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Hart-am-Rand-Teil-drei-Henry-Palmer-Trilogie

Henry Palmer ermittelt „Hart am Rand“: Finale der Krimi-Trilogie von Ralph Gerstenberg

hart-am-rand-introBerlins Mitte boomt, die Schickimickiszene bestimmt das Nachtleben. Auch mit Henry Palmer scheint es aufwärts zu gehen, er hat einen lukrativen Job als “Location Scout” angenommen. Doch bald gibt es schon wieder Ärger im Kiez: Henry verliebt sich in eine Prostituierte, lernt einen skurrilen Waffenhändler kennen, und landet mitten in einer Lokalfehde zwischen Kneipenwirten und “Tresengangstern”. Dann verschwindet nicht nur der Vater seines besten Freundes Theo, auch das Manuskript einer True Crime-Story zum Thema Designerdrogen fehlt. Auf die Polizei ist kein Verlass, Henry muss den Fall mal wieder selbst lösen — ermittelt wird „Hart am Rand“. So auch der Titel des bei ebooknews press als E-Book & Paperback erschienenen Krimis von Ralph Gerstenberg, mit dem zugleich die Henry Palmer-Trilogie endet (siehe auch: „Grimm und Lachmund“ sowie „Ganzheitlich sterben“). Noch einmal führt Gerstenbergs Krimi den Leser zurück in das Berlin der Neunziger Jahre, in diesem Fall kurz vorm Übergang zum Millenium. Der Nachwendezauber ist endgültig verflogen, die neue Mitte hat sich etabliert: „Die Zeit der Unschuld, falls es sie jemals gegeben hat, war definitiv vorbei. Berlin wurde abgesteckt und aufgeteilt“, so der Autor im E-Book-News-Interview über das Setting. „Die Cleveren sind dabei ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, während Henry Palmer und seine Freunde weiter in ihren Tagträumen leben, bis sie schließlich von der Realität eingeholt werden.“ Unsere Leseprobe führt an den Beginn der Story um Theos Vater & das verschwundene Manuskript:

