[Sponsored Post]: Andreas Eschbachs „Exponentialdrift“ – Protokoll eines Sci-Fi-Experiments in 42 Folgen

Schon mal was von „Exponentialdrift“ gehört? Wer diese Frage mit „Ja“ beantwortet, könnte entweder „Exponentialdrift“ mit „Kontinentaldrift“ verwechseln. Oder aber er könnte ein Außerirdischer sein, der im Körper eines Erdenmenschen wiedergeboren wurde, doch leider wegen technischer Probleme beim Transfer nicht mehr genau weiß, worin eigentlich seine Mission besteht. Leser der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung kennen das Phänomen schon etwas länger. Was in den meisten Fällen wohl daran liegt, dass Andreas Eschbachs Roman „Exponentialdrift“ dort ab September 2001 genau diesen Plot in 42 (!) Folgen entwickelt hat. Wie die Geschichte enden würde, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand, auch Eschbach selbst nicht – denn die einzelnen Folgen entstanden „on the go“. Genau das sah der Deal zwischen FAS-Herausgeber Frank Schirrmacher und dem Sci-Fi-Autor vor.

Fabulieren in Echtzeit – wie Dickens & Co.

So wie Charles Dickens, Eugène Sue oder Wilhelm Raabe in der Epoche des klassischen Zeitungsromans „in Echtzeit“ fabulierten, sollte es auch diesmal passieren. Ein Experiment, das nicht nur der Sonntagszeitung gut zu Gesicht stand, die ab 30. September 2001 deutschlandweit erscheinen wollte. Der Roman sollte im Wissenschaftsteil erscheinen, insofern schien hier ein Science-Fiction-Experte gefragt – und Schirrmacher war nach der Lektüre von Eschbachs Zeitreise-Thriller „Das Jesus-Video“ überzeugt, den richtigen gefunden zu haben. Tatsächlich war auch Eschbach von der Idee sofort fasziniert – und fing nur wenige Wochen nach dem ersten Meeting an, mit Hilfe seines PSION-PDAs den literarischen Kampf gegen den Kalender aufzunehmen.

Wenn der Mann ohne Gedächtnis erwacht…

„Aktuelle Ereignisse schwammen wie Treibgut im Fluß der Erzählung mit, landeten an oder verschwanden, manche blieben Orientierungspunkte bis zuletzt“, schreibt Schirrmacher im Vorwort der Buchversion, die Lübbe Digital als DRM-freies E-Book herausgebracht hat (erhältlich z.B. beim E-Book-News-Sponsor epubbuy.com). Tatsächlich entwickelt die Story auch aus diesem Grund einen merkwürdig realistischen Sog, der noch verstärkt wird durch Nachrichten- Headlines der Post-9/11-Monate, die nachträglich zwischen den einzelnen Folgen eingefügt wurden. Das Setting selbst nutzt einen klassischen Trick zur Leserbindung – den „Mann ohne Gedächtnis“, der seine Identität mühsam rekonstruieren muss – so wie z.B. Johnny Smith in Stephen Kings 70er-Jahre Thriller „Dead Zone“/“Das Attentat“.

Von Johnny Smith zu Bernhard Abel

Doch Johnny Smith bleibt Johnny Smith, wenn sich auch seine Wahrnehmung verändert hat. Eschbachs Held Bernhard Abel dagegen hat etwas andere Probleme. „Stellen Sie sich eine Geschichte vor, die damit beginnt, dass auf einer Pflegestation für Apalliker ein Mann erwacht, der jahrelang im Wachkoma gelegen hat“, beginnt Eschbach sein Exposé für die FAS-Redaktion. Und kommt dann zum zentralen Twist: „Er ist überzeugt, dass der Name, mit dem man ihn nennt, nicht der seine ist.“ Denn schließlich gelangt der Patient zu der Erkenntnis, ein Außerirdischer zu sein. „Mit fremdem Blick beobachtet er das Treiben der Erdbewohner, mit fremdem Gefühl nimmt er auch sich selbst wahr, den Körper, in dem er lebt.“

Was wird am 3. Juni 2002 passieren?

Doch leidet Bernhard Abel vielleicht einfach nur an Wahnvorstellungen? Schon nach wenigen Folgen beginnt der Leser zu ahnen: der wiedererweckte Komapatient ist nicht der einzige Mensch auf der Erde, dem so etwas passiert ist. Es gibt nämlich noch andere Patienten, denen nach dem Aufwachen das Wort „Exponentialdrift“ im Kopf herumgeistert – und einer von ihnen versucht, mit dem „Neuzugang“ Kontakt aufzunehmen. Abels ehemalige Arbeitskollegen sind dagegen brennend an der Erinnerung des echten Abels interessiert – sie brauchen das Passwort für ein geheimes Projekt, das ausgerechnet mit SETI-Forschung zu tun hat, also mit der Suche nach außeriridischem Leben im All. Sie wissen merkwürdigerweise schon im voraus: am 3. Juni 2002 wird etwas passieren, das die Geschichte der Menschheit unwiderruflich verändert.

