Urheberrechts-Schutz: Bundesregierung veröffentlicht Warnhinweis-Studie

Die momentan diskutierte Überwachung, Abmahnung und Sperrung von Internet-Nutzern betrifft nicht nur Fälle, bei denen via Filesharing Filme oder Musik heruntergeladen werden. Erst anlässlich der letzten Buchmesse forderte etwa der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Provider müssten in Zukunft beim illegalen Download von E-Books Warnhinweise einblenden. Solche Sanktionen befürwortet nun auch eine Studie, die im Auftrag der Bundesregierung erstellt wurde. Doch wären die Warnhinweise selbst überhaupt legal? Eindeutig nein, meint irights-Experte Ilja Braun, dessen Beitrag für Digitale Linke wir im Folgenden crossposten.

Vorratsdatenspeicherung inklusive

Das Bundeswirtschaftsministerium hat seine Studie zu Warnhinweisen bei Urheberrrechts-verletzungen vorgelegt, und Thomas Stadler hat sie auch schon kommentiert. Kurz gesagt, schlägt Autor Rolf Schwartmann vor, in Deutschland ein Modell einzuführen, wie es in Großbritannien diskutiert wird, aber aufgrund von Klagen der Provider bislang noch nicht umgesetzt werden konnte. Wer p2p-Netzwerke nutzt, um urheberrechtlich geschützte Werke illegal zu tauschen, soll zukünftig von seinem Provider einen Warnhinweis zugestellt bekommen. Bei Wiederholungstätern sollen sogar Listen über die Rechtsverletzungen geführt werden, die am Ende den Rechteinhabern übermittelt werden sollen. Diese können dann weitere juristische Schritte einleiten.

Es kann also immer noch schlimmer kommen, als man dachte: Das britische Modell ist noch unsäglicher als das französische Loi Hadopi, weil es mit einer Vorratsdatenspeicherung einhergeht, die es schwer haben dürfte, die in Deutschland dafür vom Bundesverfasssungsgericht aufgestellten Hürden zu passieren. In den nächsten Tagen dürfte der Vorschlag noch für einige Diskussionen sorgen.

Wie werden die Urheberverbände reagieren?

Interessant wird dabei vor allem, wie sich die Urheberverbände dazu verhalten werden. Die Gewerkschaft ver.di hatte noch vor Kurzem nicht einmal gegen Netzsperren etwas einzuwenden. Wird sie den Mut aufbringen, sich nun gegen Warnhinweismodelle auszusprechen? Zu raten wäre es ihr ebenso wie den anderen Urheberverbänden, auf deren Reaktion man nun gespannt sein darf. Bei Urheberverbänden weiß man derzeit leider nie, ob sie ihre eigenen Interessen am Ende nicht doch mit denen der Verwerter verwechseln.

Fest steht: Mit rechtsstaatlichen Prinzipien sind solche Warnhinweise unvereinbar. Denn dabei findet nichts Geringeres als eine Privatisierung der Rechtsdurchsetzung statt. Rechteinhaber verfügen in Deutschland schon heute über einen zivilrechtlichen Auskunftsanspruch. Sie können also jederzeit die IP-Adressen der Kommunikationsteilhaber herausfinden, um Rechtsverletzungen juristisch zu verfolgen. Statt aber den ordentlichen Weg über Anwälte und Gerichte zu gehen, wird versucht, Druck auf die Provider auszuüben, die zu Hilfspolizisten der Rechteinhaber gemacht werden sollen. Während man sich juristische Konsequenzen natürlich weiterhin vorbehält.

Abmahnungen als besseres Warnhinweis-System

Denn da beißt die Maus keinen Faden ab: Es gibt längst ein Warnhinweis-System, und das ist die sogenannte “strafbewehrte Unterlassungserklärung”, besser bekannt als Abmahnung. Sie hat genau den Zweck, der jetzt als großes Plus des Warnhinweis-Modells verkauft wird: Sie soll verhindern, dass in unzähligen Bagatellfällen Prozesse geführt werden müssen. Sie ist eine vorgerichtliche Klärung. Das Problem ist nur: Sie wird von Rechteinhabern und Abmahnanwälten als Geschäftsmodell missbraucht, getreu dem alten Motto “Turn privacy into profits”. Eine gesetzliche Regelung, die dem einen Riegel vorschieben wollte, indem sie die Kosten in einfach gelagerten Fällen auf 100 Euro begrenzte, hat sich als unwirksam erwiesen. Es liegen aber mehrere Vorschläge auf dem Tisch, wie man eine Deckelung der Abmahnkosten wirksam durchsetzen konnte. Nicht zuletzt ein Gesetzentwurf der Linksfraktion.

