„Three Strikes“-Regel: Frankreich halbiert Piraterie-Rate, Umsätze sinken trotzdem

Frankreichs Internet-Kontrollbehörde HADOPI darf sich auf die Epauletten klopfen – das unerlaubte Downloaden von Musikdateien und Filmen ist 2011 stark zurückgegangen. In einem aktuellen Report wird festgestellt: „Benchmarking-Vergleiche zeigen einen klaren Abwärtstrend bei illegalen Peer-to-Peer-Downloads. Für eine Verschiebung in Richtung Streaming oder One-Click-Hoster gibt es keine Anzeichen.“ Insgesamt soll je nach Messmethode der P2p-Download in Frankreich zwischen 17 und 66 Prozent abgenommen haben. Zugleich stiegen die Umsätze im digitalen Bereich: Video-On-Demand verzeichnete ein Plus von 50 Prozent, Musikdownloads ein Plus von 18 Prozent.

Dickes Minus bei CDs und DVDs verhagelt die Bilanz

Also alles gut? Überhaupt nicht. Denn letztlich geht es der Film- und Musikindustrie genau wie der Buchbranche. Insgesamt schrumpft der Umsatz auch weiterhin. Trotz aller Zuwächse im digitalen Bereich können die starken Einbrüche beim Verkauf physischer Datenträger nicht aufgefangen werden. Das globale Umsatz-Minus in der französischen Filmbranche betrug deswegen 2,7 Prozent, im Musiksektor 3,9 Prozent. Ähnlich wie gedruckte Bücher für die Verlage sind im audiovisuellen Bereich DVDs und CDs immer noch das wichtigste Standbein der Unterhaltungsindustrie. Selbst in der iPhone- und iPad-Nation USA war der Marktanteil der Silberscheiben zumindest bis 2011 immer noch größer als alle Online-Angebote. Das eigentliche Problem bleibt also für die Gutenberg-Galaxis genauso wie für die audiovisuellen Medien nicht Piraterie, sondern der grundlegende Strukturwandel in Richtung Download und Streaming.

Mangelndes Angebot führt zu Piraterie-Boom

Der Boom von Tauschbörsen und Peer-2-Peer-Plattformen wurde auch jenseits des Rheins gerade durch das Bestreben der Content-Industrie gefördert, den Strukturwandel zu verzögern. So stellte etwa die in der Region Paris ansässige Monitoring-Behörde Le MOTif – zuständig für die Buchbranche – erst kürzlich für den Bereich Comics & Mangas fest: 58 Prozent der betroffenen Titel waren zum Zeitpunkt ihrer Verbreitung über Internet-Tauschbörsen oder Streaming-Portale weder digital noch im Print in Frankreich lieferbar. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei normalen E-Books – viele französische Verlage spielen immer noch auf Zeit und verzichten auf elektronische Versionen. Das Angebot kommerzieller Titel ist so dürftig, dass sogar bei den legalen Downloads Bibliotheken und Google Books weit vor dem Online-Buchhandel liegen, der nur auf einen Anteil von knapp 40 Prozent kommt.

Piraten sind zugleich die besten Kunden

Im Musik- wie auch Filmsektor zumindest hat Frankreich allerdings in letzter Zeit deutlich nachgebessert. So sind mittlerweile etwa viele Kinostreifen per Video-on-Demand legal verfügbar, die zuvor nur via P2P gezapft werden konnten. Die Ausweitung des Angebots dient einerseits der politischen Rechtfertigung für harsche Maßnahmen von der Überwachung und Verwarnung der Nutzer bis hin zu Internetsperren, andererseits ist sie aber auch einem gewissen Maß an Realpolitik geschuldet – Piraterie hat eben viel mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage zu tun. Das funktioniert aber im Internet-Zeitalter letztlich doch anders, als es sich die Erfinder der Netzsperren wünschen. Schon vor einiger Zeit musste ausgerechnet die HADOPI zugeben, dass „Heavy User“ von illegalen Tauschbörsen im Musikbereich zugleich zu den besten Kunden von legalen Anbietern gehören.

(via Torrentfreak.com)

Abb.: flickr/lamont_cranston

Urheberrechts-Schutz: Bundesregierung veröffentlicht Warnhinweis-Studie

Die momentan diskutierte Überwachung, Abmahnung und Sperrung von Internet-Nutzern betrifft nicht nur Fälle, bei denen via Filesharing Filme oder Musik heruntergeladen werden. Erst anlässlich der letzten Buchmesse forderte etwa der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Provider müssten in Zukunft beim illegalen Download von E-Books Warnhinweise einblenden. Solche Sanktionen befürwortet nun auch eine Studie, die im Auftrag der Bundesregierung erstellt wurde. Doch wären die Warnhinweise selbst überhaupt legal? Eindeutig nein, meint irights-Experte Ilja Braun, dessen Beitrag für Digitale Linke wir im Folgenden crossposten.