Abgesetzt nach 42 Folgen

Kurz zuvor trat dann allerdings in der realen Welt ein Ereignis ein, dass auch die Romanwelt erschüttern sollte – nach 35 Folgen mahnte die FAS-Redaktion den Autor, die Geschichte nun so rasch wie möglich zum Abschluss zu bringen. Das ist Eschbach dann auch tatsächlich auf eine Weise gelungen, die alle Verschwörungstheoretiker zufrieden stellen dürfte. Zugleich ereilte „Exponentialdrift“ auf der Plotebene aber auch das Schicksal von Fernsehserien, deren Fortsetzung kurz vor Ende einer Staffel komplett abgesetzt wird: nicht alle Handlungsfäden werden zu 100 Prozent zu Ende geknüpft, nicht alle in den Figuren angelegte Erzählpotentiale können noch ausgespielt werden. Das ist schade. Zugleich kann man aber froh sein, dass Eschbach das in Echtzeit geschriebene Ende für die Buchausgabe nicht noch überarbeitet hat – das ambitionierte Schreibexperiment lässt sich so nun auch 10 Jahre später noch eins zu eins nachvollziehen.

Andreas Eschbach,
Exponentialdrift
(Lübbe Digital 2010)
E-Book (epub/Kindle) 3,99 Euro

Abb.: Flickr/DragonRal (cc)

Für Sonntagsleser: FAS gibt’s jetzt auch als iPad-App

Keine saure Gurkenzeit mehr auf dem iPad: die App der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) versorgt kluge Köpfe unter den Digital Natives nun auch am Tag des Herrn mit mit aktueller Lektüre. Die neue Lese-App bringt grafisch gelungen, aber ohne viel Bling-Bling die Inhalte der Papierversion aufs Tablet. Hier und da werden interaktive Grafiken, Bildergalerien oder Hörproben eingestreut. Eine spezielle Übersichtsfunktion macht das umfangreiche Blatt auch digital beherrschbar. Entwickelt wurde die iPad-App der FAS von der Agentur Kircher Burkhardt. Die aktuelle Ausgabe (4. Dezember 2011) ist als Leseprobe kostenlos erhältlich, einzelne Ausgaben gibt’s zum Preis von 2,99 Euro, das monatliche Abo kostet 10,99 Euro.

Gelesen wird ausschließlich im Querformat

Kann man eine „wiederholt zur schönsten Zeitung der Welt gekürte Sonntagszeitung“ tatsächlich auf ein neun Zoll-Display bringen, ohne das die Schönheit leiden muss? Nach Meinung von FAS-Herausgeber sind die Vorzüge von Papiermedium und Touch-Screen nun jedenfalls „bei einfacher Bedienung und Konzentration auf das Wesentliche“ perfekt kombiniert. Tatsächlich ist das Layout angenehm schlicht, viele Artikel der im Querformat gelesenen App haben nur eine Auftaktgrafik. So blättert man sich beim Weiterlesen in horizontaler Richtung durch digitale Bleiwüsten – fast schon wie bei einer E-Book-App. Durch die einzelnen „Bücher“ der FAS gelangt man mit einen Fingerwisch von rechts nach links. Über einen Tipp auf den unteren Seitenrand kann man zudem zurück ins Menü navigieren oder eine spezielle Übersichtsseite öffnen, die alle Artikel im Miniaturformat zeigt.

Kombi-Angebot Print plus Digital nicht geplant

Die gedruckte FAS ist als Sonntagsausgabe der FAZ seit 2001 bundesweit erhältlich. Sie nutzt redaktionelle Ressourcen der Wochenausgabe, hat aber eine eigene Kernredaktion und setzt sich vom Layout her deutlich vom Mutterblatt ab. Ähnlich hat man es nun bei der App gehalten, die sich im Gegensatz zur FAZ-App stark am Magazin-Stil orientiert, dabei aber zugleich mit Bilderstrecken eher sparsam umgeht. Die App bleibt letztlich ebenso wie die normale FAZ-App ein digital aufgehübschtes E-Paper, denn die Texte sind eigentlich weder stilistisch noch von der Länge her an das digitale Umfeld angepasst. Dessen ungeachtet will man mit dem neuen Produkt offenbar komplett neue Leserschichten erschließen. Denn da ein vergünstigtes Kombi-Angebot Print plus Digital nicht geplant ist, werden die normalen Abonnenten der FAS wohl auch weiterhin Sonntags im Pyjama zum Briefkasten laufen.