Retourkutsche aus dem All: Frank Kemper, „Red Bullet“ [Leseprobe]

Red_Bullet_CoverDer Kalte Krieg gibt immer noch guten Stoff für Verschwörungs-Thriller ab. In Frank Kempers Thriller „Red Bullet“gelingt der thematische Re-Entry in Form einer plötzlich im Meer auftauchenden Sojus-Kapsel. Der Münchner Tech-Journalist hat den Plot-Point am Beginn seines Roman-Erstlings „Red Bullet“ geschickt inszeniert: das rostige Artefakt mit CCCP-Abzeichen wird von finnischen Fischern aus dem Meer gezogen – offenbar schwamm es mehr als 40 Jahre durch den Atlantik. In Helsinki identifizieren Fachleute die Kapsel als frühes Modell der Sojus-Landemodule. Es gibt nur ein Problem: von den drei Exemplaren, die jemals gebaut wurden, vermissen die Russen gar keins. Doch wessen mumifizierte Überreste befinden sich dann in den Raumanzügen, die in der Kapsel zu sehen sind? In den USA bricht einigen Veteranen bei NASA, Militär und Geheimdiensten der Schweiß aus. Während der 60er Jahren gab es eine Geheimoperation mit dem Codenamen „Red Bullet“, die weitaus mehr bezweckte als nur Industriespionage. Wie alles anfing, verrät unsere Leseprobe… Noch mehr Sojus-Leaks gibt’s via Blick-ins-Buch-Option im Kindle Shop.

Frank Kemper, Red Bullet

Teil 1
Mittwoch, 12. April 1967, 22.24 Uhr Qyzylorda Time (QYZT) etwa 980 Kilometer nordwestlich von Alma-Ata, Sozialistische Sowjetrepublik Kasachstan.

(…)