Vorratsdatenspeicherung inklusive

Das Bundeswirtschaftsministerium hat seine Studie zu Warnhinweisen bei Urheberrrechts-verletzungen vorgelegt, und Thomas Stadler hat sie auch schon kommentiert. Kurz gesagt, schlägt Autor Rolf Schwartmann vor, in Deutschland ein Modell einzuführen, wie es in Großbritannien diskutiert wird, aber aufgrund von Klagen der Provider bislang noch nicht umgesetzt werden konnte. Wer p2p-Netzwerke nutzt, um urheberrechtlich geschützte Werke illegal zu tauschen, soll zukünftig von seinem Provider einen Warnhinweis zugestellt bekommen. Bei Wiederholungstätern sollen sogar Listen über die Rechtsverletzungen geführt werden, die am Ende den Rechteinhabern übermittelt werden sollen. Diese können dann weitere juristische Schritte einleiten.

Es kann also immer noch schlimmer kommen, als man dachte: Das britische Modell ist noch unsäglicher als das französische Loi Hadopi, weil es mit einer Vorratsdatenspeicherung einhergeht, die es schwer haben dürfte, die in Deutschland dafür vom Bundesverfasssungsgericht aufgestellten Hürden zu passieren. In den nächsten Tagen dürfte der Vorschlag noch für einige Diskussionen sorgen.

Wie werden die Urheberverbände reagieren?

Interessant wird dabei vor allem, wie sich die Urheberverbände dazu verhalten werden. Die Gewerkschaft ver.di hatte noch vor Kurzem nicht einmal gegen Netzsperren etwas einzuwenden. Wird sie den Mut aufbringen, sich nun gegen Warnhinweismodelle auszusprechen? Zu raten wäre es ihr ebenso wie den anderen Urheberverbänden, auf deren Reaktion man nun gespannt sein darf. Bei Urheberverbänden weiß man derzeit leider nie, ob sie ihre eigenen Interessen am Ende nicht doch mit denen der Verwerter verwechseln.

Fest steht: Mit rechtsstaatlichen Prinzipien sind solche Warnhinweise unvereinbar. Denn dabei findet nichts Geringeres als eine Privatisierung der Rechtsdurchsetzung statt. Rechteinhaber verfügen in Deutschland schon heute über einen zivilrechtlichen Auskunftsanspruch. Sie können also jederzeit die IP-Adressen der Kommunikationsteilhaber herausfinden, um Rechtsverletzungen juristisch zu verfolgen. Statt aber den ordentlichen Weg über Anwälte und Gerichte zu gehen, wird versucht, Druck auf die Provider auszuüben, die zu Hilfspolizisten der Rechteinhaber gemacht werden sollen. Während man sich juristische Konsequenzen natürlich weiterhin vorbehält.

Abmahnungen als besseres Warnhinweis-System

Denn da beißt die Maus keinen Faden ab: Es gibt längst ein Warnhinweis-System, und das ist die sogenannte “strafbewehrte Unterlassungserklärung”, besser bekannt als Abmahnung. Sie hat genau den Zweck, der jetzt als großes Plus des Warnhinweis-Modells verkauft wird: Sie soll verhindern, dass in unzähligen Bagatellfällen Prozesse geführt werden müssen. Sie ist eine vorgerichtliche Klärung. Das Problem ist nur: Sie wird von Rechteinhabern und Abmahnanwälten als Geschäftsmodell missbraucht, getreu dem alten Motto “Turn privacy into profits”. Eine gesetzliche Regelung, die dem einen Riegel vorschieben wollte, indem sie die Kosten in einfach gelagerten Fällen auf 100 Euro begrenzte, hat sich als unwirksam erwiesen. Es liegen aber mehrere Vorschläge auf dem Tisch, wie man eine Deckelung der Abmahnkosten wirksam durchsetzen konnte. Nicht zuletzt ein Gesetzentwurf der Linksfraktion.

