[e-book-review] Ich bin dann mal offline – 76 moderne Pilgerziele für Science-Nerds

Am Anfang stand ein Salonspiel zwischen Forschern, Schriftstellern und Autoren: Gibt es so etwas wie die weltlichen Mekkas der Moderne? Also eine Art von Pilgerstätten der Vernunftreligion namens Wissenschaft? Als ausführliche Antwort auf diese Frage entstand am Ende ein Buch, das die These schon im Titel bestätigt. „Mekkas der Moderne“, herausgegeben von Hilmar Schmundt, Milos Vec und Hildegard Westphal, führt an mehr als siebzig solcher Orte, an denen man schauen, staunen und am Ende auch begreifen kann – dank lebendig-essayistischem Stil auch als Leser. Dafür sorgen neben den Herausgebern selbst erfahrene On- und Offline-Kolumnisten von Peter Glaser bis Ilja Trojanow, flüssig schreibende Wissenschaftler wie Irenäus Eibl-Eibesfeldt oder Erhard Schütz, aber auch nerdige Zeitzeugen wie Steve Wozniak.

Jede Wissenschaft hat ihre eigenen Wallfahrtstätten

So, wie jede Religion ihre Wallfahrtsstätten hat, sehen die Pilgerziele der Wissensgesellschaft dabei je nach Disziplin ganz anders aus – Naturwissenschaftler werden von den Autoren des Buches ebenso bedient wie Geisteswissenschaftler. Das Itinerar der Technik-Nerds etwa führt über die gigantischen Startrampen von Cape Canaveral oder Baikonur bis in die Hochebene der chilenischen Atacama-Wüste, wo die Spiegelteleskope der europäischen Südsternwarte gen Himmel blicken. Ein Abstecher zur legendären „Apple-Garage“ im Crist Drive 11161, Palo Alto darf natürlich nicht fehlen, ebensowenig eine Station wie das CERN. Denn im Genfer „Centre européen pour la recherche nucléaire“ wird nicht nur nach Gottes- und anderen Teilchen gefahndet, hier stand der erste Server des World Wide Webs.

Doch auch unscheinbare Ziele wie Porthcurno werden angesteuert – und das zu recht. In diesem Küstenort am westlichsten Zipfel von Cornwall begann sie nämlich, die Verkabelung der Welt, vor 150 Jahren noch in Form einer Telegrafenverbindung quer über den Atlantik. Unterschätzt wird aber wohl auch ein Kaff wie das tief im Schwarzwald versteckte Oberwolfach, beherbergt es doch eins der bedeutendsten mathematischen Forschungszentren weltweit.

Verräterische graue Streifen im Sediment

Manche der modernen Mekkas laden jedes Jahr große Menschenmassen zum Schauen und Staunen ein, etwa Wissenstempel wie der Pariser Louvre, das British Museum in London oder das Weimarer Goethehaus. Aber auch überseeische Sehnsuchtsorte wie die Galapagos-Inseln sind nicht mehr ganz so einsam wie vielleicht noch vor hundert Jahren. Viele der Pilgerstätten haben aber (vielleicht zum Glück) noch immer Porthcurno-Status. Das gilt für den Nuvvagittuq-Grünsteingürtel im hohen Norden Kanadas, wo man 4 Milliarden Jahre alte Gesteinsformationen gefunden haben will, oder für die Klippen von Stevns Klint auf der dänischen Insel Seeland, wo ein verräterischer grauer Streifen im Sediment für den Fachmann genau jenen Zeitpunkt markiert, als vor 65 Millionen Jahren eine globale Katastrophe zu einem Massensterben führte, dem u.a. die Dinosaurier zum Opfer fielen.

Zu den Profiteuren dieser Zäsur gehörte die Gattung der Säugetiere, und insbesondere der Mensch, zumindest bisher. Die Reise zu den Mekkas der Moderne offenbart nämlich auch den Hang des aufgeklärten Homo Sapiens zur selbst gemachten Apokalypse, siehe etwa das als Atomtestgelände missbrauchte Bikini-Atoll, ein Bohrkernlager in Bremen, das Aufschluss über dramatische Klimaveränderungen gibt, oder den „Internationalen Suchdienst“ in Bad Arolsen.