Statt die handwerklichen Fehler zu korrigieren und die Bagatellregelung so zu gestalten, dass Abmahnungen tatsächlich wieder als “Warnhinweise” wirken und nicht als erpresserische Abzocke, möchte die Bundesregierung offenbar den Rechteinhabern noch ein zusätzliches Instrument in die Hand geben, um die Nutzer unter Druck zu setzen. Man braucht kein Hellseher zu sein um vorauszusehen, dass ihr das nicht mit Dank abgenommen werden wird. Den Nutzerinnen und Nutzer Überwachungsmaßnahmen im Interesse der Medienindustrie als kleineres Übel gegenüber der derzeitigen Abmahnpraxis zu verkaufen, ist ja vielleicht einen Versuch wert. Aber wird er gelingen?

Unangenehme Folgen für die Provider

Am zweitunangenehmsten dürfte die Sache für die Provider werden. Sie riskieren, sich bei ihren Kunden nachhaltig unbeliebt zu machen. Sie riskieren, dass Kosten auf sie zukommen. (Eine interessante Frage übrigens: Wer bezahlt am Ende die zu schaffende Infrastruktur? Die Rechteinhaber? Der Staat? Oder die Nutzer?) Und sie riskieren nicht zuletzt, dass es mit ihrer privilegierten Stellung in Haftungsfragen demnächst vorbei sein wird. Denn natürlich haften Access Provider nur deshalb nicht für die von ihnen transportierten Inhalte, weil man davon ausgeht, dass sie diese nicht kontrollieren. Auch Host Provider haften nur dann nicht für Rechtsverletzungen, wenn sie keine Kenntnis von diesen haben. Andernfalls müssen sie zum Beispiel illegale Inhalte unverzüglich löschen. Wenn nun Provider in die Pflicht genommen werden, Hand in Hand mit Rechteinhabern gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen, wird diese Rechtfertigung auf die Dauer nicht mehr zu halten sein. Wer von Rechtsverletzungen Kenntnis hat, sie theoretisch verhindern könnte, aber nichts unternimmt als einen Warnhinweis zu verschicken, der riskiert am Ende womöglich, im Rahmen der Störerhaftung selbst vor den Kadi gezerrt zu werden. Die “freiwillige Kooperation” im Rahmen des Warnhinweis-Modells wäre dann nur der erste Schritt gewesen.

Vielleicht wäre es langfristig besser, dafür zu sorgen, dass Verwerter Kreativschaffende angemessen vergüten, statt ihnen immer neue Waffen gegen die Nutzer an die Hand zu geben.

Autor & CC-Lizenz: Ilja Braun
Crossposting via Digitale Linke

„Kopiert alle meine Werke!“: Bestseller-Autor Paulo Coelho fordert Leser zur Piraterie auf

Paulo Coelho ist ein Mann der klaren Worte, auch in Sachen Copyright: „Piraten der Welt, vereinigt euch und kopiert alles, was ich jemals geschrieben habe!“, forderte der brasilianische Bestseller-Autor Mitte Januar in einem Blog-Artikel zum Thema Anti-SOPA-Protest. Vor wenigen Tagen rief Coelho nun erneut: „Welcome to download my books for free“. Anlass dazu bot eine Aktion des BitTorrent-Dienstes PirateBay. Die schwedischen Daten-Freibeuter forderten prominente Künstler dazu auf, ihre Werke durch kostenlose Versionen zu promoten, die über das unter der Piratenflagge segelnde Peer-to-Peer-Netzwerk verbreitet werden sollten. Als besonderes Incentive winkte den Kreativen ein direkter Link von der Piratebay-Startseite.