Braxley klappte die Lederschnalle auf, die seine Uhr bedeckte. Mit seiner Hand schirmte er das Ziffernblatt ab. Das schwach radioaktive Leuchtmittel auf den Zeigern der Uhr machte es ihm problemlos möglich, auch in dieser Neumondnacht die Zeit abzulesen, aber er wollte auf jeden Fall vermeiden, damit aufzufallen. Wenn ich aus dieser Nummer lebend rauskomme, dachte sich Braxley, dann höre ich auf und mache mit meinem Schwager eine Kneipe auf. Er lachte lautlos – dasselbe hatte er sich damals bei der Sache in Nordkorea auch geschworen, und bei dem Ding in Swerdlowsk. Die Nacht war kalt und trocken. Tagsüber war es in der kasachischen Steppe um diese Jahreszeit rund fünf bis zehn Grad warm, nachts pendelte die Temperatur um den Gefrierpunkt. Seit vier Stunden lagen Braxley und seine elf Kameraden mit ihrer Ausrüstung in diesem Unterschlupf neben der Bahnlinie von Chu nach Karaganda. Hier würde der Zug lang kommen. Sie wussten nicht genau wann, sie wussten nur, dass sie ihn an seinem merkwürdigen Geräusch erkennen würden – er wurde nicht, wie sonst allgemein üblich, von einer Dampflok gezogen, sondern von einer neuen Diesellok, die, so hatte der Agent aus Moskau gemeldet, durch ihren trommelnden Lärm schon kilometerweit zu hören war.
Major Stephen Braxley, 39, war Angehöriger der Streitkräfte der USA, genauer: Der Special Forces der US-Army. Diese Einheit nennt sich selbst auch „Green Berets“, wegen der grünen Barette, die die Mitglieder der USASF im Kampfeinsatz trugen. Doch Braxley und sein Team wollten nach Möglichkeit keinen Schuss abgeben. Sie trugen auch keine grünen Barette, sondern schwarze Sturmhauben. Schwarz wie der Rest ihrer Kleidung. Sie wollten sehen, aber nicht gesehen werden. Aufklärung stand auf dem Programm. „Wir müssen wissen, was in diesem Zug ist“, hatte klipp und klar der Auftrag gelautet. Doch so einfach war die Sache nicht: Zwar wollten die Bürohengste in Washington erfahren, was die Russen da von Moskau nach Kasachstan schafften – nur wollte niemand deshalb einen internationalen Zwischenfall provozieren. Deshalb durfte keiner merken, dass US-amerikanische Truppen auf sowjetischem Boden einen Zug anhalten, seinen Inhalt fotografieren und vermessen – und dann wieder verschwinden. Seit sechs Wochen wusste Braxley von dem Auftrag. Drei Wochen hatten er und seine Leute mit irgendwelchen Typen vom Geheimdienst Pläne entwickelt, wie diese Nummer unbemerkt über die Bühne gehen sollte. Den Rest der Zeit hatte sein Team gebraucht, um mitsamt ihrem Material unbemerkt durch den Eisernen Vorhang bis in diesen Verschlag zu kommen und auf diesen gottverdammten Zug zu warten.
„Es darf nichts schief gehen“, hatte ihm einer von den CIA-Typen in Fort Bragg eingeschärft. „Wenn Sie auffliegen, dann kennen wir Sie nicht. Sie operieren ohne Hoheitszeichen, offiziell haben wir damit nichts zu tun.“ Braxley wusste, dass das nichts anderes bedeutete als: Wenn uns die Commies kriegen, dann sind wir tot.
Ein Knacken aus dem Lautsprecher seines Handfunkgerätes riss Braxley aus den Gedanken. Wenn jetzt noch zwei Knackser kommen, das wussten alle im Team, dann hatte der vorgeschobene Beobachter, der vier Kilometer weiter östlich am Bahndamm lauerte, den Zug identifiziert. Dann musste alles schnell gehen.
Knack. Knack. Der Zug kommt.
Abrupt, aber nahezu geräuschlos, erhoben sich Braxleys Männer aus ihrem Versteck. Sie waren alle schwer mit Ausrüstungsgegenständen bepackt, aber kein Klappern war zu hören – auch das hatte man in Fort Bragg trainiert. Einer der Männer streifte seine schwarze, gefütterte Jacke ab, darunter kam die Uniform eines Sowjetsoldaten zum Vorschein. Die anderen setzen sich Gasmasken auf, vier Mann schulterten Druckflaschen, die wie Tauchgeräte aussahen. Der als Rotarmist verkleidete Soldat rannte auf den Bahndamm zu.
Wassili bemerkte den Soldaten am Bahndamm mit der Laterne als erstes. Reflexartig gab er ein Warnsignal. Der Mann am Bahngleis wedelte mit seinen Armen und bedeutete ihm, sein Tempo zu reduzieren. Nanu, von einem Stopp hatte ihm niemand etwas erzählt. „He, Sergeant, da ist irgendwas los“, rief er gegen den brüllenden Lärm der Maschine. Dann sah Wassili das rote Signal. Er musste den Zug zum Halten bringen, und die kreischenden Bremsen ließen Sergeant Tiskow hochschrecken. „Warum halten wir, du Idiot?“ bellte Tiskow zu Wassili rüber. „Weil da ein rotes Haltesignal ist, sehen Sie doch selbst!“ gab der Lokführer ärgerlich zurück. Tiskow machte sich am Funkgerät zu schaffen: „Das muss ich melden.“ Doch das Gerät schien defekt zu sein, aus dem Lautsprecher kam nur ein sägendes Geräusch.
Wassili brachte den Zug punktgenau vor dem Haltesignal zum Stehen – das korrekte Einleiten eines Haltmanövers hatte ihm sein Kollege Alexej als erstes gezeigt, bevor sie in Moskau aufgebrochen waren. Der Lokführer regelte den Motor herunter, der Lärm im Führerstand nahm merklich ab. Draußen war nichts zu sehen. Die Lampen an der Front der Lokomotive leuchteten in die pechschwarze Nacht – mehr als 15 Meter des Bahndammes wurden vom Lichtkegel der Lok nicht erfasst. Während Wassili in die Finsternis starrte, kämpfte Sergeant Tiskow mit dem Funkgerät.
Das letzte, was Wassili merkte, war der metallisch-süßliche Geruch in der Luft. Dann wurde alles schwarz.

