Zukunftsmodell Guardian: Leserfinanzierung übersteigt mittlerweile die Anzeigenerlöse

guardian-app als freemiumNicht nur nicht pleite zu sein, sondern leserfinanziert, und trotzdem Digital- und Printausgabe zu stemmen, davon träumen viele Gazetten in den Zeiten der Krise. Zwei probate Mittel zwecks Sanierung sind meistens: Personalkürzungen um die Ausgabeseite zu straffen, Paywall um die Online-Erlöse zu erhöhen.

Der britische Guardian darf sich jetzt mächtig auf die Schulter klopfen — das Traditionsblatt hat die Wende geschafft, und das sogar explizit ohne Bezahlschranke: „Last month, editor-in-chief Katharine Viner announced that finanical support from readers had officially surpassed advertising“, schreibt niemanlab.org — wobei die Kombination der Einnahmenströme das besonders interessante ist.

Geld kommt nämlich nicht nur von normalen Abonnenten der Print- bzw. Onlineausgabe, sondern auch von regelmäßig zahlenden Unterstützern im Rahmen des Guardian-Membership-Programms (insgesamt 500.000 Personen) und großzügigen Einmal-Spendern (insgesamt 300.000 Personen).

Besonders wirksam war dabei offenbar ein ausführlicher Spendenaufruf, der seit einiger Zeit unter den Artikeln der Online-Ausgabe eingeblendet wird — etwas unaufdringlicher als die Paywahl-Overlays bei der deutschen taz, zugleich aber deutlich einträglicher. Natürlich ist das potentielle Publikum bei einer englischsprachigen Zeitung wie dem Guardian auch deutlich größer.

Jedes Mal, wenn sich das Blatt ganz besonders ins Zeug legt, etwa bei Recherche-Projekten wie den „Panama Papers“ oder aktuell den „Paradise Papers“, ist das emotionale wie finanzielle Feedback der Leser-Community besonders groß — viele Unterstützer haben ihre monatlichen Beiträge im Zuge solcher Themenspecials sogar noch erhöht.

„We’ve moved away from the traditional transactional model to a more emotional one that’s rooted in our journalism“, fasst es eine der Verantwortlichen des „Membership“-Programms zusammen.

Harte Einsparungen bei Personal und Ausstattung, das sollte man aber nicht verschweigen, gab es beim Guardian zwischenzeitlich auch.

(via niemanlab.org)

Geteilte News ist gute News: Facebook-App von Guardian.co.uk hat bereits 6 Mio User

Facebook ist längst zum Internet im Internet geworden – was bei vielen News-Portalen Stirnrunzeln verursacht. In den USA verbringen die Leser pro Monat nur noch durchschnittlich 25 Minuten auf den Websiten von Zeitungsverlagen, dagegen aber acht Stunden auf dem inzwischen börsennotierten sozialen Netzwerk. Auf der Jagd nach mehr „Eyeballs“ von jüngeren Netznutzern setzen deswegen immer mehr Blätter auf Facebook-Apps. Neben dem Wall-Street-Journal ging Ende 2011 die Guardian-App an den Start. Mit Erfolg: Anfang Februar zählte die Facebook-App des linksliberalen britischen Traditionsblattes bereits mehr als 6 Millionen Nutzer, die meisten davon jünger als 25 Jahre.

Dabei profitiert der Guardian von den allerneuesten viralen Effekten innerhalb von Facebook. Denn dank „frictionless sharing“ (auch „automagisches Teilen“ genannt) weiß der eigene Freundeskreis sofort, welche Artikel man via Guardian-App gerade gelesen hat. Wer einem Artikel-Link folgen will, bekommt zunächst einmal die Installation der App angeboten. Allerdings scheint die Strategie des Guardian nicht zur Selbsteinmauerung im sozialen Netzwerk zu führen. Denn ein genügend großer Teil des Traffics geht offenbar auch in Richtung der normalen Website des Guardian. Dort findet dann die eigentliche Ad-Monetarisierung statt, denn die Erlöse für rund die um die App herum platzierten Anzeigen gehen an Facebook.

Immerhin ist das Modell Facebook-App im Ökosystem des Guardian durchaus schlüssig, denn der Content innerhalb der App ist kostenlos zugänglich, die Website Guardian.co.uk ebenfalls. Etwas komplexer ist die Strategie des Wall Street Journal, deren Web-Portal seit Jahr und Tag auf eine strikte Paywall setzt. Die WSJ Social App auf Facebook dagegen macht ausgewählte Inhalte nun wiederum frei verfügbar, denn sonst würde das Empfehlen einzelner Artikel ja nur unter Abonnenten funktionieren. Anders als beim Guardian ist das Ganze insgesamt eher ein begrenzter Feldversuch mit „kuratierten“ Nachrichten innerhalb sozialer Netzwerke. Außerdem betont das WSJ, die Nutzung der App sei nur „vorläufig“ kostenlos.