Für den Autor von Romanen wie „Der Alchimist“, „Die Hexe von Portobello“ oder „Aleph“ war die Teilnahme quasi Ehrensache. Schließlich betrieb er bereits zwischen 2005 und 2009 eine Seite namens „PirateCoelho“, die zur Verbreitung seiner Romane auf Internet-Tauschbörsen maßgeblich beitrug. Nun könnte man meinen, jemand wie Coelho sollte sich das Verschleudern seiner Produkte auch leisten können. Schließlich gilt der preisgekrönte Romancier als einer der zehn meistverkauften Autoren weltweit. Die Gesamtauflage seiner Publikationen soll mittlerweile mehr als 140 Millionen Exemplare betragen. Doch für Coelho selbst ist die Piraterie in den letzten Jahren tatsächlich unverzichtbarer Teil des Business-Modells geworden: „Der Verkauf meiner gedruckten Bücher steigt, seit dem meine Leser sie auf Peer-to-Peer-Seiten verbreiten“, schreibt er auf seinem Blog.

Das beste Beispiel sei der Erfolg seines Klassikers „Der Alchimist“ in Rußland. Als der Roman dort im Jahr 1999 herauskam, gab es aus Papiermangel nur eine 3000er Auflage. Kurz darauf stellte Coelho dann eine von ihm in den Untiefen des Webs aufgespürte „Raubkopie“ der russischen Version selbst an prominenter Stelle online. Das blieb offenbar nicht ohne Folgen. Nach dem Abflauen der russischen Wirtschaftskrise verkaufte sich die Print-Version hervorragend. Bereits 2002 waren mehr als 12 Millionen „Alchimisten“ in kyrillischen Lettern über die Ladentische gewandert. Später, so Coelho, hätten ihm viele Russen erzählt, dass sie erst durch die kostenlos im Internet zirkulierenden E-Books überhaupt auf das Werk aufmerksam wurden.

Für Coelho steckt dahinter ein allgemeines Prinzip: „Je öfter wir einen Song im Radio hören, desto größer wird unser Verlangen nach der CD. Mit der Literatur ist es dasselbe“, schlussfolgert der abwechselnd in Rio de Janeiro und dem französischen Tarbes lebende Autor. „Piraterie kann als Einführung in das Werk eines Künstlers funktionierten. Wenn man seine Einfälle gut findet, möchte man sie nach Hause tragen. Eine gute Idee braucht keinen Kopierschutz.“ Zum Glück funktioniert die brasilianische Variante der Selbstpiratisierung auch ohne Piratebay. Denn nach dem das von der Unterhaltungsindustrie gegen die Gründer des BitTorrent-Dienstes angestrengte Urteil Anfang Februar 2012 rechtskräftig wurde, ist die Seite PirateBay.org vorläufig nicht mehr erreichbar. Coelho-Fans wird das nicht stören – sie können sich ja (abgesehen von Alternativ-Domains) an den Autor selbst wenden.

Abb.: flickr/Vanessa Pike-Russell

Französische Comic-Piraten scannen mehr als 30.000 Titel ein – Verlagsbranche profitiert davon

Franzosen lieben ihre BDs (= „Bande Dessinée“) über alles. Der Comic-Anteil am nationalen Buchmarkt beträgt outre-Rhin satte 15 Prozent. So verwundert es kaum, dass die bunten Bildergeschichten im Land von Asterix, Gaston Lagaffe oder Lanfeust de Troy auch zu den am meisten raubkopierten Genres gehören. Doch die jetzt im Vorfeld des internationalen Comic-Festivals von Angoulême präsentierten Zahlen zeigen erstmals en detail, wie proaktiv und gut vernetzt die Subkultur der Peer-to-Peer-Piraten wirklich ist. Die in der Region Paris ansässige Monitoring-Behörde Le MOTif („Observatoire du livre et de l’écrit en Ile-de-France“) geht von 30 – 50.000 eingescannten Comics aus, von denen bis zu 10.000 einem breiterem Publikum zugänglich seien.