Ralph Gerstenberg, Hart am Rand

(…)
«Henry?»
«Morgen Theo, wie fühlt man sich nach einer durchzechten Nacht?»
«Du musst unbedingt herkommen!»
«Was ist denn los?»
Seine Stimme klang trotz des versoffenen Timbres irgendwie verhalten und beinahe wehleidig.
«Du musst unbedingt herkommen!», wiederholte er.
«Okay», sagte ich. Schließlich befand sich die Wohnung seines Vaters gleich um die Ecke. «Lass mich nur erst zu Ende frühstücken. In einer halben Stunde bin ich da.»
«Henry, ich will dich nicht unter Druck setzen, aber es ist etwas passiert.»
«Und du willst nicht am Telefon darüber sprechen.»
«Nein!»
«Du kannst einem ja richtig Angst machen. Also gut, ich bin gleich bei dir.»
Ich nahm noch einen Schluck von dem Milchkaffee, der gerade gebracht wurde, belegte eine Toastscheibe mit Käse, klappte die andere darauf, bezahlte und ging.
Meine Seele hatte sich immer noch nicht blicken lassen. Wahrscheinlich zog sie es vor, bei diesem Wetter im Bett zu bleiben. Das hätte der Rest von mir auch gerne getan. Stattdessen stand er nun vor der Tür in der Auguststraße, würgte den letzten Bissen von dem trockenen Toast herunter und drückte auf den Klingelknopf.
Theos Kopf erschien im Türspalt. Er hatte eine ähnliche Strubbelfrisur wie der Typ, den ich heute Morgen im Spiegel gesehen hatte. Auch die Blässe in seinem Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor.
«Gott sei Dank!», sagte er und ließ mich herein. In der Hand hielt er ein Wasserglas, auf dessen Boden eine Tablette zerfiel.
«Wo brennt’s denn?»
Statt zu antworten führte er mich ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch lagen noch das Fotoalbum, die Polaroidkamera und die Bilder, die Theo von Hannah und seinem Vater beim Tanzen gemacht hatte. Daneben standen eine fast volle Flasche Bier und ein Aschenbecher mit einer angerauchten Zigarre auf der Ablage. Obwohl es draußen nicht gerade hell war, wirkte die Wohnung bei Tageslicht noch verstaubter, vergilbter und vergammelter als gestern Abend. Theo sagte noch immer nichts. Er nickte nur kurz in Richtung des Sofas, auf dem sein Vater bei unserem Abschied gelegen hatte.
«Soll ich dir beim Aufräumen helfen?», fragte ich schließlich, um ein bisschen voranzukommen.
«Er ist weg», sagte Theo, schüttelte das Glas und blickte traurig und abwesend in die trübe Flüssigkeit.
«Wer?»
«Mein Vater.»
«Und wo ist er?»
«Keine Ahnung.»
So ratlos hatte ich Theo noch nie gesehen. Als er mich anschaute, kam ich mir vor wie ein Internist, von dem eine schicksalsentscheidende Diagnose erwartet wurde. Dabei war ich eigentlich derjenige, der Fragen stellen sollte, fand ich.
«Vielleicht hatte er einen Termin», versuchte ich ihn zu beruhigen. «Sicher wollte er dich heute Morgen nicht wecken.»
Statt etwas zu erwidern, führte Theo mich ins Schlafzimmer. Als ich den Raum betrat, stieß ich mit dem rechten Fuß gegen eine leere Schnapsflasche, die daraufhin unter das Doppelbett rollte. Die Türen des Kleiderschranks standen weit offen. Hosen, Hemden, Jacken, Strümpfe lagen durcheinander
auf dem ungemachten Bett. Der Inhalt mehrerer Schubfächer war auf dem Fußboden verteilt worden. Eine Nachttischlampe war heruntergefallen und zu Bruch gegangen, ebenso ein Bild von Theos Mutter.
Theo hob es auf und entfernte das zersprungene Glas aus dem Rahmen.
«Hier sieht’s ja wüst aus», stellte ich überflüssigerweise fest.
«Es ist meine Schuld», sagte Theo und stellte das Bild zurück auf den Nachttisch.
«Ich glaube, ich kann dir nicht ganz folgen.»
«Das Manuskript ist auch verschwunden.»
«Dein Buch, von dem du mir gestern erzählt hast?»
Er nickte und nahm einen Schluck aus dem Glas, das er immer noch wie einen Drink in der Hand hielt.
«Dann ist doch alles klar! Dein Vater sitzt in irgendeinem Café um die Ecke, genehmigt sich ein Katerfrühstück und liest sich dabei an deinen Jugenderinnerungen fest.»
«Ich habe es ihm gegeben, damit er weiß, was ich getan habe und warum.»
«Das wird ihn sicher interessieren.»
Ich ging zurück in den Korridor und machte Anstalten, die Wohnung zu verlassen. Schließlich hatte ich heute noch einiges vor.
Doch Theo schüttelte energisch den Kopf und wirkte auf einmal so aufgelöst wie die Tablette in seinem Glas.
«Das würde er niemals tun“, sagte er. «Nie!»
«Was?»
«Einfach so zu verschwinden.»
«Theo, ich weiß nicht, wie lange du wach bist, aber er kann höchstens ein paar Stunden weg sein. Kein Grund also, sich Sorgen zu machen.» Ein Blick in das Schlafzimmer ließ jedoch leichte Zweifel an meinen eigenen Worten aufkommen.
«Er würde niemals das Bild von meiner Mutter auf dem Fußboden liegen lassen.»
«Worauf willst du eigentlich hinaus?»
Theo schluckte den letzten Rest der aufgelösten Tablette und sagte voller Überzeugung: «Er ist nicht freiwillig gegangen.»
«Ehrlich gesagt, weiß ich noch immer nicht, was du damit sagen willst.»
«Dass er entführt wurde! Das ist doch offensichtlich.»
Langsam wurde er ungeduldig. Eine solche Begriffsstutzigkeit hatte er von mir wohl nicht erwartet.
«Von wem und weshalb?»
«Von den Leuten, die etwas dagegen haben, dass mein Buch erscheint und dass ich wieder auf freiem Fuß bin. Da hat jemand unwahrscheinliche Angst. Oder glaubst du, es ist Zufall, dass so etwas passiert – einen Tag, nachdem ich entlassen wurde?» Indem er wieder den Kopf schüttelte, beantwortete
er seine Frage gleich selbst.
Theos Entführungsthese schien mir zwar ganz in der Tradition paranoider Verschwörungstheorien zu stehen und durchaus etwas mit den geistigen Getränken zu tun zu haben, die er gestern zu sich genommen hatte. Trotzdem versuchte ich pro forma darauf einzugehen. Was tut man nicht
alles für seinen besten Freund.
«Ich weiß zwar nicht, was du geschrieben hast, aber es muss schon ziemlich brisant sein, wenn im Vorfeld Schlafzimmer durchwühlt und Leute entführt werden.»
«Sie wollen mich unter Druck setzen. Bislang hatten sie nichts in der Hand, aber nun . . . »
Sie! Ich hatte es befürchtet. 3. Person Plural – bevorzugt verwendet von Leuten, denen der sanfte Kuss der Paranoia den Geist verwirrt hatte!
«Wen hast du denn eigentlich konkret in Verdacht?», fragte ich vorsichtig.
«Diese Arschgeigen können was erleben!», erklärte Theo aufgebracht, statt einer Artwort. «Mein Vater hat genug durchgemacht in seinem Leben. Das ist nicht fair, dass er auch noch Rechnungen bezahlen soll, die ich mit ein paar Idioten in dieser Stadt offen habe.»
«Wie wär’s, wenn du erst mal einen Kaffee kochst und mir genau erzählst, worum es eigentlich geht?»