Die Männer mit den Druckgasflaschen auf dem Rücken gaben Braxley Leuchtzeichen mit ihren Taschenlampen. Das Betäubungsgas, das sie in die beiden Führerstände der Lokomotive geleitet hatten, hatte seine Wirkung nicht verfehlt – alle Insassen waren jetzt für mindestens zwei Stunden bewusstlos. Braxley zog eine Trillerpfeife aus seiner Kampfjacke und gab das Signal: Jetzt konnte die Operation beginnen. Zwei Männer rannten auf den hinteren Waggon zu und untersuchten die Verriegelung der Metallhülle. „Mit Vorhängeschlössern gesichert, nicht verplombt“, rief einer der beiden Braxley zu. Glück gehabt, dachte Braxley, das sparte ihnen mindestens zehn Minuten, die sie sonst gebraucht hätten, um das Siegel zu kopieren und anschließend wieder an seinen Platz zu bringen. Schließlich sollte niemand merken, dass sie den Waggon geöffnet hatten. Ein simples russisches Vorhängeschloss zu öffnen, dafür brauchte Hank Nowicky, sein Security-Spezialist, keine zwanzig Sekunden. „Waggon ist offen“, hörte er Nowicky rufen, es klang wie die Bestätigung seiner Gedanken.
Inzwischen hatten andere Männer seines Teams die Tür des vorderen Waggons geöffnet, ebenso leise und spurlos, wie es Hank mit den Vorhängeschlössern gemacht hatte. Vier „Green Berets“ stiegen in den Wagen und machten sich an die Arbeit. Einer der Eindringlinge baute eine Repro-Einrichtung auf: Eine Platte mit zwei Lampen, die eine Fläche von etwa 60 mal 60 Zentimetern ausleuchten. Am Rand der Platte klappte er ein Stativ aus, auf das die Kamera gesetzt wurde, eine Leica MD mit Langfilmmagazin und Motor. Die Bewegungen des Soldaten zeigten, dass er das nicht zum ersten Mal tat: Keine Bewegung war überflüssig, jeder Griff saß. Nach zwei Minuten war er bereit, um Dokumente auf hochauflösenden Lith-Film zu bannen, Dokumente, die seine drei Kameraden in dem Wagen fanden und ihm brachten.
Am hinteren Waggon hatten die Elitesoldaten den hinteren Teil der Metallabdeckung nach vorne geschoben, so dass die Ladung offen lag. Braxley sah in den Himmel. Die Meteorologen hatten klares, trockenes Wetter angesagt, und Braxley hoffte, dass sie recht hatten. Regen könnten sie jetzt absolut nicht brauchen. Wenn die Fracht nass wurde, dann musste das zwangsläufig auffallen. Und auffallen, nein, das wollte Braxley nun wirklich nicht.

(…)

Teil 2
Dienstag, 16. März 2010, 08:43 Uhr Western European Time (WET) Im Nordatlantik, 185 Seemeilen nordöstlich der Faröer Inseln