Die Aktivitäten der Scan-Szene erreichen fast schon industrielle Strukturen: in der Regel arbeiten die Raubkopierer in Teams von bis zu 100 Personen. Dabei geht es offenbar vor allem um die Selbsthilfe von passionierten Comic-Fans. Denn 58 Prozent der betroffenen Titel waren zum Zeitpunkt ihrer Verbreitung über Internet-Tauschbörsen oder Streaming-Portale weder digital noch im Print in Frankreich lieferbar. Die Comic-Piraten befriedigen also eine Nachfrage, für die es noch kein entsprechendes Angebot gibt. Doch auch andere Elemente der Copycat-Kultur dürften Kritikern illegaler Downloads dabei deutlich den Wind aus den Segeln nehmen. Denn bei Mangas etwa sind die Raubkopierer sogar als Übersetzer tätig – aktuelle japanische Serien landen somit ohne große Verzögerung auf dem franzöischen Markt, manchmal sogar mit erklärenden Fußnoten. Weltweit kommt die Grande Nation beim Manga-Konsum nach Nippon auf Platz zwei.

Den französischen Verlagen ist die „Vorfeldarbeit“ der Piraten offenbar gar nicht so unlieb. Denn Einnahmeverluste werden nicht verzeichnet – ganz im Gegenteil. Nicht nur die Zahl der Raubkopien steigt, sondern auch der Absatz offizieller Printversionen. Gerade die Bestseller am Kiosk oder in der Buchhandlung gehören zu den am meisten via Peer-to-Peer-Netzwerken verbreiteten Inhalten. Vielleicht auch deshalb, weil die Sprechblasen-Piraten auf der anderen Seite des Rheins einen ganz besonderen Ehrenkodex pflegen. Sobald ein Comicbuch kommerziell verlegt wird, ziehen sie die inoffiziellen elektronischen Versionen zurück. Die vorab veröffentlichten Erkenntnisse von MOTiF dürften in der nächsten Zeit für eine Menge Diskussionstoff sorgen. Denn schon vor einiger Zeit musste ausgerechnet Frankreichs Internet-Überwachungsbehörde HADOPI zugeben, dass „Heavy User“ von illegalen Tauschbörsen im Musikbereich zugleich zu den besten Kunden von legalen Anbietern gehören. Nun wird am Beispiel des Comic-Marktes noch deutlicher: Sanktionen wie Netzsperren sind nicht nur sinnlos, sie können sogar zur Bedrohung prosperierender Geschäftsfelder werden.

(via Publishing Perspectives, Les Numériques, Le MOTif)

Abb.: flickr/Terry McCombs

Illegale E-Book-Downloads: Börsenverein setzt auf Überwachen & Strafen

Die meisten E-Books werden in Deutschland nicht im E-Store gekauft, sondern illegal erworben: 14 Millionen elektronische Bücher wurden 2010 bei Filehostern heruntergeladen – das entspricht bei 23 Millionen E-Books insgesamt knapp 60 Prozent aller Downloads. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie zur digitalen Content-Nutzung (DCN), die Anfang der Woche gemeinsam von Buchhandel, Musikindustrie und dem Lobby-Verband GVU vorgestellt wurde. Zugleich konnte die Studie mit Absatzzahlen aufwarten. So wurden 2010 hierzulande ungefähr 2 Millionen E-Books gekauft, was 0,5 Prozent Marktanteil bedeutet. Die weitaus größere Zahl illegaler Downloads gefährdet die kulturelle Vielfalt, glaubt der Börsenverein des deutschen Buchhandels – und ruft die Politik zum Handeln auf.

„Ohne Sanktionen funktioniert E-Book Markt nicht“

„Auch eine gute Ange­botsstruktur schützt vor illegalem Download nicht“, betonte bei der Vorstellung der DCN-Studie Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. Die Zahlen seien „für den jungen E-Book-Markt erschreckend“. Zu den Auswirkungen von hohen Preisen und hartem Kopierschutz auf das abweichende Nutzerverhalten äußerte sich Skipis nicht. Eine Lösung des Problems sieht der Börsenverein dagegen in verstärkter staatlicher Überwachung der Internetkommunikation sowie von Zwangsmaßnahmen, die in anderen Ländern von Verwarnungen bis hin zu lebenslangen Netzsperren reichen: „Ohne Aufklärung und gegebenenfalls Sanktionen für illegales Verhalten funktioniert der E-Book-Markt auf Dauer nicht“, so Skipis.