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Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg

Hart-am-Rand-Teil-drei-Henry-Palmer-Trilogie
Ralph Gerstenberg, Hart am Rand (Krimi)
(Henry Palmer-Trilogie, Bd. 3)
E-Book (epub/mobi) 2,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 8,90 Euro

Coverfoto: Robert Agthe/Flicker (cc-by-2.0)

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Henry Palmer ist kein Killer: Ralph Gerstenberg, Ganzheitlich sterben [Leseprobe]

ganzheitlich-sterbenMit Ralph Gerstenbergs „Ganzheitlich sterben“ erscheint nun der zweite Teil der Henry-Palmer-Trilogie bei ebooknews press, dem Verlagslabel von E-Book-News. Ein Berlin-Krimi aus einer Zeit, in der noch mit D-Mark bezahlt wurde und am Friedrichshain Wagenburgler statt Townhäusler residierten. Henry Palmer ist mittendrin: Erst arbeitet er als mobiler Pizza-Lieferant für „Bella Italia“. Dann heuert er bei der Detektei Patricia Courtois an. Doch schon nach der ersten Nacht als Gelegenheitsschnüffler wird Henry von der Kripo verdächtigt, ein Mörder zu sein. War er nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Offenbar, denn plötzlich gerät er auch noch ins Fadenkreuz eines Profi-Killers. Die Polizei ist keine Hilfe, wieder einmal muss Henry Palmer den Fall mit seinen eigenen Methoden entwirrren. „Ich wollte keinen Kommissar als Hauptfigur, weil mich die Beschreibung von polizeilicher Ermittlungsarbeit literarisch nicht besonders gereizt hat“, so Ralph Gerstenberg im Interview über Henry Palmer. „Und einen Privatdetektiv fand ich im Berlin der neunziger Jahre nicht besonders realistisch. Dann doch lieber jemand, der durch verschiedene Jobs und seinen Freundeskreis mit Verbrechen konfrontiert wird und wider Willen ermitteln muss“. Unsere Leseprobe führt direkt an den ersten Plotpoint von “Ganzheitlich sterben“ – mehr verrät die Leseprobe im Kindle Store.

