Holtzbrinck verzichtet auf hartes DRM: bald auch Bertelsmann im Softie-Club?

holtzbrinck-verzichtet-auf-hartes-drmNach Bonnier verzichtet mit der Holtzbrinck Publishing Group in kurzer Zeit bereits die zweite große Verlagsgruppe auf hartes DRM – damit bleiben unter den Top 3 in der deutschen Publishing-Landschaft nur noch die Bertelsmänner dem einstigen Branchenstandard Adobe Digital Editions treu. Über mehr E-Book-Komfort dürfen sich dagegen die Leser von zu Holtzbrinck gehörenden Verlagen wie Rowohlt, Droemer Knaur oder Kiepenheuer & Witsch freuen.

Digitales Wasserzeichen „genau so effektiv“

Ganz ohne DRM geht die Geschichte aber auch in diesem Fall nicht zu Ende: Wie bereits die Verlagsgruppe Bonnier und zuvor einzelne Häuser wie dtv oder Dumont setzt Holtzbrinck zukünftig auf das Digitale Wasserzeichen. „Die bisherigen Erfahrungen mit dem digitalen Wasserzeichen im In- und Ausland haben gezeigt, dass dies genau so effektiv und zuverlässig das Urheberrecht unserer Autoren schützt wie ‚hartes‘ DRM“, so das Credo von Peter Kraus vom Cleff, Kaufmännischer Geschäftsführer der Rowohlt Verlage.

„Illegaler Missbrauch“ wird verfolgt

Viele kleinere Verlage verzichten dagegen schon seit längerem vollständig auf jegliche Form von Digitalem Rechtemanagement. Das hat nicht nur mit den eingesparten Kosten zu tun, sondern auch mit den bisherigen Erfahrungen im In- und Ausland, dass keine Form von DRM das Urheberrecht effektiv und zuverlässig schützen kann. Wohl nicht umsonst beeilte sich der Rowohlt-Geschäftsführer auch hinzuzufügen, man werde „illegalen Missbrauch“ der Verlagsrechte „auch weiterhin konsequent verfolgen“. Bei legalem Missbrauch wird dagegen offenbar ein Auge zugedrückt. Fragt sich nur, was fällt darunter? Gilt die normale Lektüre inzwischen als Kavaliersdelikt!?

Abb.: Free Culture @ NYU (by-sa-2.0)

Digitales Wasserzeichen: „Softe“ DRM-Lösung auch für Self-Publisher interessant?

„Hartes“ DRM macht vielen E-Book-Lesern das Leben schwer – so beschränkt etwa Adobe Digital Editions die Zahl der nutzbaren Lesegeräte, der Wechsel zwischen der epub- und Kindle-Welt wird verhindert. Erstkunden müssen sich zudem neben einem normalen Kundenaccount auch direkt bei Adobe registrieren. „Weiches“ DRM dagegen setzt eher auf soziale Kontrolle – insbesondere durch die Verwendung von digitalen Wasserzeichen. Eine neue Watermarking-Lösung bietet der „eBook DRM Server“ von Lichtzeichen Medien an. „Zielgruppe sind Verlage und Shopbetreiber aller Größen“, so Projektleiter Samuel Janzen. „Mit dem Wasserzeichen im E-Book wird der Endverbraucher visuell daran erinnert, dass eine unerlaubte Weitergabe unerwünscht ist, jedoch schränkt es ihn in keinster Weise ein“.

Als Plugin für gängige E-Commerce-Plattformen verfügbar

Auch aus der Perspektive des E-Book-Verkäufers stellt das Verfahren keine großen Anforderungen: die Personalisierung des jeweiligen Titels übernimmt ein spezielles Plugin, das für verschiedene E-Commerce-Plattformen verfügbar ist: „Nach Kauf eines E-Book-Titels im Shop wird die E-Book Erstellung an den eBook DRM Server gesendet. Der Server generiert das mit dem Wasserzeichen versehene E-Book und liefert es via E-Mail oder als Direktdownload-Link aus“, erklärt Janzen. In welcher Form der Leser das Wasserzeichen zu Gesicht bekommt, kann der Verkäufer selbst entscheiden: „Das individuell einstellbare Wasserzeichen wird im Impressum und/oder dem Schmutztitel des Buches platziert. Optional ist die Platzierung eines sichtbaren oder unsichtbaren Wasserzeichens am Anfang eines jeden Kapitels“, so der Projektleiter.

Pro Buch werden 0,25 Cent Gebühr fällit

Durch die einfache Integration in gängige Shop-Systeme ist der „eBook DRM Server“ grundsätzlich auch für Self-Publishing-Autoren interessant – die Grundgebühr von 25 Euro pro Monat und eine Auslieferungsgebühr von 25 Cent pro Buch klingen durchaus realistisch. Andererseits verzichten manche Independent-Autoren schon jetzt ganz bewusst komplett auf alle Formen von Kopierschutz, da sie an einer möglichst großen Reichweite ihrer E-Books interessiert sind. Für die meisten klassischen Verlage bestehen vor solch einem Schritt jedoch noch psychologische Hemmschwellen – für sie könnte der „eBook Server“ des niedersächsischen Anbieters auf jeden Fall eine akzeptable Zwischenlösung sein.

Gebrauchte E-Books mit Wasserzeichen?

Den größten Nutzen beim Verzicht auf hartes DRM haben die Kunden: neben der Verwendung von beliebig vielen Lesegeräten machen Systeme wie der „eBook DRM Server“ auch Schluss mit den künstlichen Grenzen zwischen der epub- und Kindle-Welt: ein E-Book mit Wasserzeichen lässt sich nämlich problemlos hin- und herkonvertieren. Falls in Zukunft der Weiterverkauf gebrauchter E-Books legalisiert werden sollte, könnten vielleicht sogar Titel mit Wasserzeichen im Second-Hand-Handel auftauchen, schätzt Janzen: „Die Möglichkeit, ein Buch via eBook DRM Server im Rahmen eines Privatverkaufes auf eine andere Person umzuschreiben, ist angedacht und wird noch geprüft“.

Abb.: eBook DRM Server (c)