Dem lachsroten Sonnenuntergang entgegen: Financial Times setzt auf Online First

Was Print-to-Online angeht, war die Financial Times mental schon immer recht weit: „The sunset is going to be in about five years“, schätzte eine Managerin des Mutterkonzerns Pearsons im Jahr 2010 – bis Mitte des Jahrzehnts werde man wohl die Druckmaschinen abstellen. Im Redaktionsalltag bestimmte die Print-Ausgabe bisher allerdings noch die organisatorischen Abläufe – doch das dürfte sich nun ändern. FT-Chef Lionel Barber hat mit der Devise „Online First“ einen kulturellen Paradigmenwechsel ausgerufen. In einer vom Guardian dokumentierten Mail an die Mitarbeiter heißt es: „Wir müssen uns in Zukunft zuerst um die digitale Plattform kümmern, und erst an zweiter Stelle um die gedruckte Zeitung.“ Man solle nicht mehr in der Kategorie „Zeitungsseite“ denken, sondern in der Kategorie „Content“, forderte Barber. „Wir müssen überdenken, wie wir unsere Inhalte veröffentlichen, wann wir sie veröffentlichen und welcher Form, ob als gewöhnliche Nachrichten, gebloggt, als Video oder in sozialen Medien“.

Um die Kosten zu drücken, werden die unterschiedlichen Ausgaben der Zeitung stärker vereinheitlicht, Spätausgaben fallen ganz weg. Im gleichen Atemzug wurde die Streichung von 35 Stellen bei der Printredaktion angekündigt, allerdings auch einige Neueinstellungen bei der Digital-Sparte. Bisher waren bei der in London ansässigen FT rund 600 Journalisten beschäftigt. Wie schnell der mediale Wandel voranschreite, so Barber, zeige sich etwa am Nutzungsverhalten der Online-Leserschaft: „Bereits 25 Prozent des FT-Traffics findet mit Mobilgeräten statt“.

Ähnlich wie die New York Times setzt die Financial Times auf eine Paywall nach dem „metered access“-Modell. Und das mit Erfolg: Mitte 2012 meldete die FT mit einer Gesamtzahl von 600.000 Abos nicht nur ein Allzeithoch, sondern auch den endgültigen Durchbruch ins digitale Zeitalter: denn mehr als die Hälfte der Abonnenten liest die digitale Ausgabe. Eine besondere Rolle bei dieser Entwicklung hat offenbar die Einführung des iPads gespielt, seit Mitte 2010 hat sich die Zahl der elektronischen Subskribenten mehr als verdoppelt. Als Alternative zur mobilen Website bietet die FT für iOS-Geräte eine browserbasierte Web-App im HTML5-Format an.

Die Bedeutung von Anzeigenerlösen ist im Verlaufe der Digitalisierung stark zurückgegangen, die Financial Times erzielt fast zwei Drittel ihrer Umsätze mit dem Verkauf von Content, wobei Print und Digital schon fast gleichauf liegen. Gespart werden muss aber trotz aller Erfolge im digitalen Sektor: 2008 zog sich die FT aus dem Joint-Venture „Financial Times Deutschland“ zurück, das dann bekanntlich 2012 ganz eingestellt werden musste. Inzwischen wird spekuliert, dass Pearsons auch das Londoner Original abstoßen könnte, wenn sich denn ein Käufer findet.

Abb.: Screenshot

NYT, FT & Co: Dank Paywall auf dem Weg von der anzeigen- zur leserfinanzierten Zeitung?

Die altehrwürdige New York Times hat erneut eine historische Wegmarke erreicht: im zweiten Quartal 2012 brachten erstmals die Leser mehr Geld in die Kasse als die Anzeigenkunden. Nicht nur durch erhöhte Copy-Preise für die Printausgabe, sondern vor allem durch digitale Abos. Während die Anzeigenerlöse erneut um 6 Prozent sanken, konnte die NYT mit dem Verkauf des Contents selbst satte 8 Prozent mehr Umsatz erzielen. „Wahrscheinlich ist es die erste Zeitung [in den USA], die diese Linie überschritten hat“, schätzt Newsonomics-Experte Ken Doctor. „Das ist ein interessanter Augenblick“.

Metered Access: manchmal profitable Lösung

Maßgeblich zum Erfolg beigetragen hat dabei offenbar die Bezahlschranke – regelmäßige Leser werden seit letztem Jahr bei nyt.com zur Kasse gebeten. Relativ schnell brachte der „metered“-Access-Ansatz knapp 300.000 zahlende Abonnenten, doch Ende 2011 ebbte der Zustrom merklich ab. Immerhin hat die NYT inzwischen aber knapp 500.000 Digi-Abos verkaufen können.