Rapidshare bei Lesern besonders beliebt

Wenn E-Books und Hörbücher über Filesharing heruntergeladen werden, überwiegt die Nutzung von One-Click-Sharehostern wie Rapidshare. 42 Prozent aller E-Book-Downloader haben 2010 durchschnittlich 18 E-Books aus dem Netz illegal heruntergeladen. Beliebt ist der Studie zufolge aber – anders als im Musikbereich – auch der Austausch von E-Book-Dateien via E-Mail. Etwas geringer ist die Filesharing-Praxis beim Hörbuch/Hörspiel: hier haben 23 Prozent aller Hörbuch-Downloader durchschnittlich 9 Exemplare  illegal heruntergeladen, das entspricht 6 Millionen Stück. Überraschend gering ist dabei die Schnittmenge derjenigen, die sowohl legale als auch illegale Angebote nutzen: bei E-Book Downloadern liegt sie bei 6 Prozent, bei Hörbuch-Downloadern bei 5 Prozent.

Nutzer glauben an Wirksamkeit von Verwarnungen

Vergleichbare Untersuchungen der französischen Netzüberwachungs-Behörde Hadopi zeigten allerdings vor kurzem auch, dass gerade die Gruppe der stärksten Filesharing-Nutzer auch am meisten Geld für Bezahl-Inhalte ausgibt. Doch egal ob gute Kunden oder nicht – in Frankfreich wurden bereits Millionen Verwarnungen an das digitale Lese- und Hörpublikum verschickt. Schützenhilfe für entsprechende Maßnahmen durch die Bundesregierung holen sich unsere um traditionelle Geschäftsmodelle fürchtenden Content-Verwerter ironischerweise bei den delinquenten Massen selbst. Befragt zur Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen, glaubten 57 Prozent, dass Personen, die illegal Medieninhalte anbieten oder herunterladen, ihr Handeln nach einer Verwarnung einstellen würden. Bei den aktiven Usern von Filesharing-Diensten gingen sogar 81 Prozent davon aus, dass ein Warnmodell das illegale Anbieten und Herunterladen urheberrechtlich geschützter Inhalte verhindern könnte.

Digitale Immigranten aus der Gutenberg-Galaxis

Der Schulterschluss zwischen dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Bundesverband Musikindustrie kommt zumindest terminlich nicht überraschend – schließlich beginnt in dieser Woche die Internationale Funkausstellung (IFA) in Berlin. Hier spielen im Konzert der digitalen Medien auch E-Books und E-Reader neuerdings eine wachsende Rolle. Strukturell kann man beide Branchen allerdings kaum vergleichen. Schon alleine von der Masse her nicht: 14 Millionen illegalen Buch-Downloads standen im vergangenen Jahr 185 Millionen geraubte Musikdateien gegenüber, von mehr als 80 Millionen ruchlos konsumierten Kino-Filmen und TV-Serien mal ganz zu schweigen. Außerdem hat die Musik-Branche längst aus dem ungleichen Kampf gegen Otto Normalkopierer gelernt – was sich etwa am Verzicht auf Kopierschutz und niedrigen Preisen bis hin zu Flatrate-Angeboten zeigt. Die digitalen Immigranten aus der Gutenberg-Galaxis dagegen setzen immer noch auf kompliziertes Digital Rights Management, das viele Leser nachhaltig vergrault. Uneingeschränkt benutzerfreundliche E-Books gibt’s bisher leider nicht bei Libri, Thalia oder Amazon, sondern nur beim Filehoster.

HADOPI-Studie gibt zu: „Piraten sind die besten Kunden“

Eine verblüffende Erkenntnis zum Thema Internet-Piracy kommt ausgerechnet von der französischen Kontrollbehörde HADOPI: der Kampf gegen Filesharing ist nicht nur schlecht für das Geschäft, er trifft am Ende ausgerechnet die besten Kunden. Denn Heavy User sind gleichzeitig auch heavy shopper – knapp zwei Drittel derjenigen, die durchschnittlich 100 Euro und mehr pro Monat für digitale Güter ausgeben, tummeln sich erklärtermaßen auch auf Downloadforen.

