Das Leben hat andere Pläne: Heike Fröhling, „Liebe ist kein Duett“ [Leseprobe]

fro%cc%88hling-liebe-ist-kein-duett-kindleshopWovor sich noch fürchten, wenn man schon das Wichtigste verloren hat?: Viel Zeit zum Trauern bleibt Carolin nicht, als ihr Verlobter stirbt. Die Heldin in Heike Fröhlings neuem Roman „Liebe ist kein Duett“ muss sich als alleinerziehende Mutter von vierjährigen Zwillingen durchs Leben schlagen. Aus finanziellen Zwängen beginnt die junge Musikerin wieder als Lehrerin zu arbeiten, und plötzlich begegnet ihr Patrick, Trompeter und ebenfalls Musiklehrer. Für eine Beziehung hat Querflötistin Carolin eigentlich weder Zeit noch Sinn — und doch wächst vorsichtig etwas in ihr: die leise Hoffnung auf einen Neuanfang. Doch kann das klappen!? Denn wie gesagt: „Liebe ist kein Duett“. Unsere Leseprobe führt an den Beginn des verschlungenen Weges zum neuen Familien-Quartett. Weitere Details verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle-Shop.


Heike Fröhling, Liebe ist kein Duett

Kapitel 1

»Das Leben muss weitergehen.«
Carolin wusste nicht, wie oft sie sich über diesen Spruch schon geärgert hatte. Er war so sinnlos wie die Aufmunterungen:
»Du wirst dich neu verlieben.«
»Du bist doch jung und hübsch.«
Wenn sie in den Spiegel sah, fühlte sie sich alt. Die Augenringe waren so dunkel, dass sie jedem Gothic-Fan Konkurrenz machen konnte.
»Du musst dich für die Kinder zusammennehmen« war noch so ein Spruch. Und eben »Das Leben muss weitergehen«. So sehr sie die Redensart hasste, dieser Tag würde unter genau diesem Motto stehen. Das Leben musste weitergehen. Wenn sie das Haus nicht verlieren wollte, brauchte sie Geld. Die privaten Musikstunden in den letzten Monaten reichten nicht, um die Ausgaben zu decken. Deshalb hatte sie sich für die Festanstellung in der nahe gelegenen Musikschule beworben. Die Jungs waren im Kindergarten und hatten inzwischen Ganztagsplätze bekommen.
Soweit die Vernunft, doch gegen Schmerz und Unsicherheit half keine Logik. Sebastian fehlte und es gab noch immer keinen Tag, an dem sie ihn nicht vermisste. Nun war es die Trauer, die sie begleitete und die sie vor anderen geschickt verbarg, um niemanden zu belasten. Sie wünschte, er wäre da – nicht, um ihr die Jungs abzunehmen, sondern um sie seine Umarmung spüren, seinen Geruch riechen und sein »Und jetzt los!« hören zu lassen.
Carolin wollte sich ihre Unruhe nicht anmerken lassen und versuchte, ihre Gedanken an Sebastian wegzuschieben.
Wo blieb ihr Vater? Sie blickte die Straße hinab. Kein Auto fuhr vorbei, bei dem Wetter gingen nicht einmal die Hundebesitzer freiwillig aus dem Haus, dabei war für die zweite Tageshälfte eigentlich strahlender Sonnenschein angesagt worden. Sie drückte die Wahlwiederholungstaste, um ihren Vater zu erreichen. Er hatte zugesagt, auf die Jungs aufzupassen.
Endlich hörte sie ein Klicken in der Leitung. »Papa! Wo bist du denn?«
»Ich hänge im Stau. Vollsperrung nach einem Unfall. Das wird nichts mehr.«
»Kannst du nicht einfach die nächste Ausfahrt nehmen? Irgendwo von einem Rastplatz über einen Feldweg zur Landstraße kommen?«
»Lukas und Finn sind vernünftig. Nimm sie mit. Sie stören doch niemanden.«
Wenn du wüsstest, dachte Carolin und schluckte. Das fing gut an, ihr erster Tag an der Musikschule. Dabei war es noch kein regulärer Arbeitstag, an dem sie selbst vor Schülern stand, sondern eine Feier zum Einstand nach den Sommerferien. Die neuen Kollegen sollten sich und ihre Instrumente vorstellen, das hieß, auch sie sollte ein paar Worte sagen und das geübte Querflötenstück möglichst fehlerfrei vortragen, um sich nicht gleich am ersten Tag zu blamieren. Die Aussicht, die Zwillinge dabeizuhaben und ihre Konzentration zwischen Musik und Kindern aufteilen zu müssen, war alles andere als rosig.
»Da kann man wohl nichts machen. Trotzdem danke.« Sie verabschiedete sich und legte auf.
Die Jungs saßen in ihren Schlafanzügen auf dem Teppich. Sie waren in das Playmobil-Spiel versunken und genossen es, dass der Kindergarten heute wegen der vielen Norovirus-Erkrankungen geschlossen hatte.
»Hey, ihr dürft heute mit mir zur Musikschule kommen. Es gibt sogar Kuchen, Saft und Limonade. Und es wird gegrillt. Ihr mögt doch bestimmt Würstchen haben«, sagte sie. »Wer zuerst angezogen ist, hat gewonnen.«