Andere Blätter brauchen deutlich länger, um einen Stamm an zahlenden Online-Lesern aufzubauen. Mit einem ähnlichen Paywall-Konzept hat es etwa die Financial Times geschafft, seit 2009 insgesamt 300.000 digitale Abonnenten zu gewinnen. Auch bei dem Londoner Blatt werden wohl noch in diesem Jahr die Vertriebseinnahmen erstmals die Anzeigenerlöse überholen.

Paywall als potentielle Killer-App

Allerdings scheinen sich Paywall-Konzepte am Ende nicht für alle Zeitungen auszuzahlen. Ausgerechnet Rupert Murdochs iPad-Only-Projekt The Daily steht nun offenbar vor dem Aus. Nach 18 Monaten wurde zwar die magische Schwelle von 100.000 Abonnenten erreicht, doch das Blatt macht immer noch Minus. Die finanziell ohnehin angeschlagene News Corp zog nun die Notbremse – ein Drittel der Redaktion wurde gefeuert.

Ein grundsätzliches Problem von Paywalls ist offenbar das begrenzte Budget der Leser – kaum jemand wird am Ende für mehr als ein News-Angebot zahlen wollen. Noch schwieriger wird es, wenn das normale Online-Angebot einer Zeitung kostenlos zu haben ist. So musste etwa die im Netz frei zugängliche Huffington Post nach kurzer Zeit den Versuch aufgegeben, mit dem Verkauf einer HuffPo-App zusätzliche Gewinne zu machen.

Ob eine Paywall sinnvoll ist oder nicht, hängt aber zugleich auch von der potentiellen Reichweite einer Zeitung ab. Der britische Guardian etwa verzichtet bewusst auf eine Bezahlschranke – und setzt stattdessen auf steigende Werbeeinnahmen im Online-Bereich. Das dürfte jedoch bis auf weiteres ein Wettlauf mit der Zeit bleiben – trotz Wachstumszahlen von 26 Prozent bei digitalen Anzeigerlösen schreibt das Blatt immer noch rote Zahlen.

Abb.: NS Newsflash/Flickr

Verlagsgruppe Pearson: Umsätze mit digitalen Medien werden Print 2012 überholen

Nicht nur in den USA wird die Gutenberg-Galaxis von der elektronischen Konkurrenz abgehängt: die Londoner Verlagsgruppe Pearson – zu der neben Penguin auch die Financial Times gehört — konnte 2011 dank Apps, E-Books und Online-Angeboten ein Umsatzwachstum von 18 Prozent verzeichnen. In diesem Jahr könnte sogar ein historischer Wendepunkt erreicht werden: „Umsätze mit digitalen Gütern und Dienstleistungen werden wahrscheinlich die Umsätze im Printbereich überholen“, prognostizierte das Unternehmen bei der Vorstellung der Vorjahresergebnisse.

Maßgeblich beitragen werden dazu auch elektronische Schulbücher und Lernsoftware – denn Pearson ist mit einem Gesamtumsaz von mehr als 6 Milliarden Euro nicht nur der weltgrößte Publikumsverlag, sondern auch der größte Anbieter von Bildungsmedien. Doch die Ergebnisse der Pearson-Tochter Penguin können sich ebenfalls sehen lassen. Seit 2008 hat der mit seinen Taschenbuch-Klassikern berühmt gewordene Verlag bereits mehr als 50 Millionen Apps und E-Books verkauft. E-Books machen nun 12 Prozent der globalen Umsätze aus, in den USA sogar bereits 20 Prozent. Für 2012 wird ein weiteres kräftiges Wachstum erwartet. Wie bei anderen Verlagen – z.B. Simon&Schuster – stagnierte jedoch der Gesamtumsatz, da im Printbereich etwa durch die Pleite der zweitgrößten Buchhandelskette Borders bedeutende Verkaufsflächen wegfielen. Geringere Vertriebskosten im E-Book-Bereich sorgten interessanterweise zugleich für steigenden Gewinn.

Große Erfolge bei der Print-to-Online-Strategie vermeldet zudem die Financial Times. Ähnlich wie die New York Times setzt das Blatt auf eine Paywall nach dem „metered access“-Modell. Und das mit Erfolg: Die Zahl der digitalen Abos stieg im Jahr 2011 um 29 Prozent auf 267.000, in den USA ist die Zahl der digitalen Abonnenten mittlerweile größer als die der Print-Bezieher. Eine besondere Rolle bei dieser Entwicklung hat offenbar die Einführung des iPads gespielt – seit Mitte 2010 hat sich die Zahl der elektronischen Subskribenten fast verdoppelt. Die Bedeutung von Anzeigenerlösen ist dabei immer weiter zurückgegangen, die Financial Times erzielt fast zwei Drittel ihrer Umsätze mit dem Verkauf von Content, wobei Print und Digital hier schon fast gleichauf liegen.

