PRISM-Debatte macht George Orwells 1984 über Nacht zum Amazon-Bestseller

„Ich bin nicht der große Bruder“, behauptet Barack Obama angesichts des Abhörskandals rund um PRISM. „Man kann sich zwar ganz abstrakt darüber beschweren, dass dieses Programm möglicherweise Amok läuft. Wenn man jedoch auf die Details schaut, dann denke ich, wir halten die richtige Balance.“ Ausgerechnet die Details hat man der Öffentlichkeit jedoch jahrelang vorenthalten – getreu dem Motto des Wahrheitsministeriums aus George Orwells dystopischem Roman „1984“: „Ignorance is strength“. Zumindest die Kunden von Amazon ziehen da offenbar die richtigen Schlüsse, und bestellen seit letzter Woche in großer Zahl das historische Original. Orwells „1984“ kletterte innerhalb weniger Tage in die Top 100.

Aktuell steht auf der Bestseller-Liste von Amazon.com die Paperback-Version auf Platz 65, die Kindle-Version auf Platz auf Platz 69. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass es sich hier um den unveränderten Text einer Ausgabe handelt, die erstmals 1983 erschienen ist. Und „1984“ ist immer noch auf dem Weg nach oben, wie ein Blick auf Amazons Spezialseite „Movers & Shakers“ zeigt – das Ranking der größten Aufsteiger innerhalb der letzten 24 Stunden gibt die Tendenz der Printversion von „1984“ mit plus 108 Prozent an, die der Kindle-Version immerhin mit plus 46 Prozent.

Wie der Romanheld Winston fühlen sich viele US-Bürger offenbar rund um die Uhr überwacht – es gab allerdings auch Einwände von kritischen Zeitgenossen, „1984“ sei gar nicht die richtige Analogie, sondern Franz Kafkas „Prozess“. Denn es gehe gar nicht mehr so sehr um bloße Ausspionierung der Privatsphäre, sondern um ein absurd verzerrtes Machtverhältnis zwischen Bürger und Staat. Den Lesern jedoch scheint der große Bruder doch die deutlichere Metapher zu sein: denn zumindest im Kindle-Store hat Kafka von PRISM bisher überhaupt nicht profitiert.

Abb.: Flickr/pallih (cc)

Sci-Fi-Klassiker ‚Fahrenheit 451‘ erstmals als E-Book erhältlich

Im Alter von 91 Jahren hat Sci-Fi-Autor Ray Bradbury doch noch nachgegeben. Sein Klassiker Fahrenheit 451 ist erstmals auch als E-Book erschienen (bei Amazon.de kostet die Kindle-Version 5,34 Euro). Die Print-Version wurde seit 1953 mehr als 10 Millionen mal gedruckt, und fast wäre es auch bei Hardcover & Paperback geblieben. Bradbury gilt nämlich ein vehementer Verfechter des gedruckten Papiers. „E-Reader riechen nach verbranntem Benzin“, polemisierte er gegen Kindle & Co. Nicht ganz zu unrecht natürlich – schließlich geht es in seinem dystopischen Roman um eine mediale Zukunft, in der Bücher verboten sind und auf dem Scheiterhaufen landen. Darauf weist bereits der Titel hin: Bei 451 Grad Fahrenheit – umgerechnet 233 Grad Celsius – fängt Papier an zu brennen. Auch ein Kindle würde diese Temperatur natürlich nicht überleben, doch mit dem „Brandgeruch“ von Lesegeräten spielte Bradbury wohl auch noch auf etwas anderes an: die neuen Möglichkeiten elektronischer Zensur.

Wenn die Feuerwehr E-Books löscht

„Wir verbrennen Montag Molière, Dienstag Dostojewski, Mittwoch Thomas Mann, Freitag Faulkner, Samstag und Sonntag Schopenhauer und Sartre.“ So lautet der Wahlspruch der „Feuerwehr“ in Bradburys Roman Fahrenheit 451. Böse Zungen behaupten, es könnte auch Amazons Wahlspruch sein – man müsste nur „verbrennen“ durch „löschen“ ersetzen. Im Sommer 2009 bemerkten Kindle-Besitzer in den USA, die George Orwells Animal Farm oder 1984 als E-Book gekauft und auf ihr Lesegerät heruntergeladen hatten: das Buch war weg. Dafür war die Kaufsumme wieder auf dem Konto. Des Rätsels Lösung: Amazon hatte kurzerhand via “Whispernet” alle Kopien auf den Geräten gelöscht. Amazon-Sprecher Drew Herdener erklärte das Vorgehen so: die Orwellschen Bücher seien in Amazons Katalog über einen Dritt-Anbieter eingestellt worden, der allerdings für die USA nicht die Buchrechte besessen habe.

Bradbury ist mit seiner E-Book-Phobie nicht ganz allein

Ähnliches hätte natürlich auch Amazon-Kunden passieren können, die bei einem Dritt-Anbieter die E-Book-Version von Fahrenheit 451 kaufen. Denn Bradburys kürzlich abgelaufener Vertrag mit dem Hausverlag Simon & Schuster sah noch gar keine E-Book-Rechte vor. Eine Erneuerung der alten Regelung ohne E-Book-Option lehnte Simon & Schuster ab – so dass Bradbury nolens volens in die Veröffentlichung der elektronischen Version einwilligte. Die geschätzte siebenstellige Tantiemen-Summe dürfte ihm den Affront gegen seine medialen Idiosynkrasien aber wohl mehr als verschmerzen lassen. Mit der konsequenten Ablehnung von E-Books und Internet steht Bradbury übrigens nicht ganz allein da – in einer Polemik gegen Kindle-Bücher und das drohende „electronic book burning“ schrieb etwa der New Yorker Autor Alan Kaufman unlängst: „Für mich ist ein Buch ein heiliges Ding, eine Torah, ein Vermächtnis, etwas, das nicht nur Wert ist, dafür zu leben, sondern auch, wie Ray Bradbury’s ‚Fahrenheit 451‘ zeigt, dafür zu sterben.”