Die beiden wechselten jene vielsagenden Blicke, die niemand außer ihnen deuten konnte. Sie brauchten nicht viel zu diskutieren oder zu reden, sondern sahen sich an wie zwei Katzen, die stumm einen Kampf um ihre Rangordnung austrugen.
»Wo ist Opa?«, fragte Finn. »Wir wollen in den Tierpark. Das hast du versprochen.«
»Jungs. Bitte. Es ist für Mama wichtig.« Carolin kam sich lächerlich vor. Wer sprach von sich selbst in der dritten Person? Sooft sie sich vornahm, mit dieser albernen Angewohnheit aufzuhören – es war zwecklos, dagegen anzukämpfen. Jedes Mal fiel es ihr erst auf, wenn es bereits ausgesprochen war.
»Okay.« Sie gab sich einen Ruck. »Opa kommt leider nicht. Er steht im Stau. Und noch mal zum Wettbewerb: Wer von euch in fünf Minuten angezogen ist und keinen Ärger macht, hat gewonnen.«
Ein Junge sah wie das Spiegelbild des anderen aus, als sie die Lippen aufeinanderpressten, die Arme verschränkten und demonstrativ die Köpfe wegdrehten. So schnell die Zwillinge sonst zu begeistern waren, jetzt wollten sie nicht. Und das zeigten sie überdeutlich. Carolin kam sich vor, als redete sie gegen eine Wand. Der Blick auf die Uhr steigerte ihre Unruhe. Sie konnte die beiden zwar zwingen mitzukommen, aber garantieren, dass sie sich gut benahmen, wenn sie schlechte Laune hatten und Streit suchten, das konnte sie nicht.
»Okay, wer das mit dem Anziehen schafft, der darf so lange fernsehen, wie er will, wenn wir zurück sind.« Das klang für die Zwillinge vielversprechend, auch wenn beide wahrscheinlich am Abend nach all den neuen Eindrücken sowieso in der ersten halben Stunde vor dem Fernseher einschlafen würden.
»Einen Film leihen?«
»Auch das.« Carolin stellte die Stoppuhr am Herd. »Also passt auf: Die Zeit läuft.«
Mit einem Schreien, das jedem Kriegsgeheul Konkurrenz machte, donnerten Lukas und Finn die Treppe hoch. Carolin sah das entnervte Gesicht der Nachbarin vor sich, die sich regelmäßig über den Lärm im Haus beschwerte, auch wenn sie gerade nicht an die Wand klopfte oder an der Tür klingelte.
Carolin packte ihre Utensilien in ihre große Handtasche: Notenständer, Querflöte, Feuchttücher, ihr Handy, um die Jungs damit zu beschäftigen, Kuscheltiere, etwas zum Trinken, Jacken für den kühlen Abend, Bilderbücher, Stifte und Papier. Mit dieser Menge an Gepäck hätte sie als Single einen Wochenendtrip überlebt.
Lukas und Finn polterten die Treppe hinunter. Es klang wie ein startender Jumbojet. Nun trat ein, was sie befürchtet hatte: Frau Lemke klopfte wütend gegen die Wand. Die Jungs blieben mitten in der Bewegung stehen und sahen Carolin betreten an. Doch nun war nicht die Zeit, sich darum zu kümmern.
»Kommt jetzt, wir müssen los«, sagte sie.
»Du bist nicht böse?«, flüsterte Lukas.
»Nein, warum sollte ich denn!«
»Wer ist Sieger?«
»Heute haben wir sogar zwei Gewinner.«
Das nachfolgende Geschrei übertönte das erneute Klopfen von Frau Lemke. Carolin seufzte.
»Danke. Du bist die liebste Mama der Welt. Ich will den Film …«, begann Finn und drückte sich an Carolins Bein. Sein Bruder tat es ihm nach. Beide stiegen ohne Protest ins Auto und ließen sich anschnallen. Diesmal artete ihre Unterhaltung, welcher Film der beste sei, nicht in Streit aus.
Eine Viertelstunde später parkte Carolin auf dem Besucherparkplatz der Musikschule. Sie stutzte beim Blick auf den verschmierten, dunkelbraunen Fleck auf ihrer weißen Jeans. Der Geruch war selbst auf die Distanz unverkennbar: Schokolade. Beim Telefonat mit ihrem Vater war die Hose noch sauber gewesen. Sie sah in den Rückspiegel auf die Gesichter der Jungs. Der mit Schokolade umrandete Mund von Lukas erklärte einiges.
»Wann hast du denn Schokolade gegessen? Wo hattest du die denn her?« Carolin kramte Feuchttücher aus ihrer Tasche und reichte sie zum Rücksitz. »Putz dir mal den Mund ab. Und meine ganze Hose ist versaut! Ach, verdammt!«
»Schokolade ist lecker. Und verdammt sagt man nicht. Das hast du gesagt.«
»Ich glaube nicht, dass … ach, lassen wir es.« Je kräftiger sie über den Stoff rieb, umso mehr verteilte sich der Klecks. Die Flüssigkeit vergrößerte ihn und ließ ihn auch noch dunkler erscheinen. Carolin stieg aus. Sie zog ihren Pullover aus, unter dem sie eine weiße Bluse trug. Es würde zwar kalt sein, war aber die einzige Lösung, die ihr im Moment einfiel. Den Pulli knotete sie seitlich um die Hüften und zurrte ihn nach vorn, bis er den Fleck verdeckte.

