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Henry Palmer ermittelt „Hart am Rand“: Finale der Krimi-Trilogie von Ralph Gerstenberg

hart-am-rand-introBerlins Mitte boomt, die Schickimickiszene bestimmt das Nachtleben. Auch mit Henry Palmer scheint es aufwärts zu gehen, er hat einen lukrativen Job als “Location Scout” angenommen. Doch bald gibt es schon wieder Ärger im Kiez: Henry verliebt sich in eine Prostituierte, lernt einen skurrilen Waffenhändler kennen, und landet mitten in einer Lokalfehde zwischen Kneipenwirten und “Tresengangstern”. Dann verschwindet nicht nur der Vater seines besten Freundes Theo, auch das Manuskript einer True Crime-Story zum Thema Designerdrogen fehlt. Auf die Polizei ist kein Verlass, Henry muss den Fall mal wieder selbst lösen — ermittelt wird „Hart am Rand“. So auch der Titel des bei ebooknews press als E-Book & Paperback erschienenen Krimis von Ralph Gerstenberg, mit dem zugleich die Henry Palmer-Trilogie endet (siehe auch: „Grimm und Lachmund“ sowie „Ganzheitlich sterben“). Noch einmal führt Gerstenbergs Krimi den Leser zurück in das Berlin der Neunziger Jahre, in diesem Fall kurz vorm Übergang zum Millenium. Der Nachwendezauber ist endgültig verflogen, die neue Mitte hat sich etabliert: „Die Zeit der Unschuld, falls es sie jemals gegeben hat, war definitiv vorbei. Berlin wurde abgesteckt und aufgeteilt“, so der Autor im E-Book-News-Interview über das Setting. „Die Cleveren sind dabei ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, während Henry Palmer und seine Freunde weiter in ihren Tagträumen leben, bis sie schließlich von der Realität eingeholt werden.“ Unsere Leseprobe führt an den Beginn der Story um Theos Vater & das verschwundene Manuskript:

Ralph Gerstenberg, Hart am Rand

(…)
«Henry?»
«Morgen Theo, wie fühlt man sich nach einer durchzechten Nacht?»
«Du musst unbedingt herkommen!»
«Was ist denn los?»
Seine Stimme klang trotz des versoffenen Timbres irgendwie verhalten und beinahe wehleidig.
«Du musst unbedingt herkommen!», wiederholte er.
«Okay», sagte ich. Schließlich befand sich die Wohnung seines Vaters gleich um die Ecke. «Lass mich nur erst zu Ende frühstücken. In einer halben Stunde bin ich da.»
«Henry, ich will dich nicht unter Druck setzen, aber es ist etwas passiert.»
«Und du willst nicht am Telefon darüber sprechen.»
«Nein!»
«Du kannst einem ja richtig Angst machen. Also gut, ich bin gleich bei dir.»
Ich nahm noch einen Schluck von dem Milchkaffee, der gerade gebracht wurde, belegte eine Toastscheibe mit Käse, klappte die andere darauf, bezahlte und ging.
Meine Seele hatte sich immer noch nicht blicken lassen. Wahrscheinlich zog sie es vor, bei diesem Wetter im Bett zu bleiben. Das hätte der Rest von mir auch gerne getan. Stattdessen stand er nun vor der Tür in der Auguststraße, würgte den letzten Bissen von dem trockenen Toast herunter und drückte auf den Klingelknopf.
Theos Kopf erschien im Türspalt. Er hatte eine ähnliche Strubbelfrisur wie der Typ, den ich heute Morgen im Spiegel gesehen hatte. Auch die Blässe in seinem Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor.
«Gott sei Dank!», sagte er und ließ mich herein. In der Hand hielt er ein Wasserglas, auf dessen Boden eine Tablette zerfiel.
«Wo brennt’s denn?»
Statt zu antworten führte er mich ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch lagen noch das Fotoalbum, die Polaroidkamera und die Bilder, die Theo von Hannah und seinem Vater beim Tanzen gemacht hatte. Daneben standen eine fast volle Flasche Bier und ein Aschenbecher mit einer angerauchten Zigarre auf der Ablage. Obwohl es draußen nicht gerade hell war, wirkte die Wohnung bei Tageslicht noch verstaubter, vergilbter und vergammelter als gestern Abend. Theo sagte noch immer nichts. Er nickte nur kurz in Richtung des Sofas, auf dem sein Vater bei unserem Abschied gelegen hatte.
«Soll ich dir beim Aufräumen helfen?», fragte ich schließlich, um ein bisschen voranzukommen.
«Er ist weg», sagte Theo, schüttelte das Glas und blickte traurig und abwesend in die trübe Flüssigkeit.
«Wer?»
«Mein Vater.»
«Und wo ist er?»
«Keine Ahnung.»
So ratlos hatte ich Theo noch nie gesehen. Als er mich anschaute, kam ich mir vor wie ein Internist, von dem eine schicksalsentscheidende Diagnose erwartet wurde. Dabei war ich eigentlich derjenige, der Fragen stellen sollte, fand ich.
«Vielleicht hatte er einen Termin», versuchte ich ihn zu beruhigen. «Sicher wollte er dich heute Morgen nicht wecken.»
Statt etwas zu erwidern, führte Theo mich ins Schlafzimmer. Als ich den Raum betrat, stieß ich mit dem rechten Fuß gegen eine leere Schnapsflasche, die daraufhin unter das Doppelbett rollte. Die Türen des Kleiderschranks standen weit offen. Hosen, Hemden, Jacken, Strümpfe lagen durcheinander
auf dem ungemachten Bett. Der Inhalt mehrerer Schubfächer war auf dem Fußboden verteilt worden. Eine Nachttischlampe war heruntergefallen und zu Bruch gegangen, ebenso ein Bild von Theos Mutter.
Theo hob es auf und entfernte das zersprungene Glas aus dem Rahmen.
«Hier sieht’s ja wüst aus», stellte ich überflüssigerweise fest.
«Es ist meine Schuld», sagte Theo und stellte das Bild zurück auf den Nachttisch.
«Ich glaube, ich kann dir nicht ganz folgen.»
«Das Manuskript ist auch verschwunden.»
«Dein Buch, von dem du mir gestern erzählt hast?»
Er nickte und nahm einen Schluck aus dem Glas, das er immer noch wie einen Drink in der Hand hielt.
«Dann ist doch alles klar! Dein Vater sitzt in irgendeinem Café um die Ecke, genehmigt sich ein Katerfrühstück und liest sich dabei an deinen Jugenderinnerungen fest.»
«Ich habe es ihm gegeben, damit er weiß, was ich getan habe und warum.»
«Das wird ihn sicher interessieren.»
Ich ging zurück in den Korridor und machte Anstalten, die Wohnung zu verlassen. Schließlich hatte ich heute noch einiges vor.
Doch Theo schüttelte energisch den Kopf und wirkte auf einmal so aufgelöst wie die Tablette in seinem Glas.
«Das würde er niemals tun“, sagte er. «Nie!»
«Was?»
«Einfach so zu verschwinden.»
«Theo, ich weiß nicht, wie lange du wach bist, aber er kann höchstens ein paar Stunden weg sein. Kein Grund also, sich Sorgen zu machen.» Ein Blick in das Schlafzimmer ließ jedoch leichte Zweifel an meinen eigenen Worten aufkommen.
«Er würde niemals das Bild von meiner Mutter auf dem Fußboden liegen lassen.»
«Worauf willst du eigentlich hinaus?»
Theo schluckte den letzten Rest der aufgelösten Tablette und sagte voller Überzeugung: «Er ist nicht freiwillig gegangen.»
«Ehrlich gesagt, weiß ich noch immer nicht, was du damit sagen willst.»
«Dass er entführt wurde! Das ist doch offensichtlich.»
Langsam wurde er ungeduldig. Eine solche Begriffsstutzigkeit hatte er von mir wohl nicht erwartet.
«Von wem und weshalb?»
«Von den Leuten, die etwas dagegen haben, dass mein Buch erscheint und dass ich wieder auf freiem Fuß bin. Da hat jemand unwahrscheinliche Angst. Oder glaubst du, es ist Zufall, dass so etwas passiert – einen Tag, nachdem ich entlassen wurde?» Indem er wieder den Kopf schüttelte, beantwortete
er seine Frage gleich selbst.
Theos Entführungsthese schien mir zwar ganz in der Tradition paranoider Verschwörungstheorien zu stehen und durchaus etwas mit den geistigen Getränken zu tun zu haben, die er gestern zu sich genommen hatte. Trotzdem versuchte ich pro forma darauf einzugehen. Was tut man nicht
alles für seinen besten Freund.
«Ich weiß zwar nicht, was du geschrieben hast, aber es muss schon ziemlich brisant sein, wenn im Vorfeld Schlafzimmer durchwühlt und Leute entführt werden.»
«Sie wollen mich unter Druck setzen. Bislang hatten sie nichts in der Hand, aber nun . . . »
Sie! Ich hatte es befürchtet. 3. Person Plural – bevorzugt verwendet von Leuten, denen der sanfte Kuss der Paranoia den Geist verwirrt hatte!
«Wen hast du denn eigentlich konkret in Verdacht?», fragte ich vorsichtig.
«Diese Arschgeigen können was erleben!», erklärte Theo aufgebracht, statt einer Artwort. «Mein Vater hat genug durchgemacht in seinem Leben. Das ist nicht fair, dass er auch noch Rechnungen bezahlen soll, die ich mit ein paar Idioten in dieser Stadt offen habe.»
«Wie wär’s, wenn du erst mal einen Kaffee kochst und mir genau erzählst, worum es eigentlich geht?»

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Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg

Hart-am-Rand-Teil-drei-Henry-Palmer-Trilogie
Ralph Gerstenberg, Hart am Rand (Krimi)
(Henry Palmer-Trilogie, Bd. 3)
E-Book (epub/mobi) 2,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 8,90 Euro

Coverfoto: Robert Agthe/Flicker (cc-by-2.0)