, dass „Lost in Cyberspace“ jetzt auch bedeuten kann, sich in Google Streetview zu verirren, am grundlegenden Prinzip der Hypertextur hat sich jedoch seit Ted Nelson nix geändert.

„Das Web wirbelt die Seiten durcheinander“

Das zeigt auch ein Statement des Google-Entwicklers T.L. Uglow gegenüber Buzzfeed: “Wir haben angefangen, über Seiten nachzudenken. Nimmt man ein Blatt Papier, faltet es und gibt es weiter, wird das ‚Buch‘ genannt, bleibt es aber ein Rechteck mit Text darauf, ist es etwas anderes“. Im Web, so Uglow weiter, gebe es eben nicht mehr den Zwang, Seiten in einer festen Reihenfolge miteinander zu verbinden. „Wir wollten herausfinden: was heißt es, wenn ein Buch nicht mehr auf Seite 1 anfangen muss, und nicht mehr auf Seite 273 enden muss“.

Oder vielleicht Bücher ins Gehirn implantieren?

Vergleichbares haben nun wirklich schon viele andere vorher versucht – am (Buch-)Markt durchgesetzt hat sich das nicht-lineare Erzählen aber bisher nicht, nicht mal als zeitgemäßes „Reader Engagement“ in Kindle-Store-Hyperfictions. Ob’s im Zeichen von Larry Page & Sergey Brin gelingt, die Seiten nachhaltiger durcheinander zu wirbeln? Man darf gespannt sein. Die nächsten zwei Lese-Apps mit formalen Experimenten sind jedenfalls schon angekündigt: „The book that unfolds“ sowie „The book that loses its memory“. Weitere Konzept-Ideen warten noch auf kreative Autoren, Code-Schreiber und Neurochirurgen, darunter „The Story that tells itself“ sowie „The Book that is directly implanted into your cerebral cortex“. Autsch!