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Autor & Copyright: Heike Fröhling

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Heike Fröhling,
Liebe ist kein Duett
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch 8,99 Euro

Wenn alle sagen, es ist vorbei… : Leonie Haubrich, „Auf manche Nacht folgt kein Tag“ [Leseprobe]

haubrich-manche-nachtWenn alle sagen, es ist längst vorbei, fängt es gerade erst an, denkt Walter, als er in der Lokalzeitung das Bild eines entführten Mädchens erblickt: denn das Mädchen sieht seiner verstorbenen Frau als Kind unglaublich ähnlich. Wie kann das sein? Hat Walter Halluzinationen? Immerhin ist er gerade mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Doch eins steht schon mal fest: das Mädchen ist verschwunden, und die Polizei tappt im Dunkeln. Und dann ist da diese Ähnlichkeit. Erinnerungen überfluten Walters Gegenwart, alte Wunden werden aufgerissen. Obwohl seine Umgebung sich gegen ihn stellt und ihn an seiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt: Walter ist sich sicher, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem Mädchen, seiner Frau und ihm selbst. Er beginnt zu recherchieren, sucht nach Spuren… und geleitet den Leser mitten hinein in die seelischen Abgründe gleich mehrerer Familiengeschichten. Mit „Auf manche Nacht folgt kein Tag“ legt Leonie Haubrich nach „Am Anfang war die Stille“ bereits ihren zweiten Self-Publishing-Thriller vor. Schon etwas länger ist die Wiesbadenerin unter ihrem „bürgerlichen“ Namen Heike Fröhling auch als Journalistin und Verlagsautorin unterwegs. Das Indie-Experiment hat sich gelohnt, nicht nur für die LeserInnen: nach dem Debut bewegt sich nun auch der neue Titel auf die Top 100 im Kindle Store zu. Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel, mehr verrät die „Blick ins Buch-Option“ bei Amazon.