Vergleichbare Facebook-Apps deutscher Verlage lassen bisher auf sich warten. Statt dessen werden die normalen Facebook-Profile der großen Blätter dafür genutzt, mit den Lesern ins Gespräch zu kommen und natürlich Traffic auf die überwiegend frei zugänglichen Webpräsenzen zu leiten. Facebook als digitalen Zeitungskiosk dagegen gibt es schon – dafür sorgt die Copyclick-App der Hamburger picturesafe GmbH. Zu den prominentesten Kunden gehört die Wochenzeitung DIE ZEIT – für 3,99 Euro kann man das E-Paper der aktuellen Ausgabe nicht nur innerhalb von Facebook erwerben, sondern auch im eingebetteten Viewer lesen. Viele Facebook-Freunde kann man sich bei einer solch abgeschotteten Lektüre allerdings nicht machen.

(via digiday.com & GigaOM)

„Phone Hacking“: The Guardian bringt E-Book-Single zum Murdoch-Skandal heraus

Der Guardian experimentiert mit E-Book-Singles – die erste Publikation unter dem Titel „Phone Hacking“ versammelt Artikel, Kommentare und Analysen rund um den Murdoch-Skandal. Damit folgt die britische Tageszeitung dem Vorbild der New York Times: dort war mit „Open Secrets“ Anfang 2011 ein E-Book-Shortie zu Wikileaks und Julian Assange herausgebracht worden. „Phone Hacking“ ist für 2,99 Euro im Kindle-Store erhältlich, wird allerdings nicht explizit im Rahmen der Amazon-Single-Reihe veröffentlicht. Dieses spezielle E-Book-Programm vermarktet Texte mit einer Länge von maximal 5000 Worten, darunter etwa Kurzromane, Ratgeber oder Reportagen. Beim Guardian wird man sich an dieses Limit erklärtermaßen nicht halten – bis 30.000 Worte dürfen es schon mal sein. Neue „Guardian Shorts“ sollen zukünftig mehrmals pro Monat erscheinen, nicht nur im Kindle-Store, sondern auch via iBooks.

Murdoch & die „Rotten Apple“-Theorie

„The definitive guide to the phone hacking scandal, by the newspaper that broke the story“, wird die erste Guardian-Single-Veröffentlichung beworben. Das es sich bei der Hacking-Affäre nicht um einen normalen Scoop handelt, zeigt bereits die Chronologie der im E-Book dargestellten Ereignisse: sie beginnt im Jahr 2005. Damals wurde der News of the World-Reporter Clive Goodman verhaftet – weil er sich in Telefone von Prominenten eingehackt hatte. Viele Details der unappetitlichen Recherche-Praktiken im Hause Murdoch waren Lesern des linksliberalen Guardian seitdem kein Geheimnis mehr. Die Verdachtsmomente häuften sich, auch wenn Medienmogul Rupert Murdoch und seine Vasallen immer wieder gerne von „Einzelfällen“ sprachen (die „rotten apple“-Theorie).

“Rarely a single story had such a volcanic effect“

Der Wendepunkt der Affäre war um die Jahreswende 2010/2011 erreicht. Plötzlich begannen sich auch andere Blätter wirklich für die Story zu interessieren. Und Polizei und Justizapparat verstärkten ihre Ermittlungsarbeit. Auslöser des ganz großen Skandals war ein erneuter Fall von Telefon-Hacking: als herauskam, dass News of the World-Reporter Nick Davies die Mailbox eines Entführungsopfers angezapft hatte, war kein Halten mehr. Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger schreibt dazu in „How we broke the Murdoch Scandal“:

„Rarely has a single story had such a volcanic effect. Suddenly you couldn’t keep the politicians, journalists, police officers, and regulators off the TV screens. Police officers lined up to apologize for oversights and errors of judgment. M.P.s were suddenly saying very publicly things that, a fortnight earlier, they would only have whispered.“

Die Kapitel des E-Books im Überblick:

1. 1. One rotten apple? (2005-2007)
2. 2. Hear no evil, see no evil (July-November 2009)
3. 3. Drip, drip, drip (February-October 2010)
4. 4. The showbiz angle (December 2010-June 2011)
5. 5. Things fall apart (June-July 2011)
6. 6. How we broke the Murdoch scandal by Alan Rusbridger

Phone Hacking: How the Guardian broke the story
Kindle-Book 2,99 Euro
iBooks (angekündigt)

Open Platform statt Closed Shop: Lernen vom Modell „Guardian“

open-platform-lernen-vom-guardianIst das Zitieren von Zeitungsüberschriften bald ein Copyright-Verbrechen? Das von deutschen Verlegern geforderte Leistungsschutz-Recht droht die Informationsfreiheit im Netz rigide einzuschränken. Doch es gibt Alternativen zur Abmahnrepublik: Kathrin Senger-Schäfer plädiert in ihrem Beitrag für das „Open Plattform“-Modell. Vorbild könnte die Online-Ausgabe des britischen Guardian sein – der statt rigider Paywall auf ein flexibles Lizenzierungsmodell setzt. Die Autorin ist medienpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag.