Statt die handwerklichen Fehler zu korrigieren und die Bagatellregelung so zu gestalten, dass Abmahnungen tatsächlich wieder als “Warnhinweise” wirken und nicht als erpresserische Abzocke, möchte die Bundesregierung offenbar den Rechteinhabern noch ein zusätzliches Instrument in die Hand geben, um die Nutzer unter Druck zu setzen. Man braucht kein Hellseher zu sein um vorauszusehen, dass ihr das nicht mit Dank abgenommen werden wird. Den Nutzerinnen und Nutzer Überwachungsmaßnahmen im Interesse der Medienindustrie als kleineres Übel gegenüber der derzeitigen Abmahnpraxis zu verkaufen, ist ja vielleicht einen Versuch wert. Aber wird er gelingen?

Unangenehme Folgen für die Provider

Am zweitunangenehmsten dürfte die Sache für die Provider werden. Sie riskieren, sich bei ihren Kunden nachhaltig unbeliebt zu machen. Sie riskieren, dass Kosten auf sie zukommen. (Eine interessante Frage übrigens: Wer bezahlt am Ende die zu schaffende Infrastruktur? Die Rechteinhaber? Der Staat? Oder die Nutzer?) Und sie riskieren nicht zuletzt, dass es mit ihrer privilegierten Stellung in Haftungsfragen demnächst vorbei sein wird. Denn natürlich haften Access Provider nur deshalb nicht für die von ihnen transportierten Inhalte, weil man davon ausgeht, dass sie diese nicht kontrollieren. Auch Host Provider haften nur dann nicht für Rechtsverletzungen, wenn sie keine Kenntnis von diesen haben. Andernfalls müssen sie zum Beispiel illegale Inhalte unverzüglich löschen. Wenn nun Provider in die Pflicht genommen werden, Hand in Hand mit Rechteinhabern gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen, wird diese Rechtfertigung auf die Dauer nicht mehr zu halten sein. Wer von Rechtsverletzungen Kenntnis hat, sie theoretisch verhindern könnte, aber nichts unternimmt als einen Warnhinweis zu verschicken, der riskiert am Ende womöglich, im Rahmen der Störerhaftung selbst vor den Kadi gezerrt zu werden. Die “freiwillige Kooperation” im Rahmen des Warnhinweis-Modells wäre dann nur der erste Schritt gewesen.

Vielleicht wäre es langfristig besser, dafür zu sorgen, dass Verwerter Kreativschaffende angemessen vergüten, statt ihnen immer neue Waffen gegen die Nutzer an die Hand zu geben.

Autor & CC-Lizenz: Ilja Braun
Crossposting via Digitale Linke

HADOPI-Studie gibt zu: „Piraten sind die besten Kunden“

Eine verblüffende Erkenntnis zum Thema Internet-Piracy kommt ausgerechnet von der französischen Kontrollbehörde HADOPI: der Kampf gegen Filesharing ist nicht nur schlecht für das Geschäft, er trifft am Ende ausgerechnet die besten Kunden. Denn Heavy User sind gleichzeitig auch heavy shopper – knapp zwei Drittel derjenigen, die durchschnittlich 100 Euro und mehr pro Monat für digitale Güter ausgeben, tummeln sich erklärtermaßen auch auf Downloadforen.

Bei jenen, die zwischen 31 und 99 Euro monatlich online ausgeben, liegt die Rate der Filesharing-Nutzer immerhin noch bei 57 Prozent. Überwiegend legal verhalten sich lediglich Nutzer, die im Internet die Hand auf dem Portemonnaie halten, also wenig bis gar nichts kaufen. Nachzulesen ist diese Tatsache etwas versteckt in einer Studie mit dem Titel „Hadopi, Kulturgüter und Internetnutzung“ (Hadopi, biens culturels et usages d’internet), für die das Verhalten und die Selbsteinschätzung der französischen Internetnutzer empirisch untersucht wurde.

Nach der berüchtigten „Three Strikes“-Regel verschickt die HADOPI-Behörde zuerst Warnungen an überführte Filesharer, am Ende droht die Netzsperre. Zu den Hauptargumenten für den rigiden Kurs gegen Urheberrechtsverletzungen gehörten bisher die damit in Verbindung gebrachten Einnahmeverluste der Musik- und Filmindustrie. Nach und nach scheint sich diese Politik aber selbst zu zerlegen. Erst vor kurzem wurde bekannt, dass die HADOPI mit automatischen Meldungen wegen Copyright-Vergehen regelrecht überschwemmt wird: 18 Millionen solcher Fälle führten in kurzer Zeit zu fast 500.000 ersten Verwarnungen an französische „Internautes“.