Abb.: flickr/twobobswerver

Abschied vom Lachs-Papier: Stellt die Financial Times in den nächsten fünf Jahren die Druckerpressen ab?

finanical times ende der gedruckten ausgabe in fuenf jahren e-newspaper.gifSturm im Blätterwald: Innerhalb von fünf Jahren werde die Financial Times nicht mehr auf Papier erscheinen, ließ sich vor kurzem eine Managerin des FT-Mutterkonzerns Pearson zitieren. Steht der Abschied vom Papier für die prominente britische Wirtschafts-Gazette unmittelbar bevor? Immerhin beträgt die tägliche Printauflage zur Zeit international noch mehr als 400.000 Stück. Doch auch mit der Online-Ausgabe FT.com macht man mittlerweile Gewinn.

Für Ipadologen ist der Abschied vom Papier nur noch eine Frage der Zeit

Der Abschied vom Papier hat längst begonnen: „Da sitzen sie, die zwanzig Prozent der Käufer, die deutsche Tageszeitungen im vergangenen Jahrzehnt verloren haben“, schrieb Gundolf S. Freyermuth gerade in Folge 2 seiner „Ipadologie“ im Hinblick auf die jugendlichen Leser in U-Bahnen und Flughafen-Lounges, die auf die Displays von Smartphones, Netbooks und E-Reader starren. Die Migration der Information vom Analogen zum Digitalen hat tatsächlich viel mit den medialen Vorlieben der Internet-Generation zu tun. Genauso aber mit den ökonomischen Vorteilen für die Verlagsbranche, besser gesagt mit dem Kostendruck, der die Herstellung und den Vertrieb der „Holzmedien“ zum Defizitgeschäft gemacht hat.

Schluss mit dem lachsfarbenen Papier: „The Sunset is going to be in about five years“

Doch das wirkliche Ende der Printmedien vorherzusagen ist ungefähr so leicht wie eine Prognose zum Peak Oil, dem Fördermaximum der Erdölindustrie, von dem ab es nur noch abwärts gehen kann. Madi Solomon hat es trotzdem einmal versucht, zumindest für die Financial Times. Gegenüber paidcontent.org schätzte die für „Global Content Standards“ zuständige Managerin des FT-Mutterkonzerns Pearson: „The sunset is going to be in about five years“. Das lachsfarbene Zeitungspapier der Financial Times wecke zwar bei vielen noch nostalgische Gefühle, und man werde die Printausgabe nicht vollkommen einstellen, aber: „They will certainly pull back – in fact, they’re already pulling back.” Bei Paidcontent stellte man bei der Gelegenheit gleich mal ein kleines Ranking auf, welche Verlage ähnliche Hausnummern für das Ende der Gutenberg-Galaxis genannt haben: Beim Guardian etwa ging Herausgeber Alan Rusbridger bei der Einweihung des neuen Druckhauses im Jahr 2005 davon aus, man werde die Maschinen noch etwa für zwanzig Jahre brauchen können. Bei der Times schätzte John Witherow die Restlaufzeit der 2008 gestarteten Druckerei auf dreißig bis vierzig Jahre. Druckmaschinen als flexible „Brückentechnologie“ in die Zukunft?

Vielleicht ist das Ende der gedruckten Zeitung doch noch nicht ganz so nah…

Ähnlich wie bei Kohle- oder Atomkraftwerken sind solche Voraussagen offenbar mit Vorsicht zu genießen. Es gibt schließlich auch prominente Gegenbeispiele. Der amerikanische Seattle Post Intelligencer etwa hat das Drucken bereit im letzten Jahr eingestellt – zugunsten einer inhaltlich reduzierten Online-Ausgabe. Andere US-Blätter sind beschleunigt durch die Wirtschaftskrise komplett von der Bildfläche verschwunden. Mit dem iPad bekommt der Übergang noch mal zusätzliche Geschwindigkeit – auch in Deutschland haben alle größeren Medienhäuser in den letzten Monaten fleißig an eigenen Apps gebastelt. “If cheap, flexible screen technology really takes off, then I do think print’s years are numbered,” zitiert PaidContent Jon Bentley, den Online-Chef bei Incisive Media. Wann genau das so sein wird, darüber kann man auch weiterhin streiten. Beim Mutterkonzern der Financial Times tut man das offenbar auch: denn kaum war die Prophezeiung vom Ende der gedruckten Zeitung innerhalb von fünf Jahren in der Welt, ruderte ein Pearson-Sprecher gleich wieder zurück: “We’ve got no plans to scale back the print operations. We’ve got 23 print sites, we are opening new ones“, korrigierte man die Aussagen von Madi Solomon. Doch nach einer echten Garantie für die FT klang das letztlich auch nicht. Hinzugefügt wurde nämlich: man werde über das Abschalten der Druckerpressen „von Fall zu Fall“ entscheiden.