Leonie Haubrich: Auf manche Nacht folgt kein Tag

1. Kapitel
Sie verließ ihre Deckung im Gebüsch, spannte die Bogensehne, kniff das linke Auge zu, um ihr Ziel zu fixieren. Mia hielt die Luft an. Dann ließ sie die Sehne vorschnellen. Wie geplant flog der Pfeil über die Straße. Er berührte mit seiner Gummispitze punktgenau den roten Aufkleber auf dem zehn Meter entfernten Hoftor. Getroffen! Dass sie mit dem rechten Turnschuh in den Bach rutschte, störte sie nicht. Es war einer dieser Tage, an denen solche Kleinigkeiten keine Rolle spielten, an denen einfach alles stimmte. Nicht einmal die angekündigte Klassenarbeit konnte ihre Laune trüben. An diesem Tag durfte Mia Robin Hood sein, worauf sie eine Woche lang gewartet hatte. Aus der Nebenstraße drangen Kinderrufe herüber, die lauter wurden und sich näherten. Das war der Sheriff von Nottingham mit seinen Gehilfen, die sie nun jagten, aber kaum finden würden, weil das Gebiet, das sie an diesem Tag für das Spiel festgelegt hatten, zu groß war, um es zu kontrollieren.
Mia huschte auf die andere Straßenseite, um den Pfeil einzusammeln, der nach seinem Treffer abgeprallt und von einer Windböe weggeweht worden war. Sie musste sich beeilen. Vorsichtig drückte sie das Holztor auf, um zu sehen, wo genau der Pfeil liegen geblieben war. Durch das geöffnete Tor lugte sie in den Hinterhof.
Im ersten Moment war der Pfeil nicht zu entdecken. Es war einer der alten Höfe, die zwei Zugänge hatten, einen zur Straße hin und einen zur hinteren Gasse. Dieser Hof ging noch dazu über Eck, sodass Mia ihn nicht vollständig einsehen konnte. An der Hauswand parkte gerade ein alter, schwarzer Opel ein. Der Motor verstummte. Zwei Personen stiegen aus. Die Frau öffnete den Kofferraum und holte eine Reisetasche heraus. Der Mann zog sich eine schwarze Strumpfmaske vom Kopf. Als er Mia erblickte, stieß er einen unterdrückten Fluch aus. Mias Gedanken überschlugen sich. Sie wusste, dass hier etwas überhaupt nicht stimmte. Wer trug im Alltag eine Strumpfmaske? Das Erschrecken, das im Gesicht des Mannes lag, bestärkte ihre Sorge. Was gerade passierte, sollte von niemandem entdeckt werden.
Sie wollte laufen, so schnell wie möglich nach den anderen rufen, damit sie kamen und ihr jemand sagte, was das alles bedeutete.
Lauf, befahl sie sich, lauf. Doch ihre Beine widersetzten sich jedem Befehl. Mia zitterte. Regungslos blieb sie dort stehen, wo sie sich befand. Ihr Puls hämmerte hinter ihrer Stirn. Sie musste sich festhalten, damit ihre Beine sie weiterhin aufrecht hielten, die Knie nicht einknickten. Die Frau ließ die Tasche fallen, der Verschluss ging auf. Mehrere Geldbündel rutschten auf die Pflastersteine. Aus Mias Hals kam ein Röcheln, das klang, als käme es gar nicht aus ihrem Körper, sondern von ganz weit her, dumpf aus einer Tiefe, die gar nicht zu ihr gehörte.
Bevor sie genau verstand, was sie gesehen hatte, was in ihrem Körper passierte, spürte sie, wie sie gepackt wurde. Ein Arm legte sich um sie, jemand drückte ihren Mund und ihre Nase zu. Sie drehte ihren Kopf, um sich zu befreien, um atmen zu können. Mit jeder Sekunde, in der sie keine Luft bekam, stieg ihre Panik. Sie strampelte mit den Beinen, versuchte zu schlagen, zu beißen. Ihr Körper übernahm die Kontrolle über das Geschehen. Er wehrte sich mit allen Mitteln. Doch das Einzige, was sich löste, war ihr rosa Schmetterlingshaargummi von ihrem Zopf. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie das Haargummi mit dem Tüllschmetterling mit dem Wind aufwärts glitt, über die Mauer hinwegflog wie ein Vogel, der aus seinem Käfig entkommen war. Die große Hand, die nach Zigarettenrauch roch, rutschte einige Millimeter abwärts. Endlich konnte sie durch den Mund nach Luft schnappen. Der Mann schloss das Tor zur Straße. Mia registrierte, wie sie von der Frau in einen Keller geschleift wurde. Bei jeder Treppenstufe knallten ihre Füße von einer Stufe zur nächsten, jedes Mal fühlte sie einen kleinen Schlag an den Fersen. Von irgendwoher flackerte ein Licht, das nicht hell genug war, um sich orientieren zu können. Es stank nach Feuchtigkeit und Schimmel. Mia musste würgen. Es gelang ihr nicht, mit den Schuhen Halt auf dem Boden zu finden. Ihre Beine schlenkerten wie Puppenbeine von einer Seite zur anderen, als hätte jemand sie von ihr abgetrennt, als gehörten sie gar nicht mehr wirklich zu ihr selbst. Dicht an ihrem Ohr hörte sie einen Knall, der sie an ihren Vater erinnerte, wie er auf den Esstisch schlug, wenn sie eine Fünf oder Sechs von der Schule mit nach Hause brachte. Sie bemerkte, dass der Knall ein Hieb an ihren Kopf gewesen war, und wunderte sich, warum sie keinen Schmerz spürte. Blut tropfte auf den Steinboden. Sie wusste, dass es ihr eigenes Blut war. Sie hätte darum kämpfen können, die Augen geöffnet zu lassen, wahrzunehmen, was um sie herum geschah. Stattdessen entschied sie sich zu fallen, in die Schwärze hinein, dorthin, wo sie ihre Angst und Hilflosigkeit nicht mehr spüren musste.

