Von WordStar bis The Hobbit: Internet-Archive bringt klassische Software im Browser zum Laufen

Zum Weltkulturerbe gehört Pac-Man leider noch nicht – aber im kulturellen Archiv der globalen Netzkultur gelandet ist der Computerspiel-Klassiker schon mal: zusammen mit vielen anderen Software-Perlen des 20. Jahrhunderts von SpaceWar bis WordStar wird der Programm-Code vom Internet Archive aufbewahrt. Anders als etwa Project Gutenberg fühlt sich das von Brewster Kahle gegründete Online-Archiv nämlich nicht nur für literarische Texte, sondern für mehr oder weniger alle Medien zuständig, inklusive Software. Tja, Code ist eben auch eine Art Poesie – und wird in der „Historical Software Collection“ nicht einfach nur aufbewahrt. Neben Büchern, Filmen oder Fotos lassen sich ab jetzt auch die archivierten Computer-Programme im Browser „live“ erleben – möglich macht das die Javascript-Version des bei Retro-Gamern populären MESS-Emulators.

Story-Telling auf dem Homecomputer

Neben Run-and-Jump-Klassikern wie Pitfall oder Karateka führt das Internet Archive den Benutzer zurück in die frühen Tage des elektronischen Lesens und Schreibens. Zum Leben erwecken lassen sich so etwa heute archaisch anmutenden Office-Tools wie Visicalc oder WordStar, die maßgeblich zum Siegeszug des Personal Computers beitrugen. Aber auch die ersten interaktiven Storytelling-Umgebungen, so etwa das legendäre, rein textbasierte „Adventureland“ von Scott Adams, mit dem 1981 die Geschichte kommerzieller Adventures begann. Wie schnell sich dieses Spielegenre entwickelte, zeigen zwei weitere Beispiele – mit „Alkalabeth“ von Richard Garriott umfasst die IA-Sammlung eins der ersten Grafik-Adventures, mit „The Hobbit“ sogar ein frühes Beispiel für cleveres Cross-Marketing – denn die interaktive Version von J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe-Prequel wurde im Bündel mit der Taschenbuchversion des Hobbits verkauft.

Vom Cross-Marketing zum großen Crash

Ebenso mit dabei in der bisher noch überschaubaren Sammlung von knapp zwei Dutzend Programmen ist zugleich ein Beispiel dafür, dass die multimediale Verwertungskette schon damals Risiken barg. Das von Atari parallel zum Filmstart von E.T. herausgebrachte Konsolen-Spiel wurde unter Zeitdruck programmiert, mit viel Aufwand beworben und enttäuschte das Publikum im großen Maßstab. Die Computerspiel-Historiker machen E.T.s pixeligen Doppelgänger mitverantwortlich für den „Video Game Crash“ von 1983, also die große Krise im Gaming- und Homecomputer-Markt, eine frühe Vorwegnahme der 2001 geplatzten Dotcom-Blase. Der Legende nach vergruben Bulldozzer damals tonnenweise unverkäufliche Atari-Konsolen und Spielecartridges auf einer firmeneigenen Müllkippe in der Wüste von New Mexico, und 8-Bit-Archäologen sind zur Zeit dabei, sie mühsam wieder auszugraben. Mit dem Drücken der Space-Taste im Browser lässt sich E.T. zum Glück dank MESS & Internet Archive deutlich schneller zurückholen…

Hinweis: Eine weitaus größere Auswahl an Programmen – und auch emulierten Systemen – gibt’s direkt auf der Projektseite von „Javascript Mess“.

Abb.: Screenshots