„Kabeljau wird immer seltener“, dachte sich Matti Kaunismäki, als er sich den Inhalt des Schleppnetzes ansah. Er fuhr bereits seit fast 20 Jahren zur See, seit sieben Jahren auf der Veronica, aber so wenig Kabeljau hatten sie noch nie aus dem Meer geholt. Die Veronica war 35 Meter lang und ein hochseetüchtiges Fischereiboot, registriert in Turku, Finnland. „Wird Zeit, sich nach einem neuen Job umzusehen“, schoss es durch Mattis Kopf, aber wer würde ihn denn noch wollen, mit 42? Außerdem mochte er die Veronica. Er kam gut klar mit den anderen an Bord, und er liebte die See. Gut, die Heuer könnte etwas mehr sein, aber deshalb an Land arbeiten? Matti versuchte, den Gedanken zu verdrängen.
„Na, was haben wir denn im Netz“, rief Björn Vinaas von der Brücke. Vinaas war der Kapitän des Schiffes, er war außerdem einer der drei Eigner der „Veronica“. Der schlaksige Blondschopf kam auf das Achterdeck und begutachtete den Fang, den sie soeben an Bord gezogen hatten. Wenig Kabeljau – weniger als er erwartet hatte. Scheiße. Wenn das so weiter ging, dann würde Björn aus Turku wegziehen und sich eine neue Existenz in Helsinki aufbauen. Das Schiff gehörte ohnehin zu 90 Prozent der Bank – sollten sie doch sehen, wer es kaufen würde. Aber wer kauft schon ein Fischereiboot, wenn es keine Fische mehr…
Ein plötzlicher, schriller Hupton riss beide aus den Gedanken. Jemand hatte den Alarm betätigt. Vinaas rannte zur Brücke „Was ist los?“, rief er in sein Bordfunkgerät.
„Scheiße, Scheiße, eine Mine! Käpt’n, gleich knallt’s!“, schrie Åke Jespersen ins Mikro. Der Steuermann der Veronica hatte die schmutziggraue Metallkugel im Wasser vor dem Bug des Schiffes als erster bemerkt – und versuchte jetzt mit allen Mitteln eine Kollision des Schiffes mit dem Objekt zu vermeiden. Während er mit voller Kraft am Steuerrad drehte und gleichzeitig die Maschinen auf Rückwärtsfahrt schaltete, arbeitete sein Hirn unter Hochdruck. „Ob das wohl gut geht?“ Jespersen hatte Angst. Seeminen gehörten zu den größten Gefahren, die der 2. Weltkrieg den Fischern hinterlassen hatte. In der Ostsee waren die Dinger fast schon an der Tagesordnung. Aber hier?
Die Tür zur Brücke flog auf, Vinaas kam hinein, griff sich einen Feldstecher und brüllte: „Wo ist sie, Åke?“ Während das Schiff brüllend und stampfend nach steuerbord drehte, suchte auch der Steuermann verzweifelt die See ab. Eben war sie doch noch da gewesen…
„Da ist sie, elf Uhr voraus“, rief Vinaas, griff zum Mikrofon des Funkgerätes und wollte gerade einen Notruf absetzen. Jetzt hatte Åke das schwimmende Objekt auch wieder im Blick. Es mochte einen Durchmesser von fast drei Metern haben, schätzte Åke – das war deutlich größer als die Seeminen, die Deutsche und Engländer vor fast 60 Jahren hunderttausendfach ins Meer gekippt hatten. Wirklich rund war es auch nicht, eher wie ein bauchiger Kegel, der an seiner Oberseite abgeflacht ist. Außerdem fehlten dem Ding, das vor der „Veronica“ im Wasser trieb, die charakteristischen „Stacheln“, die Berührungszünder, mit denen eine Seemine auch heute noch jedes Fischerboot auf den Grund schicken konnte. Doch die Veronica würde es nicht treffen, stellte Åke befriedigt fest: Er hatte es geschafft, das Schiff zum Stehen zu bringen, 15 Meter vor der Kugel. „Brauchst nicht Mayday zu funken, Skipper“, sagte er zu Vinaas, ohne seinen Blick von dem schmutziggrauen Objekt abzuwenden, das da vor ihnen im Nordatlantik dümpelte.