Ralph Gerstenberg, Ganzheitlich sterben

Zu viel Aufregung für einen schönen Tag
Als ich das Bella Italia betrat, sah ich sofort die Anspannung in Dmitris Gesicht. Er kniff die Augen zusammen, als würde er plötzlich von der Sonne geblendet, schwang mit erstaunlicher Behändigkeit seinen kompakten Körper um die Tresenecke und kam schnurstracks auf mich zu gelaufen. Stone, mein Wochenendvertreter, der eigentlich Oliver Steinke hieß und Soziologie studierte, saß schon am Personaltisch und baute eine Konstruktion aus Bierdeckeln – die in sich zusammenfiel, als Dmitri, wie von der Tarantel gestochen, daran vorbei fegte. Grußlos schob er mich in die Küche, wo Charlie Pizzateig knetete und Maria Servietten faltete. Als ich herein kam, unterbrachen sie ihre Tätigkeiten und starrten mich an. Ich nickte ihnen zu. Maria erwiderte zaghaft meinen Gruß. Charlie begann wieder, seinen Teig zu bearbeiten, ohne mich jedoch aus den Augen zu lassen. Keiner sagte etwas.
“Was ist los, ihr seht mich an, als hätte ich jemanden umgebracht?” Einer musste ja damit anfangen, das Eis zu brechen.
“Hast du?”, fragte Dmitri ernsthaft.
Ich war der Einzige, der über seine Schlagfertigkeit lachte. “Wie habt ihr das rausbekommen?”
Dmitris Gesicht, auf dem winzige Schweißtropfen glänzten, wurde plötzlich rot, eine Ader, die schräg über seine Stirn lief, trat deutlich hervor. Mühsam beherrscht, sagte er: “Die Polizei war heute Vormittag hier, ein Hauptkommissar Röntsch von der Mordkommission. Er hat nach dir gefragt.”
“Röntsch?” Der Name war mir nicht unbekannt. Als meine Freundin Hannah vor anderthalb Jahren aus ihrem Frankfurter Exil zurückgekehrt war, hatte es einige Schwierigkeiten mit ihrem Gatten gegeben, einem zwielichtigen Advokaten, der von einer abgetakelten Unterweltgröße dazu erpresst worden war, Kinderfilme zu produzieren – solche, die nicht im Nachmittagsprogramm liefen. Die Geschichte fand damals kein sehr appetitliches Ende. Hannahs Angetrauter hatte sein Arbeitsverhältnis und alle anderen Probleme gelöst, indem er seinen Boss erschoss und sich anschließend selbst die Pistole in den Mund steckte. Hannah war dabei gewesen, als er auf den Auslöser drückte – und ich auch. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte Röntsch – damals noch Kommissar – mir unbedingt den Mord an einer polnischen Frau anhängen wollen, die in meiner Wohnung getötet worden war. Ich hatte zwar kein Motiv gehabt, aber mein Alibi war äußerst dünn gewesen.
“Also, wen soll ich diesmal umgebracht haben?”, fragte ich in die Runde.
Dmitri starrte mich entgeistert an. Maria konnte ihr Erstaunen ebenfalls nicht verbergen, selbst Charlie, sonst stets Inbegriff buddhistischer Selbstbeherrschung, vergaß wieder für einen Augenblick, seinen Teig zu kneten.
“In der vergangenen Nacht ist ein Mann ermordet worden, in Prenzlauer Berg. Hast du noch keine Nachrichten gehört?” Dmitri sah mich forschend an.
“Nee, ich hab‘ ausgeschlafen und bin gleich hierher gefahren. Dass das Radio im Panda nicht funktioniert, brauche ich dir ja wohl nicht zu sagen.”
“Anstrengende Nacht, was?”
“Was meinst du, wie der Kerl sich gewehrt hat!” Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Humor im Augenblick nicht besonders gut ankam.
“Der Hauptkommissar sagte, dein Name stand im Terminkalender des Toten. Außerdem wäre mehreren Nachbarn der Fiat Panda aufgefallen, in dem ein Mann, auf den deine Beschreibung passt, nachts vor der Tür gewartet hätte.”
Jetzt war ich an der Reihe, verblüfft zu sein. “Niemeyer ist tot?”
“Sie haben versucht, dich zu Hause zu erreichen. Dann sind sie hierher gekommen. Einer der Nachbarn hat sich die Aufschrift des Pandas gemerkt.”
“Und mein Name stand in seinem Terminkalender?”
Dmitri wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann nickte er und fragte: “Wozu brauchtest du das Auto, Henry?”
Röntsch hatte sich nicht geändert. Er war schon damals äußerst fix gewesen, wenn es darum ging, Verdächtigungen unter die Leute zu bringen. Ich senkte den Blick und plötzlich erschien mir die ganze Szene vollkommen unwirklich. Ich stand in der Küche eines Pseudo-Italieners, in der ein Vietnamese Pizzateig knetete, und wurde verdächtigt, einen Mord an einem Mann begangen zu haben, den ich nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen hatte – nachts in einem Treppenhaus. Ich erinnerte mich an den starren Blick Niemeyers, die weit aufgerissenen Augen, als stünde er seinem Mörder gegenüber. Ich hätte laut und deutlich einen einfachen Satz mit einer eindeutigen Aussage sagen können: Ich habe ihn nicht umgebracht. Doch die Situation war zu irreal.
Es klingt verrückt, aber vielleicht war meine Verunsicherung in diesem Moment so groß, dass ich sogar selbst anfing, an meiner Unschuld zu zweifeln. Nicht dass ich wirklich daran geglaubt hätte, Niemeyer getötet zu haben, aber meine Gewissheit, es nicht getan zu haben, war irgendwie erschüttert. Wenn das die Tatsachen waren, wenn es stimmte, dass Niemeyer tot war und mein Name in seinem Terminkalender stand, dann gab es dunkle Stellen, Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Worauf hatte ich mich eingelassen? Vor wem fürchtete sich Niemeyer, als er mir gegenüberstand?
Der Boden unter meinen Füßen begann zu schwanken. Ich stützte mich auf die Spülmaschine, schaute in Dmitris Gesicht und zuckte mit den Schultern. Zu mehr war ich im Augenblick nicht in der Lage.
Dmitri gab Maria ein Zeichen, woraufhin sie mit Bestecken und Servietten die Küche verließ – nicht ohne mir vorher einen besorgten Blick zuzuwerfen. Er holte eine Flasche Ouzo aus dem Schrank, schraubte den Verschluss auf und reichte sie mir. Ich kam mir vor wie ein Ertrinkender, dem ein Rettungsring zugeworfen wurde. Als der Schnaps in meiner Speiseröhre brannte und ich den Anisgeschmack auf der Zunge spürte, ging es mir besser. Ich hatte noch nichts gegessen, der Alkohol stieg mir sofort in den Kopf.
“Sollst du Röntsch anrufen?”, fragte ich.
Dmitri nickte.
“Lass mich mit ihm sprechen.”