Copyright Cover & Leseprobe: Leonie Haubrich
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autorin.

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Leonie Haubrich, Auf manche Nacht folgt kein Tag
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 8,99 Euro

Weder tot noch vergangen – Heike Fröhlings Familiensaga „Als Träume fliegen lernten“ [Leseprobe]

Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen – wie wahr dieser Satz ist, entdeckt die junge Luisa beim Durchblättern alter Tagebücher und Briefe: ihre Großmutter Enriqua hat sie noch ein Jahr nach ihrem offiziellen Todesdatum verfasst. Was ist zwischen 1937 und 1938 tatsächlich passiert? Warum hat die erfolgreiche spanische Tänzerin einen deutschen Schreiner geheiratet? Je intensiver die Enkelin in die Welt der Dreißiger Jahre eintaucht, umso mehr versteht sie, dass die Ereignisse weit vor ihrer Geburt einen langen Schatten werfen, der auch ihr Leben beeinflusst.
Mit der Familiensaga „Als Träume fliegen lernten“ zeigt Heike Fröhling, dass sie nicht nur das Genre Krimi und Thriller beherrscht (siehe den unter Pseudonym erschienenen Bestseller „Am Anfang war die Stille“) – was aber auch kein Wunder ist, denn die studierte Germanistin und Musikwissenschaftlerin schrieb schon seit Ende der 1990er Jahre Romane und Erzählungen für Verlage wie Aufbau oder Bastei. Dank KDP & Co. ist die Autorin nun auch als erfolgreiche Self-Publisherin unterwegs. Unsere heutige Leseprobe führt direkt ins Herz der Familiensaga „Als Träume fliegen lernten“ – den Prolog der Geschichte gibt’s im Kindle Shop oder z.B. bei Thalia.