„Die deutschen Verleger setzen statt Wettbewerb auf die Verschärfung des Urheberrechts“

Am Montag fand im Bundesministerium der Justiz eine (übrigens nicht öffentliche) Anhörung zur Einführung eines Leistungsschutzrechts für Presseverlage statt. Dieses Anliegen der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger ist Bestandteil des schwarz-gelben Koalitionsvertrags. Aktuell gehört das Thema Leistungsschutzrecht zu den meistdiskutierten in der Medienwelt. Erst vor wenigen Tagen bildete es einen Schwerpunkt auf dem Kongress des Verbands Deutscher Lokalzeitungen in Berlin. Wenig Beifall fand dort leider der Standpunkt der Linkspartei zu dieser Frage. Die deutschen Presseverleger haben sich bekanntlich in der Einbildung, mit ihren Inhalten im Digitalzeitalter Schiffbruch zu erleiden, dafür entschieden, sich nicht dem Wettbewerb zu stellen und statt dessen die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht – sprich: eine Urheberrechtsverschärfung – zu erheben. In einer Situation, in der sich einerseits Zeitschrifteninhalte im Netz über Bezahlsysteme ganz offenkundig nicht unmittelbar monetarisieren lassen, wird auf diese Weise eine Lösung zu Lasten Dritter in Form einer Abgabe zugunsten von Presseverlegern auf den Internetzugang angestrebt.

Ob Blogger, Suchmaschinen oder Facebook: Mit dem LSR werden alle zur Kasse gebeten

Künftig sollen Suchmaschinenbetreiber, Social-Media-Aggregatoren, generell alle Unternehmen, die ihren Angestellten Zugang zum Internet gewähren, sowie Blogger über eine Verwertungsgesellschaft Presse Leistungsschutztantiemen für die von den Verlegern ins Netz gestellten Angebote abführen. Das Leistungsschutzrecht will also nicht nur Google – neuerdings hört man: auch Facebook – zur Kasse bitten, sondern generell alle Unternehmen und Behörden, die ihren Mitarbeitern einen Internetzugang zur Verfügung stellen. Auch das Zitatrecht soll massiv beschränkt werden. Das ist alles andere als unterstützenswert. Das Leistungsschutzrecht beschränkt die Informationsfreiheit. Die Verleger müssen lernen, den ihnen über Google News, Blogs und andere Anbieter zugeführten Traffic zur Verbesserung ihrer Einnahmesituation zu nutzen. Was die Frage von Paid Content (bezahlten Inhalten) angeht, so setzen einige Verleger große Hoffnungen insbesondere auf Abonnementmodelle, wie sie beispielsweise Apple mit dem I-Pad ermöglichen wird. Ich halte hingegen das Open-Platform-Modell der britischen Tageszeitung »The Guardian« für wegweisend.

Mehr Reichweite, bessere Vermarktungsmöglichkeiten: Vom Nutzen offener Schnittstellen

Bereits seit 1999 können dort Drittanbieter, ob kommerzieller oder nicht-kommerzieller Art, über offene Schnittstellen (API) auf Nachrichtenangebote und sonstige Inhalte des »Guardian« zugreifen.
Dazu wurden drei Lizenzierungsmodelle geschaffen: In der simpelsten Variante lassen sich Überschriften und Meta-Daten zu Artikeln beziehen. Das bringt der Zeitung eingehende Links, die anschließend zu Werbeeinnahmen und anderweitiger, indirekter Monetarisierung (z.B. Print-Abo) führen. In der mittleren Variante liefert die »Guardian«-API komplette Inhalte, die mit Anzeigen versehen werden. Hier generiert das Blatt direkte Werbeumsätze durch Anzeigen auf fremden Webseiten mit den Inhalten des »Guardian«. Die dritte Variante bietet einen werbefreien API-Zugriff und sorgt für direkte Umsätze, da Angebote, die diese Option nutzen möchten, dafür mit dem »Guardian« eine geschäftliche Vereinbarung abschließen und bezahlen. Mit einer Open-Platform-Strategie lassen sich Reichweite und Vermarktungsmöglichkeiten der Online-Ausgaben von Zeitungen erheblich erhöhen. Zugleich würden die Presseverleger nicht nur die kulturellen Rahmenbedingungen von Social Media im Netz endlich anerkennen, sondern auch ein konsistentes Verständnis für die eigene Rolle und Marke im Digitalzeitalter setzen.

Autorin & Copyright: Kathrin Senger-Schäfer.