(Weiterlesen)

Copyright Leseprobe: ebooknews press

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Ralph Gerstenberg, Ganzheitlich sterben
(Henry-Palmer-Trilogie Teil 2)
E-Book (epub/Kindle) 2,99 Euro
Taschenbuch 8,90 Euro

Coverbild: Matthias Rhomberg/Flickr (cc-by-2.0)

grimmlachmund-titelseite-ebook
Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund
(Henry-Palmer-Trilogie, Teil 1)
E-Book (epub/Kindle) 2,99 Euro
Taschenbuch 8,90 Euro

Coverfoto: Nordsprotte/Flickr (cc-by-2.0)

grimm-lachmund-intro

Henry Palmer ist wieder da! Lesung & Interview mit Krimi-Autor Ralph Gerstenberg

grimm-lachmund-introDieser Mann ist kein Polizist, er ist aber auch kein Privatdetektiv: in Ralph Gerstenbergs Berlin-Krimi „Grimm und Lachmund“ steht mit Henry Palmer ein Mensch im Mittelpunkt, den man als „mitteldeutschen Lebenskünstler“ bezeichnen könnte – was auch zeitlich ziemlich gut passen würde. Denn die Story spielt in der frischgebackenen Hauptstadt der Nachwende-Zeit. Worte wie „Hipster“ oder „Gentrifizierung“ sind Mitte der Neunziger Jahre noch nicht en vogue. Auf dem Tempelhofer Feld landen noch Flugzeuge, in Eckkneipen gibt’s noch kein W-LAN, und wer in seinem Wohnzimmer eine Leiche entdeckt (wie z.B. Henry Palmer), ruft die Polizei per Festnetz.