War das wirklich eine Mine? Und wenn nicht, was war es dann?
Vinaas fiel der Schriftzug „CCCP“ als erstes auf. Moment, Sowjetunion? Die gab es seit 20 Jahren nicht mehr. Das Objekt trieb träge schlingernd in der See und drehte sich dabei langsam um seine Achse. Jetzt sah auch Åke die sowjetischen Hoheitszeichen, sogar ein roter Stern ließ sich unter der verwitterten Oberfläche erahnen. Eine russische Seemine? Hier im Nordatlantik? Åke hätte gern gewusst, was der Skipper jetzt dachte, aber er traute sich nicht, sein Fernglas abzusetzen und zu Vinaas hinüberzublicken. Irgendwas zwang ihn, die graue Kugel mit dem Sowjetstern anzusehen, damit sie nicht wieder verschwand. „Das ist keine Mine“, hörte Åke seinen Chef sagen. „Und was ist es dann, Skipper?“ „Mensch Åke, überleg’ doch mal. Die Russen sind doch nicht so bescheuert, dass sie Minen in den Atlantik kippen und vorher ihre Flagge drauf malen.“ Das Bordfunkgerät knackste. „Das Ding hat ein Fenster“, hörten sie Matti sagen, der vom Achterdeck auf das Vordeck gegangen war und jetzt am Bug stand, und auf die merkwürdige Kugel starrte. „Ist vielleicht irgendeine Rettungsboje oder so was“, meinte Åke mit ratlosem Unterton. Björn Vinaas hatte einen Entschluss gefasst. Er griff zum Bordfunkgerät: „Skipper an alle. Klar zum Beidrehen, wir holen das Ding an Bord!“ Dann, an seinen Steuermann gewandt: „Los Åke, bring uns in Position, damit wir da rankommen.“
Der Steuermann ging auf Langsamfahrt voraus und steuerte die Veronica so feinfühlig wie einen Kleinwagen beim Einparken. Vinaas sah ihm dabei bewundernd zu. Wenn einer die Veronica im Griff hatte, dann war das Åke Jespersen. Wenige Minuten später dümpelte das geheimnisvolle Objekt zwei Meter neben dem Heck des Fischtrawlers. Vinaas ließ den Bordkran ausschwenken, mit dem sie normalerweise ihren Fang entluden. Am Kranseil hing ein viereckiger Metallrahmen, der sonst große Fischtröge trug, gefüllt mit lebenden Fischen und Wasser. Bis zu drei Tonnen konnte der Kran heben – würde er für dieses Ding ausreichen? Matti ließ das Tragegeschirr neben der Kugel ins Wasser sinken und schwenkte dann den Kran feinfühlig zur Seite. Eine leichte Welle kam ihm zur Hilfe: Der Metallrahmen trieb unter die Kugel, die, jetzt genau zwischen den vier Tragseilen des Rahmens war: „Jetzt hab ich Dich“ zischte Matti durch die Zähne und betätigte mit der drahtlosen Kranfernsteuerung den Seilwindenmotor. Das Objekt hing am Kran, gleich beim ersten Versuch, wie Matti stolz bemerkte.
Zwei Minuten später stand es auf dem Achterdeck, dort wo normalerweise die Fischernetze geöffnet und entleert wurden. An ihrer Unterseite hatte die Kugel einen Metallring, eine Art Kupplung oder so etwas. Ihre Oberfläche war bräunlich-grau und stark verwittert. Doch die Verwitterung sah anders aus als bei Schiffsrümpfen: Diese Kugel sah aus, als habe sie im Feuer gelegen. Während Åke die „Veronica“ auf ihrer Position hielt, war Vinaas auf das Achterdeck gekommen, um seinen merkwürdigen Fund zu untersuchen. Er zog eine kleine Taschenlampe aus der Tasche und leuchtete in eines der kaum handtellergroßen Fenster hinein.
Und dann sah Björn Vinaas, Kapitän der „Veronica“, die Leichen. „Åke“, rief er ins Bordfunkgerät, „ruf mal bei Rauno in Turku an. Ich brauche ihn. Jetzt.“