Bei jenen, die zwischen 31 und 99 Euro monatlich online ausgeben, liegt die Rate der Filesharing-Nutzer immerhin noch bei 57 Prozent. Überwiegend legal verhalten sich lediglich Nutzer, die im Internet die Hand auf dem Portemonnaie halten, also wenig bis gar nichts kaufen. Nachzulesen ist diese Tatsache etwas versteckt in einer Studie mit dem Titel „Hadopi, Kulturgüter und Internetnutzung“ (Hadopi, biens culturels et usages d’internet), für die das Verhalten und die Selbsteinschätzung der französischen Internetnutzer empirisch untersucht wurde.

Nach der berüchtigten „Three Strikes“-Regel verschickt die HADOPI-Behörde zuerst Warnungen an überführte Filesharer, am Ende droht die Netzsperre. Zu den Hauptargumenten für den rigiden Kurs gegen Urheberrechtsverletzungen gehörten bisher die damit in Verbindung gebrachten Einnahmeverluste der Musik- und Filmindustrie. Nach und nach scheint sich diese Politik aber selbst zu zerlegen. Erst vor kurzem wurde bekannt, dass die HADOPI mit automatischen Meldungen wegen Copyright-Vergehen regelrecht überschwemmt wird: 18 Millionen solcher Fälle führten in kurzer Zeit zu fast 500.000 ersten Verwarnungen an französische „Internautes“.

Alleine schon aus technischen Gründen scheint sich die zweite Stufe der Sanktionen zu verlangsamen. Insgesamt könnten von den HADOPI-Maßnahmen bis zu einem Drittel aller Netznutzer in Frankreich betroffen sein, wie vergleichbare Zahlen der GfK für den E-Book-Sektor zeigen (siehe den E-Book-News-Artikel „Jeder dritte Franzose ist ein E-Book-Pirat“). Die HADOPI-Studie zum Nutzerverhalten zeigt nun auch die ökonomische Absurdität des eigenen Vorgehens. Die oben genannten Heavy User mit Online-Ausgaben von mindesten 31 Euro pro Monat machen satte 25 Prozent der gesamten Kundschaft aus, und dürften damit den Löwenanteil der Umsätze generieren. Ausgerechnet die will man nun also vergraulen? Ein tragbares Geschäftsmodell sieht da doch wohl etwas anders aus.

Niedriger Preis, große Auswahl: Hörbücher in Deutschland erfolgreicher als E-Books

Hörbücher in Deutschland bisher erfolgreicher als E-Books_Bild_Pixelio_Doatsch.gifHörbücher sind bisher die großen Gewinner im medialen Wettkampf: mehr als 420.000 haben die Bundesbürger im ersten Halbjahr 2009 heruntergeladen, gab der Branchenverband Bitkom bekannt. E-Books haben dagegen noch mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen: anders als im Falle von Hörbüchern kann man laut Börsenverein nur 37% aller Neuerscheinungen auf einem E-Reader lesen. Die meisten E-Books werden zum Preis der Printversion verkauft, Hörbücher gehen dagegen für durchschnittlich zehn Euro über den Ladentisch.

Breitband-Internet macht Hörbuch-Downloads attraktiver

Sie lassen sich auf gängigen MP3-Playern anhören, und kommen per Download auf den PC oder iPod: Hörbücher sind wenn man so will die besseren E-Books. Und sie bescheren der Branche erstaunliche Wachstumszahlen: 31 Prozent mehr Downloads wurden laut Bitkom im Vergleich zum ersten Halbjahr 2008 verzeichnet. Ein Grund für den Erfolg: Die Durchschnittspreise sind im Vergleich zu E-Books erfreulich niedrig: aktuell liegen sie bei 9,53 Euro. Dabei wird es aber nicht bleiben: „Mit zunehmender Nachfrage werden die Preise für Hörbücher weiter sinken“, erklärte BITKOM-Vizepräsident Achim Berg. Zu dem Boom trägt offenbar auch eine bessere Infrastruktur bei: „Mit dem Breitband-Ausbau werden Hörbuch-Downloads für immer mehr Menschen attraktiv“, sagte Berg. Mittlerweile verfügen fast zwei Drittel der Haushalte über Breitband-Internet. Doch auch die Masse macht’s: denn im Vergleich zu E-Books sind im Hörbuch-Segment fast alle Bestseller auch mit dem Ohr konsumierbar. Insgesamt ist der Marktanteil freilich noch vergleichsweise gering: 4 Millionen Euro im Bereich Hörbücher stehen einem Gesamtvolumen des Buchmarkts von mehr als 9 Milliarden Euro gegenüber.