E-Book-Version als Self-Publishing-Experiment

Apropos Verschwinden. Auf Papier lädt „Mekkas der Moderne“ schon seit 2010 zu einer „Grand Tour“ quer über den ganzen Globus, die bei Böhlau erschienene Druckauflage ist jedoch fast ausverkauft. Die von Schmundt, Vec und Westphal selbst herausgegebene E-Book-Version soll nicht nur für fortgesetzte Lieferbarkeit sorgen, sondern macht die virtuelle Rundreise noch einfacher, denn die Kapitel dieser „kleinen Heimatkunde der globalen Wissenslandschaft“ sind direkt mit Google Maps verlinkt. Dazu kommen klickbare Querverweise und Videolinks. Praktisch – und auch deutlich günstiger: denn im Gegensatz zur Papierversion kostet das E-Book nur 6 Euro (statt 25 Euro). Mögliche Gewinne aus dem Verkauf des E-Books werden übrigens an die Wikimedia-Foundation gespendet.

Hilmar Schmundt, Milos Vec, Hildegard Westphal (Hgg.),
Mekkas der Moderne. Pilgerstätten der Wissensgesellschaft,
24,99 Euro (Paperback)
5,99 Euro (Kindle/epub)

#AllesWirdGutenberg – SPON-Journalist Hilmar Schmundt erforscht „Glück des digitalen Lesens“

Hilmar Schmundt liebt Bücher, immer schon. Gerne hätte er bereits früher seine ganze Bibliothek mit sich herumgetragen – doch das Gewicht! Vor einer Radtour quer durch Kuba machte er deswegen schon mal mit Manns „Zauberberg“ kurzen Prozess: mit dem Teppichmesser wurde das Buch zerteilt, die bereits gelesenen Kapitel blieben zuhause. Dank E-Books und Mobilgeräten muss der Wissenschaftsjournalist aber schon längst nicht mehr die Machete schwingen, längst erkundet der technikaffine Vielleser den digitalen Spiralarm der Gutenberg-Galaxis, insbesondere als SPIEGEL-Autor. Ein gelungener Remix vieler Artikel rund um das elektronische Lesen & Schreiben ist nun unter dem Titel „Gutenbergs neue Galaxis. Vom Glück des digitalen Lesens“erschienen, als Band drei der neuen E-Book-Reihe des Hamburger Wochenmagazins.

„Goldenes Zeitalter des Lesens“

Die Lektüre lohnt sich – nicht nur, weil das E-Book-Single für 99 Cent (bisher exklusiv) auf’s Kindle kommt. Denn hier schreibt einer, der zu den Very Early Adoptern gehört. Schon 1992 schob Schmundt als Student eine Diskette mit dem Hypertext-Roman „Afternoon“ in seinen Mac, im Jahr 2000 konfrontierte der in Berlin lebende Journalist Literaraten und Kritiker im Rahmen der „Elektrolit“-Tagung mit dem Rocketbook, einem der ersten E-Reader überhaupt. „Elektronische Bücher sind doch eigentlich nur verkappte Computer“, moserte damals der Essayist Michael Rutschky, und Tech-Autor Peter Glaser forderte: „Die Hardware soll verschwinden, die Funktionen bleiben“.

Kindle, iPad & Co. sind dieser Utopie schon recht nahe gekommen. Aller bibliophilen Kulturkritik zum Trotz darf Schmundt also behaupten: „Die Schrift ist nicht verschwunden, wir leben geradezu in einem goldenen Zeitalter des Lesens“. Dem Marktforschungsinstitut Gallup zufolge würden die Amerikaner jetzt 17 Bücher pro Jahr lesen, mehr als je zuvor. Aus dieser Perspektive liefert das E-Book einen subjektiv gefärbten „Bericht über meinen Umstieg von gedruckten Buchstaben zu solchen, die nur aus Pixeln bestehen“, zugleich aber einen „Bericht von Orten, an denen eine neue Buchkultur jenseits des Papiers entsteht“. Darunter etwa die nagelneue, erstaunlich buchfreie Uni-Bibliothek der ETH Lausanne, ein digitaler Lesezirkel, dessen Mitglieder sich auch mal offline in Brooklyn treffen, aber auch jene Pioniere in Hamburg, die mit Hilfe von Spielekonsolentechnik an einem Wörterbuch der Gebärdensprache arbeiten.