(Weiterlesen im Kindle-Shop)

Copyright Cover & Leseprobe: Frank Kemper
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

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Frank Kemper,
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[e-book-review] Retourkutsche aus dem All (Frank Kemper, „Red Bullet“)

Der Kalte Krieg gibt auch Jahrzehnte nach seinem Ende noch guten Stoff für Verschwörungs-Thriller ab. Ganz gleich, ob es sich beim thematischen Re-Entry nun um geheimnisvolle U-Boot-Sichtungen in der Ostsee handelt wie bei Henning Mankells „Feind im Schatten“ oder um eine plötzlich im Meer auftauchende Sojus-Kapsel wie bei Frank Kempers „Red Bullet“. Der Münchner Tech-Journalist hat den Plot-Point am Beginn seines Roman-Erstlings geschickt inszeniert: die rostige Kapsel mit CCCP-Abzeichen wird von finnischen Fischern aus dem Meer gezogen – offenbar schwamm sie mehr als 40 Jahre durch den Atlantik. Auf neutralem Boden in Helsinki identifizieren Fachleute sie als frühes Modell der Sojus-Landemodule, scheinbar authentisch. Es gibt nur ein Problem: von den drei Exemplaren, die jemals gebaut wurden, vermissen die Russen gar keins. Doch wessen mumifizierte Überreste befinden sich dann in den Raumanzügen, die in der Kapsel zu sehen sind?

In den USA bricht einigen Veteranen bei NASA, Militär und Geheimdiensten der Schweiß aus. Während der 60er Jahren gab es eine Geheimoperation mit dem Codenamen „Red Bullet“, die weitaus mehr bezweckte als nur Industriespionage. Offiziell wird der junge NASA-Pressesprecher Ray Higgins nach Finnland geschickt, begleitet von der Fernsehmoderatorin Fiona Mulholland. Inoffiziell ziehen ganz andere die Fäden. Schon bevor die Kapsel unter den kritischen Augen von NASA-Vertretern und russischen Experten geöffnet wird, überschlagen sich die Ereignisse: Zeitzeugen werden ermordet, Akten zerstört, und nicht zuletzt versuchen finstere Mächte, die finnische Ministerpräsidentin Marita Artikanen zu erpressen – sie fordern den Abtransport der Sojus-Kapsel in Richtung Houston.

Bevor alle Beweise vernichtet werden können, erhält das internationale Ermittlerteam unerwartete Hilfe, nämlich von den Russen. Das klassische Freund-Feind-Schema des Kalten Krieges wird in „Red Bullet“ zunächst einmal kräftig umgekrempelt, nichts ist mehr, wie es scheint. Allerdings: Wenn die die Sojus-Kapsel nicht echt sein kann, was will man dann in Moskau damit? Was ist in den Sechziger Jahren wirklich geschehen – wie weit reicht die Verschwörung? Frank Kemper hält die Spannung gekonnt über 600 Seiten aufrecht und lässt den Leser bis zum Ende rätseln. Auf 600 virtuellen Seiten wohlgemerkt, denn „Red Bullet“ gibt’s bisher nur im Kindle-Shop. „Ich habe das Manuskript einer Reihe von Verlagen angeboten, die eine Hälfte hat mit einem nichtssagenden Formschreiben abgesagt, die andere noch nicht einmal das“, so Kemper auf seinem Blog. Ärgern muss sich Kemper aber wohl nicht – denn erfolgreiches Self-Publishing ist bekanntlich die beste Retourkutsche.

Apropos Retourkutsche – wie man auf Kempers Blog auch erfahren kann, war das Vorbild für „Red Bullet“ ein authentischer Fall: Ende der Sechziger Jahre soll ein sowjetischer Fischtrawler „zufällig“ die Trainingsversion einer Apollo-Kapsel aus dem Golf von Biskaya gezogen haben. Einige Jahre später jedenfalls, so viel ist aktenkundig, schickten die Amerikaner dann ein Frachtschiff nach Murmansk, um genau solch ein abhandengekommenes Artefakt abzuholen, das sich im Besitz der Sowjets befand.

Frank Kemper,
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Abb.: Coverfoto