Heike Fröhling: Als Träume fliegen lernten



[…] Obenauf lag ein Stapel vergilbter Briefe, zusammengehalten mit einem dünnen Paketband. Sie zog an der Schleife. Alle Briefe waren an ihren Großvater adressiert, abgeschickt von ihrer Großmutter. Außerdem kamen vier in Leder gebundene Kladden zum Vorschein, die an alte Bilanzbücher erinnerten. Luisa schlug das oberste Buch auf, das in derselben geschwungenen Schrift geschrieben war wie die Briefe.
Auf der ersten Seite stand ein Gedicht von Goethe. „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn.“ Sie blätterte um. Ein Tagebuch. Die Windschutzscheibe war nun vollständig eingeschneit und trennte die Außenwelt zunehmend von ihr ab. Es musste ihr Großvater Friedrich gewesen sein, der – aus welchem Grund auch immer – nicht wollte, dass jemand diese Schriftstücke fand. Gleichzeitig hatte er es anscheinend nicht über sich bringen können, die Kiste samt Inhalt in einem der Kachelöfen zu verbrennen. Sie überflog die Daten, die in den Kladden notiert worden waren. 1932 … 1931 … 1936 … 1938. Luisas Hände hinterließen einen feuchten Abdruck auf dem Papier. Sie sprach die Jahreszahl leise aus: 1938. Das war unmöglich, denn zu der Zeit war Enriqua längst tot, seit einem Jahr beerdigt. Sie verglich die Schriftzüge der Briefe und Tagebücher untereinander. Die Wörter waren im Verlauf der Jahre kleiner geworden, die Zeilen weiter auseinandergerückt, fast so, als würden sie gar nicht zusammengehören. Doch die Schrift mit den geschwungenen Buchstaben war unverkennbar die Enriquas.

Donnerstag, 12. März 1931
Jeden Tag vergrößert sich meine Wegstrecke von der Klinik ausgehend. Die Kuranlagen waren das Ziel in der letzten Woche, heute habe ich zweimal den Teich umrundet, ohne Mantel, erhitzt von der Anstrengung, mit meiner feucht an Rücken und Armen klebenden Bluse vorbei an Männern mit Zylinder in ihren Sonntagsanzügen, Frauen, die sich vor den ersten Sonnenstrahlen mit bunten Schirmen schützen.
Wie die Krokusse ihre Köpfe trotz der Kälte und des diesjährigen späten Frostes dem Himmel entgegenrecken, habe ich geschworen, niemals aufzugeben. Schritt für Schritt ist es ein Vorwärtskämpfen. Das Knie durchstrecken und wieder anwinkeln, durchstrecken, anwinkeln. Sie irren, die Ärzte mit ihren Diagnosen und Therapien. Mir hilft keine Wasseranwendung, keine Schonung, sondern Bewegung. Es war die Operation nach dem Sturz, die alles zerstört hat, nicht der Tanzunfall selber, aber das glaubt mir niemand. Am schwersten ist es, das linke Bein vollständig zu beugen. Mit der Ferse das Gesäß zu berühren, ist eine Unmöglichkeit, doch gelingt die Beugung täglich einen Fingerbreit besser.
Trotz der Fortschritte lassen sich in ruhigen Momenten die Gedanken an meine Eltern und Verwandten nicht wegschieben: All das Geld, das sie für die Krankenhausaufenthalte und für diese Kur schon geschickt haben … Wie lange werden sie mich noch unterstützen, ich die Möglichkeit haben, in Berlin wieder in einem der bestehenden Ensembles einzusteigen?
Helga und Max haben in ihren Briefen versichert, dass sie warten, dass sie mit mir eine Tournee nach Stockholm und Paris planen. Aber ihre Post erreicht mich immer seltener, aus dem anfangs wöchentlichen Schreibrhythmus ist ein zweimonatiger geworden. Die Berichte von den Uraufführungen sind nicht mehr so ausführlich wie vor einem Jahr. Es sei ihnen nicht verübelt, spüre ich doch selbst, wie sich unsere Welten auseinanderentwickeln, wenn es mir nicht einmal gelingt, die Namen der Neuen in den Ensembles mit Gesichtern zu verbinden.
Durch meine täglichen Wanderungen wächst trotz der widrigen Umstände meine Zuversicht. Ich will das, sage ich mir, das steife Bein auf eine Bank gelegt. Das Herz rast von der noch ungewohnten Anstrengung, hämmert in seinem punktierten Rhythmus das Blut bis in die Fingerkuppen. Dann setze ich mich, wenn niemand in der Nähe ist, auf den Fuß, um mit Hilfe des Körpergewichtes die Beugung zu verstärken. Jedes Mal die Hände zu Fäusten geballt, die Fingernägel in die Handinnenflächen gedrückt, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Doch nur mit dieser Härte gelingt es, die Wegstrecke zu erhöhen, die Beinbeugung zu vergrößern. Einen Schritt weiter von Wiesbaden auf Berlin zu. Sogar die Fortbewegung mit einer anstelle von zwei Krücken funktioniert inzwischen.

