„Urknall im Publishing“: Frankfurter Buchmesse liebt’s crossmedial – vom E-Book bis zur Playstation

Das Buch steht immer noch im Mittelpunkt – doch das Business rund um’s Buch wird immer crossmedialer. Diesen Eindruck verstärkt die Frankfurter Buchmesse auch im Jahr 2012 – etwa mit Produktpräsentationen von Nintendos neuestem Gadget „Wii U“ oder Sonys „Wonderbook“, einer Augmented-Reality-Erweiterung für die Playstation. Unter den geladenen Gästen von Frankfurt SPARKS befindet sich sogar Paul Chen, Erfinder der populären Killer-App Angry Birds. Mittlerweile fast schon gewohnte Präsenz zeigen vom 10. bis 14. Oktober aber ebenso E-Reader, Tablets, Apps & Co., vor allem an den „Hot Spots“ genannten Multimedia-Ständen von „Digital Innovation“ über „Kids&E-Reading“ bis zu „Mobile“. Das ist auch gut so: schließlich hat das elektronische Lesen in Deutschland den Massenmarkt erreicht – alleine 2012 werden der GfK zufolge 800.000 Lesegeräte über den Ladentisch gehen, beim Download-Content haben E-Books mit einem Marktanteil von 11 Prozent neben Hörbüchern nun auch Videos überholt.

Ein Blick auf die E-Book-Version von Ursula Krechels Doku-Roman „Landgericht“, zu Beginn der Buchmesse mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet, zeigt jedoch zugleich die Probleme der Branche: die elektronische Ausgabe kostet 20 Euro. Das sind zwar zehn Euro weniger als der Preis des Hardcovers. Trotzdem handelt es sich aber wohl um einen Versuch, den digitalen Vertrieb zu verhindern, um das traditionelle Geschäftsmodell zu stützen. Die Gutenberg-Galaxis schlägt zurück? Dabei wird in den Frankfurter Messehallen doch immer deutlicher: der eigentliche Veränderungsfaktor sind gar nicht elektronische Bücher, sondern die disruptiven Kräfte der Internet-Ökonomie. Das führt zu neuen Akzentsetzungen – stellt sich doch die Frage, was in Zukunft eigentlich überhaupt das Geschäftsmodell hinter dem jeweiligen Content sein soll.

Die klassische Rollenverteilung zwischen Leser, Autor und Verleger gerät nicht nur durch den Self-Publishing-Trend ins Abseits. Immer öfter wird in der Netzöffentlichkeit Konsum und Kommerz ersetzt durch Kommunikation und Kooperation, etwa beim Crowdfunding. In vielen Fällen geht es zudem nicht um Kaufen oder Besitzen, sondern eher um die Nutzung – egal ob temporär und bezahlt (Miet-Modelle) oder langfristig und kostenlos (Creative Commons). Auf die Suche nach neuen Möglichkeiten begibt sich unter dem Titel „Geld und Leidenschaft“ derzeit eine eigene Rubrik im Buchmesse-Blog. Neue Verlags-Strategien mit Crowdfunding, Crowdpublishing und Transmedia Storytelling werden aber auch am Buchmesse-„Twittwoch“ vorgestellt. Auf der Bühne des Hot Spot Kids & eReading finden dazu im 15-Minuten-Rhythmus Vorträge, Interviews und Lesungen statt.

Wo man im großen Stil kommerziell verwertet, steht dagegen längst die gesamte Verwertungskette vom Buch und Lese-App bis hin zu Film und Game im Vordergrund. Die Buchmesse setzt voll auf diesen Trend – und hat sich im Kern vom Umschlagplatz für Buchrechte zum Marktplatz für Storytelling gemausert. Wie weit die Branche dabei auch in Deutschland gekommen ist, zeigt das Beispiel Bastei Lübbe Entertainment. Vom klassischen Verlag-Prinzip verabschiedet man sich dort in Richtung eines Unternehmen, das multimediale Erzählungen verkauft. Der aktuelle Erfolgstitel klingt fast wie das Fanal für die gesamte Buchbranche: „Apocalyptica“. Optimistischer sah es Buchmesse-Direktor Juergen Boos auf der Eröffnungs-Pressekonferenz: angesichts so vieler neuer Produktideen und Geschäftsmodelle gebe es derzeit einen „Urknall im Publishing“.

Abb.: Frankfurter Buchmesse

Deutscher E-Reader-Boom: Umsatzwachstum von 163 Prozent, 800.000 verkaufte Geräte

Jedes Jahr das Gleiche: „Der Markt für E-Reader und E-Books steht vor dem Durchbruch“, posaunen die Branchenverbände regelmäßig im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse – wie diesmal etwa der BITKOM (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien). Die gemeldeten Absatzzahlen für Lesegeräte lassen allerdings vermuten, dass elektronische Lektüre tatsächlich den Massenmarkt erreicht hat: so sollen bis Ende 2012 satte 800.000 E-Reader verkauft werden, was einem Zuwachs von 247 Prozent gegenüber 2011 entsprechen würde. Der Umsatz steigt dabei um 163 Prozent auf 78 Millionen Euro. Im Jahr 2013 soll der Absatz im Leseland sogar auf 1,4 Millionen E-Reader emporschnellen. BITKOM-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder führt die explodierenden Verkaufszahlen auf die „Kombination aus preiswerten Geräten und attraktiven Inhalten“ zurück.