E-Books sind „Umsatzzwerge mit Wachstumspotenzial“

Noch geringer ist der Marktanteil von E-Books: im ersten Halbjahr 2009 wurden in Deutschland nach Angaben von dpa nur 65.000 elektronische Bücher verkauft. Recht schmal ist allerdings auch das Angebot: einer Umfrage des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren im Börsenverein zufolge sind lediglich 37 Prozent der Neuerscheinungen auch als E-Book erhältlich. Vorreiter sind dabei Verlage aus dem Bereich Fachbuch&Wissenschaft, hier liegen 51 Prozent der Neuerscheinungen als E-Book vor. Geld wird mit E-Books unter diesen Umständen bisher kaum verdient: Fast 80 Prozent der befragten Unternehmen machen weniger als ein Prozent ihres Umsatzes mit elektronischer Lektüre. Trotzdem wird den „Wachstumszwergen“ namens E-Book ein deutliches Wachstumspotenzial zugebilligt: „Wenn in den nächsten Jahren die Mehrheit der Bücher gleichzeitig als Print- und digitales Produkt auf den Markt kommt und sich preislich eine klare Tendenz abzeichnet, wird auch das Geschäft mit E-Books kräftig anziehen“, so Hans Huck, Sprecher des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren (AKEP) auf einer Pressekonferenz im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.

„Ob die Buchpreisbindung in der digitalen Welt bestehen bleibt, ist zweifelhaft“

Bisher ist das Bild eher uneinheitlich: laut Angaben des Börsenvereins erscheinen bisher noch 59 Prozent aller Titel erst nachträglich als E-Book. Zugleich ist die Preisgestaltung sehr unterschiedlich: 36 Prozent der Verlage bieten E-Books zum gleichen Preis an wie die jeweiligen Print-Produkte, 24 Prozent verringern den E-Book-Preis um 20 Prozent im Vergleich zum Print-Produkt. Weitere 19 Prozent der befragten Verlage drücken bereits jetzt die Preise noch etwas weiter. Die Position des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ist eindeutig: erst im Herbst 2008 hatte man die Buchpreisbindung auch für E-Books bekräftigt. Rückendeckung gab es dafür zuletzt auch von der Politik: Bundeskanzlerein Merkel bekräftigte bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, an dieser Regelung solle festgehalten werden. Andere sehen das aufgrund eigener Erfahrungen offenbar anders: „Ob die (Buchpreisbindung) in der digitalen Welt bestehen bleibt, wage ich zu bezweifeln“, äußerte sich dazu etwa Stefan Michalk vom Bundesverband Musikindustrie.

Bild: Pixelio/Doatsch

Information wants to be free – Kulturflatrate als Wahlkampfthema?

Information wants to be free-Kulturflatrate als Wahlkampfthema_Bild_Pixelio_Rainer_Sturm.gifPünktlich zum Auftakt des Wahlkampfes kommt die Kulturflatrate wieder in die Schlagzeilen – die taz widmete heute diesem Thema eine ganze Seite. Die Grünen haben den Gedanken in ihr Wahlprogramm aufgenommen, die SPD will ihn „prüfen“. Was in TV und Rundfunk dank GEZ und GEMA schon funktioniert und von vielen Konsumenten gewünscht wird, stößt auf Produzentenseite jedoch auf vehementen Widerstand. Rein rechtlich wäre legales Filesharing aber möglich, sagt ein neues Gutachten.