Was macht Henry Palmer heute?

Zur E-Book-Premiere von “Grimm und Lachmund”, im Print erstmals erschienen 1998 im Argument-Verlag, liest Ralph Gerstenberg eine kurze Szene aus dem Buch, und spricht im anschließenden Interview über das Krimi-Schreiben, das Berlin der Neunziger, und verrät am Ende: was macht Henry Palmer eigentlich heute? Bei ebooknews-press ist „Grimm und Lachmund“ ab sofort als E-Book und Taschenbuch erhältlich – siehe auch die Leseprobe. Die weiteren Bände der Henry-Palmer-Trilogie („Ganzheitlich sterben“ sowie „Hart am Rand“) erscheinen in den nächsten Monaten.

E-Book-News: Ein Kommissar steht in der Henry-Palmer-Trilogie nicht im Vordergrund, der Held heißt Henry Palmer und ist eher privat unterwegs – Was ist das für ein Typ, und wie bist du auf ihn gekommen?

Ralph Gerstenberg: Henry Palmer ist nach abgebrochenem Studium zunächst arbeitslos und schlägt sich dann mit verschiedenen Jobs durchs Leben: Pizzafahrer, Locationscout etc. Er ist im Osten aufgewachsenen und gehört zu einer Generation, die in der DDR den propagierten Zielen mehr als skeptisch gegenüberstand. Mit dieser Skepsis begegnet er nun auch seinem sich verändernden Lebensumfeld nach der Maueröffnung, die er mit Anfang zwanzig erlebt hat. Man könnte sagen, er sei auf der Suche nach einem geeigneten Lebenszusammenhang. Seine Begeisterung für eine berufliche Karriere und den damit verbundenen Anpassungen und persönlichen Einschränkungen hält sich jedoch in Grenzen. Jemand hat mal geschrieben, er sei der Prototyp des modernen, unkonventionellen, ambivalenten Helden und pädagogisch nicht besonders wertvoll. Und woanders stand mal, er sei „ein ambitionsloser Romantiker ohne Plan“. Diese Beschreibungen haben mir sehr gut gefallen. Gekommen bin ich auf ihn durch Beobachtungen in meinem eigenen Freundeskreis, wo sich damals viele einfach so durchgeschlagen und ständig die Jobs gewechselt haben. Außerdem wollte ich keinen Kommissar als Hauptfigur, weil mich die Beschreibung von polizeilicher Ermittlungsarbeit literarisch nicht besonders gereizt hat. Und einen Privatdetektiv fand ich im Berlin der neunziger Jahre nicht besonders realistisch. Dann doch lieber jemand, der durch verschiedene Jobs und seinen Freundeskreis mit Verbrechen konfrontiert wird und wider Willen ermitteln muss. Das eröffnete viel Raum für Milieubeschreibungen, menschliche Dramen und Komödien.

Die Polizei tritt in „GuL“ gleich dreifach auf – in Form der Kommissare Oeser, Bönninghaus und Röntsch. Was ist von denen zu halten, besonders heldenhaft kommen die mir auch nicht vor?