Rein zahlenmäßig haben Tablets und Smartphones den E-Reader allerdings längst abgehängt: bis Ende des Jahres 2012 werden in Deutschland mehr als 2 Millionen Tablets und mehr als 23 Millionen Smartphones über den Ladentisch gehen, schätzt der Branchenverband BITKOM. Nicht zufällig legt angesichts der boomenden Geräte-Basis für mobile Lektüre auch der Umsatz mit E-Books rasant zu: alleine in den ersten sechs Monaten von 2012 verdoppelte sich ihr Marktanteil. Betrachtet man nur den nationalen Markt für digitalen Download-Content, scheint der Massenmarkt sogar längst erreicht zu sein: neben Musik, Games, Software und Filmen kann sich der Umsatzanteil von elektronischen Büchern mit 11 Prozent bzw. 40 Millionen Euro durchaus sehen lassen.

Noch attraktiver wären die Inhalte natürlich, wenn das E-Book-Pricing dem Trend beim E-Reader-Pricing folgen würde – der geht nämlich deutlich nach unten: der Durchschnittspreis brandneuer Lesegeräte liegt aktuell nur noch bei 97 Euro, mithin 24 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die E-Book-Preise schmelzen dagegen weitaus langsamer: Kostete im vergangenen Jahr ein digitales Buch noch durchschnittlich 9,56 Euro, sank dieser Betrag in den ersten sechs Monaten von 2012 lediglich auf 8,64 Euro. Der optimale Preis für E-Books liegt Branchenkennern zufolge bei 5 Euro – bisher bleibt das Durchbrechen der magischen Schwelle jedoch vor allem experimentierfreudigen Self-Publishing-Autoren vorbehalten.

Infografik: BITKOM

txtr-Reader wiederbelebt: als Lowest-Cost-4-Zoller schon ab 20 Euro?

Lowest-Cost-Reader im Mini-Format könnten zum Schlager der Frankfurter Buchmesse werden: nachdem Trekstor bereits einen günstigen 4-Zoll-Reader angekündigt hat, trat nun das Berliner Startup txtr auf den Plan. In den Messehallen soll nach Informationen von buchreport nämlich eine abgespeckte Version des legendären txtr-Readers vorgestellt werden. Nur wenige Millimeter dünn, kaum größer als eine Handfläche, und womöglich zu einem Kampfpreis zwischen zehn und zwanzig Euro. Dafür allerdings – ähnlich wie bei den Trekstor-Geräten – ohne WLAN/3G-Schnittstelle. Vorgestellt werden soll der txtr-Reader am 9. Oktober in Frankfurt am Main. Wenn nichts dazwischen kommt, sollte man hinzufügen.

E-Reader-Legende mit Vaporware-Image

Denn dem txtr-Reader eilt mittlerweile ein ziemliches Vaporware-Image voraus. Ursprünglich startete das Lesegerät als deutscher Kindle-Killer – schon in der Weihnachtssaison 2009 machte das Gadget eine Menge Schlagzeilen, lange vor der Eröffnung des hiesigen Kindle-Stores. Zum Preis von zunächst 319 Euro, später 299 Euro wurde den Kunden ein 6 Zoll großes E-Ink-Display versprochen, mit 600 mal 800 Bildpunkten, 16 Graustufen sowie 1 Gigabyte Flash-Speicher. Wirklich ausgeliefert wurden vom txtr jedoch nur eine Handvoll Exemplare, denn technische Schwierigkeiten beim Übergang zur Serienfertigung sorgten im Dezember 2009 für ein vorläufiges Aus.

txtr-Apps wurden tatsächlich realisiert

Danach tauchte der txtr-Reader immer mal wieder auf internationalen Messen auf (& manchmal sehr schnell wieder ab), eine überarbeitete Version war 2011 sogar mal für eine kurze Zeit für Firmenkunden lieferbar. Im Endkundenmarkt kam jedoch auch diese Version nie an – was wohl auch an kräftig purzelnden Preisen für technisch vergleichbare Lesegeräte von Amazon & Co. lag. Die ebenfalls geplanten txtr-Apps für Apple- und Android-Geräte wurden dagegen tatsächlich realisiert, und sind genau wie der normale Web-Store durchaus konkurrenzfähig. Den Wettbewerb anheizen dürfte die Lowest-Cost-Version des txtr-Reader natürlich erst recht – via Quersubventionierung über Abo-Gebühren könnte man das Gerät sogar an die Kunden verschenken.

Abb.: Screenshot corporate.txtr.com