„Information wants to be free“: Seit MP3 und Filesharing gibt es kein Zurück mehr

„Information wants to be free“: als Stewart Brands diese legendäre Einsicht auf der Hackers Conference im Jahr 1984 proklamierte, gab es weder World Wide Web noch Napster, Pirate Bay & Co. In vielen Bereichen der Kultur galt eher das gegenteilige Prinzip: „Information wants to be expensive“. Doch auf Heimcomputern und PCs hatte der Kampf bereits begonnen. Was mit „Freeware“ wie auch Raubkopien von Computerspielen begann, schwappte in den Neunziger Jahren auf Musik und Film über. Spätestens mit der Erfindung von MP3 und Filesharing gab es kein Zurück mehr. Die Debatte um freien Zugang zu Online-Content lässt sich, wie Meike Richter in der taz ganz richtig schreibt, ebensowenig stoppen wie man Zahnpasta zurück in die Tube drücken kann. Diese Einsicht teilen auch bereits die meisten Parteien im Bundestag. Laut Medienrechts-Blog Telemedicus seien nicht nur die Grünen, sondern auch SPD und Linke der Kulturflatrate gegenüber aufgeschlossen.

„Der größte Feind der Kreativen ist nicht der Filesharer, sondern das Unbekannt-Sein“

Was im Bereich von E-Books in Deutschland für viele Verlage undenkbar scheint, ist im Musikbereich schon weit verbreitet: etwa im Nokia Music Store. Für eine monatliche Abo-Gebühr lassen sich unbegrenzt MP3s herunterladen. Es bleibt natürlich die Frage, wem solch ein Projekt nützt: „Der größte Feind der Kreativen ist nicht der Filesharer, sondern das Unbekannt-Sein“, stellt Meike Richter in der taz fest. Jenseits von Bestsellern und Blockbustern ist bei Nokia für die Urheber nicht viel zu holen. Um möglichst vielen Künstlern ein Auskommen zu ermöglichen, müsste es also eine verbindliche Regelung auf staatlicher Ebene geben. Im Fernseh- und Rundfunkbereich funktioniert das schon seit Jahrzehnten. Ironischerweise verlief die Entwicklung im Fernsehen sogar umgekehrt – zumindest in Deutschland: erst gab es die GEZ-Flatrate für alle, dann kamen seit den Achtziger Jahren das werbefinanzierte Privatfernsehen und schließlich das Pay-TV. Warum sollte diese Form der Koexistenz nicht auch im Internet möglich sein?

Die Kulturflatrate als „logische Konsequenz der technologischen Revolution“ namens Internet

Juristische Gründe, die maßgeblich gegen die vollständige Legalisierung von Filesharing sprechen, gibt es offenbar nicht. Eine im Mai veröffentlichte Studie im Auftrag der Grünen stellte fest: Die Einführung der Content-Flatrate ist nicht nur rechtlich machbar, sondern im Interesse der Künstler sogar geboten. Sie verstoße „nicht gegen die Grundrechte der Schöpfer“, heißt es in dem Gutachten. Vielmehr erhielten die Kreativen so „einen angemessenen Ausgleich für die Vervielfältigung ihrer Werke“. EinePauschalvergütung für Up- und Downloads mache zwar Änderungen des nationalen und europäischen Rechts notwendig. Das jedoch sei die „logische Konsequenz der technologischen Revolution, die durch das Internet erfolgt ist“.

Bild: Pixelio/Rainer Sturm

Flatrate für E-Books vorerst nicht in Sicht

Eine Insel mitten im Ozean, mit optimaler Kulturversorgung, alles (fast) für umsonst: das ist bisher eine Utopie (z.B. in Arno Schmidts 50er-Jahre-Roman “Gelehrtenrepublik“). Doch wenn es nach Ron Berry geht, könnte es eine solche mediale Insel der Seeligen bald geben, wenn auch nicht im Ozean, sondern in der irischen See, und zumindest für Musik. Der auf der Isle of Man für E-Business zuständige Mitarbeiter im Finanzministerium hat nämlich eine Art Flatrate für Musik (”blanket license” bzw. “file sharing fee”) vorgeschlagen. Sie soll über eine allgemeine Abgabe finanziert werden, die jeder User an den jeweiligen Internet-Anbieter entrichtet.

Die Isle of Man gehört zwar zu Großbritannien, hat jedoch ein eigenes Parlament und könnte ein ensprechendes Gesetz verabschieden. Auch technisch wäre das als Steuerparadies bekannte Eiland für so einen Versuch eine gute Adresse: Flatrate für E-Books vorerst nicht in Sicht weiterlesen