Alleine schon aus technischen Gründen scheint sich die zweite Stufe der Sanktionen zu verlangsamen. Insgesamt könnten von den HADOPI-Maßnahmen bis zu einem Drittel aller Netznutzer in Frankreich betroffen sein, wie vergleichbare Zahlen der GfK für den E-Book-Sektor zeigen (siehe den E-Book-News-Artikel „Jeder dritte Franzose ist ein E-Book-Pirat“). Die HADOPI-Studie zum Nutzerverhalten zeigt nun auch die ökonomische Absurdität des eigenen Vorgehens. Die oben genannten Heavy User mit Online-Ausgaben von mindesten 31 Euro pro Monat machen satte 25 Prozent der gesamten Kundschaft aus, und dürften damit den Löwenanteil der Umsätze generieren. Ausgerechnet die will man nun also vergraulen? Ein tragbares Geschäftsmodell sieht da doch wohl etwas anders aus.

Liberté, toujours: Französischer Verlag bündelt E-Reader & DRM-freie E-Books

In libro Veritas E-Books E-Reader im Bundle Bookeen Opus.gifBookeen Opus-ILV: das klingt zunächst wie eine neue Version des französischen 5-Zoll-Readers. Doch in Wahrheit geht es um etwas anderes: der Verlag In Libro Veritas bietet das Lesegerät nun im Direktverkauf an, gefüllt mit einer Auswahl kostenloser E-Books. Besonderer Pluspunkt: nicht nur die Public-Domain-Klassiker, sondern auch die aktuellen Titel sind ohne Kopierschutz. Denn Verleger Mathieu Pasquini unterstützt die Copyleft-Bewegung.

In Libro Veritas: ein Verlag im Kampf gegen DRM

„Das Buch als Buch gehört dem Autor, aber als Gedanke gehört es der Menschheit“ – dieses Zitat von Victor Hugo hat es Mathieu Pasquini, Gründer des Verlags In Libro Veritas, besonders angetan. Der Verleger und Digital Rights-Aktivist stellte es seinem Vorwort für den Sammelband „La Bataille Hadopi“ (Die Schlacht um Hadopi) voran. Darin geht es um die Urheberrechts- und Kopierschutzdebatte bei unseren französischen Nachbarn, und natürlich um die Rolle des Internets. Die „Lex Hadopi“ legt schließlich die gesetzliche Grundlage dafür, unerlaubtes Filesharing mit Netzsperren zu ahnden. Bei In Libro Veritas wird dagegen seit 2005 ein deutliches Zeichen gegen Digital Rights Management und für das Recht auf Information gesetzt. Neben zahlreichen Public Domain-Klassikern bietet das Webportal inlibroveritas.net eine Reihe aktueller Titel unter Creativ Commons Lizenz an, die man entweder als PDF oder epub downloaden oder zumindest online lesen kann.

Die Leser können zwischen verschiedenen E-Book-Bundles wählen

In Kooperation mit Bookeen kann man verschiedene E-Book-Kollektionen von In Libro Veritas nun auch vorinstalliert auf einem E-Reader erwerben. Dabei handelt es sich um Bookeens 5-Zoll-Lesegerät Opus, das seit Sommer 2009 auf dem Markt ist. Die Opus-ILV-Version geht für 199 Euro über den Ladentisch, ist also genauso teuer wie bei anderen Anbietern. Doch dafür kann man zwischen mehreren Literatur-Bundles wählen.

  • Die Ubuntu-Version etwa enthält E-Books, die sich mit der gleichnamigen Linux-Distribution beschäftigen. Was ja auch deshalb Sinn macht, weil der Opus nicht nur problemlos Verbindung mit Windows- und Mac-Rechnern aufnehmen kann, sondern auch mit der Open Source-Alternative.
  • Die Selection InLibroVeritas wie auch ILV-Bibliotheca bieten eine allgemeine Auswahl aktueller Titel aus dem Verlagsprogramm, die Selection d’oeuvres du Domaine Public dagegen versammelt hundert Klassiker von Homer bis Victor Hugo.

Wie es sich für In Libro Veritas gehört, sind die E-Books im epub-Format und DRM-frei. Letzlich verstehen sich die E-Books natürlich nur als Appetizer, denn grundsätzlich steht den Benutzern ja die gesamte Online-Bibliothek von In Libro Veritas offen. Völlig bargeldlos geht es dort übrigens nicht zu: gegen Cash bekommt man jedes E-Book auch als Print-On-Demand-Buch, und den lebenden Autoren kann man online eine Spende zukommen lassen.