„Lesemaschinenpark läuft noch längst nicht rund“

Schmundt spricht zugleich von seinem persönlichen Point-of-no-Return – es war der 736 Seiten lange Roman „Freiheit“ von Jonathan Franzen. „Ich finde, dass mein 247 Gramm leichtes Lesegerät weitaus angenehmer in der Hand liegt als der dicke Franzen-Roman auf Papier, den ich mit beiden Händen halten muss. Das Cover der englischsprachigen Ausgabe ist marktschreierisch bunt. Der E-Book-Reader dagegen tritt ganz hinter dem Text zurück.“ Wo Kritiker vor der Ablenkung durch Features und Multimedia warnen, lobt Schmundt die Möglichkeiten zur Vertiefung, etwa beim komfortablen Nachschlagen unbekannter Wörter, oder automatische Übersichten wie etwa Amazons „X-Ray-Feature“. „Nach ein paar Monaten ertappte ich mich dabei, Bücher aus Papier wie Museumsstücke zu betrachten“, gesteht Schmundt.

Doch wenn das gute, alte Buch nur ein Prototyp war, eine Vorabversion des perfekten Lesemediums, sind die heutigen E-Books dann schon das Final Release? „Mein eigener Lesemaschinenpark läuft keineswegs rund, E-Books sind bislang alles andere als perfekt“, gesteht der Autor. Abenteuerurlaub im Formatedschungel: „Ich sehe meine Bücher sauber aufgereiht auf dem virtuellen Regal, alle ganz legal, alle teuer bezahlt, aber sie sind unerreichbar wie hinter einer kugelsicheren Glasvitrine“. Angesichts einer DRM-Panne fühlt Schmundt sich eines Tages „kalt enteignet“. Manchmal funktioniert die Technik aber auch zu gut – etwa beim Social Reading, dann wird das Bücherregal für die ganze Welt sichtbar. Der E-Leser spürt ein „leichtes Kribbeln im Nacken, als würde mir ein Publikum über die Schulter schauen“.

Bücherverschlingende Maschinen

Die Bücher beginnen, uns zu lesen. Wahr ist natürlich ebenso: früher haben wir Bücher verschlungen, heute lassen wir Bücher von Maschinen verschlingen. Oft aus reiner Notwehr. „Neuerdings bestelle ich Bücher, die es nur auf Papier gibt, und lasse sie nach Kalifornien schicken, zum Dienstleister 1dollarscan.com. Dort hackt eine Art Guillotine den Buchrücken ab, dann rauschen die Seiten automatisch durch einen Scanner“, schreibt Schmundt. Zwei Wochen später landet eine mittelmäßige digitale Kopie auf seinem Lesegerät. Eigentlich würde der Bücher-Ripper lieber zehn Euro an den Verlag zahlen, für eine offizielle E-Book-Version: „Warum will er mein Geld nicht?“.

Schmundts Sampler ist ein eloquentes Plädoyer, endlich einmal die Chancen der neuen E-Lesewelt auszuloten: „Wie wäre es, wenn Gutenbergs Heimatland, statt erbitterte Debatten um das Urheberrecht zu führen, ein Zukunftslabor betreiben würde: Autoren, Verleger, Medienforscher, die Expeditionen in die neuen Spiralarme der Gutenberg-Galaxis unternehmen?“ Ja, wie wäre das? Gut wäre das! Einen äußerst lesenswerten Expeditionsbericht hat Schmundt mit seinem E-Book jetzt schon mal selbst vorgelegt. Und zugleich ein konkretes Angebot gemacht: unter dem Hashtag #AllesWirdGutenberg lädt er die Leser zur Twitter-Diskussion ein.

Hilmar Schmundt,
Gutenbergs neue Galaxis.
Vom Glück des digitalen Lesens.
Spiegel E-Books, Bd. 3 (2013)
Kindle (Amazon.de) 0,99 Euro