Hauptkommissar Bernhard Oeser ist eine eher literarische Ermittlerfigur ganz in der Tradition von Georges Simenons Maigret oder Friedrich Glausers Wachtmeister Studer – über den ich damals meine Magisterarbeit geschrieben habe. Beleibt, mit erheblicher Menschenkenntnis, ein Mann mit einem großen, aber leider auch etwas schwachen Herz, der eintaucht in die Milieus, die Atmosphäre, in der ein Verbrechen geschehen ist, eine etwas altmodische Vaterfigur für Henry Palmer. In den späteren Romanen „Das Kreuz von Krähnack“ und „Feuer im Aquarium“ wird er ja selbst zur Hauptfigur. Kommissar Röntsch ist das genaue Gegenteil seines Vorgesetzten – Palmers Antipode. Ein Karrierist mit Hang zu schnellen Ermittlungsergebnissen und pressewirksamer Präsentation, der pausenlos an Oesers Stuhl sägt. Und Bönninghaus verkörpert den loyalen deutschen Beamten, der sich nicht gerade für seinen Job aufreibt, aber mit seiner gewissenhaften Art den Apparat am Laufen hält.

„Grimm und Lachmund“ spielt in der Mitte Neunziger Jahren, und ist ja auch zu dieser Zeit entstanden. Was für eine Zeit, was für ein Berlin ist das eigentlich, in dem Henry Palmer lebt?

Beim Wiederlesen der gesamten Trilogie für diese Neuausgabe habe ich festgestellt, dass im Berlin 1995, dem Jahr, in dem „Grimm und Lachmund“ spielt, schon nicht mehr so geträumt und getanzt wurde wie Anfang der Neunziger. Immer mehr Freiräume wurden geschlossen. Auch in Palmers Freundeskreis begann die Geschäftemacherei. Die Zeit der Unschuld, falls es sie jemals gegeben hat, war definitiv vorbei. Berlin wurde abgesteckt und aufgeteilt. Die Cleveren waren dabei ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, während Henry Palmer und seine Freunde weiter in ihren Tagträumen lebten, bis sie schließlich von der Realität eingeholt wurden. Eine Zeit des Umbruchs, auch technisch. Es ist schon witzig, wenn man liest, dass es 1995 Agenturen gab, die zu bestimmten Zeiten Geschäftsleute auf ihrem Mobiltelefon anriefen, um deren Position durch offensichtliche Wichtigkeit zu stärken. Das Internet steckte bei „Grimm und Lachmund“ noch in den Kinderschuhen, doch schon damals war Kinderpornografie eine miese Begleiterscheinung dieses Mediums. Und so ähnlich war es auch in der zweiten Hälfte der Neunziger in Berlin. Es gab noch das Gefühl des Aufbruchs, kreative Freiräume, Visionen, aber schon Missbräuche, Vereinnahmung, Verwerfungen. Das wird bei der Lektüre sehr deutlich.

Wie geht es weiter mit Henry Palmer? Macht die Figur im Verlauf der Trilogie Fortschritte – & wo wäre Henry Palmer heute?

Ich glaube, er wäre Selbstversorger in der Uckermark, würde Kriminalromane schreiben, die er als Selfpublisher veröffentlichen würde, oder – das ist die andere Seite – er wäre einfach ein Alkoholiker auf Hartz IV. Bei allem Witz ist er ja durchaus auch ein melancholischer Typ mit Hang zum Resignativen. Der Abgrund ist stets spürbar. In der Trilogie wird, glaube ich, deutlich, dass er keine Skrupel hat, den Zeitgeist für sich zu nutzen. Im dritten Teil „Hart am Rand“ arbeitet er für Filmproduktionsfirmen, sucht Drehorte für Filme aus, die er verachtet, und nervt Alteinwohner der begehrten Wohnungen mit den kommerziellen Interessen seiner Auftraggeber. Auch wenn er sich dabei immer selbst in seiner Zweifelhaftigkeit wahrnimmt, hat er kein Problem damit, seine Arbeitskraft in den Dienst einer Gesellschaft zu stellen, die sich auf eine Weise verändert, die er selbst oft nur mit bitterem Humor kommentieren kann. Manchmal auch unpassend, wie ich finde. Es ist offenbar der Humor des Verzweifelnden, eine Art Galgenhumor, der manchmal mit Ironie verwechselt wird. Aber in einem kann man sich, glaube ich, sicher sein, wenn es ihm irgendwo zuviel wird, wird er gehen – wohin auch immer.

Autorenfoto Startseite: (c) Kirsten Breustedt
Coverfoto: Nordsprotte/Flickr (cc-by-2.0)