Verschwitzt am Klinikgelände angekommen, wäre ich im Zimmer am liebsten auf mein Bett gefallen, aber die Schwester sagte, mein Verlobter warte im Garten. So hatte er sich vorgestellt? Er ist dreist. Er ist stur und hartnäckig. Er scheint zu wissen, was er will. Warum mich?
Meine Neugier trieb mich nach draußen zurück. Dort stand Herr Gehringer, gestützt auf seine Krücken und verbeugte sich. Neben ihm auf der Bank lag ein Frühlingsstrauß. Für mich, sagte er.
Er sollte mir keine Geschenke machen. Noch gibt es nur die teuren Gewächshausblumen.
In seiner Gegenwart ist es schwer, den Kopf nicht zu senken und ihn genauso direkt anzublicken, wie er es mir gegenüber tut. Er sieht gut aus mit seinen blauen Augen und blonden Haaren und seinem großen, schlanken Körper, und ich glaube, er ist sich dessen bewusst. Daran ändert sein verlorenes Bein nichts. Er kann meinen Wunsch nach baldiger Genesung nachvollziehen, braucht er doch nicht weniger Hartnäckigkeit, um angesichts der Entzündung seines Beinstumpfes die Hoffnung nicht zu verlieren.
Wir setzten uns nebeneinander. Meine Sätze klängen altertümlich, erinnerten ihn an Heine, meinte er. Wie er es aussprach, schien es ein Kompliment zu sein und gleichzeitig verunsicherte er mich.
Merkte man nach all den Jahren in diesem Land noch immer, mit welchen Büchern ich mir die Sprache beigebracht habe?

Anfangs erschien Luisa ihre Großmutter beim Lesen fremd. Diese pathetische Ausdrucksweise! Die Vergleiche, die man eher bei einem Gedicht erwarteten würde. Doch die Distanz legte sich schnell. Schon nach der ersten Seite wurde die Situation in Luisas Vorstellung plastisch. Es war, als könnte sie selbst die aufblühenden Krokusse riechen, als wäre sie neben Enriqua durch den Kurpark gewandert. Wie war es nur möglich, dass Friedrich und Enriqua durch die Aufzeichnungen in ihrer Gedanken so lebendig wurden, dass Luisa glaubte, ihrer Unterhaltung zuhören zu können?

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Copyright Cover & Leseprobe: Heike Fröhling –
Publikation mit frdl. Genehmigung der Autorin.

Heike Fröhling,
Als Träume fliegen lernten (Roman)
E-Book (Kindle/ epub) 2,99 Euro
Taschenbuch (Amazon) 15,99 Euro